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Wer über das Verhältnis von Bloggern und Journalisten diskutieren möchte, erntet reichlich Gegenwind: Das sei doch überhaupt kein Widerspruch, es gebe die Trennung nicht mehr, alles sei fein. Meist schreiben das Vertreter von Redaktionen und meist sind diese Vertreter tatsächlich digital ordentlich unterwegs.

Allerdings blenden sie dabei gern einen ordentlich großen Teil ihrer Kollegen aus. Wie tief bei vielen von denen weiterhin die Abneigung gegen Menschen sitzt, die einfach Texte ins Internet schreiben, und wie sehr sie dabei verkennen, warum diese das tun, das demonstrierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ am gestrigen Tag.

Dort schrieb Michael Spehr ein Artikelchen (das ist nicht abwertend gemeint, sondern bezieht sich auf die Kürze des Stücks), überschrieben mit „Blogs am Ende“. Gelesen haben es vermutlich nur wenige, die „FAS“ demonstriert die Bedeutung des Ressorts „Technik & Motor“ indem sie dieses in einem Buch mit dem „Wohnen“-Teil vereinigt hat – und es hinter Berichte über Einrichtungsgegenstände gepackt hat. So setzt halt jeder seine Prioritäten.

Goldene Blogger Statue 2015

Spehr schreibt, dass Sascha Pallenberg „Blogger des Jahres“ geworden ist. Was er nicht erwähnt: Dass diese Auszeichnung im Rahmen der „Goldenen Blogger“ im Basecamp Berlin verliehen worden ist.

Nun kann man mir vielleicht Beleidigtsein vorwerfen, weil ich ja bei jener Veranstaltung beteiligt war. Aber mal ehrlich: Würde irgendein Journalist schreiben, ein Film sei „Film des Jahres“ geworden, ohne Berlinale oder Oscars zu erwähnen? Würde irgendein Journalist von der „Reportage des Jahres“ schreiben, ohne den Nannen-Preis zu erwähnen? Ist es nicht eine Frage Höflichkeit gegenüber dem Leser, ja, sogar journalistische Sorgfaltspflicht, eine solche Auszeichnung auch nur ansatzweise einzuordnen?

Entweder ist das Nicht-Erwähnen der Goldenen Blogger also handwerkliches Mängelwerk – oder fehlende Achtung gegenüber dieser kleinen Veranstaltung, die tatsächlich im Wohnzimmer ihre Premiere feierte und jetzt ein wenig gewachsen ist.

Natürlich könnte man auch erwähnen, dass die Preise drei Wochen vor Veröffentlichung des Artikels vergeben wurden – aber das würde dann ja so aussehen, als hätte die „FAS“ die Sache verpennt. Was in dem Fall natürlich stimmt.

Der Grund, warum Spehr überhaupt über Pallenberg schreibt, ist seine filterblasige Wahrnehmung von Blogs. 2007, als wir mit den Goldenen Bloggern starteten, gab es laut seiner Meinung noch „Leute, die im Internet auf ihren eigenen Seiten unentgeltlich veröffentlichten, und damit journalistische oder schriftstellerische Talente unter Beweis stellten oder auch nicht“. Heute gebe es solche Blogs noch immer, „sie sind jedoch bedeutungslos“.

Stattdessen regierten die Pallenbergs: „Die Blogger von früher schreiben entweder direkt auf den Seiten der etablierten Verlage oder sie sind, wie Sascha Pallenberg, mit professionellem Webauftritt, mit hohen Besucherzahlen, Werbung, Sponsoren und fest angestellten Mitarbeitern nichts anderes, als sagen wir es ruhig: Verleger.“

Das ist natürlich Unfug – und zwar gleich auf mehreren Ebenen:

1. Einige Blogger wollten schon immer Geld verdienen

Einerseits gab es schon immer Blogger, die vom Bloggen leben wollten. Jochen Mai, zum Beispiel, startete in genau jenem Jahr 2007 seine Karrierebibel, die heute eines dieser funktionierenden Redaktionsmodelle ist. Andererseits gab es auch schon immer Blogger, die für Medienhäuser gearbeitet haben. 2008 – als wir zum ersten Mal die Goldenen Blogger mit zahlreichen Rubriken ausstatteten – gewann Mario Sixtus mit dem Elektrischen Reporter, einem Format, das er ins ZDF gebracht hat in der Kategorie – HA! – „Bester bloggender Journalist“ (Indiskretion Ehrensache ist 2005 unter dem Dach des „Handelsblatt“ gestartet – und war dort nicht das erste Blog).

Und schließlich gab es und gibt es sehr viele Menschen, die einfach so Texte ins Internet schreiben – und dann von klassischen Medien verhöhnt werden. Erinnern wir uns doch daran, was die „FAZ“ 2007 über die Re-Publica schrieb:
„Neben der Menge weitgehend unbekannter, nicht selten lesenswerter Blogs gibt es eine zweistellige Zahl prominenter A-Blogs. Diese drehen sich derart raumgreifend um sich selbst, dass für die anderen kein Vorbeikommen ist.”

Spehrs Verklärung der Vergangenheit ist also nicht gedeckt durch das, was damals passierte.

2. „Blogger von früher“ sind Blogger von heute

Natürlich sind einige Blogger im Laufe der Jahre ausgestiegen. Doch wenn ich versuche zu rekonstruieren, wenn ich 2007 las und wen ich heute lese, dann sind nur wenige von damals heute nicht mehr aktiv. Andere haben längere Pausen gemacht, wie Johannes Korten, den ich beim allerersten Blogger-Stammtisch in Düsseldorf kennenlernte.

Aber nehmen wir einfach das Grand Damen-Quartett der deutschen Blogosphere: Frau Nuf, Madame Modeste, Frau Kaltmamsell und das Wortschnittchen. Alle lernte ich sie um die Jahre 2006/07 kennen, alle bloggten sie damals ähnlich wie heute. Alle vier Blogs dürften bereits das Zehnjährige begangen haben. Vielleicht ist auch das für Journalisten nicht vorstellbar: Etwas 10 Jahre durchhalten, weil es Spaß macht.

3. Bedeutung bemisst sich nicht in Klickzahlen

„Bedeutungslos“ sollen also all die Blogs sein, die sich nicht dem Pallenberg-Modell verschreiben, meint Spehr. Genauso meinte es schon sein Kollege beim Besuch der Re-Publica 2007. Ob dies nicht egal ist, darf natürlich gefragt werden, denn wer nicht nach Bedeutung strebt, der braucht auch keine.

Und wonach bemisst sich denn Bedeutung? Hat der Lokalredakteur meines Heimatortes Senden keine Bedeutung, weil seine Artikel in Print und Online mutmaßlich nicht von einer fünfstelligen Zahl von Lesern konsumiert wird? Und hat nicht dann das Kaiserinnenreich, in dem Mareice Kaiser so bewegend über ihr Mutterleben mit einem behinderten und einem nichtbehinderten Kind schreibt mehr Bedeutung, weil sie laut Similarweb 50.000 Besucher im Monat erreicht? Oder das Fußballtaktik-Blog Spielverlagerung, das viermal so viele Visits erreicht? Vor allem, weil keine von Verlagen angewendeten SEO-Tricks eingesetzt werden? Bemisst sich Bedeutung nicht einfach an der individuellen Bedeutung für den Leser, weshalb ein B2B-Branchenblatt mehr Bedeutung für seine Leser haben kann, als die „Frankfurter Allgemeine“?

4. Nicht am Ende Verleger – Verleger am Ende

IMG_1949 (1)2007 ging der erste Lebenswerk-Preis bei den Goldenen Bloggern an Johnny Haeusler. Wenn Spehr schreibt, dass früher alles locker und unkommerziell war, heute aber Blogger Verleger sind, dann ist Johnnys Spreeblick der Gegenbeweis: Er sollte einmal ein Online-Verlag werden – doch das funktionierte nicht.

Auch Sascha Pallenberg ist kein Verleger, dafür schreibt er viel zu viel, ist viel zu sehr im Operativen. Wie viele Artikel schreibt Friede Springer? Wie viele Bücher hat Siegfried Unseld verfasst? Verleger schreiben nicht, sie verlegen.

Und genauso falsch ist es, wenn Spehr behauptet, dass wer mit Blogs kein Geld verdiene „auf Facebook schreibt“. Jedes Jahr, zum Beispiel, überraschen uns unsere Leser mit Newcomer-Blogs, von denen wir nie gehört haben, Themenblogs, die uns noch nicht begegnet sind und Autoren, die wir nicht auf dem Radar haben.

Spehr begeht einen typischen Fehler von Redakteuren klassischer Medienhäuser: Er versuch die digitale Medienwelt mit ihren alten Begrifflichkeiten zu erfassen. Einst brauchte es eben Verleger, die das Geld managten, einen Chefredakteur für die journalistische Linie, einen Geschäftsführer für die kaufmännische Lenkung, einen Anzeigen- und einen Produktvertriebschef, und, und, und. Heute sind viele dieser Funktionen genauso wenig mehr notwendig die die Druckmaschine, die einst Eintrittsbarriere in die Welt der Medien war.

Das Erschreckende ist, dass ein anerkannter Redakteur wie Spehr all dies noch immer im Jahr 2016 schreibt. Er dokumentiert damit die Lernunwilligkeit der journalistischen Kaste. Hajo Schumacher schrieb 2007: “Auf jeden relevanten Blog, und davon gibt es tatsächlich einige, kommen tausende von zynischen Schwätzern, Rechthabern und muffelige, aus dem Fenster pöbelnde Korinthenkacker.“ Immer wieder traurig auch diese Anekdote aus dem Winzerblog. Oder wollen wir „Tagesspiegel“-Redakteurin Tissy Bruns hernehmen und ihre kruden Äußerungen im Deutschlandfunk?

2009 erklärte Konstantin Neven DuMont(damals noch in Verlagsamt und -würden), Blogger seien “Marktschreier im Netz” und in jener Diskussion klagte Peter Esser, Chef des Mittelbayerischen Verlags, Blogger würden den Verlagen Inhalte stehlen. Hans-Jürgen Jakobs dagegen, Ex-Süddeutsche.de- und Ex-„Handelsblatt“-Chef behauptete in seinem Buch „Geist oder Geld“ gar,Bloggen unter dem Dach eines Verlags sei eine nicht hinnehmbare Vermischung von Bürgerjournalismus und Journalismus.

Seit ich dieses Blog führe, also seit inzwischen 11 Jahren (hey, noch ein Alt-Blogger), erklären altvordere Journalisten Blogs für tot, so wie auch Spehr. Dabei gilt genau das Gegenteil von dem, was er schreibt: Nicht alle Blogger werden am Ende Verleger – vielmehr sind die Verleger am Ende (nicht alle, aber verdammt viele).

So ist es dann auch verständlich, dass Spehr unseren Goldene Blogger-Witz auf Kosten der Altmedien nicht erkannte. Denn der „FAS“ler brauchte natürlich für so nen spritzigen Sonntagsartikel eine Abschlusspointe. Die lautet:
„Statt des Bloggers des Jahres wünschen wir uns für 2017 den Verlag des Jahres. Dass es so kommen muss und wird zeigt der ebenfalls verliehene Preis für den ,Besten Blogger ohne Blog’. Er ging bezeichnenderweise an einen Kollegen vom ,Tagesspiegel’“.

Tja. Nur ging der genannte Preis an das Facebook-Projekt Barbara. Jener – warum auch immer – nicht genannte „Kollege“ ist „Tagesspiegel“-Chefredakteur Lorenz Maroldt, der in der Rubrik „Bester Blogger ohne Blog aber mit Newsletter“ gewann, mit der wir uns über die Newsletter-Wut deutscher Chefredakteure lustig machen wollten: Denn viel sinnvoller als diese Newsletter wären natürlich Blogs.

Insofern können wir Spehr auch wenig Hoffnung machen auf die Kategorie „Verlag des Jahres“. Siegchancen bestehen aber sicher in einer anderen Rubrik: „Bremsklotz des Jahres 2016“.

Übrigens findet sich unter Spehrs Text ein wöchentlicher Hinweis, der so lautet: „Ein Teil der in Technik & Motor besprochenen Produkte wurde der Redaktion von den Unternehmen zu Testzwecken zur Verfügung gestellt oder auf Reisen, zu denen Journalisten eingeladen wurden, präsentiert.“

Welche Produkte genau? Auf welchen Reisen? Das zu verheimlichen, dürften sich die meisten ernsthaften Blogger nicht erlauben, ohne von Medien wie Leser geschlachtet zu werden. Aber die haben ja auch keine Verleger.


Kommentare


Knud 17. Februar 2016 um 13:22

Aus dem Hamburger Abendblatt vom 5.2.2016 unter der Überschrift „Die Blogwarte von Ahrensburg“: „Über das Wesen der Blogger im Allgemeinen wurden schon viele Essays verfasst. Sie werden zum Beispiel als Narzissten beschrieben. Als Menschen, die nach Aufmerksamkeit suchen. Die nicht recherchieren, sondern lediglich ihre Meinung aufschreiben – und jeder Text impliziert den Anspruch auf Wahrheit.“ http://www.abendblatt.de/region/stormarn/article207007607/Cybermobbing-Die-Blogwarte-von-Ahrensburg.html

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Blogger vs. Journalisten: Wie die Rhein-Zeitung versucht eine Diskussion aus 2009 wiederzubeleben – netzfeuilleton.de 18. Februar 2016 um 7:20

[…] mir durch den Kopf als ich den Gastkommentar von Andreas Valetin in der Rhein-Zeitung entdeckte. Auch die FAS hat gerade wieder Spaß auf Bloggern rumzuhacken. Da versucht doch ungelogen jemand im Jahr […]

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dot tilde dot 18. Februar 2016 um 9:25

bloggen ist so tot wie print, wie jazz, wie luftgetrockneter schinken.

.~.

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Blogs sind tot. Mal wieder … | FREDERICKEN 18. Februar 2016 um 12:18

[…] es vertiefen möchte, der gute Thomas Knüwer hat drüben bei Indiskretion Ehrensache eine deutlich ausführlichere Antwort an den Kollegen Spehr […]

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Warum Blogger immer noch Blogger sind – und keine Verlage – Lousy Pennies 18. Februar 2016 um 13:51

[…] so kam es also, dass der Text aus der FAS im Web erst dann verbreitet wurde, als die Replik von Thomas Knüwer schon seit einem Tag online […]

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Es ist 2006 und Blogs sind Klowände – Nur mein Standpunkt 19. Februar 2016 um 8:40

[…] dem Jahr 2007 angerufen zu haben. Denn sein Artikel in der FAS – der ironischerweise nach der Replik von Thorsten Knüwer online erscheint, was wohl auch etwas aussagt – behauptet, mal wieder, Blogs seien tot. Man […]

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Was ist eigentlich ein Blogger? – Der Pallenberg Case – 50hz – Das Blog von Djure Meinen 19. Februar 2016 um 10:55

[…] Autrorinnen abmüht. So wie vor ein paar Tagen zum Thema Content Marketing mit Thomas Strerath und jetzt mit einem Artikelchen – im Gegensatz zu Thomas meine ich das durchaus abwertend – über […]

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Mal Klartext in Sachen Blogs – Christian Buggischs Blog 19. Februar 2016 um 17:12

[…] drei Absätzen schafft Spehr es, so viel Falsches über Blogs zu schreiben, dass es zu Recht auch heftige Reaktionen gab. Nachdem ihr diesem Link gefolgt seid und seinen Artikel schnell gelesen habt, wollen wir uns […]

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ClaudiaBerlin 19. Februar 2016 um 17:57

Bedeutungslos bloggen kann durchaus Spass machen, sogar noch im 18.Blogjahr! 🙂
Vielleicht sogar mehr, als ständig am Rattenrennen um „Bedeutung“ teilzunehmen, denn oft genug sind damit doch nur Klickzahlen und Profite gemeint – Motive, die nicht unbedingt Blogger-typisch sind, ganz im Gegenteil.

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Blogs am Ende? Mitnichten! [Infografik] | t3n 24. Februar 2016 um 14:35

[…] nur Buggisch hat sich übrigens zu dem Artikel Spehrs kritisch geäußert. Unter anderem haben auch Thomas Knüwer, Mitorganisator des Preises der „Goldene Blogger“, der Bielefelder Auto-Blogger Jan Gleitsmann, […]

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Lesenswerte Links – Kalenderwoche 8 in 2016 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2016 26. Februar 2016 um 8:01

[…] Thomas schreibt über Blogger: Am Ende Verleger – oder Verleger am Ende? […]

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Blogposting 03/14/2016 – Nur mein Standpunkt 14. März 2016 um 11:31

[…] Blogger: Am Ende Verleger – oder Verleger am Ende? […]

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Jochen 5. April 2016 um 13:35

Hi Thomas, Danke für den Verweis…
Wobei wir beide ja noch viel früher mit dem Bloggen begonnen haben – die Indeskretion gabs anfangs im HB und ich schrieb das Jobblog bei der Wiwo (und andere).

Zu ergänzen wäre vielleicht noch, dass die Karrierebibel in den ersten 4 Jahren keinerlei Umsatz machte, sondern rein vom Engagement lebte. Die Werbeerlöse kamen erst später – 2011…

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