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Der nackte Kaiser beim Netzwerk Recherche

Am Ende der vergangenen Woche ist dem Netzwerk Recherche etwas Gutes widerfahren: Es hat seinen Vorsitzenden verloren.

Die Possen um Thomas Leif, die uns aus dem Jahrestreffen erreichen, wirken wie ein Märchen. Wie der Moment, da das Volk realisiert: Der Kaiser ist nackt. Es ist der traurige Höhepunkt in der Geschichte einer Organisation, die für die deutsche Medienlandschaft wichtig sein könnte – wenn sie nicht getrieben würde von den Egos einiger Großkopferten, denen eine große Zahl von Schafen ergeben gefolgt ist.

Kurz zusammengefasst: Der Verein hochrangiger Journalisten, der sich gern mal als bester Journalistenverein Europas lobte, bekam Zuschüsse der Bundeszentrale für Politische Bildung. Diese waren jedoch nur gedacht für den Fall, dass der Verein Verluste einfährt. Darauf aber hat niemand geachtet. Fehler macht jeder mal, dieser wurde entdeckt, untersucht und gemeldet. Auch wenn die „Erklärung des Vorstands“ auf der Homepage natürlich unter dieser Überschrift so angelegt wurde, damit möglichst wenige, die noch nichts von der Sache gehört haben, jene Erklärung lesen.

Tja, nur wollte Netzwerk-Chef Thomas Leif nicht die Verantwortung übernehmen. Diese sich daraus ergebenden Szenen beschreiben manche als peinlich. Von einem „Putsch“ soll er gemurmelt haben – und diese Sicht auf die Welt passt sehr konsistent in das Bild, das er in den vergangenen Jahren abgegeben hat: das eines Sonnenkönigs.

Das Jahrestreffen, bei dem all dies passiert ist, dürfen den meisten Mitgliedern den Verklärungsschleier vom Gesicht gerissen haben. Denn es ist ja nicht so, dass das Netzwerk zuvor nicht schon seine Merkwürdigkeiten erlebt hätte. Nur traute sich niemand offen zu fragen, ob da nicht etwas gewaltig in die falsche Richtung läuft. Es hätte bedeutet, einige der scheinbar Großen des Journalismus zu kritisieren. Und das wagte niemand öffentlich – es könnte ja sein, dass einer dieser Großen noch mal als Ansprechstelle für einen neuen Job in Frage kommt.

Während der Jahre 2006 bis 2008 beschwerten sich bei mir mehrmals Mitglieder bei mir. Sie sprachen von Intransparenz bei den Finanzen (was noch so einigermaßen erklärlich ist: nicht jedes Mitglied eines Vereins muss jederzeit alles über den Kassenstand wissen), vor allem aber von einer Nicht-Vernetzung. Damals existiert kein Mitgliederverzeichnis, weshalb der erste Teil des Vereinsnamens ein potemkinsches Dorf war: Vernetzung gab es nicht. Man treffe sich doch einmal im Jahr, da könne man sich vernetzen, lautete die Antwort des Vorstands auf meine Anfrage.

Thomas Leif war der große Macher. Er zog reichlich Reputation aus seinem Tun. Große Worte schwang er, große Worte donnerte das Netzwerk Recherche vom Altar des Schönen, Wahren und Guten. Oder war beides nicht eigentlich deckungsgleich?

Dieser gewaltige Anspruch deckte sich jedoch nicht immer mit dem, was Leif so im Alltag trieb. So schrieb er einst Lobhudeleien über das Gastro-Theater von Koch Wodarz – einem Bekannten, wenn nicht gar Freund von ihm.

Dann verfasste er einen Text für eine PR-Broschüre des Berliner Tourismus, in dem er PR für eine eigene Dokumentation betrieb. Er hielt dies nicht für PR, schließlich fördere er damit ein journalistisches Werk. Auch hatte er keine Probleme, bei Unternehmensveranstaltungen den Meister der Zelebration zu geben. Und bei aller Abneigung gegen PR: Mitarbeiter von PR-Dienstleistern waren trotzdem Gäste beim Jahrestreffen 2011.

Die nächste Merkwürdigkeit war dann seine Reportage über den Wandel der Medienwelt. Sie war so unvoreingenommen zu Gunsten der öffentlich-rechtlichen Sender, also seines Arbeitgebers, wie ein Parteitag in China. Hinterher folgte ein Gutachten, das ihm sein Werk um die Ohren haute.

Jüngst nun entsponn sich ein bizarrer Streit darum, ob AWD-Lenker Carsten Maschmeyer auf der Bühne des Jahrestreffens interviewt würde – und von wem. Er durfte sich aussuchen, wer ihn befragen sollte. Was hätte das Netzwerk wohl zu einem Medium gesagt, das solches zugelassen hätte?

Doch Kritik am NR erschall selten. Wer es wagte, bekam Ärger. Es hatte sich ein rund laufendes System erschaffen. Denn allüberall in der Republik sitzen in den Redaktionen seine Mitglieder. Und oft waren sie es, die Artikel über die Aktivitäten des Vereins verfassten – ohne, dass dem Leser dies zu Augen gebracht wurde. So kritisierte nur selten jemand die Verleihung der Verschlossenen Auster, deren Preisträger meist so überraschend ausfielen wie in diesem Jahr die Atomindustrie. Die dortigen Kommunikatoren haben sicher mindestens einmal mit der Schulter gezuckt ob des Preises. Mindestens.

Vielleicht streicht RWE jetzt aber auch seine Sponsorenzuwendungen. Solche erhielt das Netzwert in nicht unerheblichem Umfang. Das ist nicht verwerflich. Angesichts der Ansprüche des Netzwerks wäre es aber recht und billige gewesen, diese transparenter auszuweisen. Wenn zum Beispiel größter Sponsor die ING Diba ist, nicht nur vom Finblog wegen versteckter PR und mehr immer wieder unter Beschuss, so hat dies ein nicht unerhebliches Geschmäckle. Erst recht, wenn Thomas Leif einst beklagte:“Das Verhältnis von Wirtschaftsjournalisten zu Managern sei viel unkritischer als das Verhältnis von Politikjournalisten zu Politikern oder von Feuilletonschreibern zu Kulturschaffenden.”

Wie verhält es sich mit dem Verhältnis von Journalistenvereinen und Geldgebern?

Leif geht nun. Zurück lässt er einen bemerkenswert guten Kassenstand. Eine Stiftung sollte entstehen. Doch es steht zu befürchten, dass auch dies in einer merkwürdigen Konstellation gemündet wäre. Denn eine Stiftung finanziert ihre Aktivitäten nun mal ohne Angriff des Stiftungskapitals. Und das bedeutet beim aktuellen Zinssatz, dass erst ab mehreren Millionen Euro eine Stiftung sinnvoll agieren kann. Wie hätte Leif auf eine solche Summe kommen wollen? Durch noch mehr Sponsoren?

So bleibt ein zutiefst verwirrter und deprimierter Verein zurück. Und das ist die eigentliche Tragik. Denn Deutschland könnte ein Netzwerk Recherche ja gut brauchen. Eines, das mutiger in die Zukunft denkt als DJV und DJU. Eines, das den medialen Wandel mitgestaltet. Eines, das die Beschneidung der Presse- und Meinungsfreiheit anprangert. Eines, das Journalisten tatsächlich vernetzt.

Vielleicht wird so der Abschied von Thomas Leif ein Neubeginn. Wenn junge, dynamische und selbstkritische Kräfte nun nach vorne treten. Die Personen wie Hans Leyendecker und Heribert Prantl Respekt entgegenbringen – ihnen aber auch gleichzeitig erklären, dass der mediale Wandel neues Denken erfordert. Dann könnte das Netzwerk Rechechere spannender und wichtiger werden als je zuvor.

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