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Man stelle sich vor, der „Spiegel“ würde eine lange Titelgeschichte veröffentlichen, also eine lange, wie es sie früher gab, nicht diese flott durchzulesenden, die den Aufmerksamkeitsdefiziten von Print-Fetischisten entgegen kommt. Und diese lange, laaaange Geschichte trüge den Titel „Die Zerstörung der CDU“ und endete mit der Wahlempfehlung, am kommenden Sonntag, zur Europawahl, CDU, CSU, SPD und AFD zu meiden.

Hammer, oder?

Oder nehmen wir an, RTL produzierte eine entsprechende Doku, 55 Minuten ohne Werbung, die ein einziger Angriff wäre auf Angela Merkel und ebenfalls enden würde mit jener Warnung vor den Klassikparteien.

Was wäre los?

Seit Samstag passiert etwas Vergleichbares in diesem Internet, genauer gesagt auf Youtube.

Dort veröffentlichte Youtuber Rezo ein 55-minütiges Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“.

Nun ist das mit der Zerstörung nicht wörtlich zu nehmen, es ist eine neue Begrifflichkeit für das, was in meiner Generation vielleicht „Auseinandernehmung“ genannt worden wäre.

Vielleicht wäre dieses Video auch nie entstanden, hätte es nicht Axel Voss und seinen Kampf um jenes desaströse EU-Urheberrecht gegeben. Rezo gehört zu jenen Youtubern, die durch Voss Negierung der Kritik politisiert wurden – und nun ihre Community aktivieren.

Bemerkenswert aber ist, dass dieses Video eben kein platter Rant ist, der eine Person oder Institution mit Schimpfworten bedeckt, so wie es die ZDF „heute show“ macht. Es ist viel mehr ein Stück recherchierter Journalismus. Und im Gegensatz zu den allerallermeisten Redakteuren veröffentlicht Rezo eine Flut von Quellen in einem Google Doc. Und das mit der Flut, das dürfen Sie ruhig wörtlich nehmen – es sind 252 Links.

Auch ich stimme nicht mit allem überein, was Rezo sagt. Manches ist unterkomplex dargestellt, doch vieles eben auch nicht. Und sind diese gerade vorangegangenen Sätze nicht auf jedes längere, journalistische Stück übertragbar?

Im Moment, da ich dies hier schreibe (Dienstag Mittag), zählt das Video 2,2 Millionen Abrufe, in den vergangenen 24 Stunden sind rund 1 Million hinzugekommen. Noch bemerkenswerter ist das Engagement: 15% der Betrachter haben den Youtube-Daumen gehoben, bei Bibi’s Beauty Palace liegt dieser Satz eher bei 5%.

Noch erstaunlicher: 61.500 Kommentare, eine Engagement-Rate von 2,8%. Hier der Vergleich mit Top-Youtuber Julien Bam: Seine jüngsten drei Videos erzielten 0,88%, 1,14% und 0,26%. Interessant dabei ist der höchste der drei Werte. Diesen erreichte ebenfalls ein Video mit ernstem Thema. Bam besuchte in Kooperation mit Unicef Deutschland (Disclosure: in einem anderen Digitalgebiet Kunde von kpunktnull) Slums in Bangladesh:

„Zwei sind ein Trend, drei sind ne Welle“, sagt ja mancher Journalist.

Gern werden sowohl den Betrachtern wie den Produzenten von Youtube-Videos entleerte Hirne und mangelnde Intellektualität vorgeworfen.

ist dem so? Ich habe das Gefühl, dass hier eine neue Generation von Journalismus entsteht. Er ist genauso emotional, kommentierend und subjektiv wie der aktuelle Journalismus älterer Generationen – und dies kann ich nicht gut finden. Doch haben Youtuber wie Rezo eine Fähigkeit, die den Redaktionen klassischer Medien abhanden gekommen ist: Sie sprechen die Sprache ihrer Zielgruppe. Und deshalb sind sie in der Lage, diese für sich zu gewinnen.


Kommentare


Joachim Ollig 21. Mai 2019 um 14:44

NEIN! Die neue Generation ist schon lange da. Wurde bisher immer ‚kleingehalten‘! Die Jungen werden auch ‚erwachsen‘! Wenn dem so ist, wird dies Video bis zur kommenden Wahl durch die Decke gehen. TOP! Es geht wohl schnell …

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Titus von Unhold 21. Mai 2019 um 19:22

Die neue Generation wurde ganz sicher nicht kleingehalten, denn diese würden niemals dahin gehen wo die alten Säcke sind. Einzelne Experimnte mit LeFloid und Co bestätigen die Regel. Ansonsten ist "Meinung/Kommentar" heute "Journalismus" und findet bei Snapchat, Instagram, YouTube und Co statt. Das bekommt von uns Leuten 30+ nur kaum einer mit.

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Daniel Kunert 22. Mai 2019 um 22:01

Ich denke ebenfalls nicht, dass die Neue Generation kleingehalten wurde. Vielmehr hat man sich aus den Sachen rausgehalten, solange man irgendwie damit Leben konnte. Dochdurch art. 13 griff man uns ganz gezielt an und es traf uns direkt und nicht indirekt. Man merkte wie wenig Ahnung die Leute haben die für einen da sein sollen. So stellte man sich zunehmend die frage, wo sonst noch, die älteren falsch liegen und man beschäftigte sich mit mehr Dingen. Am ende war vlt Art. 13 das beste was uns passieren konnte, denn jetzt haben sie die Junge Generation geweckt und man wehrt sich, da man versteht und nicht mehr akzeptiert und glaubt sie werden es schon irgendwie richtig machen. Das ist meine Meinung dazu.

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Christian Arthoff 21. Mai 2019 um 17:43

Eine „Warnung vor den Altparteien“? Mit dem Begriff hätte ich hier nicht gerechnet.

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Thomas Knüwer 22. Mai 2019 um 9:32

Dieser Begriff war falsch gewählt – ich werde ihn direkt korrigieren. Danke für den Hinweis.

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Dominik Krichbaumer 22. Mai 2019 um 13:34

Es ist höchst überfällig diesen unfähigen und verlogenen Haufen zur Rechenschaft zu ziehen. Klar gibt es einige Fähige unter Ihnen, aber wenn man die ersten Reaktionen von CDU Politikern auf das Video anschaut, muss man sich schon die Hand vor’s Gesicht hauen. Keine Widerlegung der Aussagen und Fakten. Stattdessen Diskreditierungsversuche alla Trump.

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Titus von Unhold 22. Mai 2019 um 16:46

Wie genau soll das aussehen? Die Forderungen "diesen unfähigen und verlogenen Haufen zur Rechenschaft zu ziehen." hört man nämlich sonst exakt in der Formulierung aus dem rechtsnationalen Lager ala Trump, AfD, NPD und Co.

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Reaktionen auf das Video „Die Zerstörung der CDU“ – kleine Umschau › Digital Diary – Claudia Klinger 22. Mai 2019 um 13:44

[…] Indiskretion Ehrensache / Thomas Knüwer: Die Zerstörung der CDU durch einen Youtuber […]

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Roland 22. Mai 2019 um 22:03

Rezo ist Bachelor der Informatik. Der Bundestag und das EP sind voller Rechtsanwälte und Profi-Politiker ohne Digital-Skills, die über ein gescheitertes Webdesign-Startup hinausgehen. Die Wähler akzeptieren seit Jahren hoffnungslosen Bullshit hinsichtlich Industrie 4.0, Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Blockchain – und erleben auch jeden Tag, wie kaputt unser Land digital ist zB in der Verwaltung, auf technisch schwachen Websites wie Spiegel Online oder dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk.

Wirklich alles was hier EDV-gestützt läuft, läuft auf in anderen Ländern entwickelter Hard- und Software, das gilt auch für Siemens und SAP. Und derweil tun alle so, als ob Programmieren vergleichbar mit Gebäudereinigung sei, irgend eine mindere Tätigkeit. Es wird geschwätzt, aber nicht erlernt, angewendet, gewertschätzt. Damit haben wir das Ruder und jede positive Einflussmöglichkeit auf zukünftige Technologien lange verspielt und alles, was jetzt passiert, ist reaktionäre Beschränkung, Gängelung und Zensur über die Bürokratie. E-Scooter lassen grüßen.

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Tim 23. Mai 2019 um 9:18

An so mancher Stelle hat Rezo bestenfalls unterkomplex argumentiert, aber insgesamt hat er natürlich einen Volltreffer gelandet: CDU/CSU, SPD und AfD müssen weg. Letztlich sind sie allerdings bloß eine Funktion unseres politischen Systems. Langfristig wird es wenig bringen, nur an den Symptomen herumzudoktern. Ganz allgemein müssen wir die Gewaltenteilung (horizontal und vertikal) ausbauen, die Position des Abgeordneten stärken und die Stellung der Parteien schwächen.

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thorstenv 23. Mai 2019 um 22:25

Es ist eben ein Kommentar. Inhaltlich unterscheidet sich das von den Beiträgen in den üblichen Politikmagazinen hauptsächlich dadurch, dass er nicht vorher die CDU um Stellungnahme gebeten hat. Was bei Kommentaren nicht üblich ist.

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