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Uns Menschen, die wir viel im digitalen Raum schreibpodtuben, wird oft vorgeworfen, wir seien… nun ja… arrogante Idioten, die mit dem Fehlglauben anrollten, alles sei künftig digital.

Dieses ständige Einprügeln durch die Analogwelt, hat seinen Effekt auf Blogger, Digital-Marketers oder digitalaffine Journalisten. Jene, die analogere Personen „mitnehmen“ möchten in die Zukunft neigen dazu, in ihrer Sprache sanft zu sein, Sätze einzubauen wie „natürlich ist digital nicht alles, aber…“

Nach dem Ergebnis der Europawahlen sollten wir damit aufhören.

Der Wahlausgang wurde maßgeblich durch das Internet beeinflusst und wir mussten erkennen, dass der weiteste Teil der Politik und genauso klassische Medien auch im Jahr 2019 den digitalen Raum weiter drastisch unterschätzen.

Fassen wir nochmal kurz zusammen, was da so passierte:

Faktor 1: Fridays for Future

Die #FridaysforFuture-Demos marschieren seit Monaten – und werden dafür von klassischen Parteien diffamiert. Offensichtlichstes Beispiel: Christian Lindners „Profi“-Äußerung.

Er verschärfte sie später noch, als er ein „Problem“ damit hatte, dass diese während der Schulzeit stattfänden. Lindner war der Vorreiter im Aufmachen einer Kluft: Jugendliche wurden als eigene Klasse angesehen, die für Wahlen keine Relevanz besitzen. Stattdessen wurden sie identifiziert als Bündnispartner des Dauerfeindes Die Grünen und somit als Angriffsobjekt, um Stimmen im Segment der Konservativen abzugraben.

Was Lindner & Co unterschätzten: Fridays for Future verbindet eine hohe, digitale Organisations- und Motivationskraft. Jede neue, negative Politikeräußerung war wie Doping für die Demonstrationen. Folge: Am Freitag vor der Europawahl wuchsen die Demos auf Rekordlänge, hier ein Ausschnitt aus Berlin – so sah es gefühlt eine halbe Stunde lang aus.

Durch diese Demonstrationen wurde das Umweltthema zu einem der verbindenden Elemente der Generation Z. Für die ist, ebenso wie für ihre Millennial-Vorgänger, Gemeinschaft einer der höchsten Werte. Mit ihren Attacken griffen die Politiker nun diese Gemeinschaft an.

Und das Emotionskollektiv wehrte sich – aber kreativ. Während bei Parteien die Spitze Themen durchdiktiert, entwickelt Fridays for Future vieles über Schwarmintelligenz. Dazu sehenswert: Der Vortrag von Luisa Neubauer und Jacob Blasel auf der Tincon.

2. Die Urheberrechts-Debatte und Axel Voss

Ähnlich funktionierte die politische Aktivierung durch die Urheberrechts-Novelle auf EU-Ebene. Die gesamte Kommunikation der Politik richtete sich an Anspruchsgruppen wie Verlage oder Musikkonzerne. Bedenken von Experten wurden negiert, Demonstranten als von US-Digitalkonzernen manipuliert diffamiert, kritische Youtuber als „gekauft“ abgestempelt. Der CDU-Europaparlamentarier Daniel Caspary imaginierte sich sogar eine Verschwörungstheorie herbei: Google habe Demonstranten bezahlt. Ich schrieb damals, dass die Politik bürgerverdrossen ist. 

Schon hier hätte klar sein müssen: Das wird nicht einfach so vergessen sein bis zur Europawahl, da wird noch was kommen. Und ich behaupte: Ohne Axel Voss hätte Rezo nicht sein Video produziert. Das bornierte Gehabe des Bonners nach dem Motto „Jeder, der eine andere Meinung hat, versteht das Thema nicht“ war eine Einladung zur faktenbasierten Recherche.

Der Absturz der CDU ist zu einem erheblichen Teil das Verdienst von Axel Voss.

3. Der Rezo-Faktor

Am Samstag vor der Wahl ging das Video von Youtuber Rezo online, ich sah es am Montag durch einen Tweet von Johnny Haeusler. Als ich es gesehen hatte – und ich liefere gern meine Kollegen bei kpunktnull als Zeugen – sagte ich: „Das könnte das meistgesehen Nicht-Musikvideo in der deutschen Youtube-Geschichte werden.“

Eine Woche und eine Wahl später steht es bei 12 Millionen Abrufen (was nicht heißt, dass es 12 Millionen Menschen gesehen haben). Doch nicht diese Zahl ist entscheidend. Viel wichtiger sind die inzwischen 182.000 Kommentare. Selbst wenn es nur ein paar Worte sind: Um einen Kommentar zu schreiben, muss man emotional ein Stück weit investiert sein.

Ebenso bemerkenswert war aber, dass schon zu Beginn der Woche immer neue Kommentatoren auftauchten, die von sich behaupteten, nicht-jugendlich zu sein – und Rezo recht gaben. Das Video übersprang also schon die alterstechnische Kernzielgruppe, bevor die Medienberichte ab Mittwoch so richtig einsetzten.

4. Die überkommende PR der CDU

Si tacuisses, CDU, si tacuisses. Auch weiterhin hätte ich es für klüger gehalten, die Christdemokraten hätten gar nicht auf Rezo reagiert (ausführliche Erläuterung dazu hier). So aber wollten sie zunächst Philipp Amthor vorschicken. Warum? These: Seine Gegenrede zur AFD ging einst im Web steil und deshalb glaubte irgendwer, dass Amthor im Netz eine Gefolgschaft entwickelt habe – was natürlich nicht falscher sein könnte.

Noch peinlicher das Hin- und Hergewackel ob der Veröffentlichung des entstandenen Videos. Im Stil alter Kommunikation warnte man Medien vor, die holten sich schon mal Stimmen ein, präparierten sich für die Veröffentlichung – die dann nicht kam.

Stattdessen kakophonierten mehrere CDU’ler vor sich hin. Auch hier zeigte sich die überkommene Kommunikationsvorstellung der Verantwortlichen. Wie in alten Zeiten, als nur Zeitung, allen voran „Bild“, TV und Radio existierten, glaubten sie, die Nachrichtenlage „spinnen“ zu können: Einfach gewisse Begriffe setzen, die wiederholen – und dann läuft der Laden wieder. So ist aus dem Arbeitsamt ja auch mal eine Agentur geworden, eine Agentur, wie schön, wie cool, wie zeitgemäß.

Generalsekretär Paul Ziemiak versuchte dies, indem er die Recherche von Rezo „Pseudofakten“ nannte. Was angesichts von Quellen wie der Uni Cambridge oder dem DIW eine recht… mutige Herangehensweise ist.

Zweiter Teil des Spinnings war die Behauptung, Rezo wolle die CDU „zerstören“. Ich mag wirklich nicht glauben, dass absolut niemand den Parteioberen erklärt hat, dass „Zerstörungsvideos“ ein Format auf Youtube sind. Man kann diese Begrifflichkeit verwerflich finden, doch ist Jugendsprache nun mal immer härter als die der Erwachsenen.

Die CDU aber glaubte wirklich die Erzählung aufzumachen vom bösen Youtuber, der mit seinen manipulierten Anhängern die meistgewählte Partei killen will. Das ist eine solche Beleidigung der Intelligenz des Adressaten, dass es nicht funktionieren konnte. Denn: Den Gegner einerseits abwerten, ihnen andererseits aber den Willen zur Zerstörung unterzujubeln, das würde ja bedeuten, dass er unter massiver Selbstüberschätzung leiden würde. Warum sollte man sich dann mit ihm beschäftigen?

Beschäftigen mit Rezo, das tat aber die CDU, und konterkarierte damit ihr eigenes Spinning.

5. Das Youtuber-Kollektiv

Vielleicht hätte ohne dieses Gewackele der CDU jenes Youtuber-Video nie stattgefunden, dass nun folgte. Über 70 Influencer schlossen sich zusammen mit der Botschaft: Wählt nicht CDU, SPD, FDP oder die AFD.

Ohne die oben genannten Faktoren 2, 3 und 4 wäre dies in klassischen Medien nicht mehr als eine Randnotiz gewesen. Nun aber hatte das journalistische Deutschland sein Radar auf Youtube gerichtet und das Kollektiv-Video war eine logische „Weiterdrehe“.

Und so verließ die Botschaft der Youtuber deren Filterblase über Medien, die sogar Push-Meldungen verschickten.

6. Die Aktivierung von AFD-Anhängern

Neben dem Erfolg der Grünen gibt es auch eine dunkle Seite der Wahl, die erstaunlich wenig thematisiert wird: So wie der Westen Grün wählt, wählt der Osten AFD.

Auch dabei gibt es eine digitale Komponente. Zwar ist die Tagesschau-Behauptung, rund die Hälfte aller politischen Social Media Postings stammten von der AFD ein, wie Vice es nannte, „mathematischer Clusterfuck“. Doch ist unbestreitbar, dass die Rechten ihre Klientel vorbildlich mit dem füttern, was sie haben wollten.

Viel schlimmer erscheint mir, dass es der AFD gelang, ihre Anhänger zu aktivieren (oder Fake-Accounts zu führen, die so taten, als seien sie Anhänger). Gut zu beobachten war dies in der Facebook-Gruppe „Wohnzimmer“, die über 750.000 Mitglieder zählt:

Aktiv posteten AFD-Anhänger ihre Präferenzen, sehr aktiv mischten sie sich in Diskussionen ein. Die Erzählweise war homogen: Die AFD ist die einzige Partei, die einfache Bürger verteidigt, die Grünen sind weltfremd, wer AFD wählt ist mutig, wer die AFD kritisiert ein Idiot. Und natürlich: Die AFD ist keine Nazi-Partei.

Ich fürchte, hier setzt ein psychologischer Effekt ein: Das soziale Stigma, AFD zu wählen, schwindet. Ist doch ganz ok, sich für die zu entscheiden, mehr noch – man kann stolz darauf sein.

Anhänger anderer Parteien waren kaum zu sehen und wenn, wurden sie direkt niederkommentiert.

Doch es gab noch zwei Metafaktoren, die ebenfalls mit dem Digitalen zu tun haben und die Wahl maßgeblich beeinflussten.

Metafaktor 1: Millennials, Generation Z und ihre Werte

Ich weiß nicht, ob Parteien sich Jugendanalysen wie der Shell-Studie beschäftigen und damit, welche Auswirkungen Wertewandel bei Jugendlichen  die der Jugend ein verstärktes Interesse an Politik – aber nicht an Parteien – bescheinigen.

Dabei wäre dies bei einem Unternehmen im Rahmen einer langfristigen Strategie eine überlebenswichtige Frage: Wie schaffe ich es, dieses Politikinteresse für mich zu kanalisieren? Ich kann keinen Ansatz irgendeiner Partei erkennen, sich dieser Frage anzunehmen.

Eine weitere Besonderheit dieser beiden jungen Generationen dürfte die Wahl beeinflusst haben: Gemeinschaft ist für sie ein hoher Wert. Youtuber schaffen das, was Parteien nicht hinbekommen: Sie geben ihren Fans das Gefühl, wertgeschätzt zu werden und etwas „zu sagen“ zu haben. Zum Beispiel mit Fragerunden und dem Aufgreifen von Kommentaren.

Im Gegenzug sind Parteien eben keine offenen Gemeinschaften. Bei den meisten werden junge Menschen in Kinderabteilungen Jugendorganisationen abgeschoben. In einer Zeit, da Menschen mit 17 Abitur machen und mit 20 schon einen Bachelor-Abschluss haben können, sind solche Jugendorganisationen, die von Menschen im Alter von 30 und mehr geführt werden, anachronistisch.

Metafaktor 2: Millennials und Familien

Auf der SXSW 2016 sagte Lucie Greene, die Leiterin des weltweiten Innovationslabors von J. Walter Thompson: „Bei uns gibt es den Begriff Millennial-Generation nicht mehr – wir sprechen nur noch von Millennial-Verhalten.“ So sah es auch Philippe von Borries, der deutsche Mit-Gründer der Frauen-Site Refinery29: „Millennial ist eine Geisteshaltung.“

Zu beobachten ist die starke Wirkung von Millennial- und Generation Z-Kindern auf ihre Eltern und Großeltern. Wenn die etwas im oder über das Internet sehen, fragen sie ihre Kinder. So werden die digitalen Medien zum neuen Lagerfeuer der Familie – nur, dass es eben nicht mehr nur die ARD- und die ZDF-Variante jenes Lagerfeuers, sondern zig verschiedene. Diesen Effekt hatte ich vor der Wahl in Anlehnung an eine erfolgreiche Pro-Obama-Kampagne „The Small Shlep“ genannt. 

Hier war ich definitiv zu zurückhaltend. Tatsächlich dürfte in den vergangenen Wochen und Monaten dieser Effekt in überraschend hohem Maß eingesetzt haben. Die ältere Generation las oder sah in klassischen Medien die Berichterstattung über #FridaysforFuture, über das Urheberrecht, über Rezo, über das Kollektivvideo – und fragte den Nachwuchs. Folge: ein Great Shlep.

Metafaktor 3: die medial-politische Filterblase

Zu den größten Fehlern der aktuellen Politikergeneration gehört ihre Klassikmediengläubigkeit. Viele Volksvertreter sind nicht mal der grundlegenden Bedienung digitaler Technologien fähig. Statt dies zu ändern, umgeben sie sich mit einer Filterblase, für die dies ebenso gilt: Journalisten alter Prägung aus Zeitung, Radio und TV.

Diese beiden vom Fortschritt abgehängten Subkulturen befeuern sich nun gegenseitig in ihrer Rückständigkeit, schimpfen auf das Netz, versuch zu verhindern, was zu verhindern ist. Fast analog zu den Adligen früherer Jahrhunderte ist hier eine elitistisch denkende Elite entstanden, eine moderne Form der „Sollen sie Kuchen essen“-Marie Antoinette  (ja, ich weiß, dass sie das nie gesagt hat).

Vor allem aber bestärken sie sich in dem Glauben, dass nicht Inhalte Wahlen entscheiden würden – sondern Kommunikation. Diese Haltung ist quer durch die Parteienlandschaft zu beobachten.

Nehmen wir nur die Äußerungen von Annegret Kramp-Karrenbauer am Wahlabend. Allen Ernstes behauptet sie, die CDU habe ihre Ziele erreicht. Dies sind Floskeln aus der Vor-Internet-Zeit: Damals glaubten Volksverteter mit so was durchzukommen, weil es weder von Print- noch von TV- oder Radiojournalisten harte Gegenfragen dazu gab. Denn die richtige Reaktion auf solche eine Äußerung wäre ja: „Frau Kramp-Karrenbauer, das kann doch nicht ihr Ernst sein. Sie haben ein katastrophales Ergebnis erzielt. Das war ihr Ziel?“ Doch solch harte Gegenfragen sind halt selten in der medial-politischen Filterblase.

Dieser Glaube, dass Kommunikation alles richtet, spiegelt sich auch in der CDU-internen Kurzanalyse wider, die Gabor Steingart heute zitiert. Darin sollen die Gründe für das Wahldebakel sein:

„► Erster Grund für das Debakel sei ein „vermeintlicher Rechtsruck“ der Jungen Union, heißt es in dem Papier. Die Kritik der Kritisierten folgt auf dem Fuße: „Das eigene Haus hat in der letzten Woche völlig versagt und jetzt sollen andere schuld sein?“, zürnt JU-Chef Tilman Kuban.

Zweiter Grund für die Wahlniederlage sei die „medial sehr präsente, sogenannte Werte-Union“.  Auch hier läuft die Parteibasis gegen die Führung Sturm: „Die Mitglieder der Werte-Union haben bis zuletzt für einen Erfolg der CDU/CSU gekämpft”, sagt ihr Chef Alexander Mitsch. „Dass sie nun zum Sündenbock gemacht werden sollen, zeigt, wie weit manche hauptamtliche Funktionäre von der Realität und der Parteibasis entfernt sind.“

Dritter Grund sollen die „plötzlich politisch aktivierten Youtuber“ um den 26-jährigen Rezo sein, deren Aufruf gegen die Wahl von Union und SPD die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer offenbar für zensurwürdig hält…“

Man beachte: Keiner dieser Gründe beschäftigt sich mit falschen Programmpunkten, mit Verschiebungen der Wählerinteressen oder deren Reaktion auf die Nachrichtenlage. Alle drei drehen sich ausschließlich um Kommunikationsthemen: das Auftreten der Jungen Union, die mediale Präsenz der Werte-Union, die Wähleraktivierung durch Youtube.

Anderes Beispiel: CSU-Chef Markus Söder. Auch er will nicht die Inhalte ändern, er will sie „cooler“ verkaufen. Junge Menschen sind also für ihn einfach nur an Coolness interessierte Knalldackel:

Oder Armin Laschet. Statt zu fordern, dass der Wille des Volkes, das er vertritt zur Geltung kommt, will er dem Volk besser erklären, dass es nicht bekommt, was es gern möchte:

Und auch CDU-Fraktionschef Burkhard Dregger sieht die Menschen als leicht manipulierbare Ziegenherde, die heute Määäh! ruft und morgen Mehehehe!.

Programme und Inhalte sind in dieser Filterblase verzichtbar. Die simple Denke der in ihr Versammelten: Es geht um den Machterhalt, Machterhalt braucht Stimmen, Stimmen kommen durch kommunikative Oberhoheit.

Wie das in der Tagespolitik zeigt das Funk-Format „Die da oben“ sehr schön anhand des Digitalpaktes, also der Digitalisierung der Schulen. Bevor der so richtig exakt formuliert worden ist, fordern die FDP schon einen Digitalpakt 2.0, die SPD fordert schnellere Datenleitungen, die Linke redet was von Medienkonzernen:

Alles schöne Sound-Snippets, keiner will etwas machen, jeder aber den in Zeitungen zitierbarstem Satz abliefern.

Und bevor hier ein falscher Verdacht aufkommt: Dies zieht sich durch alle Parteien. Die CDU hat sich nur rund um die Europawahl besonders dämlich verhalten.

Und die Klassikjournalisten bestätigen die Politikverweigerer in dieser Haltung. So schiebt ein FAZ-Redakteur das Wahlergebnis auf „rot-grüne Medien“:

Gemeinsam schaukeln sich die beiden Filterblasigen dann hoch. Frustriert sind sie von den Wählern, die sie beim Regieren stören, die nicht mehr brav Zeitungen kaufen und stattdessen ihre Meinung in dieses Internet schreiben.

Dieses Internet wird dann zum Prügelknaben. Und weil es ja so schrecklich schlecht fassbar ist, dieses Netz, müssen halt jene herhalten, die auf der Seite des Netzes stehen. Ein besonders abschreckendes Beispiel dafür lieferte gestern der „FAZ“-Redakteur Peter Carstens, der sich derart sicher in seiner Filterblase glaubt, dass er sogar die journalistische Sorgfaltspflicht über Bord wirft.

Er schrieb:

„Ein Großteil des SPD-Etats floss in den digitalen Wahlkampf, die fleißigsten Helfer kamen von den Jusos. Eine Social-Media-Expertin von Boulevard- und Onlinemedien mit „Herz für schlechte Witze und guten Rotwein“ (Selbstauskunft) wurde engagiert, um die alte Partei jünger wirken zu lassen.“

Nun, jene „Selbstauskunft“ wurde von Carstens nicht eingeholt, sondern abgeschrieben:

Der freie Journalist Ralf Heimann kommentierte diesen Tweet-Wechsel so:


Doch viel wichtiger ist auch hier der Glaube: Hätte die SPD nur anders kommuniziert, vielleicht gar mehr Anzeigen in der Frankfurter Lokalzeitung geschaltet, dann wäre alles besser geworden.

Wir brauchen Mondays for Future

Gute Frage.

Seit 15 Jahren schreibe ich in diesem Blog darüber, dass Journalisten und Medien sich ändern müssen, um den gestiegenen Ansprüchen der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Dass ansonsten ihre Medienobjekte sterben. Dass mit denen ein gehöriger Teil des Journalismus stirbt, den eine Gesellschaft so dringend braucht.

„Mach dir keine Sorgen“, hörte ich immer wieder von Journalisten und Medienmanagern, „es wird doch besser, das braucht halt.“

Doch in 15 Jahren ist kaum etwas besser geworden, manches gar schlimmer. Digital denkende Chefredakteure und Kaufleute sind so selten wie Fallrückziehertore und werden genauso bejubelt: Wenn nochmal einer so nen Ding macht, darf er gleich den Pokal zum „Tor des Jahres“ abholen.

In diesen 15 Jahren verloren Verlage reihenweise gute Digitale, Katharina Borchert, Heiko Hebig, Wolfgang Büchner, Carline Mohr, um nur einige Namen zu nennen.

„Mach dir keine Sorgen, es wird doch besser, das braucht halt.“, sagten mir in diesen 15 Jahren auch etliche Politiker (OK, nicht alle duzten) und aktive Anhänger von Parteien.

Was sich getan hat? Nichts. Mehr noch: Es wird immer schlimmer.

Das Problem ist ein systemisches, wie auch Franziska von Kempis für t-online analysiert:

Denn es geht hier ja nicht allein um eine Änderung der Kommunikationsstrategie. Der Umgang mit dem Internet verrät sehr viel über das Menschenbild einer Person. Glaubt er, die Äußerungen anderer im Social Web seien Müll, fragt er, mit welchem Recht, andere überhaupt etwas veröffentlichen dürfen, will sie diese Äußerungen gar verbieten, so zeugt dies davon, dass er oder sie die allermeisten Menschen für dumm und/oder böswillig hält.

Genau diese Haltung sehen wir derzeit bei Politikern und Journalisten. Man kann solch ein Denken nicht einfach mit dem Schalter umlegen. Es ist ein zu langer Prozess, der vor zu langer Zeit hätte eingeleitet werden müssen.

Was wir eigentlich bräuchten, wäre ein Aufstand der Demokratiewilligen in den Institutionen, in Parteien, parteinahen Vereinen und genauso in Medien. Eine Art Mondays for Future (meinetwegen auch jeden anderen Wochentag), also Tage, an denen diese Menschen auf die Barrikaden gehen, die Gestrigen zur Aufgabe fordern um Platz zu machen für jene, die noch etwas bewegen und nicht den Niedergang verwalten wollen.

Am Sonntag und Montag könnte so eine Gelegenheit dafür sein, sollte die CDU in ihren oberen Rängen noch Änderungswillige besitzen. Denn wie „Welt“-Mann Robin Alexander tweetete, stehen nicht Umwelt- oder Digitalpolitik bei der Nach-Wahl-Klausur der CDU auf dem Programm, sondern „asymetrische Wahlkampfführung“. Und wie wurde die Einladung verschicht? Per Fax.

Gibt es in Reihen der Christdemokraten noch Beweger und Möglichmacher? Wie erkennt man die? Zumindest einn Indikator sehe ich. Denn ich bin mir sicher, diese Personen werden einen Fehler nicht machen: den digitalen Raum zu unterschätzen.

Nachtrag von 18.23 Uhr:

Eigentlich kann man zu diesem Thema aktuelle gar keine Blogpostings schreiben. Denn während man schreibt und dann online stellt, blamiert sich gleich der nächste CDU’ler. Diesmal ist es der digitalpolitische (!) Sprecher der CDU/CSU-Bundestagfraktion, Tankred Schipanski.

Heute morgen hat er versucht seine Vorsitzende zu retten, indem er behauptete, ihre Äußerungen seien „verdreht“ worden:

Auf zahlreiche Nachfragen, welche Offline-Regeln damit gemeint waren antwortete er, man solle doch mal „Vorschriftensammlungen . Herausgeber Fechner u Mayer“ lesen (übrigens ist es auch bemerkenswert, wie inkompetent Politiker mit Hashtags umgehen – aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema). Patziger, unhöflicher und weniger am Diskurs interessiert kann man nicht mehr reagieren.

Nun veröffentlicht er ein furchtbar schlecht gemachtes Video mit kaum verständlichem Ton, in dem er zur Debatte auffordert.

Wo man debattieren soll? Ach, schreiben sie es auf einen Zettel und werfen sie den in den Fluss ihres Vertrauens, dann kommt das schon bei Schipi-Baby an. Für wie dumm hält dieser Mann seine Zuhörer?

Rechtsanwältin Nina Diercks haut Schipanski diesen demokratieverneinden Unfug um die Ohren:


Kommentare


Alexander Klier 28. Mai 2019 um 20:42

Ich halte das für eine geniale Analyse. Einige Gedanken von mir dazu sind hier weitergeführt und vor allem ausgeführt. Für mich läuft das unter dem Stichwort bzw. der These einer "digitalen Disruption des Politischen". Danke dafür.

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Martin 28. Mai 2019 um 21:50

“Radiojournalisten harte Gegenfragen dazu gab. Denn die richtige Reaktion auf solche eine Äußerung wäre ja: „Frau Kramp-Karrenbauer, das kann doch nicht ihr Ernst sein. Sie haben ein katastrophales Ergebnis erzielt. Das war ihr Ziel?“ Doch solch harte Gegenfragen sind halt selten in der medial-politischen”

Absolut! Warum ist das so? Warum macht ein Journalist seine Arbeit nicht? Bei Donald Trump scheint man jedes räuspern zu analysieren und dreiste Fragen zu stellen. Aber wenn eine Merkel zum Interview lädt, dann nur mit ausgesuchten Bürgern und Fragen und nennt es “Bürgerdialog” um Realpolitik zu simulieren!

Mich haben die etablierten Parteien schon lange verloren. Ich bin digital und hoch informiert. Ohne Springerpresse und Boulevard Blättchen und Politik Theater. Mich interessieren Fakten und wenn eine AKK auf den Underdog einprügelt oder die Netzgemeinde diffamiert und framed, dann höre ich noch genauer hin und vergesse nicht. Genau wie das Netz nicht vergisst.

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Piratenpartei Wähler 28. Mai 2019 um 22:28

Wir können doch froh sein das die CDU das Internet erst jetzt entdeckt. hätten die Parteien dies schon vor 20-30 Jahren getan dann wäre es wohl verboten oder sonstwie kaputt gemacht worden. Jetzt ist es als Medium mächtig genug um die Zentralistischen Machtverhältnisse infrage zu stellen und eine breitere Öffentlichkeit als jemals zuvor den Diskursen und Entscheidungen zu beteiligen.

Um das zu ermöglichen müssen wir das Internet jetzt ersteinmal gegen die Attacken der alten Eliten verteidigen während wir daran arbeiten neue Macht und Entscheidungsstrukturen zu entwickeln welche den einzelnen mehr Freiraum und Beteiligung ermöglichen.

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Alexander Klier 29. Mai 2019 um 4:51

Ich habe noch eine Ergänzung. Wenn das mit der digitalen Disruption des Politischen stimmt, dann geht es im Kern auch schon darum, welche neue und erweiterten Möglichkeiten der politischen Partizipation durch das Internet denkbar sind oder möglich werden. Ganz im Sinne einer kreativen Zerstörung (Schumpeter) also wirklich auch die Weiterentwicklung der Demokratie auf der Tagesordnung steht.

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Mic 29. Mai 2019 um 5:28

So recht Du auch hast – "So ist aus dem Arbeitsamt ja auch mal die ARGE geworden" ist falsch:

Aus dem Arbeitsamt wurde die Bundesagentur für Arbeit.
Die ARGEn (z.B. ARGE für Beschäftigung München GmbH), waren die Vorläufer der Jobcenter, und an daran war das Arbeitsamt zu gerade mal 50% beteiligt. Die andere Hälfte gehörte den Kommunen.
Ist bei den Jobcentern auch so, aber die Rechtsform ist eine andere.

So, genug kluggeschissen. Danke für den Beitrag!

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Thomas Knüwer 29. Mai 2019 um 9:07

Danke für den Hinweis – ist korrigiert!

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Gepetto 30. Mai 2019 um 11:43

Wo wir dabei sind: emotional involviert vielleicht, sicher nicht "investiert" (etwa in der Mitte von Punkt 3). Und "das Verdienst". "Der Verdienst" ist eher das Geld, das der Mann im Jahr bekommt. (letzter Satz unter Punkt 2).

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Thomas Knüwer 30. Mai 2019 um 15:29

Das "investiert" war so gemeint – den zweiten Hinweis habe ich korrigiert. Danke!

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Elias 29. Mai 2019 um 11:27

Kurz ergänzt: <a href="https://tamagothi.wordpress.com/2019/05/28/die-zerstoerung-des-journalismus/">Die Zerstörung des Journalismus</a>…

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Tanja Bottke 29. Mai 2019 um 16:06

ODER: die Menschen wollen endlich mal, dass vernünftige Klimapolitik gemacht wird!
Die junge Generation kämpft um ihre Zukunft, um einen lebenswerten Planeten vielleicht sogar ums Überleben.
Alle Wissenschaftler warnen schon seit über 30 Jahren vor den Folgen des Klimawandels, aber unsere Politiker tun nichts dagegen. Inzwischen wird die Zeit knapp. Die Folgen können wir inzwischen mit eigenen Augen sehen, vor der eigenen Haustür. Die Warnungen werden immer eindringlicher, Unwetterkatastrophen mehren sich und wir sind dabei die Tiere auf dieser Welt auszurotten. Dazu der Dürresommer, der uns deutlich vor Augen geführt hat, was uns in Zukunft erwartet.
Und jetzt wird darüber diskutiert, wie die Parteien besser kommunizieren können und besser im Internet darstellen!
Nein, die müssen einfach mal anfangen zu Handeln!! CO2 reduzieren!
Wer das nicht verstanden hat, hat unseren Wissenschaftlern nicht zugehört. Oder er verdrängt das Problem. Was ich übrigens gut verstehen kann, es ist wirklich erschreckend, wenn man in sein Bewusstsein einfließen lässt, wie es um unsere Erde steht. ABER: es ist dringend nötig das zu tun.

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Domi 29. Mai 2019 um 16:58

sehr wichtige Passage:
Wertewandel bei Jugendlichen die der Jugend ein verstärktes Interesse an Politik – aber nicht an Parteien – bescheinigen.
das ist meine persönliche Erkenntnis Nr. 1.
Warum?
Keine Partei ist durchgehend meiner Meinung. Legt Prioritäten gemäss meinen Interessen. Besteht aus Politikern, mit denen ich mich identifiziere.
Zudem ermüdet es, dass es wichtiger zu sein scheint, wer ein Problem löst und wie, als dass es überhaupt gelöst wird.
Fand zu diesem Thema eine Reportage zu Österreichs (Ex-)Kanzler Kurz ganz toll. "Er scheint es geschafft zu haben, dass streiten schlecht ist… und gearbeitet werden soll". Logisch, denkt man.

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R. Meier 29. Mai 2019 um 20:46

Super Artikel

Hat wirklich Spass gemacht ihn zu lesen, trotz dem dem Spass viel gelernt.
Meine Theorie zu dem ganzen:
Es spielt sich das gleiche ab wie vor 500 Jahren, nur in einem kürzeren Zeitrahmen und schnellerem Tempo;
1. Erfindung des Buchdruck, plötzlich kann Jedermann sich Wissen Aneignen und herausfinden was wirklich abläuft.
2. Dies führt zur Reformation, die Leute möchten Veränderungen. Opportunisten versuchen dies auszunutzen = Chaos (Sekten, Kriege usw…)
3. Philosophen verbreiten noch mehr Wissen, dies führt zur Franz. Revolution, obwohl die Philosophen das Gegenteil wollten
(Rousseau , Voltaire usw.). Opportunisten versuchen dies auszunutzen = Chaos ( Kriege usw…)..
4. Schlussendlich setzt sich die Aufklärung und Vernunft durch.

Das gleich passiert jetzt in den letzten 30 Jahren:

1. Das Internet wird erfunden. Plötzlich kann jedermann über alles in Sekundenschnelle Bescheid wissen.
2. Dies führt zu Unzufriedenheit, und die Leute möchten Veränderungen, da Sie jetzt wissen dass Sie ein viel besseres Leben
führen könnten.
3 Opportunisten springen auf und Versprechen das Paradies wie AFD, Trump, Flat Earther, Verschwörungstheoriker usw..
4. Mehr Wissen wird auf dem Internet verbreitet und die Vernunft setzt sich durch.

Dies hoffe ich jedenfalls. Das Problem ist einfach, dass Intelligente Leute es nicht glauben können, dass soviel Dummheit und Böses
in einem Menschen stecken kann und ihm immer wieder die Chance zur Vernunft geben, bis Sie schlussendlich merken *genug ist genug" und anfangen zu
handeln.
Hinter diesen Jugendlichen stecken auch sehr viele Erwachsene, die Sie dementsprechend erzogen haben und hoffen dass ihre Kinder es besser
machen werden.

Ein alter Hippie
Leider habe ich Probleme mit der deutschen Sprache. Aber, falls gedacht wird mein Ansatzpunkt könnte helfen, wäre ich froh über einen Artikel mit dem Thema.

Antworten

Jules K. 30. Mai 2019 um 21:05

Erst die Musikindustrie, dann die Medien und nun die Berufspolitiker. Sie schaufeln sich ihr eigenes Grab. Obwohl das zu verhindern wäre. Aber nein. Man hält sich für besonders schlau. Ein Drama in mehreren Akten. Da kann man nicht einmal mehr Mitleid heucheln. Und wir haben noch nicht einmal Halbzeit. Aber aus den Ruinen wird Besseres nachfolgen. Da bin ich Optimist.

Starker Artikel. Top!

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