Indiskretion Ehrensache https://www.indiskretionehrensache.de/ Das Blog von Thomas Knüwer Mon, 28 Nov 2022 14:01:08 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.1.1 https://www.indiskretionehrensache.de/wp-content/uploads/2020/09/indiskretion_logo-480x270.jpg Indiskretion Ehrensache https://www.indiskretionehrensache.de/ 32 32 Die Unterschätzung des gesunden Menschenverstandes bei der Beurteilung von Technologien https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/bitcon-nft-flugtaxi/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/bitcon-nft-flugtaxi/#respond Fri, 25 Nov 2022 14:50:25 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=18112 Kryptowährungen kollabieren, NFT auch, das Metaverse nähert sich dem Status einer Lachnummer und Flugtaxiherstellern geht es auch nicht so gut – all das war vorhersehbar, wenn man den schlichten Menschenverstand genutzt hätte.

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Hab ich es nicht gesagt?

Sorry, das ist zu niedrigschwellig, ich komm nochmal neu rein.

Told you so, suckers!

Ja.

Besser.

Als ich im Januar meine jährliche Trendprognose, die glaskugeligen Kaffeesatzlesereien, veröffentlichte, erntete ich auf verschienen Plattformen einige harsche Reaktionen. Unter anderem schrieb ich, dass Web3 nur ein hohles Buzzword sei, NFT und Kryptowährungen crashen würden und das Gerede um das Metaverse viel Lärm um wenig sei.

Tja.

Seitdem haben sich Kryptowährungen als das entpuppt was sie schon immer waren – Betrug. Unmittelbar damit verbunden ist das Schneeballsystem called NFT. Und selbst im – natürlich weiterhin beinlosen – Meta-Metaverse herrscht Depressionen triggernde Leere.

Nun schreibe ich die glaskugeligen Kaffeesatzlesereien ja seit 2010 und es gab Jahre, in denen ich richtig schief lag. Selten zuvor war ich mir so sicher wie bei diesen Themen.

Denn bei deren Beurteilung schrie ein Trendmonitor-Tool laut auf, nein es kreischte wie ein von der Sohle des Gegners touchierter Cristiano Ronaldo. Dieses Tool lautet: gesunder Menschenverstand.

Seine Rolle wird bei der Einordnung von Entwicklungen in bemerkenswerten Umfang ausgeblendet. Dabei hilft sein Einsatz dabei, Fehler im Storytelling der Propheten neuer Technologien zu erkennen.

Nehmen wir nur selbstfahrende Autos und 5G. Einige Zeit propagierten selbst seriöse und unaufgeregte Medien wie mein Ex-Arbeitgeber „Handelsblatt“, dass autonomes Fahren nur mit dem Ausbau von 5G-Mobilfunk möglich sei. Auch Telekom-Chef Timotheus Höttges spann diese Mär, unterstützt von Angela „Neuland“ Merkel.

Es braucht nur eine Minute des Nachdenkens um zu erkennen, dass diese Behauptung Unfug ist. Mehr noch, dass niemals Autos zugelasen würden, die auf 5G angewiesen wären, um autonom unterwegs zu sein. Weshalb ich damals dieses Denkszenario entwarf:

„Sie sind in einem selbstfahrenden Auto unterwegs auf der A43 kurz vor Münster. Das Tempo ist hoch, denn eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt es dort nicht. Sie machen es sich gemütlich, lesen gerade auf ihrem Handy E-Mails oder sehen die tolle Amazon Prime-Serie „Homecoming“ mit Julia Roberts.

200 Meter von ihnen entfernt setzt zur gleichen Zeit der Besitzer eines alten Lanz Bulldog-Treckers sein Gefährt zurück, er will sich aufmachen zu einer Oldtimer-Show. Jener Lanz Bulldog fährt noch nicht autonom und ich brauche diese wilde Vorstellung nur, um die Folge des Zurücksetzens in die Geschichte einzubauen: Der Lanz erschüttert einen Mast, auf dem die lokale 5G-Funkantenne sitzt. Ob des Aufpralls stellt sie die Arbeit ein.

Was passiert nun mit Ihnen und ihrem selbststeuernden Gefährt, geneigte Lesende?

Klar, E-Mails kommen nicht mehr rein, Julia Roberts erstarrt zum Standbild.

Und das Auto?

Glaubt man Angela Merkel, Telekom-CEO Timotheus Höttges oder vielen, vielen Journalisten, dann müsste es entweder bei vollem Tempo quietschend in die Bremsen gehen oder sich auf den Seitenstreifen stellen.“

Um darauf zu kommen braucht man keine exorbitante Technikexpertise, keine Programmierkenntnisse und keine Schulung im Breitband-Ausbau. Es reicht: der gesunde Menschenverstand.

Genauso bei Flugtaxis.

Diese wurden und werden teilweise noch ernsthaft als künftiger Bestandteil des alltäglichen Verkehrs propagiert, entsprechende Startups sammelten reichlich Geld ein, unterstützt von der luftnummerigisten aller luftnummerigen DigitalpolitikerInnen, der CSU-Frau Doro Baer.

Die war zwar als Staatssekretärin für Digitalthemen abgeordert, lenkte aber vom vierweltlichen Breitbandausbau in ihrem Bereich damit ab, dass sie mal über Flugtaxis reden wollte. Was die mit Internet zu tun hatten? Ja, gut, ich sag mal so: nix.

Dass Flugtaxis aber ohnehin nie mehr sein werden als ein Spielzeug für Reiche, das sagt schon – der gesunde Menschenverstand.

Denn faktisch sind sie nichts anderes als kleine Hubschrauber. Die können ganz praktisch sein, doch benötigen sie immer mehr Platz um zu landen und zu starten als ein Taxi zum Parken. Schließlich gibt es ja diesen Real Life Bug namens Wind, der bei einem Fluggerät dafür sorgte, dass es nicht stahlbetonig in der Luft liegt, sondern schwankt. Außerdem haben Rotoren die hässliche Angewohnheit, Haare anzuziehen, weshalb sich nähernde Fluggäste vorsichtig sein müssen.

Wieviel Kilo so ein Mini-Heli oder Senkrechtstarter transportieren kann, hängt von seiner Stärke ab und die von den Rotoren. Möchte ich eine dreiköpfige Familie mit 2 Koffern von München City zum Flughafen transportieren, reichen die aktuellen Modelle schon nicht mehr – sie müssten größer sein und damit mehr oder größere Rotoren haben – womit beim Parken noch mehr Platz verloren geht. Und schließlich der Lärm: Selbst wenn die Motoren selbst kein Geräuch verursachen, sind Hubschrauber nicht leise. Der Lärm stammt von Rotoren, die Luft zerschneiden. Das ist der Grund, warum Bienen surren.

All das zusammen genommen erkennt man ohne das Absolvieren eines Luftfahrtingenieursstudium, dass die Einsatzmöglichkeiten dieser Flugtaxis extrem begrenzt sind. Allein der Begriff Taxis dürfte sich verbieten.

Das war vielen Redaktionen egal. Lilium und Volocopter durften relativ wenig hinterfragt ihre Heldengeschichten erzählen und damit Investorengelder einsammeln, teilweise sogar öffentliche Förderungen.

Auch bei Kryptowährungen hätte der gesunde Menschenverstand geholfen. Natürlich gibt es für sie Nischeneinsatzgebiete, zum Beispiel die schnelle Überweisung von Geldern über Kontinente hinweg.

Ansonsten aber reichen schon Grundkenntnisse der Volkswirtschaftslehre um zu erkennen, dass Systeme wie Bitcoin ganz abgesehen von ihrer Betrugsanfälligkeit nur funktionieren können, so lange es nicht zu größeren Abhebungen kommt. Wer noch ein wenig recherchiert erkennt dazu noch schnell, dass die angeblich dezentralisierte, neue Finanzwelt extremer zentralisiert ist, als die vorhandenen Systeme.

NFT sind als Besitzurkunden digitaler Kunst eine interessante Idee. Nur wer sich ungerecht behandelt fühlt, was macht der? Eigentlich müsste er den dahinter liegenden Code lesen können, er müsste die Wallet-Regeln genau kennen und ob das vor Gericht reicht, ist offen. Eigentlich benötigt er einen schriftlichen Vertrag – nur wozu dann noch das NFT? Deckungsgleiches gilt für das Vertragskonstrukt DAO.

Oder das Metaverse, das ja in seinen aktuellen Ausgestaltungen vor allem aus Virtual Reality besteht. Weite Teile des Tages eine Brille tragen, die einen von der Außenwelt abschirmt? Und das noch als berufliche Anwendung? Als Brillenträger kann ich nur den Kopf schütteln, denn bei mir muss man meine eigentliche Brille anschließend operativ aus der Haut entfernen, nachdem ich eine VR-Brille drüber hatte.

Richtig eintauchen in die digitale Welt können Nutzerinnen und Nutzer ja auch nicht. Denn sie können sich ja nicht bewegen, ansonsten treffen sie auf einen anderen Real-Life-Bug namens „Wand“. Weshalb die Bewegung im digitalen Raum mit Joysticks stattfindet.

Doch auch die Anwendungen sorgen bei Einschalten des gesunden Menschenverstandes sofort für Zweifel. Selbst Mark Zuckerberg fiel ja als Anwendung nur ein, bei Meetings seine Mails lesen zu können, während es im Metaverse aussieht, als konzentriere er sich auf die anderen Digitalanwesenden – Unhöflichkeit als Killerapplikation.

Natürlich gibt es für all diese Technologien Nischenanwendungen – aber eben auch nicht mehr. Und um das zu erkennen, braucht es nicht viel. Nur ein bisschen gesunden Menschenverstand.

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Die Goldenen Blogger are coming home https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/die-goldenen-blogger-2022-location/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/die-goldenen-blogger-2022-location/#respond Tue, 15 Nov 2022 14:27:23 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=18099 Deutschlands wichtigster und ältester Preis für Social Media, Content Creator und Influencer kehrt dorthin zurück, wo vor 15 Jahren alles angefangen hat – nach Düsseldorf.

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Jedes Jahr schreibe ich es, und jedes Jahr stimmt es noch ein paar Prozent mehr: Das Merkwürdigste, was in meinem Leben passiert oder passiert ist, sind die Goldenen Blogger.

Für alle, die unsere Geschichte noch nicht kennen, hier die Zusammenfassung:

Vor 15 Jahren beschlossen Franziska Bluhm, Daniel Fiene und ich, mit den damals noch neuen Livestreaming-Diensten herumzuspielen. Mit einem Vorlauf von zwei Tagen beschlossen wir, Oscar-like Preise an Blogger zu verleihen, die geschätzte Ute Schnutinger Hamelmann zeichnete uns einen Award und dann übertrugen wir aus Franzis Wohnzimmer mit einer Webcam auf dem Bügelbrett. Unser erster Blogger des Jahres: Stefan Niggemeier.

Wir hatten das als Witz gedacht – außer uns hat ihn niemand verstanden, alles nahmen den Abend ernst. Weshalb wir weiter machten und ab 2010 aus dem Vintage-Modeladen Elementarteilchen sendeten. 2015 lud uns E-Plus in sein Berliner Basecamp und ab diesem Zeitpunkt mussten wir ernsthafter werden, 2018 schauten sogar die „Tagesthemen“ vorbei:

Und zum 15. Geburtstag feierten wir im wunderschönen Museum für Kommunikation in Berlin.

Was geblieben ist: Die Goldenen Blogger sind ein Hobby. Wir möchten Menschen zusammenbringen, die geiles Zeugs im Internet treiben und wir möchten ihnen eine Bühne bieten, damit ihr Tun noch mehr Publikum findet. Und dabei möchten wir finanziell nicht drauflegen, denn mit dem Umzug auf die große Bühne sind die Kosten logischerweise immens gestiegen: Im vergangenen Jahr kratzte sich das Budget für die Verleihung an der Sechsstelligkeit.

Und nun als 2023.

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Was Franzi, Daniel und mich immer ein wenig wurmte: So langweilig ist Düsseldorf ja jetzt auch nicht. Und auch gar nicht so hässlich, wie manche glauben. Es gibt hier nette Menschen und schöne Locations, man könnte auch sagen: Düsseldorf wird gern mal unterschätzt.

Deshalb wollten wir den Versuch wagen, die 16. Ausgabe an den Rhein zu holen – und trafen auf offene Ohren. Der Telefonieanbieter sipgate – dessen Räume ohnehin ein Hort der kreativen Events sind – begeisterte sich für die Idee des Locationsponsorings und auch die Stadt selbst ist mit an Bord.

Deshalb wird die 16. Ausgabe der Goldenen Blogger am Abend des 24. April nicht nur aufgrund des Umzugs etwas Besonders. Noch nie zuvor konnten wir den Nominierten ein solches Paket bieten. Wer es auf die Shortlist schafft, der bekommt einen Kurzurlaub im Kreise spannender Menschen geschenkt – Details dazu wird es in den kommenden Wochen geben.

Wenn alles klappt, werden wir diese Shortlist deshalb auch schon am 1. Februar veröffentlichen, denn jeder soll Luft bekommen, um sich die Tage vom 23. bis 25. April freizuschaufeln.

Sprich: Es wird großartig werden!

NOMINIERT! JETZT!

Sollten Sie, liebe Lesenden, eine Bloggerin, einen Instagramer, eine TikTokerin, einen Podcaster, eine Twitteranerin oder einen Sonstwasiminternetmacher im Kopf haben, den oder die wir auszeichnen sollten – so werfen Sie Ihre Nominierung gern jetzt schon unter diesem Link ein. 

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Warum die DFB Nationalmannschaft keine Emotion auslöst? Ganz einfach… https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/dfb-digital-nationalmannschaft-marketing/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/dfb-digital-nationalmannschaft-marketing/#comments Thu, 10 Nov 2022 14:54:02 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=18090 Der DFB präsentierte heute den WM-Kader. Und er zeigte, warum die Nationalmannschaft deutschen Fußball-Fans vor allem eines ist: egal.

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Die drittweltlichkeit des digitalen Deutschlands zeigt sich ja selbst in Details. Zum Beispiel: die Präsentation des WM-Kaders der deutschen Fußballnationalmannschaft für die WM in Katar.

Dass der DFB nicht den Hauch eines Gefühls dafür hat, wie das aktuelle Jahrtausend so funktioniert, ist nicht neu. Und doch ist man dann wieder erstaunt, dass der Tiefpunkt der Unemotionalität in Sachen Männer Nationalmannschaft noch immer nicht erreicht ist.

Nehmen wir die Homepage des DFB. Die sieht – ich denke mir das nicht aus – so aus:

Die Unterseite der Männer-Nationalmannschaft hat dann immerhin schon das Jahr 1998 erreicht, es müssen nur noch 24 Jahre technischer und gedanklicher Rückstand aufgeholt werden:

Oder das irrwitzig unnatürliche Aufmacherbild im Fanshop:

Und entsprechend präsentiert sich dann die Vorstellung des WM-Kaders auch im Social Web:

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Kann man noch mehr Scheißegaligkeit ausstrahlen? Ich glaube nicht. Entsprechend ist beim Insta-Account, dass er angesichts von über 5 Millionen Followern ein eher dürftiges Engagement erzielt – mit dem langweiligsten Typen auf der Party will halt keiner quatschen. Der Account heißt übrigens @dfb_team, obwohl @nationalmannschaft von einem Fake belegt ist. Aber hey, scheiß der Platzwart drauf.

Geht es auch anders?

Ja. Wenn man wirklich Lust daran hat, die eigenen Anhänger zu begeistern und die Kartenkäufer einem nicht völlig wumpe sind.

Bestes Beispiel: der englische Fußballverband.

Der stellte seinen Kader heute ebenfalls vor – und zwar mit einem Video mit so viel Selbstironie, Emotion und Details, dass einmal Gucken eigentlich nicht reicht:

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Und so ist es dann auch kein Wunder, dass bei Heimspielen der deutschen Nationalmannschaft eine Atmosphäre herrscht wie in einem Kühlschrank nachts um halb drei. Es gibt schlicht keinen Grund, sich für das Produkt DFB Nationalmannschaft emotional zu erwärmen.

(Das hat übrigens nichts mit Lustlosigkeit angesichts des WM-Austragungsortes Katar zu tun, es geht seit Jahren so.=

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Julia Jäkel: Ruf aus der Gated Community https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/julia-jaekel/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/11/julia-jaekel/#comments Tue, 08 Nov 2022 16:45:02 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=18081 Die ehemalige Gruner + Jahr-Chefin befasst sich in einem Artikel mit der Twitter-Übernahme durch Elon Musk – und offenbart typische Denkdefizite deutscher MedienentscheiderInnen.

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Die ehemalige Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel hat einen Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben und sich mit der Twitter-Übernahme durch Elon Musk befasst.

Es ist ein langer Text, zwei Drittel eine Zeitungsseite nimmt er ein. Das weiß ich nicht, weil ich Abonnent der „SZ“ wäre, sondern weil Jäkel ein Bild der Zeitungsseite auf ihrem Linkedin-Account veröffentlicht hat.

In der normalen Welt ist dies ein klarer Copyright-Verstoß, aber wie wir ja auch von Axel Springer gelernt haben: Das Urheberrecht gilt für deutsche VerlagsentscheiderInnen nicht – das steht auch so im Gesetzestext und zwar ganz unten im Anhang mit Yps-Zaubertinte in Spiegelschrift geschrieben.

Jäkels Text macht mich kopfschütteln. Denn er enthält etliche Passagen die zeigen, in welcher Welt AltmedienmanagerInnen in Deutschland so leben.

So schreibt sie zu Twitter:

„Gemeinhin gehören die Dorfplätze (auch im Sauerland) der Gemeinschaft und nicht einem Multi-Milliardär, der sich niemals von uns hat wählen lassen.“

Dieser Satz ist auf mehreren Ebenen… nun ja… unterhaltsam.

Denn zunächst ist Jäkel nicht auf dem Dorfplatz, aka Twitter, unterwegs, zumindest nicht unter ihrem Namen. Spinnen wir dieses Wortbild also weiter, so sitzt sie in ihrer Gated Community und imaginiert, was das Dorf wohl gerade so redet.

Dieser Platz also steht für Jäkel stellvertretend für gesellschaftlich wichtige Kommunikationsinstrumente. Dabei gebe ich ihr vollkommen recht, dass Twitter ein solch wichtiges Instrument ist.

Wenn aber gesellschaftlich wichtige Kommunikationsinstrumente nicht in der Hand einer nicht-gewählten, reichen Person liegen sollen – was wird Jäkel wohl schreiben, wenn sie sich erstmal mit Verlagen befasst?

Die öffnen ja nicht nur jedem ihre Tore, so wie das bei Twitter eventuell passieren könnte. Nein, Verlage nehmen aktiv und gerne versteckt Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung – und zwar zu ihren Gunsten. Als Beispiel sei das Lügen für’s Leistungsschutzrecht durch Axel Springer-Chef Mathias Döpfner angeführt. Oder die Stiftung von Jäkels Ex-Arbeitgeber Bertelsmann. Natürlich geht es auch kleiner: In Münster warfen sich die „Westfälischen Nachrichten“ für den teuren Bau einer Musikhalle ins Zeug, weil die Verlegerfamilie der klassischen Muse nahesteht – am Ende musste ein Bürgerentscheid das Projekt bremsen.

Oder nehmen wir jüngst die Abwahl des Frankfurter Oberbürgermeisters: Hier offerierten die drei lokale Zeitungen den Gegnern des OB 90 Prozent Anzeigenrabatt – der Gegenseite jedoch nicht. Nachzuhören ist der Medienskandal im Übermedien-Podcast:

Es wird Jäkel überraschen: Verleger wurden nicht gewählt.

„Der Zustand von Gesellschaft hängt… davon ab, wie einzelne wenige definieren, wie unsere globale Kommunikationsinfrastruktur funktionieren soll“, schreibt sie und angesichts des Lobbyismus der Verlage bei Themen wie Leistungsschutzrecht (wegen dem ich leider nicht auf den „SZ“-Artikel und den im folgenden Absatz erwähnten aus der „Zeit“ verlinke) ist das entweder Selbstgeißelung oder Ignoranz gegenüber der Industrie, in der Jäkel jüngst noch tätig war.

Wenn sie aber nicht möchte, dass solche gesellschaftlich wichtigen Kommunikationsinstrumenten einem Nicht-Gewählten gehören, spricht sie sich für eine Vergesellschaftung aus. Das ist insofern schon interessant, weil sie jüngst in einem Doppelinterview mit Tom Buhrow für „Die Zeit“ eine Verkleinerung des öffentlich-rechtlichen Systems forderte.

Wenn aber solche Instrumente vergesellschaftet werden sollen – dann muss das doch wohl auch für Verlage, Radiostationen und TV-Sender gelten, schließlich wollen wir doch konsequent sein, gelle?

Vielleicht liegt es an ihrer Gated Community-Perspektive, dass die Ausführungen zum Werbemarkt ähnlich unterkomplex daherkommen. Jäkel schreibt:

„Werbetreibende Unternehmen haben Macht… Einen ersten Hallo-Effekt gab es 2020, als im Rahmen der #StopHateForProfit-Kampagne zahlreiche Unternehmen Facebook temporär, aber im großen Stil boykottierten.“

Um es mit einem anderen Hamburger zu sagen, nämlich Dittsche: „Temporär, ne.“

Wie bei Facebook ist nun auch der Twitter-Boykott eine heiße PR-Luftnummer. Denn wer sich ernsthaft jetzt Sorgen macht um Hasskommentare auf Twitter, der hat die vergangenen 10 Jahre unter einem Stein verbracht. Oder in einer Gated Community.

Auf Twitter war die Moderationsqualität schon immer hundsmiserabel. Es ist vollkommen OK, deshalb dort nicht zu werben. Jetzt mit großen Tamtam Etats zurückzuziehen ist nichts als PR. Denn natürlich waren die dort gebuchten Etats noch nie groß und die Wirtschaft befindet sich in der Krise und muss ohnehin sparen.

Sich als Ex-Verlagsentscheiderin als Retterin der Demokratie zu gerieren ist noch dazu höchst wohlfeil.

Auch heute noch werben selbst bekannteste deutsche Marken auf Schwurbler-Seiten und russischen Angeboten. Das tun sie nicht mal böswillig, Das digitale Anzeigensystem ist so komplex geworden, dass es ihnen gar nicht auffällt. Erst jüngst erlebte ich das bei einem bekannten Unternehmen: Als die Entscheider auf eine solche Buchung hingewiesen wurden, fragten sie ihre Mediaagentur – und die konnte sich das auch nicht erklären. Der Grund ist simpel wie komplex: Anzeigenplattformen reichen die Buchung an anderen Plattformen und die an nochmals andere – alles automatisiert. So bleibt es billig bei gleichzeitig gigantischer Reichweite. Und während die erste Plattform noch fragwürdige Seiten ausschließt, ist dieses Blacklisting dann nicht bei der dritten Ebene angekommen.

Auch Julia Jäkel war ja Teil der komplizierten Digitalanzeigenstruktur – und das nicht im Guten. Auch während ihrer Zeit servierten Seiten wie Stern.de oder Brigitte.de ja teils ins Widerliche reichende Billiganzeigen wie die der Plattform Outbrain (übrigens gern auch mal ohne die rechtliche Kennzeichnung „Werbung“):

Fun Fact: Wer auf Sportpirate.de nach dem Foto von Günther Jauchs Tochter sucht, wird natürlich nicht fündig.

Solch einen Scheiß also serviert das qualitätsjournalistische Angebot Stern.de seinen Lesern, die es offensichtlich sehr, sehr hasst. Und natürlich muss sich auch der Hörgerätehersteller Geers fragen lassen, wie wenig Anspruch die eigene Kommunikationsstrategie so hat.

Ganz, ganz viel in Julia Jäkels Text ist geprägt von einer Weltsicht, wie sie in der Filterblase der MedienentscheiderInnen vorherrscht. Man sieht sich als Verfechter der Demokratie, dämonisiert digitale Technik und das, obwohl ein selbstkritischer Blick auf das eigene Tun zur Erkenntnis führen könnte, dass man Teil des Problems ist und nicht Teil der Lösung.

Dies zu diskutieren, darauf haben die handelnden Personen auch keine Lust. In dem Moment, da ich dies schreibe, gibt es unter Jäkels LInkedIn-Posting 237 Kommentare – kein einziger stammt von ihr.

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#ohrenkneiferschorle: das ZDF Magazin Royale als Enkeltrick unter den TV-Magazinen https://www.indiskretionehrensache.de/2022/10/neomagazinroyale/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/10/neomagazinroyale/#comments Mon, 17 Oct 2022 08:32:44 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=18021 Jan Böhmermanns "ZDF Magazin Royale" tut so, als sei es so was wie Journalismus. Tatsächlich ist es nicht anders als die Boulevardmedien, die es oft kritisiert. Zu Gunsten eines Witzes ist man auch bereit zur Desinformation der Zuschauenden.

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Es gibt Menschen, die dem ZDF Magazin Royale von Jan Böhmermann das Prädikat „Journalismus“ geben würden. Das halte ich persönlich für genauso korrekt, wie die „Bild“ als Journalismus anzusehen.

Mit dem Relaunch vor zwei Jahren wollte Böhmermann das nachahmen, was Moderatoren wie John Oliver oder Trevor Noah in den USA geprägt haben: eine Kombination aus investigativer Recherche und Humor. Und dafür hat Böhmermann mit Hanna Herbst eine Chefin vom Dienst geholt, deren Vita zumindest den Vize-Chefposten bei Vice Österreich enthält, vor allem preisgekrönte und viel gelobte Meinungsbeiträge. Das ist nicht schlimm, nur sind Meinungsbeiträge viel schneller geschrieben, als eine Reportage recherchiert ist.

Nun ist in Deutschland alles erheblich kleiner als in den USA – das Land, die Körperumfänge und die Zahl der MitarbeiterInnen in TV-Redaktionen und die Qualität, die sie auf die Bildschirme bringen.

So auch beim ZDF Magazin Royale. Manches geht gut, erst recht, wenn es bei der Recherche Kooperationspartner gibt. Vieles aber geht daneben.

So in der vergangenen Woche: Auch ich war aufaggitiert, als Böhmermann die Geschichte vom BSI-Chef erzählte, der zuvor einen Verein geführt hatte, in dem ein Softwareunternehmen Mitglied ist, das dem Anschein nach nur eine umbenannte Deutschland-Tochter einer von einem Ex-Geheimdienstler geführten, russischen Firma ist, wobei vollkommen unklar ist, wie viele deutsche Abnehmer die Software dieser Firma hat.

Wenn Sie sich diesen, zugegeben: langen, Satz langsam und ruhig durchlesen, werden sie merken wo der Haken ist: Dieser Zusammenhang ist nicht schön – aber reicht das, um glasklar diese Schlagzeile unten auszurufen?

Und reicht es, um BSI-Chef Arne Schönbohm als „Cyberclown“ zu titulieren?

Im Laufe der Woche fiel der Skandal in sich zusammen wie ein schlecht gebackenes Soufflé. Die Redaktion selbst formulierte lange Twitter-Threads mit viel Geraune am Rande zur Verschwörungstheorie. Zum Beispiel diesen:

Heise, dem Analogfetischismus unverdächtig, kommentierte:

„Alles in allem wirken die im ZDF Magazin Royale erhobenen Vorwürfe vielmehr wie ein nur allzu willkommener Anlass, einen Beamten zu entsorgen, der sich Feinde im BMI gemacht hat. Nicht wegen herbeigeredeter, angeblicher Interessenverstrickungen mit Russland, sondern weil er der Stimme von IT-Security-Fachleuten ein offizielles Gesicht gegeben hat.

Damit steht er den Plänen zum Ausbau von staatlicher Überwachung und Fantasien von Hackbacks im Cyberspace im Weg.“

Noch schlimmer wird es beim ZDF Magazin Royale in der jüngsten Ausgabe. Es geht um Wein, der gefühlt 3613 mal unkreativ beleidigt wird. Zusammenfassung: Er soll ein Elitengetränk sein, in dem tote Tiere und „Gestrüpp“ verarbeitet werden, natürlich inklusive ekliger Chemie.

Gerade an dieser Ausgabe – bei der das Lachen des Live-Publikums leiser ist als  ein nebliger Weinberg am Morgen des ersten Weihnachtstags – lässt sich zeigen, dass Böhmermann mit manipulativen Mitteln jenes Boulevards arbeitet, das er selbst ständig kritisiert.

Der Gegner: BilligWein

Jede Boulevardgeschichte braucht einen Gegner. Und der heißt hier nicht Wein, sondern „Der Wein“, ohne jede Differenzierung muss alles in eine Flasche und dann draufhauen. Für Böhmermann ist Wein ein Elitengetränk, Bier dagegen das Ding für die Masse.

Vielleicht hat er seit den 90er Jahren seine TV-Star-Filterblase nicht mehr verlassen, aber das ist natürlich Blödsinn. Als Gegenbeweis dürfen die vielen, jungen Weinbars gelten, die derzeit in der Republik aufmachen, so das „Fett“ mitten in der Düsseldorfer Altstadt. Schon wenige Tage nach der Eröffnung waren wir die Gesichtsältesten – und das mit Abstand. Schnöselig war da nichts, jung dagegen jeder außer uns. Er könnte ja auch seinen Ex-Mitarbeiterin Sophie Passmann zu deren Jugenderinnerungen befragen: Denn in Weinbauregionen ist Wein und Weinschorle so alltäglich wie anderswo Bier.

Natürlich gibt es auch die elitistischen Voll-Nerds – nur die gibt es eben bei allem und sie machen wie in fast jedem Bereich eine absolute Minderheit aus.

Doch es braucht dieses Framing, um aus dem Folgenden überhaupt eine Geschichte zu formen.

Nächste Boulevard-Ingredienz: Personalisierung. Es braucht ein Gesicht. Die Rolle des Wein- statt des Cyberclowns wird Günther Jauch übergestülpt. Eingeführt wird Jauch mit einem ironischen Spruch über sein Vermögen – das dieser dann als ernst interpretiert wird zeigt, dass in einer Welt voller Böhermanns Personen des öffentlichen Lebens gut daran tun, gar nichts mehr zu sagen. Denn alles, was sie sagen, kann auch Jahre später noch gegen sie verdreht werden.

Die Wein-Geschichte von Günther Jauch wird ebenfalls so verzerrt, dass es wirkt, als habe er mit seinem Vermögen einfach mal ein Weingut gekauft. Was Böhmermann verschweigt: Das Weingut Othegraven gehörte schon immer Jauchs Familie, als Kind war er häufig dort. Menschen aus der Weinszene berichten in herzwärmenden Worte von Begegnungen mit Jauch. Unkompliziert soll er sein, er nehme sich nicht wichtig, er sei ernsthaft interessiert.

Das klingt dann schon ganz anders als der reiche TV-Star, der sich mal eben was kauft, oder?

Doch braucht Böhmermann Jauch nicht nur als Gesicht, sondern auch als Überleitung. Denn Jauch hat seinen Namen – und das tatsächlich kritikwürdig – temporär für eine Aldi-Edition hergeben.

Womit wir beim Billigwein wären, zu der jene gehört. Ab jetzt ist für Böhmermann jeder Wein eben dieser Billigwein. Warum Eliten dann so was trinken? Diesen logischen Bruch muss man im TV nicht aufklären – „versendet sich“ ist ein beliebter Spruch der Branche.

Es stimmt, dass der Durchschnittspreis für Wein in Deutschland erschreckend niedrig ist und 2021 bei 3,64 Euro lag.

Hendrik Thoma von Wein am Limit, einer der bekanntesten Händler in Deutschland (Disclaimer: auch der Händler meines Vertrauens), hat in seinem Blog im vergangenen Jahr eine Kostenanalyse veröffentlicht: 

Allerdings: Was dieser Durchschnittspreis von aktuell 3,64 für den Liter exakt enthält, ist ein wenig schwammig. So dürften sowohl die Glühwein-Tetrapacks gezählt werden, die Weihnachstmarktbeschicker kaufen, als auch Weineinkäufe von Gastronomen bei der Metro. Wenn die Kneipe Ihres Vertrauens Wein offeriert, bei dem zwar die Rebsorte vermerkt ist, jedoch nicht das Weingut, dann dürfen sie von der oben in der Grafik analysierten Preiskategorie ausgehen.

Was Böhmermann verschweigen muss, um seine Storyline nicht zu zerschießen: Die Deutschen geben immer mehr Geld für Wein aus. Während im vergangenen Jahr der Durchschnittspreis für einen Liter bei 3,64 Euro lag, betrug er vor sechs Jahren 3 Euro.

Über 20 Prozent mehr in 6 Jahren? Ups.

Aber natürlich darf Wein nicht nur teuer sein, er muss auch schlecht sein. Böhmermann spricht mehrfach von „industriellem Anbau“. Was soll das sein?

„Apfelsaft ist nie vegetarisch.“

Er fixiert er sich auf Vollernter, also Maschinen die Reben automatisch ernten. Vielleicht glaubt Böhmi auch, dass der von ihm so geliebte Grünkohl zärtlich von Hand gezupft wird.

Ne, wird er nicht. Dafür gibt es Vollernter wie den MK2100 von Ploeger – hier bei der Spinaternte:

Böhmermann ist eben ein Polizistensohn und kein Landkind. Deshalb schockiert es ihn auch so sehr, dass mal Ohrenkneifer mit in der Ernte landen – was beim Grünkohl nicht anders ist. Man nennt das: Natur. Ach ja: Äpfel werden übrigens wie geerntet? Genau mit einer Erntemaschine, bei der bestimmt kein Blatt mit abgerissen wird.

Vielleicht wäre es Böhmermann lieber, wenn Reben grundsätzlich von Hand geerntet würden. Das sollte er selber mal probieren, Erntehelfer werden Weingütern gesucht. Ich vermute aber mal, dass Böhmis Rücken schnell Auaaua macht, wenn er einige Stunden dieser absurd anstrengenden Tätigkeit nachgeht. Richtig gute Weingüter würden ihn aber gar nicht ranlassen – die brauchen nämlich Hilfskräfte, die auf Rebenbasis entscheiden, was wann geerntet wird (mehr zu diesem Thema im Interview mit der Chefin des Weingutes Bürklin-Wolf:

Kommen wir zur Verarbeitung im Weingut. Hier macht sich Böhmermann episch über die Filterung (und dem, was man Schönung nennt, er aber nicht erwähnt) des Weins per Gelatine und Fischblase lustig. Durch die Verbindung mit dem Vegetarismus lässt er es scheinen, als sie diese scheinbar eklige Methode ein Produkt des Industriezeitalter.

Ist sie nicht. Schon im 16. Jahrhundert wurden Fischblasen als Gelatine verwendet, im 18. Jahrhundert sogar als Pflasterbestandteil. Und was glaubt Böhmermann eigentlich, warum es klaren Apfelsaft und naturtrüben gibt? Unerwähnt bleibt: Das von ihm bevorzugte Bier wird mit den gleichen Methoden hergestellt. Es gibt inzwischen auch andere Methoden, die beispielsweise mit Schiefer arbeiten, Böhmermann hat die große Chance verpasst, kamerawirksam einen Stein abzulecken.

Problematisch ist dies natürlich für Hardcore-Veganer. Nur: Für sie gibt es ja veganen Wein. Wer aber glaubt, dass dafür kein Ohrenkneifer stirbt, für den kommt Strom auch aus der Steckdose.

Auch in Sachen Zusatzstoffe wirft Böhmermann alles zusammen – vom Pflanzenschutzmittel bis zur Reinzucht-/Aroma-Hefe. Ohne erstere ist der weiteste Teil der Landwirtschaft heute nicht mehr möglich – auch nicht beim Grünkohl. Bioanbau ist wunderbar, er ist aber für die Masse der Menschen nicht darstellbar.

Und die Aromahefen – sind halt Hefen. Ihnen wird auch kein Aroma zugesetzt, wie der Name vielleicht vermuten lässt. Es handelt sich um Züchtungen, die bei der Verwendung bestimmte Aromen im Wein hervorheben. Und sie können korrigieren – aber sie machen nicht aus Wasser einen Premier Cru.

Wer diese Zuchthefen als unnatürlich ansieht, muss das auch bei Zwergdackeln oder Perserkatzen tun, sind schließlich auch gezüchtet. Und Böhmermanns Grünkohl? Ist heutzutage auch ohne Frost genießbar, weil entsprechende Sorten gezüchtet wurden.

Schockierend: Schwefel stinkt

Kommen wir zum Schwefeldioxid, das Böhmermann anprangert. Klingt schrecklich. Nur gibt es erstmal keinen Wein, der keinen Schwefel enthält – denn der entsteht ohnehin bei der Fermentierung. Oder um es Mai-Thi Nguyen-Kim zu sagen: „Komisch, alles chemisch“.

Den meisten Weinen wird Schwefel zugesetzt, damit sie haltbar werden. Schwefel ist ein Allergen, allerdings ist eine Allergie gegen Schwefel selten. Andererseits: Haltbarmachung ist bei jedem Lebensmittel eben auch ein Umweltbeitrag – denn je länger etwas hält, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es weggeworfen wird.

Fun Fact: Auch die Behauptung (nicht von Böhmermann vorgetragen), man habe nach Wein Kopfschmerzen wegen des Schwefels bekommen, ist wissenschaftlich nicht belegt. It’s not the Schwefel, stupid, it’s the Menge.

Und, ja, Schwefel stinkt, was Böhmermann betont. Aber hat er schon mal an Bier im Fermentierungsprozess geschnuppert?

Übrigens: Auch beim Bierbrauen entsteht SO2 – würde aber die Story des Neo Magazin Royale kaputtmachen.

Einen Punkt hat Böhmermann beim Thema Flaschen. Ein Pfandsystem für Weinflaschen wäre wünschenswert. So zu tun, als gebe es Millionen verschiedener Flaschen ist aber albern – schließlich gibt es dies genauso im Bierbereich. Gleichzeitig arbeiten Winzer ja an neuen Lösungen – was Böhmermann natürlich verschweigen muss. So gibt es dünnwandige Flaschen und KEK (also mehrfach verwendbare Metallcontainer) für die Gastronomie gelten als nächster logischer Schritt.

Und: Ein Pfandsystem würde viele kleine Weinhändler dahinraffen, denn sie hätten nicht die Lager, um die zurückgegebenen Flaschen aufzubewahren. Im Sinne der Umwelt kann man das als Kollateralschaden ansehen, sollte sich aber nicht über verödende Innenstädte oder Stärkung von Großunternehmen mockieren.

Überhaupt Schritte: Die Weinherstellung verändert sich gerade drastisch. Noch vor wenigen Jahren war das Gros der Naturweine (die versuchen, wenig bis gar keinen Schwefel zuzusetzen oder auf Spontanvergärung setzen) schwer genießbar. Heute sieht das ganz anders aus: Eine junge Generation von Winzern tut spannende Dinge, wie zum Beispiel Sven Nieger:

Deren Arbeit kommt bei Böhmermann nicht vor. Er könnte sie ja für wenigstens 5,7 Sekunden thematisieren um die Situation, die er so scheinwütend kritisiert zu ändern. Er könnte eine positive Person aufbauen und so zum Kauf von Wein animieren, der ein paar Euro mehr kostet.

Könnte.

Wäre aber nicht witzig.

Stattdessen endet er mit den Worten:

„Ob Sie jetzt noch Weintrinken, ist mir scheißegal. Machen Sie mit den Informationen, was sie wollen.“

Aber auch das geht nicht ohne Framing:

„Juckt mich doch nicht, ob sie regelmäßig durch Schweineschwarten gefilterte Pestizidrebenrotze sich reinorgeln, in denen bis vor kurzem noch Stücke von zerhäckselten Ohrkneifertorsos zumgeschwommen sind.“

Das mit dem Wein ist also komplizierter, als es das ZDF Magazin Royale darzustellen bereit ist. Erst recht, wenn man die Weinbranche aus der Brille eines großstädtischen TV-Stars betrachtet, der anscheinend seit langer Zeit nicht mehr (wenn überhaupt) mal mit einem Landwirt gesprochen hat. Und der laut des Instagramm-Accounts Cellarschlampen 3000 (bei dem zumindest eine Person beteiligt ist, die mal bei Böhmermann gearbeitet hat) zu Partys Wein vom wahrlich nicht kleinen Produzenten Schneider mitbringt:

Muss er ja auch gar nicht selbst, dieses, wie hieß das neumodische Zeugs nochmal, ach ja: recherchieren. Könnte ja auch die „Redaktion“ oder die „Chefin vom Dienst“. Doch ist es auffällig, dass die Arbeit jener Personen quer über alle Sendungen hinweg maßgeblich  darin besteht, andere Medien zu zitieren. Und dabei suchen sie sich eben jene Informationen heraus, die zur Storyline und zum Witz passen.

Recherche wird dann ersetzt durch Beleidigung – und die waren in diesem Fall nicht mal kreativ, was auch der vergleichsweise ermatteten Reaktion des Publikums im Saal anzuhören ist.

Höchst problematisch aber sind die „Bild“-Methoden des ZDF Magazin Royale. Böhmermann et al. wissen, wie Geschichte erzählt werden müssen, um die eigenen Fans anzustacheln. Dazu gehört es zum Beispiel ein Banner in den Treibsand der eigenen Argumentation zu rammen. Das ist dann so wie bei einer Mittelalter-Schlacht mit dem königlichen Banner in der ersten Reihe: Alle dahinter – gut, alle davor – abschlachten.

Diese Banner sind bei ihm wahlweise das Hashtag der Woche (diesmal #ohrenkneiferschorle) oder die beleidigende Titulierung der zu kritisierenden Person, oder beides – wie im Fall von #Cyberclown.

Diese Methode des Framings entstammt ebenfalls dem Boulevardbereich und sie umgibt der Gestank von Menscheinfeindlichkeit und Verachtung. Aber die gedankliche Argumentation ist simpel: Die oder der Kritisierte ist ja das Böse, somit kein Mensch, weshalb Menschenwürde keine zu beachtende Kategorie ist.

Dieses Vorgehen ist aus meiner Sicht eine Gefahr für die Gesellschaft. Denn sie erzeugt das Gefühl, dass alles unkontrollierbar und unabänderbar schlecht ist. Es gibt keinen Ausweg, es bleiben nur Beleidigung, Verachtung und Wut – und die darf sich gegen Cyberclowns und Weinmillionäre richten. Böhmermanns (fast) letzter Satz: „An den Umständen können Sie sowieso nichts ändern.“

Nicht anders reden, denken und arbeiten Querdenker, Verschwörungsschwurbler und Rechtsradikale.

Das ZDF Magazin Royale ist nicht das einzige Medienprodukt, das so agiert. Allen voran ist dies die Vorgehensweise des Axel Springer Konzerns, egal ob bei „Bild“, „Welt“ oder „Business Insider“. Doch auch andere Redaktionen tragen dazu bei, wenn sie inflationär von „Chaos“ schreiben, fragen wie „irre“ etwas ist oder dass eine Entwicklung „Wahnsinn“ sei.

Jener Thread zur angeblichen Russen-Hack-Affäre, den ich oben schon eingebettet habe, endet übrigens bemerkenswert. Denn die Redaktion zieht sich auf eine sehr bequeme Position zurück:

Ach! Das ZDF Magazin Royale ist nur Satire?

Vielleicht sollte es aufhören seinen ZuschauerInnen in Enkeltrick-Manier vorzutäuschen, es sei mehr.

Hashtag der Woche: #SchusterLeisten

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Der mittelgroße Verlag in der Mitte der Hauptstadt https://www.indiskretionehrensache.de/2022/10/der-mittelgrosse-verlag-in-der-mitte-der-hauptstadt/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/10/der-mittelgrosse-verlag-in-der-mitte-der-hauptstadt/#comments Thu, 06 Oct 2022 11:28:53 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=18007 Im mittelgroßen Verlag in der Mitte der Hauptstadt geschehen unfassbare Dinge. Und mir wurde exklusives Videomaterial zu den Geschehnissen zugespielt.

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Ich soll Sie, liebe Leserinnen und Leser, zumindest jene von Ihnen, die schon seit langer Zeit hier vorbeischauen, herzlich grüßen: von Tanja-Anja.

Von 2005 bis 2011 war sie eine der Hauptdarstellerinnen jener Seifenoper „Die kleine PR-Agentur am Rande der Stadt“, in der hier reale PR-Aktionen mit fiktionalen Charakteren erzählt wurde. Tanja-Anja jedenfalls ist heute dreifache Mutter in Hilden und ist verheiratet mit Polia, der bulgarischen Sekretärin jener Agentur.

Doch sie freut sich sehr, dass es nun Nachfolger für Sie und ihre Ex-KollegInnen gibt. Die sitzen im Herzen Berlins und arbeiten auf der anderen Seite von Tanja-Anjas alter Branche – den Medien.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, immer direkt erfahren möchten, was im mittelgroßen Verlag in der Mitte der Hauptstadt passiert, dann abonnieren Sie mich gerne auf Tiktok. 

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Wie „Die Zeit“ die Zeit ihrer LeserInnen und AutorInnen verschwendet https://www.indiskretionehrensache.de/2022/09/die-zeit-harry-meghan/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/09/die-zeit-harry-meghan/#comments Tue, 06 Sep 2022 16:25:43 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=17973 Im Journalismus ist viel Geweine um Arbeitsdruck und Refinanzierung. Warum verschwenden dann Medien wie "Die Zeit" ihre Ressourcen für hirnentleerte Beschimpfungen?

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Kürzlich hörte ich „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mal wieder von der Großartigkeit seines Wochenblattes salbadern. Zitieren darf ich ihn nicht, die Veranstaltung unterlag den „Chatham House Rules“ die besagen, dass ZuhörerInnen nicht zitieren dürfen – ein derzeit gern gewähltes Mittel von Menschen, die nicht zu dem stehen wollen, was sie von sich geben. Das ist bei di Lorenzo natürlich schade, denn seine an Satire grenzenden Elogen würden viel Stoff hergeben für unterhaltsame Texte.

Die „Zeit“, pardon, „Die Zeit“jedenfalls behauptet von sich, grandioser Journalismus zu sein.

Wo das Problem bei dieser Behauptung liegt, zeigt eine „Glosse“ von Yasmine M’Barek, die heute erschien. Die Glosse, so haben wir in der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten gelernt, ist die schwerste Stilform des Journalismus, sie sollte mit leichter Klinge geschrieben werden, um dann auf eine Pointe hinzuleiten. Vielleicht wird das anderswo anders gelehrt, zum Beispiel, dass statt eines Floretts ein mit Stacheldraht bewehrter Baseball-Schläger vom Sperrmüll gewählt werden sollte.

Eigentlich wäre dieser Text keiner Erwähnung wert, doch steht er für mich sinnbildlich für das, was im deutschen Journalismus derzeit schief läuft.

Überschrieben ist das Machwerk mit „Warum zur Hölle Düsseldorf?“ und bei dieser Frage bin ich ja irgendwo noch bei ihr. Ich lebe seit 1995 hier, bin aber definitiv kein Lokalpatriot. Hätte es die Liebe nicht ergeben, wäre ich Anfang der Nuller Jahre nach Köln gezogen.

Der Vorspann lautet:

„Harry und Meghan besuchen Düsseldorf. Vor der betongrauen Kulisse dieser Möchtegernstadt tritt die zunehmende Irrelevanz des Paares allzu deutlich zum Vorschein.“

Wir kommen noch darauf zurück, wissen aber nun worum es gehen soll. Der erste Satz:

„Zu Beginn eine kurze, objektive Beschreibung von Düsseldorf: Düsseldorf ist ein zusammengewürfelter Betonkrater inmitten von Nordrhein-Westfalen.“

Äh… Nein. Man könnte diese Beschreibung für Teile von Gelsenkirchen, Duisburg oder Bochum wählen. Aber Düsseldorf? Das ist schlicht Schwachfug.

Wir merken aber, worauf es M’Barek ankommt. Nicht auf irgendwas wie Journalismus, sondern auf das, was sie witzig findet. Fakten? Völlig überschätzt, wie der nächste Satz zeigt:

„Zu den Sehenswürdigkeiten gehören die Königsallee, eine Art billiger Berliner Kurfürstendamm, und der Landtag, der einem öden Versicherungsgebäude gleicht…“

Keine Ahnung, wann die Reisekosten der „Zeit“ das letzte Mal für einen Besuch des leider heruntergekommenen Ku-Damms gereicht haben. Die Kö aber war über lange Zeit die dichteste Konzentration von Luxusmarken in Europa. Derzeit stehen dort, sollte der Opernstandort gehalten werden, Bauinvestitionen von drei Milliarden Euro an, hier findet sich die einzige Deutschland-Filiale des Juweliers Harry Winston, der „Breidenbacher Hof“ zählt zu den besten Hotels Deutschlands.

Und der Landtag? Ist wirklich nicht schön – jedoch niemand würde ihn auswärtigen Besuchern als Sehenswürdigkeit anpreisen.

Aber Düsseldorf darf in diesem Text nicht auch nur einen Hauch OK werden, denn es geht ja darum noch zwei Menschen niederzumachen: „Harry und Meghan“ – ja, die Zeit, da „Die Zeit“ so viel Respekt vor Menschen hatte, dass sie deren Namen wenigstens einmal vollständig schrieb, sind definitiv überwunden. „Harry und Meghan“, also, die kommen doch, manfasstesnichtesistunglaublich, in „dieses Dorf, wie ja schon der Name verrät, das glaubt, es sei für Größeres bestimmt, und sich deshalb zur Großstadt hochgelogen hat.“

Witze mit Namen sind bei Städten genauso humorvoll wie bei Personen. Dieses Dorf wächst übrigens kontinuierlich und zeichnet sich durch die größte asiatische Community in Deutschland aus. Teenager aus ganz NRW kommen Samstags in dieses unbedeutende Dorf um Ramen, Banh Mi oder Sushi zu konsumieren die es hier, so viel kulinarischer Sachverstand sei mir angesichts meiner Hobbys in diesem Feld gestattet, in einer Qualität gibt, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

Lesen wir weiter:

„Man mag gar nicht erst rationale Gründe für den dortigen Besuch hören wollen…“

Dass die Autorin es mit Ratio nicht so hat, ist dem Leser inzwischen auch recht klar.

„…denn schon das Bild von Meghan in Cremefarben, Harry in Slacks und Lackschuhen, inmitten dieser flach gebauten Stadt und ihrer charmelosen Kühle, schmerzt irgendwie..“

Nicht einmal für Basiswissen in Sachen Mode reicht es hier. Lackschuhe zu Hosen mit weitem Bund? Das wäre tatsächlich ein schmerzhaftes Bild.

Aber wieso eigentlich schmerzhaft? Oben war das Paar noch – ich zitiere: „irrelevant“.

Es ist ein Bild, das sich die Autorin nicht selbst angeschaut hat. Denn natürlich schreibt heute niemand mehr über etwas, zu dem er oder sie reist. Recherche? Stimmung aufnehmen? Zahlt keine Redaktionskasse mehr, nicht mal „Die Zeit“, der es laut ihres Chefredakteurs so blühend gut geht. Auch Jasmin M’Barek muss es reichen, sich aus dem Home Office oder der Großredaktionsstube (vielleicht ja auch aus einem Café) auszukotzen.

Nun gut. Aber warum sind die beiden den nun hier? Erst spät rückt M’Barek fast widerwillig erscheinend mit dem Grund heraus: 2023 werden die Invictus Games in Düsseldorf stattfinden, ein sportlicher Wettstreit versehrter Soldaten, den Harry, Duke of Sussex, mit ins Leben gerufen hat.

Wichtigster Veranstaltungsort ist dabei das Düsseldorfer Stadion – was M’Barek noch kotziger werden lässt. Die Arena sei „der Endgegner jedes Vorhabens, das sich mit Ruhm bekleckern will. Hier fließen die Tränen irrelevanter Fortuna-Fans, die graue, kastige Form lässt das Stadion wie einen verlassenen Plattenbau der 80er Jahre wirken.“

Es muss wirklich schwer sein, M’Barek irgendwas recht zu machen. Über das Äußere der Arena kann man streiten. Ist man einmal im Innenraum ist es jedoch eines der zuschauerfreundlichsten Stadien dieser Größe in Deutschland und deshalb auch EM-Spielort 2024.

Was aber soll das Giften gegen Fortuna-Fans? Laut „Kicker“ hat die Fortuna aktuell mit über 22.000 Besuchern den achthöchsten Zuschauerschnitt der zweiten Liga, nur 11 Erstligisten haben signifikant mehr. Und die Stimmung ist alle andere als tote Hose.

Obwohl Meghan Markle und Harry, Duke of Sussex, ja „irrelevant“ (Zitat Yasmine M’Barek) sind, rät Yasmine M’Barek ihnen also von Düsseldorf ab:

„Sie müssen verdammt aufpassen, denn ihre hart erarbeitete ikonische Wirkung, alles, was sie sich mühevoll außerhalb des Buckingham Palace aufgebaut haben, droht, vor den Grautönen der historisch irrelevantesten Großstadt NRWs in sich zusammenzufallen.“

Ja, was denn nun? Irrelevant oder ikonisch? Scheiß der Hund drauf, die Stringenz des Textes liegt schon seit dem ersten Satz hysterisch heulend unter dem Homeoffice-Sofa.

Nun soll das ja eine Glosse sein und der Konjunktiv ist, Sie merken es schon, angebracht. Wie also lautet die Schlusspointe?

„Im Namen aller Rheinländer kann man für die Sussexes nur hoffen, dass die Sonne heute in Düsseldorf besonders hell scheint. Aber wir haben sie ja gewarnt.“

Ja.

Gut.

Da mag es sicher den einen oder die andere geben, die da schmunzeln und nicht gleichzeitig mit Yasmine M’Barek verwandt sind. Immerhin konsequent, dass die Autorin mit einem Pluralis Majestatis schließt – schließlich trieft ihr Text vor Selbtgefälligkeit.

Mich erinnert das eine Anekdote unseres Journalistenschulleiters Prof. Ferdinand Simoneit und die geht so:

Nachts brennt noch Licht im Büro des Chefredakteurs der kleinen schwarzwälder Lokalzeitung. Energisch tippt er in die Schreibmaschine, reicht den Text weiter zum Druck. Und dann geht er heim, reibt sich dabei die Hände und sagt. „Dem Kanzler hab ich’s mal wieder richtig gezeigt.“ 

Vielleicht glaubt auch M’Barek dass sie es Düsseldorf, Harry, Meghan, der Fortuna, egal wem auch mal wieder „richtig gezeigt“ hat ohne zu realisieren, wie kleingeistig solch eine Haltung ist, wenn man Mitarbeiterin eines renommierten Organs ist?

Mir liegt es fern, Düsseldorf oder die Fortuna oder die Arena verteidigen zu wollen. Vielmehr machen mich solche Texte wütend, weil für sie Geld verlangt wird. Auch di Lorenzo weint ja in Talkshow-Kissen, geht es um die Refinanzierung des Journalismus.

Dieser Text aber hat null Recherche, null Informationen – und noch nicht mal eine Unterhaltungsfallhöhe. Er ist der wütende, blöde, hirnbefreite Text einer Autorin, der ich nicht unterstellen möchte, dass sie diesen Scheiß – und nichts anderes ist das hier – geschrieben hat, weil sie dies auf der „Zeit“-Homepage als ihre Herkunft angibt:

Nun ist Yasmine M’Barek nicht irgendwer. Das „Medium Magazin“ hat sie 2020 in die Liste der „Top 30 unter 30“ aufgenommen, womit sie eine der Nachwuchshoffnungen der Branche ist. Dafür wird es sicher Gründe geben. Und die Zeit dieser Nachwuchshoffnung wird nun verbraten mit einem sinnbefreiten, schlicht dummen Text. Selbst wenn M’Barek schnell tippt, sollte dieser Text 73 Minuten gekostet haben, dann wurde er noch von einem zu bemitleidenden Kollegen oder einer nicht minder in den Arm zu nehmenden Kollegin gegengelesen.

Solche Texte sind es auch, die Menschen verärgern. Man kann sich ja über all das lustig machen. Nur ist der Text eben so lustig wie eine eitrige Mandelentzündung. Die Autorin gibt sich keine Mühe, eine Pointe aufzubauen, kreativ mit Worten zu spielen oder den Leser auf eine Reise zu nehmen.

Sie kotzt und kotzt und kotzt.

Solch ein Werk braucht keine journalistische Ausbildung, kein Volontariat, kein Studium – so etwas kann jeder schreiben, der halbwegs sprachgewandt ist. Und natürlich liegt der Gedanke nahe: Wenn das „Top 30 unter 30“ ist – dann ist der Journalismus fucked.

Warum niemand, keine Kollegas und keine Chefs gesagt haben: „Hey, Du, Yasmine, lass man, ist nicht Dein stärkstes Stück“ – ein Rätsel.

Und das ist der Grund, warum mich solch ein Stück Jauche wütend macht. Wir brauchen Journalismus – doch die Journalisten verschwenden ihre Zeit und die ihrer Kollegen mit solch einem billigen Geschmiere. Und kein Vorgesetzter, keine Vorgesetzte nimmt Einfluss – es wird einfach rausgehauen.

Und zum Abschluss ein paar Bilder von „Harry und Megan“ im „Betonkrater“ Düsseldorf (Fotos: Invictus Games).:

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Nepper, Schlepper, Social Seller und Attention Hacker https://www.indiskretionehrensache.de/2022/08/social-selling-attention-hacking/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/08/social-selling-attention-hacking/#comments Mon, 22 Aug 2022 13:23:22 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=17945 Derzeit grassiert im Digitalmarketing eine Unprofession namens "Social Sellling", gepaart mit "Attention Hacking". Faktisch aber geht es nur darum, Menschen über den Tisch zu ziehen.

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Im digitalen Raum laufen sehr viele Figuren herum die versuchen, aus der digitalen Rückständigkeit Umsätze herauszuholen. Viele von ihnen sind One Man-Shows und mit donnernden Begriffen auf LinkedIn unterwegs.

Mit einem dieser Exemplare bin ich heute kollidiert.

Im Mitteilungsbereich von LinkedIn sah ich, dass mich eine mir nicht bekannte Person – nennen wir sie Kevin – in einem Posting gegtaggt hatte. In diesem Posting hatte sie die Ergebnisse des ZDnet-Reports in Stichpunkten zusammengefasst.

Das Posting enthält eine Grafik von überschaubarer Schönheit – aber im Branding von Kevin. Der Artikel, auf dem seine Ausführungen beruhen, wird im Posting selbst nicht verlinkt, sondern in einem Kommentar von Kevin erwähnt.

Am Ende des Postings folgt dann die Einbeziehung von 14 Personen, darunter ich mit dem liebevollen Hinweis „CC“.

Hinweis: Mein Name ist nicht blau hinterlegt, weil ich die Markierung schon entfernt hatte, als ich den Screenshot anfertigte. 

Warum macht Kevin das so?

Die Disziplinen, die er seiner Agentur zuschreibt sind „Social Selling & Attention Hacking“, was er selbst in seinem Profil in Anführungszeichen setzt. Diese Vokabeln sind gerade sehr en vogue und werden gerne missbraucht. Deshalb ein Definitionsversuch, damit wir alle über das Gleiche reden:

Social Selling: Die Verwendung von Social Media, um eine KundInnenbeziehung aufzubauen, die dann in Umsatz münden soll. 

Attention Hacking: Growth Hacking dient dazu, sehr kosteneffizient Bekanntheit oder Kundenbasis zu erweitern, indem digitale Technologien ein Stück weit ausgetrickst werden. Attention Hacking hat als kleine Schwester des Growth Hacking das Ziel, mit einem vergleichbaren Instrumentarium Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Nun bin ich kein Freund der Weisheit, dass nichts ist, was nichts kostet. Im Bereich von Social Selling und Attention Hacking entbehrt diese Behauptung jedoch nicht völlig der Wahrheit. Die Kompetenz derjenigen, die diese „Leistung“ offerieren liegt darin, die Mechaniken digitaler Plattformen zu manipulieren.

Hier passiert dies auf mehreren Wegen. LinkedIn fördert originäre Inhalte, die NutzerInnen auf der Seite halten. Deshalb arbeitet Kevin mit dem Folgenden:

  • LinkedIn bevorzugt Postings, in denen Personen oder Unternehmensseiten markiert werden.
  • Der Algorithmus mag dagegen Link-Postings weniger gern – deshalb wandert der Link in die Kommentare.
  • Bild-Postings dagegen werden wieder mit Reichweite belohnt.
  • Hashtags gibt es auch jede Menge – hier allerdings rät LinkedIn eigentlich davon ab, sie in so hoher Zahl
  • Was er anscheinend nicht weiß: Kommentiert der Autor eines Postings zuerst (also zum Beispiel mit jenem Link), wird die Reichweite vom Algorithmus gesenkt.

Bei keinem dieser Punkte steht das Interesse des Publikums im Zentrum.

Denn wenn Kevin dies in Erwägung zöge, würde er es einfach machen, den dahinter liegenden Artikel zu finden. Ihn in den Kommentar zu packen hat ja die Folge, dass er sehr schnell nicht mehr als erster Kommentar angezeigt wird, da LinkedIn die Reaktionen in der Grundeinstellung nach „Relevanz“ lstet. i

Und natürlich würde Kevin nur jene Personen markieren, von denen er annimmt, dass sie absolut sicher Interesse an dem Thema haben – wobei es die Höflichkeit eher gebieten würde, diese Personen persönlich anzuschreiben und Ihnen den Artikel nahezulegen.

In der Blase der Social Seller und Growt Hacker aber kursiert der Glaube, dass dieses intellektuell… nun ja… platte und definitiv unhöfliche Gebaren keine Folgen habe. Deshalb kontaktieren sie haufenweise Menschen auf LinkedIn mit hirnentleerten Formulierungen wie „Ich habe gesehen, dass wir ähnliche Interessen haben“ oder „Wir haben gemeinsame Kontakte“.

Wer so vorgeht, den halte ich für eine Person auf dem geistigen Niveau eines ausgetrockneten Kopfsalatblattes. Ich nehme keine Anfragen solcher Figuren an, gern blockiere ich sie, definitiv sollten sie sich aber nicht mehr in meine Nähe wagen. Denn jeder der rund 4.400 Menschen, die mir auf LinkedIn folgen, nur einmal im Jahr solch ein Tagging oder Messaging versuchen würde, wären das mehr als 10 am Tag – diese Gemüsehirne verschwenden meine Zeit.

Weshalb ich bei Kevin auch einen wenig galanten Kommentar hinterließ (darunter sehen Sie den Link zum Artikel, aus dem Kevins Informationen stammten):

Immerhin zeigte sich: Kevin hat Selbstbewusstsein – denn er schickte mir Mail in der Tonalität billiger Tschacka-Vertriebsschulungen mit dem Betreff „Wow.“ und unter anderem diesem Satz: „Neid und Missgunst geben mir Energie für den nächsten Kunden.“

Ich antwortete ihm gekürzt das, was Sie oben schon gelesen haben, worauf er noch unhöflicher antwortete und sich beschwerte, dass ich nicht mal gefragt hätte, ob das Tagging ein Versehen gewesen wäre. Also, ein Versehen, für das er sich nicht entschuldigt und das er auch nicht zugibt? Das fällt dann schon unter Beleidigung der Adressaten-Intelligenz.

Nun ja, so ist das eben in dieser Branche. Denn ehrlich gesagt ist mir noch niemand begegnet, der seriös arbeitet, wenn er diese Begrifflichkeiten verwendet. Social Selling ist der schmierige Halbbruder von Social Media Marketing, Attention Hacking hat den alten Leitsatz „Egal watte schreibs, schreib meinen Namen richtig“ über dem virtuellen Kamin hängen– wer dieses Geschäft betriebt, gibt Hardcore-Vertrieb hin, so wie einst die Verkäufer von Gemüsereiben in der Fußgängerzone.

Echtes Marketing und nachhaltige Kundenbeziehungen entstehen nicht schnell und sie entstehen nicht billig. Wer Kunden mehr als fünf Minuten bei sich haben möchte, der muss investieren und das kostet Geld und/oder Zeit.

Das Leben ist kein Ponyhof. War es nie und wird es auch niemals sein.

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Disruption ist keine heiße Luft – das zeigt der deutsche Biermarkt https://www.indiskretionehrensache.de/2022/08/biermarkt-disruption/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/08/biermarkt-disruption/#comments Tue, 16 Aug 2022 13:17:30 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=17907 Den deutschen Brauern geht es schlecht. Doch es ist eine Krise mit Ansage: Denn schon länger ist klar, dass sich der Biermarkt in einer Disruptionssituation befindet. Mehr noch: Er ist ein Musterbeispiel für Disruption.

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Vor rund acht Jahren sprach ich mit einem hochrangigen Entscheider eines großen deutschen Bierherstellers über den Markt in Deutschland und das Thema Craft Beer. Letzteres sei überhaupt kein Problem, sagte er. Sein Haus habe ja eine eigene Craft-artige Marke gestartet und außerdem würden die kleinen Handwerksbrauereien „nie so groß wie wir.“

Ich antwortete ungefähr: „Genau das ist das Problem – das wollen die auch gar nicht. Und ich glaube, in zehn Jahren werden Sie das anders sehen.“

Spulen wir vor ins Jahr 2022.

Der deutsche Brauerbund betitelt seine Pressemitteilung „Erneut massive Verluste für deutsche Brauwirtschaft“, der Bierkonsum in Deutschland ist auf einem historischen Tief und der geschätzte Media-Doyen Thomas Koch schreibt in seiner „Wirtschaftswoche“-Kolumne: „Die Absatzeinbrüche im Biermarkt sind historisch. Lösungen haben weder Marketing noch Vertrieb. Wir erleben das Einbrechen einer Branche – und zugleich das Versagen der Marketing-Experten.“

Natürlich wurde die Situation durch die Corona-Pandemie beschleunigt – denn die Gastronomieschließungen sorgten für erhebliche Einnahmeneinbußen. Doch das machte nur offensichtlich, was sich seit Jahren anbahnt: Die deutsche Brau-Branche ist vorhersehbar in eine  Disruptionssituation geschlittert.

Disruption? Ist das nicht nur so ein Buzzword? Nö. Dahinter steckt dahinter eine Theorie des leider zu früh verstorbenen BWL-Professors Clayton Christensen von der Uni Harvard. Aufgrund empirischer Daten entwarf Christensen die Idee „disruptiver Innovationen“, die in überraschender Geschwindigkeit scheinbar stabile Branchen oder Märkte destabilisieren können.

Sehr platt gesagt lautet seine Theorie: Fortschritt kann dazu führen, dass in einem Markt neue, kleine Wettbewerber auftauchen, die manchmal nur in einem Punkt – zum Beispiel Kommunikation, Preis oder Qualität – besser sind als die angestammten Anbieter. Die Großen unterschätzen dann gerne die Kleinen. Was sie nicht realisieren: Schon wenige Prozentpunkte Umsatzverlust bedeuten für die Kleinen einen großen Gewinn. Die Großen aber können es sich aufgrund ihrer Konstruktion nicht leisten, diese wenigen Prozentpunkte zu verlieren. Oft beginnen sie dann zu sparen und begeben sich in eine Abwärtsspirale, die den neuen Rivalen weiter hilft.

Womit wir beim Bier wären.

Fernsehbiere: austauschbar und rabattgetrieben

Die deutschen Brauereien haben sich über Jahrzehnte in Sicherheit gewogen. Die „Fernseh-Biere“ (Veltins, Warsteiner, Jever, Becks, Bitburger, Krombacher, König) produzierten ästhetische Bildwelten und investierten in Fußball-Sponsoring.

Was niemand offen eingestehen mag: All das hat wenig bis gar nichts gebracht, wie etliche Statistiken zeigen. Werden VerbraucherInnen nach ihren Lieblingsbieren gefragt, ergibt sich ein beunruhigendes Bild: keine Marke dominiert, die einzelnen Marken kommen auf Werte von unter 10%. Vor allem aber: Von den rund 60% der Befragten, die Bier tranken, sagten über die Hälfte, dass ihr Favorit ein anderes als der genannten Biere ist.

Eines der verschwiegenen Geheimnisse der Braubranche ist außerdem die Abhängigkeit von Rabatten. Denn: Bier ist eine verwurzelte Angelegenheit.

Daheim trinken die meisten Menschen zunächst einmal das Bier aus der Region, die sie mit „Heimat“ identifizieren. Das zeigt auch die Suche nach Biermarken: Keine schafft es, sich außerhalb der eigenen Region eine Dominanz bei Google Trends zu erarbeiten.

Brauer wissen, dass es eine Option gibt, das zu ändern: Sonderangebote. Es gibt eine signifikant große Klientel, die für Rabatte ansprechbar ist.

Der Grund ist natürlich die Uniformität des Produktes, wie uns BWL- und VWL-Studierenden in Münster der geschätzte Marketing-Prof Klaus Backhaus vor Augen führte. Zu seinem Repertoire gehörte eine Bier-Blindverkostung, zu dee er Studierende auf die Bühne bat, die von sich selbst behaupteten, Ahnung von Bier zu haben. Ergebnis Jahr für Jahr für Jahr: eine minimale Zahl von Treffern, nicht mal Alt erkannten die ProbandInnen.

Und wenn ein Jever nun mal nicht signifikant anders schmeckt als ein Krombacher oder Warsteiner, kauft der Kunde halt das Günstigste. Von Oettinger und Paderborner hält ihn oder sie letztlich nur das Image der Discount-Marken ab.

Natürlich ist das Reinheitsgebot in diesem Zusammenhang einer der größten Branchenfehler. Es spielt zwar eine Bekömmlichkeit und Natürlichkeit vor, macht aber Experimente mit Bieren, die in anderen Ländern Alltag sind, unmöglich.

In der Gastronomie ist der Zusammenhang zwischen Regionalität und Austauschbarkeit ähnlich. Dazu sei angefügt, dass Brauereiverträge mit Gastronomen ja keine klassische Lieferantenbeziehung darstellen. Es gibt Goodies wie Sonnenschirme für die Restaurant-Terrasse oder sogar Darlehen für die Lokal-Ausstattung, alles nur um die exklusive Biermarke zu sein.

Zunächst trinken die Gäste einer Kneipe oder eines Restaurants das, was da ist – und das ist oft das lokale Bier, weil örtliche Brauereien ihren Stammmarkt abdecken wollen. Niemand aber trifft sich mit seinen Freunden nicht in der Kneipe, die er ansonsten schön und angenehm findet, weil es dort Warsteiner oder Bitburger gibt, das Bier ist Nebensache.

Drei Meteoriten für die Brausaurier

In diese Gesamtsituation des Marktes knallen nun gleich drei Meteoriten, die Saurier zu zerschlagen.

Zum einen die großen, internationalen Biere mit ihrer viel cooleren Kommunikation. Während die deutschen Biermarken Bildwelten erzeugen, die vor dem inneren Auge der Trinkenden stattfinden sollen – also perfektes Perlen, Wald, Segelschiffe oder Strand –, richtet sich Heineken auf das, was in der Außenwelt passiert: coole Bars oder lang arbeitende Büromenschen. Bei den deutschen Marken gilt es, die Augen zu schließen, bei Heineken, sie aufzureißen. Die deutschen bauen Traumwelten auf, Heineken macht die Realität unterhaltsamer.

Der andere Meteorit, besser ein Hagel aus Gesteinsbrocken: Craft Biere.

Zu jenem Entscheider sagte ich ja, dass er recht habe, wenn er glaubt, dass die jungen Wettbewerber nicht so groß werden wie sein Arbeitgeber. Aber da ist der Haken: Sie wollen das auch gar nicht.

Die Craft-Brauer wollen ein profitables Geschäft auf die Beine stellen und die Qualität produzieren, von der sie glauben, dass die Welt sie braucht – ähnlich wie sehr viele Winzer. Somit müssen sie sich nicht mit Herausforderungen herumschlagen, die große Anbieter haben: die Finanzierung von Wachstum, harte Verhandlungen mit dem Handel, hohe Fixkosten.

Gäbe es nur ein, zwei drei Craft-Brauer in Deutschland, die Gelassenheit der angestammten Anbieter wäre gerechtfertigt. Nur wurde Bierbrauen durch neue Technologie demokratisiert: Im Extremfall kann heute jeder im Wohnzimmer selbst Bier herstellen, 2019 verkaufte Aldi Süd ein Brauset für 40 Euro. So entstand eine Situation, die Verlage aus der Blütezeit des Bloggens kennen: Mit einem Mal kann jeder so was machen wie sie – wie damit umgehen?

Noch dazu treten die Neuen entspannter, zeitgeistiger und sympathischer auf, als die Alten. Denn Warsteiner glaubt eben auch den 68-jährigen Stammtrinker in Kattenvenne ansprechen zu müssen – Brlo, Brauquadrat oder Schwarze Rose können sich erlauben, spitzere Zielgruppen intensiv zu bespielen.

Diese zeitgemäße Ansprache machte Menschen im ersten Schritt neugierig. Dann aber merkten viele, dass jene Biere anders und oft auch besser schmeckten als die deutschen Massenbiere. Und dass in einem Craft Beer-Shop eine solch individuelle Beratung stattfindet, wie im Weinladen. Natürlich wollen das nicht jene, die in der Alkoholbranche als „Wirkungstrinker“ bezeichnet werden, sondern jene mit einem Gefühl für Image oder für Genuss – und die sind oft zahlungskräftiger und -freudiger.

Wie groß die im Hintergrund schwelende Lust auf anderes als Standardbier ist, zeigt der Erfolg von kleinen Traditionsbrauereien, die nun über ihre Stammregion hinaus vertrieben werden. Das Helle von Tegernseer hat den Markt bereitet für andere Helle – auch, weil die Brauerei immer wieder Lieferschwierigkeiten hat. Ein anderes Beispiel ist der Erfolg des Tannenzäpfle aus der Staatsbrauerei Rothaus: Mancher gesteht ihm eine besondere Qualität zu, einfach weil es handgemacht wirkt (aber bei einem Blindtest – glaube ich – nicht wirklich punkten könnte).

Sprich: Den angestammten Marken entzieht der Craft Bier-Markt quantitativ hinnehmbar viele Käufer – qualitativ aber jene, die weniger affin gegenüber Sonderangeboten sind. Somit sinkt die Preisbereitschaft insgesamt und die Fernsehbiere rutschen in einen Preiswettbewerb mit den Billig-Anbietern wie Paderborner oder Oettinger.

Auftritt des dritten Meteoriten: die Corona Pandemie.

Sie beschleunigte die Entwicklung im Biermarkt auf zwei Ebenen. Zum einen schlitterten die großen Brauer in Probleme, weil ihr Gastronomiegeschäft – das 2019 18% der Umsätze ausmachte – zusammenbrach.

Gleichzeitig nahm eine Entwicklung in Deutschland an Fahrt auf, die schon vor der Pandemie langsam begonnen hatte: ein großer Teil der Menschen legt mehr Wert auf die Qualität des Essens.

Wie sehr dies schon Allgemeingut ist, realisierte ich jüngst beim Besuch der Rheinkirmes in Düsseldorf für unseren Podcast Völlerei & Leberschmerz: Ein großer Teil der Futterstände betonte in irgendeiner Art und Weise Qualität –  nachzuhören in jeder Podcast-App oder hier:

Besonders bemerkenswert fand ich das Schild an einem Backfischstand:

Denn die Familie Kuhlmann setzt nicht nur voraus, dass Besucher der größten Kirmes am Rhein wissen, was ein Pangasius ist – sie gehen auch davon aus, dass die eher niedrige Qualitätsstufe des Fisches bekannt ist.

In der Pandemie haben viele Menschen sich koch-, back- und esstechnisch fortgebildet. Wir alle kennen die Geschichten der NeubäckerInnen, andere nutzten Liefer- und Abholmenüs, um zum ersten Mal Kontakt zur Sterne-Gastronomie aufzunehmen. Hinzu kommt der steigende Anteil an Veganern und Vegetariern, die sich im Handel wie in der Gastronomie ständig fragen müssen, ob sie ein bestimmtes Essen mit ihrem Ernährungsstil kompatibel ist

Deshalb zählt auch die Weinbranche im Gegensatz zu den Brauereien zu den Gewinnern der Pandemie. Sie adressiert Qualität aus ihrer Historie heraus, Themen wie Biodynamie oder Veganismus   werden schon länger offen diskutiert.

Und in Sachen Gastronomie hat es zwar viele Standorte hinweggerafft – gefühlt aber macht alle fünf Minuten eine Weinbar auf. Deren Betreiber klagen recht selten, im Gegenteil. Nachzuhören ist das auch bei Deutschlands Weinpodcast Nummer 1 „Terroir und Adiletten“:

Das liegt natürlich auch daran, dass die Kommunikation in Weinbars anders verläuft als in der biergetriebenen Gastronomie. In einer Weinbar entsteht über die höhere Auswahl an Produkten ein anderer, beratungsgetriebener Kontakt und dadurch auch eine andere Bindung zwischen Gast und Lokalität. In Sachen Bier ist das nicht nötig – denn die Auswahl ist ja praktisch nicht vorhanden. Der Gast lässt sich nicht beraten, er bestellt. Auch hier hat die Bierbranche also einen strategischen Fehler begangen, indem sie die Auswahl beschnitt. Dass es anders geht, zeigen ja Pubs in Großbritannien: Sie haben mehr Auswahl und sofort entsteht eine andere Form von Kommunikation.

Wer das nicht glaubt, dem lege ich nicht nur das neue „Rheinton 2.0″ in Düsseldorf ans Herz, sondern auch die „Bar Freundschaft“ in Berlin-Mitte, in der Terroir-Adiletten-Podcaster Willi Schlögel ein Gastwirt alter Schule ist und versucht, zu jedem Kontakt aufzubauen, der die „Freundschaft“ betritt – für mich einer der ganz großen Gastgeber des Landes.

Diese drei Meteoriten – internationale Marken, Craft Brauer und die Pandemie – haben die deutschen Brauer in eine klassische Disruptionssituation gebracht.

Können sie sich daraus lösen?

Aus TV-Bieren müssen Internet-Biere werden

Theoretisch ginge das. Aber wie so oft bei Unternehmen, in solchen Lagen, stellt sich die Frage: Sind sie dafür noch flexibel und änderungsbereit genug?

An einem Punkt arbeiten sie bereits: Auch die Fernsehbiere haben ihr Angebot erweitert. Die einen starten historisch anmutenden Submarken, andere Craftbeer-like Linien. Zeitgemäß wirken sie dabei eher selten. Eher kommen die einen daher wie eine westmünsterländische Kneipe, in der seit den 70ern nur mal gestrichen wurde und die anderen kommen daher wie ein Frühsechziger mit umgedrehter Basecap auf dem Schädel.

Was fehlt, ist Kommunikation. Stattdessen: Werbung. Die dominiert zum Beispiel die Social-Accounts der Marken, gern verbunden mit Gewinnspielen oder Sonderangeboten. Teilweise ist es schon zu viel erwartet, dass die Marke mit Kundenkommentaren interagiert.

So funktioniert Marketing im 21. Jahrhundert aber nicht mehr. Neben zeitgemäßen Produkten in aktuellem Look (beides mit hinnehmbarem Aufwand aufdiebeinestellbar) bräuchten die Unternehmen eine kommunikative Grundposition, die Bereitschaft zum Ausbau und die Ressourcen das überhaupt zu tun.

Nicht nur im Social Web, auch in der Klassik-Kommunikation fehlt es an Zeitgeistigkeit. Ansätze gibt es, zum Beispiel die wirklich kreative Kampagne von Krombacher zum Heavy-Festival Wacken:

Als Fun Fact darf man aber ergänzen, dass zum Beispiel auf der Homepage von Krombacher zwar die zugehörige Pressemitteilung zu finden ist, das Video aber nicht eingebunden wurde, sondern nur sparsam verlinkt – so machte man das halt, ungefähr anno 1999.

In der Gastronomie stellt sich die Frage, ob sich Bier nicht auch auf eine höhere Ebene heben lässt. Vielleicht könnten die Marken Bier-Sommelier-Ausbildungen starten oder ihre craft-artigen Untermarken fördern. Genauso könnten die Marken aber die Social-Auftritte ihrer kooperierenden Gastwirte unterstützen in dem sie zu einer Art Content-Fabrik mutieren. Gastwirte, die Interesse daran haben, bekämen dann kreative Motive mit Bierwerbung, die auch das Logo ihrer Gaststätte enthielte. So etwas gibt es nicht für Umme – aber für einen hinnehmbaren Preis.

Sprich: Die Fernsehbiere müssten zu Internet-Bieren werden.

Wenn man dann aber hört, dass bei einer dieser Marken die Inhaberfamilie sich schon mit der Veröffentlichung von Pressemitteilungen schwertut, ahnt der Beobachter: Dieser Weg wird kein schwer – er könnte ein unmöglicher sein.

Und was, wenn die Wende nicht gelingt?

Stellen wir uns eine Halle mit Braukesseln vor, das Bild ist schwarz-weiß. Draußen klatschen Regenschauer vor die gläserne Panoramawand. Der schlecht-rasierte Braumeister blickt mit tief geränderten Augen auf seinen Chef.

Schweigen.

„Uns bleibt immer noch der Preis“, sagt der Geschäftsführer und geht schleppenden Schrittes gen Ausgang. Die Kamera erhebt sich, der Winkel zieht auf – „Das Ende“.

Aus derzeitiger Sicht ist es der wahrscheinlichste Ausgang, dass die Fernsehbiere noch stärker in einen Preiskampf rutschen. Dieser wird sie zwingen, ihre Strukturen anzupassen, was zu Personalabbau und Standortschließungen.

Wie sehr sich die Dinge derzeit ändern zeigt wohl ein Deal, der kürzlich bekannt wurde: Warsteiner öffnet seine Vertriebswege für Brewdog, den größten Craft Brauer Europas (Disclosure: Ich besitze 2 Anteilsscheine an den crowdfinanzierten Brewdogs).

In der Welt des Internets würde dieses Abkommen wohl mit einem Tierbild illustriert werden: Mit einem zerzausten Golden Retriever, der sich vor einem fauchenden Kater auf den Rücken liegt und demütig seinen Bauch präsentiert.

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Lady Gaga in Düsseldorf: Also tanzt man https://www.indiskretionehrensache.de/2022/07/lady-gaga-tour-duesseldorf/ https://www.indiskretionehrensache.de/2022/07/lady-gaga-tour-duesseldorf/#comments Wed, 20 Jul 2022 14:12:51 +0000 https://www.indiskretionehrensache.de/?p=17882 Lady Gaga ist mir als eine Sängerin: Sie ist ein emotionaler Kompass eines gewichtigen Teils der jüngeren Generationen und ein Taktgeber der Popkultur – weshalb sich ein genauerer Blick auf ihren Tourstart in Düsseldorf lohnt.

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Vielleicht ist Stromaes „Alors en danse“ das fatalistischste Lied in der Geschichte des Pop. 2009 berappte der Belgier eine Gesellschaft, in der Krisen und Nöte mit beschönigenden Worten negiert aber nicht gelöst werden. Und was bleibt den normalen Menschen?

„Man tanzt.“

Wollte man eine Hymne für ein Konzert entwerfen, was natürlich Unfug wäre, denn ein Konzert besteht aus Liedern und braucht keine Hymne, wollte man das aber trotzdem tun, so wäre die Hymne  für den Auftakt von Lady Gagas „Chromatica Ball“-Tour genau das:

„Alors on danse“.

Zum Tanzen war das bunte Publikum ja auch ins Düsseldorfer Stadion, das für eine Spielothek zu werben gezwungen wird, gekommen – offensichtlich. LGBTQ-Szene, Drag Queens, lange Pailletten-Kleider trotz sommerlicher Temperaturen – die Lady hatte schließlich nicht zur Chromatica-Tour geladen, sondern zum Chromatica-Ball. All sie mischten sich mit Teenagern im Gaga-Sinnspruch-Shirt („BE FREE“, „BABBLE IT“) und Normalos in der unterdurchschnittlichen Ästhetik deutscher Straßenbildkleidung.

Lady Gaga ist vielleicht nicht der „der letzte Popstar“, wie die „Welt“ unter erstaunlicher Ignoranz gegenüber Harry Syles, Billie Eilish, Ed Sheeran und BTS behauptete. Doch besetzt sie gemeinsam mit Beyoncé (auch sie von der „Welt“ verschmäht) eine besondere Rolle als Mischung aus musikalischer Trendsetterin, Modeikone, politischer Taktgeberin und Empowerment-Heldin.

Deshalb war ihr Tourauftakt mehr als ein Konzert: Was Gaga tut, färbt ab – auf ihre Fans, auf die Popkultur, auf andere Künstler und, ja, auf die Gesellschaft.

So wurde auch nicht angezweifelt, dass Beyoncé im Stadion sein würde, vielleicht gar als Gaststar. Zumindest war der Privatjet ihres Gatten Jay Z am Vortag am Flughafen Düsseldorf getrackt worden (selbst aus der Verfolgung solcher Flugbewegungen ist ja ein Hobby geworden).

Gesichtet wurde das Glamour-Paar der Popkultur nicht. Und auf der Bühne wäre kein Platz gewesen. Denn ein Lady Gaga-Auftritt ist kein Konzert, es ist eine perfektest durchchoreographierte Show, die nicht mal Raum lässt für einen Hauch Spontanität – Gastauftritte scheinen ohne Proben unrealistisch.

Wäre Beyoncé vor Ort gewesen, oder sieht sie ein Video der Show, fühlt sie sich vielleicht wie eine wohlhabende Touristin bei der Besichtigung einer abgebrannten, südafrikanischen Township.

Denn Gaga wirkt wie das mental angeschlagene Alter Ego Beyoncés. Letztere steht für das Überwinden von Hindernissen, sie hat es geschafft, trotz ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe, Strasssteine sind für sie nur billige Kopien ihrer Brillanten. Die Ehe wäre fast gescheitert – nun strahlt sie heller als zuvor, gefeiert mit der EP „The Carters“ und einem ikonischen Video zu „Apeshit“, für das der Louvre seine Tore öffnete.

Das „The Carters“-Album ist eine überbordende Feier des Erfolgs gegen alle Widerstände: „Motorcades when we came through, Presidential with the planes too“, was der Rest der Welt will, ist egal, „I said no to the Superbowl, You need me, I don’t need you“.

Nach einem Beyoncé-Konzert will man die Mauern einer überkommenen Welt einreißen, denn längst ist die neue da – „Who run the world? Girls!“ Queen Bae ist die funkelnde Verkörperung der Selbstermächtigung einer neuen, offeneren, liberaleren Generation.

Und Lady Gaga?

Verkörpert die Erkenntnis, dass man sich mit Düsterkeit und Schmerz abfinden kann, vor der äußeren Welt kapituliert, und sich trotzdem ganz OK fühlt.

Ein Vorspiel, vier Akte, ein Finale und eine Zugabe hat die Chromatica-Show, angekündigt werden die Abschnitte während der Umkleidepausen der Hauptdarstellerin auf der Videowand. Es ist die Reise der Lady Gaga von den Anfängen ihrer Karriere zum Jetzt. Und, das hatte sie in einem Instagram-Livestream zwei Stunden vor der Show erläutert, „es geht um die Phasen der Trauer, die ich in meinem Leben durchlaufen habe.“

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Mit „Bad Romance“ eröffnet sie die zwei Stunden und das Publikum singt jede Zeile so laut mit, dass es zur choralen Ergänzung des bemerkenswert guten Sounds mutiert. Doch fröhlich getanzt wird nur unten und auf den Rängen, nicht auf der Bühne. Deren Design ist dem Brutalismus entlehnt, jener betonigen Architektur, die versuchte, eine „Poesie aus den widersprüchlichen und mächtigen Kräften, die am Werk sind, hervorzubringen“ wie ihre Propagandisten Allison und Peter Smithson in „Architecture Culture 1943-1968“ schrieben.

Auf dieser grauen, kantigen Bühne ist Gaga gefangen in einer grauen, kantigen Stele, die Augen bedeckt mit einer Robocop-artigen Maske. Quälend langsam befreit sie sich, um dann in nicht weniger eckigen Posen zu „Just dance“ und „Poker Face“ zu wechseln. Das Publikum hüpft und singt und eskaliert, doch Gaga wirkt von all dem deplatziert – eine beeindruckende Darstellung der Entkopplung von Stars und Fans in der Welt der Popmusik.

Der Versuch der Befreiung macht die Sache nicht fröhlicher. Wie Frankensteins Monster auf dem OP-Tisch, kurz bevor der Blitz einschlägt liegt Gaga da, während sie in „Alice“ aus dem neuen Album singt, dass dies nicht ihr Name sei, sie aber trotzdem nach dem Wunderland suche.

Doch lösen kann sie sich nicht, „The scars on my mind are on replay“, singt sie, „This is biological stasis, My mood’s shifting to manic places.“

Und die Fans? Tanzen.

„This is my dancefloor, I fought for“ lautet die vielleicht wichtigste Zeile des „Chromatica“-Albums, sie entstammt dem Song „Free Woman“, dessen Titel alles sagt. Und mit jenem Lied zieht Gaga dann gegen Mitte der Show durch die Menge zur kleinen Mittelbühne, ein Piano fährt hoch, aus dem hölzerne Flammen in japanischer Schnitzoptik emporsteigen.

Solche Kleinbühnen-Auftritte sollen das Tempo vor dem großen Finale rausnehmen und die wahre Qualität der Künstler*innen demonstrieren. Wer jene bei Lady Gaga noch immer unterschätzte, wird dies nicht mehr tun – wie fantastisch ihre Stimme ist, demonstriert sie mit „Shallow“. Immer wieder wird behauptet, sie arbeite mit Halbplayback, Beweise gibt es keine und noch nicht mal Indizien außerhalb des Unglaubens, dass jemand so gut trainiert ist, ekstatisch tanzen und derart voluminös singen zu können.

Fröhlicher, hoffnungsvoller aber wird es auch im Zentrum des Stadions nicht, selbst ihre wummige Selbstermächtigungs-Hymne „Born this way“ serviert sie in einer akustischen Version. Würde man den Ton abdrehen, der Chromatica-Ball wäre ein gehüpfter Totentanz inmitten eines Pariser Banlieus  vorgetragen in Kostümen, die gesalzen sind mit Reminiszenten an dystopische Popkultur: Lady Gaga als Frida Kahlo, Verweise auf die Sklavinnen von Jabba the Hut aus „Das Imperium schlägt zurück“, ein Kopfaufsatz erinnert mit seinen Punkten an Yayoi Kusama, ein überdimensionierter Handschuh an den missverstandenen Außenseiter Edward mit seinen Scherenhänden.

Im Gegensatz zu Rammstein ist dies aber keine ironische Dystopie, die dank überzogener Inszenierung Hoffnung macht, dass alles nicht so schlimm ist, wie es aussieht. Gaga aber meint das ernst, „Life is only art on life support“, sagt sie in einem Einspieler. Kein einziges Mal wird sie auf der Bühne lachen oder auch nur länger lächeln.

Wie sonst vielleicht nur Beyoncé ist Lady Gaga für ihre Fans, die sich selbst „Little Monsters“ nennen, auch ein ein moralischer und emotionaler Kompass. Beyoncé ist dies zuvorderst für jene, die aufgrund ihrer Hautfarbe und/oder ihres Geschlechts das Gefühl haben, weniger Chancen zu haben als andere. Gaga ist das Sprachrohr jener, die um ihre psychische Gesundheit fürchten, die mental leiden, weil sie nicht so sein dürfen, wie sie sein wollen – und das sind viele unter den jungen Millennials, der Generation Z und der Generation Alpha.

Solch ein Fantum hat auch immer religiöse und messianische Züge. Die Anhänger folgen ihrem Idol und interpretieren jede seiner Taten und Äußerungen um ein Verhalten daraus zu extrahieren, dass ihm oder ihr zum  Wohlgefallen ist. Während Beyoncé aber, ziehen wir Parallelen zum christlichen Glauben, der Jesus im Tempel ist, der mit den Händlern aufräumt, gibt Lady Gaga den Jesus am Kreuz, der als Stellvertreter für seine Anhänger und die ganze Menschheit leidet.

Das „Chromatica“-Album sei der Kampf um ihr Leben gewesen, sagte Gaga in jenem Insta-Livestream. Und an ihre Fans: „Ich glaube, dass es möglich ist, sich selbst an einem Punkt wiederzufinden.“ Demonstrativer Optimismus klingt anders. Who run the world? Depressionen.

Weshalb es interessant sein könnte, die Reaktionen der Fans auf diese düstere Show in den kommenden Konzerten zu beobachten. Prognose: Aus der bunten CSD-artigen Party könnte ein schwarz paillettierter Burg-Ball werden. Und langfristig? Kann eine angeschlagene Psyche heilen, wenn sie sich mit der Situation abfindet? Oder wäre es besser ihr Mut zuzusprechen?

Den letzten Part bestreitet sie dann wieder auf der großen Bühne, zerschmettert wie im zugehörigen Video liegt sie in einem Alien-artigen Kostüm auf dem Bühnenboden, die ersten Töne von „Rain on me“ holen sie auf die Beine. Im Refrain heißt es:

„Water like misery
It’s coming down on me
I’m ready, rain on me“
I’d rather be dry, but at least I’m alive“

Sie hat sich wiedergefunden, sie ist bereit. Doch das ändert nichts an der Welt drumherum: Die ist schlimm und düster, man kann nur auf sich achten und mit dem Rest irgendwie klarkommen.

Alors on danse.

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