Re-publica 10: der Neidfaktor

by Thomas Knüwer on 18. April 2010

Wir müssen reden, liebe Ärzte. Einmal im Jahr reisen Sie zum sogenannten Ärztetag. Dort kreisen Sie um sich selbst, ein selbstreferenzieller Haufen Mensch. Als Freaks im Ralph-Lauren-Hemd werfen Sie keinen Blick nach links und rechts, feiern allein Ihre „Stars“ (Die Anführungszeichen beachten Sie bitte besonders). Darunter sind dann auch Naturwissenschaftler, die absurderweise bei diesem Ärztetag reden dürfen. Letztlich aber ist die ganze Sache ja nur eine große Klassenfahrt. Schon tagsüber stehen viele von ihnen vor den Veranstaltungsräumen bei Kaffee und Saft, mancher schon beim Bier. Und abends, da geht richtig die Post ab. Die abgeschlossene Halbgott-in-Weiß-Szene feiert sich selbst.

So etwas würde niemand schreiben. Weder über den Ärztetag noch über einen Fachkongress des Maschinenbaus oder den Juristentag.

Über die Re-Publica darf man das. Jedes Jahr wieder.

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Auch diesmal war es bemerkenswert, was für einen voreingenommenen Unsinn die deutsche Journaille so von sich gab. Und das über einen mit 2700 Teilnehmern größten Kongresse des Landes überhaupt.

Wer die Berichterstattung über Jahre hinweg verfolgt, der muss glauben, ein paar Blogger würden jedes Jahr von der Kanzel predigen “Ich bin die Zukunft!” und keine andere Meinung gelten lassen. In diesem Jahr aber, so der Tenor, würden sie zweifeln.

Was für ein Unsinn.

Der Zweifel über die Zukunft gehörte von Anbeginn zur Re-Publica, genauso wie die gelobte Internationalität. 2007 referierte Jan Schmidt über “Mythen des Internet” und ein Podium fragte sich, ob eine Blog-Etikette nötig ist. 2008 wurde über die Frage gestritten, ob Wahlcomputer eine gute Idee sind, während Brian Conley über das Projekt Alive in Baghdad berichtete (immer noch einer meiner persönlichen Allzeit-Re-Publica-Höhepunkte). 2009 ging es unter anderem um Bloggen in Afrika und die Frage, ob eine Kulturflatrate eine gute Idee ist.

All das blendet die Berichterstattung scheuklappesk aus. Egal ob 2007, 2008 oder 2009 – immer brabbeln angebliche Qualitätshäuser von der angekündigten Weltrevolution, munter verdrehen sie Zitate und Fakten.

Um es klar zu sagen: Ich erwarte keine unkritische Berichterstattung – sondern eine unvoreingenommene. Sie ist eine der Grundlagen für Qualitätsjournalismus.

Nehmen wir nur das immer wieder gesungene Lied der Selbstreferentialität. Damit auch das letzte doofe Journalistenhirn es endlich mal begreift: Jeder Kongress ist selbstreferentiell, denn dort reden Experten über ein Expertenthema mit anderen Experten. Bei DJV-Tagen spielen der kategorische Imperativ und die Formkurve von Mario Gomez auf der Bühne untergeordnete Rollen – es wird über Journalismus geredet.

Ach ja, erinnert sich noch jemand an die hohe Predigt, Journalismus dürfe Meinung und Nachricht nicht vermischen? Vergessen Sie es. Journalisten dürfen.

Wenn zum Beispiel jemand ein Technik-Blog aufmacht und damit seinen Lebensunterhalt verdient, dann ist er kein Blogger. Das sagt die „Süddeutsche Zeitung“, die Postille der „Neuen Idiotae“:

„Auch für den bemerkenswerten Vortrag des Selfmade-Mannes Sascha Pallenberg, der von der Community absurderweise als genuiner Blogger begriffen und gefeiert wird…”

Warum das absurd ist, weiß nur die „Süddeutsche Zeitung“. Genauso weiß nur die „Süddeutsche Zeitung“, wer der „kleine hartgesottene Kern bekannter Blogger“ ist, der „nach und nach aufbricht und an Bedeutung verliert“. Wohin er aufbricht? Muss man nicht ausfabulieren.

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Ähnlich verhält es sich mit Harald Staun von der “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”, ein in seinem Weltbild unterschütterlicher Papiermensch, der in seiner gelgeglätteten Aaligkeit dem Prototyp eines Journalisten ziemlich nahe kommt.

Sie meinen, ich hätte Staun beleidigt? Nun, ich habe ihn nur umformuliert. Denn er selbst schreibt:

“Selbst in ihrem Weltbild unerschütterliche Netzmenschen wie der Berliner Felix Schwenzel, der in seiner Zotteligkeit dem Prototyp des Bloggers ziemlich nahekommt, kamen ins Zweifeln.”

Das ist eine handfeste Beleidigung. Man darf gespannt sein, ob Staun die Größe hat, sich zu entschuldigen.

Bizarr ist, dass Staun einerseits jene angeblichen Zweifel der Blogger gut findet, er sie andererseits aber gar nicht gut findet. So kritisiert er die von vielen als einen der Höhepunkte wahrgenommene Studie von Peter Kruse, der anhand von Wertehaltungen zwei diametral entgegengesetzte Gruppen von Internet-Nutzern extrapolierte. Da dies aber den Niederländer Gert Lovink in die Gruppe der “Digital Visitors” verbannte, findet Staun das jetzt nicht so gut, weil er Lovink gut findet. Nun, Staun war Kruses Vortrag auch zu “eilig” – vielleicht sollte man aufnahmefähigere Mitarbeiter senden.

Lustig ist es auch, dass es Blogger sein sollen, die jene Diskussion antreiben, ob Blogger Journalisten sind. Nein, es sind die Journalisten, die das immer wieder aufgreifen. Ja, es ist ermüdend. Warum aber müssen dann immer wieder entsprechende Artikel her?

Die Antwort auf diese Frage führt uns vielleicht zum entscheidenden Punkt der Re-Public:

Neid.

Der kommt von so vielen Seiten, dass ich nicht in der Haut von Markus Beckedahl stecken möchte. Oder der von Johnny und Tanja Haeusler. Oder von Andreas Gebhardt.

Da sind Journalisten wie jener J. (was wohl für Johannes steht) Boie von der „Süddeutschen Zeitung“. Für den Leser quälend trieft durch ihre Zeilen der Neid, dass da Leute das gleiche Handwerk betrieben wie sie: schreiben. Und das tun sie einfach so, als Hobby. Sie schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.

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Die nächste Neid-Gruppe sind jene, die nicht da sind. „Froh“ schrieben manche, seien sie, nicht da zu sein.

Nun muss man nicht zur Re-Publica fahren. Sie kann einem egal sein. Aber froh? Froh, keine anderen Menschen zu treffen? Froh, sich nicht über einen Berührungspunkt, das Bloggen, auszutauschen? Froh, keine interessanten Vorträge und Diskussionen zu hören? Ich finde, das ist eine merkwürdige Haltung. Immerhin: Sie nimmt Jahr von Jahr zu Jahr ab.

Ich fürchte, da schwingt auch Neid auf die Organisatoren mit: einen Kongress zu organisieren, der rasant wächst, damit eine gehörige Breitenwirkung zu erzielen und einen Teil seines Lebens zu finanzieren – das ist nicht ganz so uncool.

Es gibt nach Meinung von Soziologen zwei Formen von Neid. Der weiße ist einer, der einen antreibt: Was jemand anders erreicht hat, will man auch. Die andere Version ist der schwarze Neid: Ich will das Beneidete für mich haben oder es dem andere wegnehmen. In den USA, schrieb mein ehemaliger Chefredakteur Bernd Ziesemer in einem seiner Bücher, dominiere der weiße Neid – in Deutschland der schwarze.

So ist die Welt der Medien und der Blogs wohl nichts anderes als ein Abbild der deutschen Gesellschaft. Sie ist keine Szene und keine Community – sie ist der bundesrepublikanische, schwarzneidische Alltag.

Die psychologischen Wirkungen sind bemerkenswert. „Hier muss ich mich mal nicht rechtfertigen, wenn ich auf mein Handy gucke“, sagte eine Bekannte. Viele Web-Vielnutzer bemerken einen gesellschaftlichen Druck. Jene, die nicht so häufig online unterwegs sind, kritisieren, wenn Freunde Technik anwenden – erst recht vor ihren Augen. Das gilt als asozial, als leicht irre. Warum aber sind sie dann noch befreundet? Offensichtlich, weil man sich etwas bedeutet. Und somit befürchten jene Nicht-Vielnutzer, dass die Technik Freundschaften zerstört. Woher aber nehmen sie die Indizien für diese Annahme? Und was würden sie sagen, wenn jene Freunde des Digitalen ihre non-digitale Haltung ebenso hinterfragen würden? Wenn sie vorwurfsvoll hören würden: „Du bist nicht auf Foursquare? Hast Du nicht Angst, dass Deine Kinder dann gestrig erzogen werden?“

Vielleicht existiert auch ein Neid darauf, dass da ein Haufen Leute Spaß hat, während man selbst arbeiten muss. So ähnlich wie bei der Kritik an den ersten Zeitungslesern, die der Umblätterer sehr schön ausgegraben hat.

Ja, Spaß hatten die meisten reichlich. Nicht als Hahahahaistdaslustig-Spaß sondern in Form einer positiven Grundstimmung, einem entspannten Dahinwandeln, einem Wechsel zwischen Zuhören, Diskutieren, Quatschen, Anstoßen.

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Zum Zuhören gab es diesmal mehr als in den Jahren zuvor. Die Zahl der Podien wurde zurückgefahren zu Gunsten von Einzelvorträgen. Ich würde mir ein Format dazwischen wünschen: längere Interviews von extrem gut vorbereiteten Moderatoren mit einzelnen, spannenden Personen. Ach ja, die Kunstszene wäre auch mal eine Betrachtung wert: Eine Reihe junger Künstler beschäftigt sich mit Digitalität.

Vielleicht war es einfach Glück. Aber dies war das erste Jahr, in dem ich keinen einzigen schlechten Vortrag gesehen habe. Es gab ein paar mittelmäßige Momente, aber keinen richtig üblen wie den Auftritt von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales im vergangenen Jahr.

Selbst Miriam Meckel, der ich ja häufig kritisch gegenüberstehe, lieferte einen interessanten Vortrag ab – dem ich in weiten Teilen zwar nicht zustimme, aber Meckel lieferte gutes Hirnfutter. Das traf auch auf DM-Gründer Götz Werner und seine Idee vom Grundeinkommen zu. Er lieferte auch eines der schönsten Zitate der Re-Publica: „Wer Wege finden will, findet Wege. Wer keine finden will, findet Gründe.“

Umstritten war der Vortrag von Jeff Jarvis. Was mich in dieser Vehemenz verwundert. Denn war er letztlich nur forderte war, die Vorteile von Öffentlichkeit zu sehen und nicht immer nur mit Datenschutz und Privatsphäre zu argumentieren. Diese Haltung teile ich: Niemand darf gezwungen werden, Daten offen zu legen – jede aber muss die Möglichkeit haben.

Die Überraschung der Berliner Tage war wohl der Bremer Professor Peter Kruse. Bitte schauen Sie sich seinen Vortrag noch mal an – auch er ist feinstes Hirnfutter.

(Aufzeichnung: Ulrike Reinhard)

Die Folien dazu:

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Es war Anke Gröner, die wieder einmal die passendsten Worte für die Re-Publica 2010 fand: „Wer die Re-Publica für eine Klassenfahrt hält, hat Recht. Wer sie nur für eine Klassenfahrt hält, hat keine Ahnung.“

Anders hält es da Harald Staun von der “FAS”. Er schreibt:
“… den Kollegen Sascha Pallenberg… , der in einem erstaunlich unüberfüllten Saal zwei Tage zuvor erzählt hatte, mit welcher sensationellen Methode man mit Blogs sogar Geld verdienen kann: Man müsse einfach 72 Stunden am Tag arbeiten.”

Was Staun verschweigt: Pallenberg betreibt die Netbooknews – und macht damit so viel Geld, dass daraus langsam ein kleines Unternehmen wird.

Pallenberg schrieb mir:

“Ich habe in meinem Vortrag zur Blog-Monetarisierung provozierend gesagt: “Mein Tag hat 48h und ich brauche 72″. Das war auch ein Slide. Dann bin ich ausfuehrlich darauf eingegangen, dass ich zwischen 12 und 16h am Tag arbeite und wollte damit Bloggern die Illusion nehmen, dass man im Internet in 5 Minuten reich werden kann.”

Staun endet:

“Wer solche Utopien hat, der ist natürlich wirklich gegen jede Kritik immun.”

Und wer bereit ist, Zitate so mutwillig aus dem Zusammenhang zu reißen und Menschen zu beleidigen, weil sie ein Software anwenden – auf den dürfte das auch zutreffen.

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