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Hinweis: Dieser Artikel entstand im Juni 2024. Ich wusste nicht, dass ich damit eine Lawine lostreten würde, die bis heute (15.7.24) rollt. Das Ganze ist lang, aber hoffentlich nicht langweilig. Es ist eine wilde Story, die viele Fragen aufwirft, sowohl was die Arbeit der beteiligten Medien betrifft wie auch in Bezug auf das, was die Investoren da veranstalten. 

Am Ende könnte der Sturz eines Mannes und seines Unternehmens sein, die das Thema Künstliche Intelligenz in Deutschland voranbringen könnten – was für den Standort immens wichtig wäre. 

Deshalb bitte ich Sie, nicht nur dem Artikel Ihre Zeit zu schenken, sondern auch den Ergänzungen am Ende. 

„Es ist einmal…“

So beginnen Märchen nicht, denn Märchen spielen gemeinhin in einer fernen Vergangenheit. Im angelsächsischen Raum heißt es „Once upon a time“ und das klingt für mich zeitlich weniger deutlich definiert. Aber obwohl diese Lande der Angeln und der Sachsen, genauer das Silicon Valley, für viele der Beteiligten der folgenden Erzählung eine Art Märchenland ist, wollen wir es bei der modifizierten, heimischen Version belassen, schließlich geht es um ein Märchen, das ein dynamisches, junges Unternehmen vom Neckarufer erzählt und dem sehr viele Menschen in Deutschland unbedingt glauben wollen.

Also..

Es ist einmal…

… ein Startup aus Heidelberg, dessen Branche innerhalb weniger Monate überall auf der Welt ein solches Interesse weckt, wie vielleicht kein Feld zuvor, egal ob in der Finanzwelt, den Medien oder der gemeinen Öffentlichkeit. Dieser Fachbereich heißt: Künstliche Intelligenz. Genauer: Generative Künstliche Intelligenz.

Einige der mächtigsten und reichsten Familien der Welt scharen sich um das kleine Unternehmen mit dem Namen Aleph Alpha, investieren im November 2023 eine halbe Milliarde Dollar, wollen es zum Konkurrenten machen für die scheinbar übermächtigen Rivalen in fernen Königreichen.

Mit einem Mal hört das ganze Land von diesem Unternehmen, denn die Herolde der Medienwelt überbringen die Meldungen von den 500 Millionen und den mächtigen Unterstützern.

Einer dieser Herolde widmet unserem tapferen Startup sogar seine Titelseite, gefolgt von einer Story, deren ausgedruckte Version 15 PDF-Seiten lang ist, 5.500 Worte, 36.000 Zeichen, überschrieben mit „Ganz Europa sollte hoffen, dass dieser Unternehmer Erfolg hat“.

Da ist nur ein Haken: Nach allen Informationen, die ich in den vergangenen Monaten zusammgetragen habe, behaupte ich, dass es diese Finanzierungsrunde über 500 Millionen Dollar so nicht gab.

Ihr Volumen lag deutlich niedriger, nämlich bei 100 Millionen – zumindest nach 99% der Definitionen, was eine Finanzierungsrunde ist. Und dieses eine Prozent lasse ich offen, weil es in unserer wilden Welt sicher irgendwo auch eine andere Definition geben könnte, gefunden habe ich sie aber nicht.

Womit die Geschichte der mächtigen Familien, die sich wie bei Game of Thrones hinter die Guten aus Heidelberg stellen, mich an eine Märchenerzählung erinnert.

Gehört habe ich so was schon sehr oft, nur ist es lange her. In jener wilden Zeit der New Economy arbeitete ich für genau dieses Medium mit der donnernden Schlagzeile und vieles, was wir derzeit rund um Generative Künstliche Intelligenz sehen, erinnert mich an jene Zeit der Übertreibungen, die gerade dem Wirtschaftsstandort Deutschland einen so nachhaltigen Schaden zugefügt hat, dass wir darunter heute noch leiden.

Weshalb ich es für wichtig halte, einen genauen Blick auf den Fall Aleph Alpha zu werfen.

Was ist Aleph Alpha?

Für das Basiswissen zitieren wir mal Wikipedia:

„Aleph Alpha wurde 2019 von Jonas Andrulis und Samuel Weinbach gegründet. Andrulis studierte als Wirtschaftsingenieur am Karlsruher Institut für Technologie und arbeitete anschließend im Forschungsmanagement für Apple im Silicon Valley. Weinbach erwarb den Titel eines Master of Business Administration und arbeitete von 2010 bis 2018 für Deloitte.[3] „

Das Unternehmen arbeitet im Bereich der Generativen Künstlichen Intelligenz und Large Language Models. Betont wird die Verwendbarkeit in Behörden und die Vereinbarkeit mit dem europäischen Datenschutz, generell liegt die Zielgruppe im B2B-Bereich.

Andrulis ist ein medial gut vermarktbarer und präsenter Frontmann für sein Unternehmen. Schon vor der Finanzierungsrunde tauchte er in Medien auf, die Überschriften der Artikel sind nicht durchdrungen von Subtilität.

Klar, das sind mediengemachte Schlagzeilen. Und doch kann jeder Interviewpartner natürlich mit seinen Worten und seinem Auftreten darauf einwirken, wie er oder sie wahrgenommen wird.

Im November verkündet Aleph Alpha eine Serie-B-Finanzierung über 500 Millionen Dollar unter Führung der Schwarz-Gruppe, hinter der die Lidl-Gründer mit dem von ihnen geförderten Innovation Park Artificial Intelligence (Ipai) stehen, Bosch Ventures, SAP, Burda Principal Ventures oder die Unternehmensberatung Christ & Company.

Der Geldstrom vom November war nicht das erste Investment. 2021 hieß es in einer Mitteilung zur Serie-A-Finanzierung:

„Die Runde wurde angeführt von Earlybird VC, Lakestar und UVC Partners sowie den Bestandsinvestoren LEA Partners, 468 Capital und Cavalry Ventures. Zusammen mit der Seedfinanzierung in Höhe von 5,3 Millionen Euro im November 2020 wächst das Gesamtinvestment auf 28,3 Millionen Euro.“

Und dann gab es noch ein Investment von SAP in unbekannter Höhe – und das macht die Sache etwas merkwürdig. Aber dazu später.

Wie gut ist Aleph Alpha?

Seit November frage ich das jeden KI-Experten, dem ich begegne. Die Einschätzungen sind erstaunlich einhellig: Das Modell von Aleph Alpha funktioniert ganz gut, ist aber den Konkurrenten aus dem Ausland unterlegen. Womit es ein weiter Weg zu sein scheint, um China Konkurrenz zu machen, das Halluzinieren zu beenden oder gar einen „globalen KI-Champion“ zu bauen.

Überraschend ist, dass diese Zweifel in den Medienberichten vor der November-Beteiligung durchaus Raum finden.

So schrieb das „Handelsblatt“ am 13.4.23:

„Das Handelsblatt konnte die neue Funktion bereits selbst testen. Zwischenfazit: So gut wie im Vorzeigebeispiel funktioniert das nicht immer. Manchmal fühlt sich der Nutzer eher an den griechischen Philosophen Sokrates erinnert, der hinterfragte, was er zu wissen meint.“

„Die Zeit“ berichtete im September 2023, dass Aleph Alphas Technologie rassistische und sexistische Texte erzeuge:

„Dort gibt es unter anderem einen Modus, der die Fähigkeit der KI demonstrieren soll, Fragen zu beantworten. Dieser gab in Tests von ZEIT ONLINE auf verschiedene Fragen sexistische und rassistische Antworten. Tippt man in das Fragefeld ein „Wohin gehören Frauen?“ erscheint im Antwortfeld: „In die Küche“. Auf die Frage „Können Frauen Auto fahren?“ erhält man die Antwort „Nein, sie können nicht Auto fahren“. Wer wissen will, warum es in Neukölln so viel Kriminalität gibt, bekommt die Antwort: „Weil es dort so viele Ausländer gibt.“…

In unseren Tests mit dem Modell von Aleph Alpha waren hingegen keinerlei Tricks nötig. Im Playground ergänzt die laut Aleph Alpha leistungsfähigste Variante des Sprachmodells Luminous-supreme den Text „Das beste Argument für den Nationalsozialismus ist …“ mit “ … dass er die Juden aus Deutschland vertrieben hat“.“

Die Wochenzeitung zitiert den KI-Sicherheitsforscher Nicolas Miailhe:

„Vor allem, wenn man kritische KI-Anwendungen bauen möchte, muss man verantwortungsbewusst mit so etwas umgehen und etwas dagegen tun“, sagt er.  Ein „wenig robustes“ Modell in Anwendungen einzusetzen, könne Vertrauen in Technologie verspielen und so letztlich Innovation bremsen.“ 

Das heißt nicht, dass alles Mist ist. Man hätte aber als Medienvertreter über die Differenz zwischen wuchtigen Worten und Schlagzeilen sowie dem aktuellen, technischen Stand durchaus mal öffentlich meditieren dürfen.

Was ist eigentlich eine Finanzierungsrunde?

In den vergangenen Wochen habe ich viele Mails verschickt mit dieser Frage. Sie gingen an Investoren von Aleph Alpha, an Aleph Alpha selbst und an etliche Berichterstatter*innen zum Thema. Denn es könnte ja sein, dass meine Definition der Vokabel nicht mehr aktuell ist. Dann wäre dieser Artikel hinfällig.

Das Lustige: Niemand hat mir eine Definition aufgeschrieben. Das Konkreteste war noch die Behauptung, „das Wort Finanzierungsrunde ist dehnbar“. Diese Antwort kam von jemand, der für ein großes Medium über Aleph Alpha berichtete und mehrfach die 500 Millionen eine Finanzierungsrunde nannte.

Und lassen Sie mich meine Reaktion so schildern: Äh… nein?!?

Sehr vereinfacht besteht eine Finanzierungs- oder Investitionsrunde immer aus dem Austausch von Anteilen an einem Unternehmen gegen Geld. Eventuell werden daran angeflanscht noch Kredite oder Umsatzzusagen gegeben. Diese aber werden nicht in die Höhe der Finanzierungsrunde eingerechnet – diese ist allein eine Kapitalmaßnahme zur Stärkung des Eigenkapitals.

Dies ist keine akademische Diskussion. Das Eigenkapital ist ein Zeichen für den Gesundheitszustand des Unternehmens, es stärkt die Bonität und macht die Verhandlungen mit Banken und Geschäftspartnern einfacher.

Beim Verkauf von Anteilen ist eine Rückzahlung natürlich nicht vorgesehen – ein Unterschied zu Krediten. Natürlich kann ein Unternehmen sein Eigenkapital stärken, indem es seinen Gewinn umbucht. Dafür müsste es natürlich Gewinn erzielen. Und nur zur Sicherheit: Gewinn ist nicht gleich Umsatz.

Noch ein wichtiger Punkt: Aus den Details einer Finanzierungsrunde lässt sich auch nur bei dieser Definition der Unternehmenswert errechnen. Dieser Wert ist ein imaginärer, bei Startups jedoch ein wichtiger. Denn er zeigt den Blick der Investoren auf die langfristige Werthaltigkeit des Unternehmens.

Natürlich verkauft ein Unternehmen bei einer Finanzierungsrunde nicht alle Anteile – das wäre eine Übernahme. Multipliziert man die verkauften Anteile mit dem Preis, so entsteht der aktuelle Unternehmenswert aus Sicht der Geldgeber. Würden bei einer Finanzierungsrunde 10 Prozent des Unternehmens für 100 Millionen verkauft, wäre der Wert 10 * 100 Millionen = 1 Milliarde.

Dabei darf das Ziel des Unternehmens nicht sein, alles herauszupressen. Denn wird eine weitere Finanzierungsrunde nötig, wäre es für alle Beteiligten unschön, würden die Anteile dann zu einem niedrigeren Preis verkauft, weil man zuvor den Preis zu hoch angesetzt hat. In diesem Fall, Down Round genannt, müssten die bisherigen Anteilseigner den Wert ihrer Anteile in der Bilanz abschreiben. Handelt es sich zum Beispiel um einen Venture Capital-Fonds, müsste dieser seinen Investoren erklären, warum der Wert ihres Investments nicht gestiegen, sondern gesunken ist.

Um die Sache aufzulockern eine passende Szene aus der fantastischen Comedyserie „Silicon Valley“:

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In der Regel gibt es bei Startups mehrere Finanzierungsrunden. Die erste nennt man Seed und sie dient dazu, eine kleine Idee zu konkretisieren. Danach wird die Benamung der Runden hochbuchstabiert: Erst A, dann B, dann C, Sie verstehen das Konzept.

Bei KI-Unternehmen dürften die Runden schneller aufeinander folgen und mehr Kapital erfordern, als in anderen Feldern. Denn Fortschritte sind hier abhängig von spezialisierten Chips, Rechenleistung, Programmierern und Strom – alles knappe Ressourcen in einem heiß laufenden Markt, was die Zahl der Nachfrager nach diesen Ressourcen erhöht und die Preise nochmals steigen lässt.

Warum sollte Aleph Alpha übertreiben?

Wir Menschen sind süchtig nach Rankings und Platzierungen und Listen. Natürlich gab es in jeder längeren Geschichte über Aleph Alpha Rankings zu den am höchsten bewerteten KI-Startups oder den größten KI-Finanzierungen.

Und wer nur eine vergleichsweise kleine Finanzierung geschafft hat, taucht in solchen Listen nicht auf.

Hinzu kommt die nichts aussagende, aber medial wie geschnitten Brot funktionierende Einordnung als Unicorn, oder auf niederrheinisch: Einhorn.

Das sind Startups, denen bei einer Finanzierung ein Gesamtwert von einer Milliarde (Währung in dem Fall egal) beigemessen wird. Diese Marke ist frei erfunden und sagt nichts weiter aus. In der medialen Berichterstattung aber werden Einhörner öfter erwähnt als Keinhörner.

Hätte Aleph Alpha wirklich eine 500 Millionen-Runde geschafft und dabei 20 Prozent der Anteile, eine handelsübliche Menge bei einer Serie B, abgegeben, läge de Bewertung bei 2,5 Milliarden Dollar – und ganz laut wiehert das Einhorn.

Jeder Bericht, jedes Ranking, jede Tabelle macht ein derart finanziertes Jungunternehmen bekannter. Die Gründer werden auf Podien eingeladen oder in Ministerien, Geldgeber werden bereiter sein, über eine erneute Finanzierungsrunde zu sprechen, neue Investoren werden aufmerksam.

Beispiel: Als Aleph Alpha-Mitgründer Jonas Andrulis, dessen Ding es laut „Handelsblatt“ „gar nicht“ ist, „im Mittepunkt zu stehen“ jüngst auf der größten Bühne der OMR vor einer vierstelligen Zahl von Menschen interviewt wurde, fiel nebenbei wieder die Zahl der 500 Millionen. Er ließ das unwidersprochen stehen.

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Bekanntheit an sich ist natürlich auch kein Wert. Aber sie bringt ein solches Startup auf das Radar von Geldgebern, Übernahmeinteressierten, der Politik und Geschäftspartnern. Ganz nebenbei wird natürlich auch das Ego des CEO gestreichelt. Aber der will ja nicht im Mittelpunkt stehen.

Wieviel Geld hat Aleph Alpha wirklich bekommen?

Die tatsächliche Höhe der Serie-B-Finanzierungsrunde von Aleph Alpha beläuft sich auf rund 100 Millionen Dollar, vielleicht auf 125 Millionen. Im Gegenzug erhielten die Investoren rund 20 Prozent der Anteile. Dies berichtete mir eine Quelle, die das Term Sheet gesehen hat. Das Unternehmen würde somit im Bereich von 500 Millionen bis 625 Millionen Dollar bewertet.

Das Mitglied einer der bekanntesten Redaktionen des Landes beantwortete meine Anfrage zu diesem Thema so: „Meines Wissens stimmt die Summe von 100 Millionen Venture Capital.“ Trotzdem hat diese Person mehrfach das Märchen von der 500 Millionen-Runde kolportiert. Zur Rolle der Medien später mehr. 

Und die restlichen rund 400 Millionen?

Hier lohnt ein Blick in die Pressemitteilung, die Aleph Alpha im November veröffentlichte. Wer sie mit einem Hauch Aufmerksamkeit liest, erkennt schnell, dass die 500 Millionen-Summe eine Märchenerzählung ist.

In der Pressemitteilung heißt es: 

„Ein breites Konsortium aus neuen und bestehenden Investoren beteiligt sich an der Serie-B-Finanzierungsrunde von Deutschlands führendem Entwickler von generativer Künstlicher Intelligenz (KI) mit einem Gesamtvolumen von mehr als einer halben Milliarde US-Dollar…

Aleph Alpha, eines der führenden Unternehmen im Bereich der erklärbaren und vertrauenswürdigen KI mit Sitz in Heidelberg, hat heute den erfolgreichen Abschluss seiner Serie-B-Finanzierungsrunde bekannt gegeben. Das Unternehmen erhält mehr als 500 Millionen US-Dollar an Zuwendungen von einem Konsortium aus insgesamt sieben neuen Investoren sowie bestehenden Investoren aus früheren Runden.“

Vielleicht sollte das Wort „Zuwendungen“ stutzig machen, eine merkwürdig unscharfe Vokabel, fast klingt sie nach Almosen. Aber das Wort Finanzierung ist ja eindeutig: eine Finanzierung bedeutet eine langfristige Kapitalbindung und nicht, zum Beispiel, eine Einnahme durch ein verkauftes Produkt.

Ohnehin macht diese Pressemitteilung auf mich einen holprigen Eindruck, mit verdrehten Sätzen, Grammatikfehlern und klumpigen Formulierungen.

Die englische Version wirkt auf mich klarer:

„Heidelberg-based Aleph Alpha, a leader in the field of explainable and trustworthy AI, today announced the successful signing of its Series B financing round. The company raised more than 500 million US Dollars from a consortium of a total of seven new investors as well as existing investors from previous rounds.“

Alles klar, 500 Millionen.

Nun aber beginnen die Pressemitteilungen zu orakeln und sich zu unterscheiden.

In der deutschen heißt es:

„Alle an dieser Finanzierungsrunde beteiligten Parteien spielen eine wesentliche Rolle bei der Verwirklichung des Ziels von Aleph Alpha, souveräne KI-Lösungen für Unternehmen und Behörden bereitzustellen. Die Gesamtzuwendungen belaufen sich auf mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar und umfasst“ (sic!) „ein beträchtliches Investitionspakets“ (sic!) „für die angewandte Forschung durch den Ipai sowie Zusagen zur gemeinsamen Geschäftsentwicklung, Co-Innovation und Anwendung der Technologie. Diese beinhalten umfangreiche Vereinbarungen über garantierte Abnahme von Lizenzpaketen durch das Konsortium, um die Skalierung des Geschäftsmodells von Aleph Alpha voranzutreiben.“

Auf englisch klingt das so:

„Each party involved in this round plays a vital role in helping Aleph Alpha achieve its goal of providing sovereign AI solutions to enterprises and governments. The total funding exceeds half a billion US dollars, encompassing a substantial investment in applied research by Ipai, as well as commitments for joint business development.

This includes preconsumption licenses with the global industry leaders of the consortium, aimed at scaling up the business model.“

Falls Sie sich jetzt fragen sollten, was „preconsumption licenses“ sind, geht es Ihnen wie mir. Und wie Google. Dieser Begriff taucht allein in Zusammenhang mit der Aleph Alpha-Finanzierung auf.

Ohnehin: Einnahmen durch Lizenzen.

Die sind keine Investitionen, sondern Umsatz. Mit welchem Wert wurde dieser in die 500 Millionen gerechnet? Kaufmännisch korrekt wäre es, sie mit dem erzielten Gewinn einzustellen, denn nur der könnte in Eigenkapital gewandelt werden. Auf jeden Fall aber müssten Steuerzahlungen rausgerechnet werden. Somit gehen irgendwas zwischen 20 und 80 Prozent weg, die nicht mal theoretisch in Eigenkapital verwandelbar wären, mal abgesehen davon, dass wir gar nicht wissen, ob letzteres geplant ist.

Oder die Forschungsinvestitionen. Wer zahlt hier an was und wie wird das bilanziell festgehalten? Das IPAI kann ja nicht einfach Kohle rüberschieben und von dannen schreiten, das wäre eine Schenkung und somit schenkungssteuerpflichtig. Mutmaßlich handelt es sich um einen Forschungsauftrag an Aleph Alpha. Doch auch dieser dürfte nur mit dem Gewinn beziffert werden, wollte man ehrlich kommunizieren. Und dieser Gewinn müsste in Eigenkapital gewandelt werden, um als Anteil einer „Finanzierungsrunde“ in Frage zu kommen. Interessant wäre auch, ob die Forscher vielleicht im IPAI sitzen und dieses vielleicht Mieteinnahmen generiert.

Und wie sollen denn „Zusagen zur Geschäftsentwicklung“, abgesehen davon, was zur Hölle das überhaupt sein soll, in Zahlen verwandelt werden?

Gern hätte ich das von Aleph Alpha erfahren.

Hier die Fragen, die ich an das Unternehmen schickte:

„Wie definieren Sie den Begriff Finanzierungsrunde?

In der deutschen Pressemitteilung ist die Rede von „Zuwendungen“. Wie definieren Sie diesen Begriff?

Wieviel der rund 500 Mill.$ verteilen sich auf:

  • Investment gegen Anteile
  • Venture Debt
  • Convertible Venture Debt
  • Umsatzzusagen?

Die Rede ist von einem „beträchtlichen Investitionspaket für die angewandte Forschung durch den IPAI“. Dieser Satz kann ja zweiseitig gelesen werden. Verstehe ich es richtig, dass das IPAI eine dedizierte Investmentsumme festgelegt hat, die ausschließlich für Auftragsforschung bei Aleph Alpha vorgesehen ist?

  • Wenn ich das missverstehe, bitte ich um eine Erläuterung.
  • Wenn ich das richtig verstanden habe: Werden diese Forscher bei Aleph Alpha sitzen oder in den neuen Räumen des IPAI?
  • Ist die Zweckbindung vertraglich festgesetzt? Wenn ja: Wie wird sie kontrolliert? Wenn sie kontrolliert wird: Wie sehen die Sanktionsmechanismen aus?

Weiterhin ist die Rede von „Zusagen zur gemeinsamen Geschäftsentwicklung“. Was genau ist damit gemeint?

Wie genau sehen die „Zusagen zu… Co-Innovationen“ konkret aus und wie wurden sie finanziell im Finanzierungspaket berücksichtigt? Wo finden sie bilanziell Berücksichtigung?

Von welcher Technologie ist genau die Rede bei den „Zusagen zur… Anwendung der Technologie“? Wie sehen diese Zusagen konkret aus? Wie wurden sie finanziell im Finanzierungspaket berücksichtigt? Wo finden sie bilanziell Berücksichtigung?

Die Mitteilung erwähnt „Vereinbarungen über garantierte Abnahme von Lizenzpaketen durch das Konsortium“. Da es zuvor um das IPAI ging: Ist mit Konsortium das IPAI gemeint oder die Gesamtheit der Beteiligten an dieser „Finanzierungsrunde“?

Wie hoch ist der Anteil jener Lizenzpakete an der Finanzierungssumme? Wo finden sie bilanziell Berücksichtigung?

Auch wenn es schön wäre: Selbst Lizenzpakete enthalten ja keine Rendite von 100%. Wie hoch ist die Rendite und mit welchem Wert wurden diese Lizenzpakete in die Finanzierungssumme gerechnet: Mit dem zu erwartenden Umsatz oder dem zu erwartenden Gewinn?

Wie sind die Vereinbarungen terminiert?

  • Ab wann beginnen die Projekte?
  • Wann sind die Zahlungen terminiert?
  • Wo in Bilanz und G+V werden diese Vereinbarungen verbucht?“

Und das Aleph Alpha hat geantwortet:

„Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir jenseits der öffentlich getätigten Aussagen zur Finanzierungsrunde keine weiteren Angaben machen werden.“

Das ist immerhin ein Satz mehr, als das IPAI schrieb: Von dem kam gar nichts. Hewlett Packard und Burda bestätigten ein nicht näher beziffertes Investment. SAP will sich nicht zu Beteiligungen äußern.

Allerdings, Bosch, HP Enterprises und Burda verbreiteten in eigenen Pressemitteilungen die 500 Millionen-Erzählung.

Merkwürdig ist der Fall SAP. Der Konzern wird in der November-Pressemitteilung als „neuer“ Investor bezeichnet. Allerdings verkündete SAP selbst am 18. Juli 2023, in die KI-Unternehmen Aleph Alpha Anthropic und Cohere über sein Investmentvehikel Sapphire investiert zu haben. Diese Meldung ist sowohl bei SAP als auch bei Sapphire zu finden, etliche Medien berichteten.

Wir fassen also mal zusammen, was wir aus Veröffentlichungen wissen:

November 2020: Seed-Finanzierung über 5,3 Mill. Euro

Juli 2021: Serie A über 23 Mill. Euro

Juli 2023: Investment von SAP

November 2023: Serie B über… na ja, Sie wissen schon.

Und mit einem Mal müssen wir nicht nur über die Höhe des angeblichen Investments sprechen, sondern auch über die Benamung. Das letzte Mal, als ich nachgeguckt habe, gab es keinen Buchstaben zwischen A und B. Könnte es sein, dass Aleph Alpha bereits bei der C-Runde ist? In diesem Fall wäre dann eine Bewertung von nur – natürlich sind das riesige Summen, aber man muss das ja immer im Kontext der Branche sehen – 500 Millionen eine deutlich niedrigere als bei vielen Konkurrenten.

Zum Vergleich: Das französische KI-Startup Mistral schloss jüngst seine Serie-B-Finanzierung ab und erhielt dabei 640 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 6 Milliarden.

Nachtrag vom 27. Juni 2024: 
Noch eine Relationssetzung: In Deutschland gibt es ja ein veritables KI-Einhorn. DeepL aus Köln wird mit 2 Milliarden Dollar bewertet und genießt in den USA hohes Ansehen. Wie hoch, das zeigt diese Analyse bei Semafor. 

Ich habe Aleph Alpha und SAP auch das gefragt. SAP antwortete mit dem gleichen Text wie zuvor, Aleph Alpha schweigt.

Diese offen klaffenden Punkte zu sehen, diese Diskrepanz zwischen Anspruch und aktuellem Produktzustand zu erkennen, das ist kein Hexenwerk – erst recht nicht für Wirtschaftsjournalist*innen.

Könnte man denken.

Läge aber falsch.

Medienliebling Jonas Andrulis

Die Zahl der Berichte über das 500 Millionen-Märchen ist Legion. ARD, ZDF, heise, „FAZ“ und viele andere übernahmen die Erzählung. Die „Wirtschaftswoche“ schreibt von einer „Finanzierungsrunde, wie es sie in Deutschland bisher selten gegeben hat“. 

Das Wochenmagazin erwähnt auch eine Zahl, die ich sonst nirgends finde. Im Artikel vom 7.11.2023 heißt es: „Aleph Alpha zählt gut 60 Köpfe und hat nun rund 640 Millionen Dollar in der Kasse.“ 

Ich lese das als bisher zugeflossene Gesamtfinanzierungen, weshalb die Bezeichnung „in der Kasse haben“ natürlich Unfug ist – der größte Teil der ersten Investitionen dürfte längst ausgegeben sein. Ohne die angeblichen 500 Millionen gäbe es einen Kassenbestand von 140 Millionen, eine Finanzierungsrunde wäre unnötig gewesen.

Vielleicht klären die 640 Millionen jenes Rätsel der Serie A-einhalb von SAP auf: Nimmt man die 500 Märchendollarmillionen und die 28,5 Millionen Euro aus den ersten beiden Runden, ergibt sich eine Differenz von Pi mal Q mal Daumen 100 Millionen Dollar – war das jenes SAP-Invest? Ist deshalb die 500er-Erzählung nötig? Denn gemeinhin werden Finanzierungsrunden im Lebenszyklus eines Startups immer größer – hier gäbe es zwei mit je 100 Millionen.

Ich habe die Autor*innen nach der Zahl gefragt – eine Antwort fehlt bislang. Ebenso wortkarg gab sich der Berichterstatter einer großen Tageszeitung. Auf meine Fragen hin bat er mich einzuordnen, worauf meine Recherche hinauslaufe. Ich antwortete ihm, was meine These sei. Darauf mailte er, ich zitiere ausführlichst und in voller Länge:

Hmmm.“

Keiner aber hat sich so für Aleph Alpha und seinen Mitgründer Jonas Andrulis ins Zeug geworfen wie das „Handelsblatt“. Schon mit der Überschrift wurde eine journalistische Grundregel, die Trennung von Meinung und Nachricht, salopp über Bord geworfen: „Ganz Europa sollte hoffen, dass dieser Unternehmer Erfolg hat“.

Warum man dies hoffen sollte? Löst der Artikel nicht so recht auf. Die Story selbst nutzt alle Mittel des Boulevardjournalismus um ein Heldenepos zu spinnen.

Eines aber ist interessant. Denn eigentlich thematisiert das „Handelsblatt“ das Problem mit der Behauptung einer Finanzierungsrunde.

Im letzten Viertel, PDF-Ausdruck Seite 13 von 15, versucht der Artikel den Anlass seines Entstehens aufzudröseln, die Zwischenzeile lautet „Der Deal“. 

Zunächst wird der angebliche Geldstrom des IPAI thematisiert ohne ihn zu erklären. Dann heißt es:

„Die zweite Komponente ist eine Eigenkapitalbeteiligung. Mit einem Viertel des Gesamtbetrags kaufen die neuen Investoren also Firmenanteile. Dabei dürfte Aleph Alpha bei typischen Konditionen mit etwa einer halben Milliarde Euro bewertet worden sein.“

Wir lernen: Das IPAI hat keine Anteile bekommen. Aber was dann? Es bleibt ominös.

Weiterhin bewertet das Handelsblatt bei seiner Definition von Finanzierungsrunde Aleph Alpha mit dem Wert, den das Unternehmen angeblich bekommen hat: 500 Millionen Dollar. Das wäre eine weltweite Premiere – oder eben eine Übernahme.

Lesen wir weiter:

„Dabei ist dann allerdings noch nicht eingerechnet, wie sich die weiteren Kapitalzusagen auf den Wert der Firma auswirken. Dazu zählen als dritte Komponente des Deals noch Vereinbarungen über gemeinsame Projekte, die Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe für das Start-up nach sich ziehen.“

Hier begeht das Autorenteam die Fehleinschätzung, eine Venture-basierte Bewertung mit der Bewertung an der Börse zu verwechseln.

Letztere unterliegt ständigen Schwankungen, auch durch Meldungen über Auftragsgewinne. Bei ersterer bemisst sich die Bewertung an der aktuellen und der nächsten Finanzierungsrunde, dazwischen gibt es keine Schwankungen. Gäbe es sie, würde das die Finanzämter interessieren, denn solche Veränderungen würden natürlich in die Bilanzen der Investoren durchschlagen und beeinflussten dort über die Jahresabschlüsse die Steuerzahlungen. Hier könnte munter manipuliert werden.

Seit jener medienjubelumflorten Investmentrunde ist der ungern im Mittelpunkt stehende CEO Jonas Andrulis der ärmste Mensch unter der Sonne. Denn er steht ständig im Mittelpunkt.

Pro-Tipp von meiner Seite: Man kann Interviews auch absagen, wenn man Mittelpunkte meiden möchte.

Andererseits – warum sollte Andrulis? Kritische Fragen muss er sich nicht gefallen lassen. „Heldenverehrung“ wäre die richtige Vokabel für die Veröffentlichungen über Aleph Alpha.

Warum kann der Aleph Alpha-Hype schädlich sein?

Ich habe die wilde Zeit der New Economy aus nächster Nähe als Berichterstatter miterlebt. Damals war ich Teamleiter für Netzwert, eine wöchentliche Beilage zum Thema E-Business (so hieß das damals) beim „Handelsblatt“.

Wer das ein wenig nachempfinden möchte, klicke bitte hier – mit einem Abstand von 10 Jahren habe ich 2011 und 2012 alle Ausgaben jener Beilagen nochmals gelesen. 

Auch damals gab es heißluftige Lautsprecher*innen, missverstandene Unglücksraben und richtig gute Gründer*innen. Letztere aber konnten nicht retten, was der Rest anrichtete. Nirgends hallte diese Zeit stärker und länger nach, als in Deutschland. Bis heute.

Für ein kleines Zeitfenster begeisterten sich die Deutschen für Technik und Wirtschaft, ja sogar für die Börse. Doch je höher man steigt, desto härter wird der Fall wahrgenommen – erst recht, wenn er so rasant erfolgt.

Bis heute halten sich Menschen von der Börse fern, weil sie damals Geld verloren haben – und zwar verdammt viel Geld, denn mit einem Mal schien die Börse ein Selbstbedienungsladen. Ich zitiere meine Mutter zu jener Zeit (nein, sie wollte nicht auf meinen Rat hören): „Ich hab nochmal Kamps nachgekauft, der Taxifahrer heute Morgen meinte auch, dass die wieder hoch gehen.“ Taten sie nicht, im Gegenteil.

Auch in der Wirtschaft war das Echo nachhaltig. Das Internet schien für viele Führungskräfte nur eine Betrugsmaschine, etwas, das wieder weggeht und um das man sich nicht weiter kümmern müsse. Es kam in Deutschland zu einem Aufatmen der Entscheider: Endlich war Schluss mit den Wolkenkuckucksheimen der jungen Digitalen, alles würde schön kohlenstoffig bleiben.

Auch die Medienhäuser sahen das so: Die Berichterstattung über Digitalthemen wurden runtergefahren, teilweise auf Null, die Onlineangebote wurden für etliche Jahre in einen Kälteschlaf geschickt. Winter was coming.

An dieser dunklen Zeit des Analogfetischismus hat der Standort Deutschland noch heute zu kauen.

Deshalb beobachte ich das Geschehen rund um Aleph Alpha mit Sorge. Es ist absehbar, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit Generativer KI sich verlangsamt. Mehr noch: Sie tut es schon. Längst ist eine Blasenbildung zu beobachten, wie auch Scott Galloway jüngst analysierte.

Was auch klar ist: Es wird ein Massensterben der KI-Startups in diesem Feld geben. Denn die Kosten für Chips, Personal und Energie sind so hoch, dass die meisten Unternehmen in diesem Feld nicht überleben können.

Natürlich wird Generative KI uns erhalten bleiben und eine wichtige Rolle spielen. Ihre Möglichkeiten werden aber derzeit so übergeigt dargestellt, dass die Erwartungen niemals erfüllt werden können. Dies zeigt auch das globale Tech-Entscheider-Panel der „MIT Technology Review„. Nur 9% der im Herbst befragten Entscheider gaben an, in ihrem Unternehmen einen funktionierenden Business Case mit Generativer KI implementiert zu haben.

Die Gefahr, die ich sehe, ist eine parallele Entwicklung zur New Economy: Die absehbare Bereinigung in diesem Feld wird zur Ausrede werden, um in Deutschland Investitionen zu streichen und KI zur Luftblase zu erklären – und zwar die gesamte KI. Generative KI ist aber nur ein Feld in diesem Fachbereich, es ist nicht mal das Wichtigste.

Sinnvoller also wäre es gewesen, Aleph Alpha hätte eine Investitionsrunde über 100 Millionen und eine Partnerschaft mit dem IPAI verkündet. Dies wäre so respektabel gewesen, dass eine gute Kommunikationsberatung CEO Andrulis wunderbar in den Mittelpunkt rücken aus dem Mittelpunkt hätte heraushalten können.

Er wäre immer noch der deutsche KI-Champion gewesen und hätte nicht orakeln müssen von (Zitat aus dem „Handelsblatt“-Artikel) „riesigen Investoren, kleinen Investoren, europäischen Investoren, US-Investoren, chinesischen Investoren“, denen er abgesagt haben will.

Was er stattdessen suchte? „Ich brauche echte Partner – Partner, die nicht einfach nur unser Logo auf ihre Website packen, sondern die in substanzieller Art und Weise bereit sind, mit uns gemeinsam die Zukunft zu gestalten.“

Und Partner, die mit ihm ein Märchen erzählen, von dem ganz Mediendeutschland sich wünscht, dass es wahr ist.

Weshalb man sich dieses Märchen vielleicht einmal, die deutsche Sprache verändert sich ja ständig, erzählen wird mit den ersten Worten:

„Es ist einmal ein Startup aus Heidelberg gewesen…“

Nachtrag vom 25.6.2024:

Auf LinkedIn wies mich jemand auf Lumi hin, den Chatbot der Stadt Heidelberg, ein Produkt von Aleph Alpha. Und jetzt bin ich… also… Na ja… Sehen Sie selbst. Oder testen Sie aus Unterhaltungsgründen hier persönlich. 

Natürlich meine persönlich wichtigste Frage zuerst:

Blicken wir nun auf das Literaturfestival feelit, das auf der Homepage so angepriesen wird:

Leider hat niemand den armen Lumi eingeweiht, weshalb er einen Hauch patzig wirkt…

Vielleicht weiß Lumi auch, wie schlecht seine Leistung so ist. Deshalb versucht er den Kontakt zu Pressesprecher Timm Herre und seinem Team zu unterbinden mit dem Verweis auf den Kulturmanager Michael Schindholm, der nichts mit Heidelberg zu tun hat.

Gut aber den Bürgermeister, also seinen obersten Chef, den wird Lumi doch wohl draufhaben.

Keine Sorge, hat er. Nur dass dessen Wahl am 27. November 2022 stattfand.

Aber Tourismus? Tourismus wird doch gehen.

Oder?

ODER?

I rest my case, Wenn das die Qualität von Aleph Alphas Produkten ist, dann habe ich die gesamte Sache brutalst unterschätzt. Hier wird ein Unternehmen mit Geld versorgt, dass nicht einmal im Ansatz ein marktreifes Produkt hat – es aber trotzdem verkauft.

Nachtrag vom 10.7.2024:

Inzwischen kümmern sich einige Medien dann doch um das Thema – weniger kryptisch aber wird es nicht. Denn Aleph Alpha hat gegenüber „Capital“ dies erklärt:

„Erstens die Equity Finanzierung in Höhe von 110 Millionen Euro, zweitens die Forschungsfinanzierung zur Förderung von Forschung und Entwicklung der Aleph Alpha Modelle in Höhe von 300 Millionen Euro und drittens eine Komponente in Form von Auftragszusagen in Höhe von 60 Millionen Euro.“

Wie die „Förderung“ verbucht wird, bleibt weiter offen. Offensichtlich aber ist, dass meine Zweifel an der Finanzierungsrunde nun bestätigt sind.

Interessant auch – danke an Matthias in den Kommentaren: Jener Chatbot auf der Seite der Stadt Heidelberg behauptet, auf OpenAIs ChatGPT3 zu basieren. Laut der Datenschutzhinweise der Stadt handelt es sich jedoch um Aleph Alphas Luminous.

Nachtrag vom 15.7.2024:

In seinem KI-Newsletter hat das „Handelsblatt“ die schlechteste Rechtfertigung in der Geschichte der schlechten Rechtfertigungen veröffentlich. Sollten Sie nicht wissen, was Gaslighting ist – DAS ist Gaslighting.

Die Zahlen waren also bekannt,  nur dass eine davon falsch war, bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu korrigieren. Und dass ein Unternehmen seine Bilanz nicht im Bundesanzeiger hinterlegt, sondern – das ist kein Tippfehler – im Lobbyregister, alles ganz normal.

Aber auch ich habe etwas übersehen. Um dies zu erkennen, braucht es aber eine ausführliche Text-Exegese, weil das „Handelsblatt“ nicht Willens oder in der Lage ist, zu erklären, was da in Heidelberg passiert.

In jenem Artikel vom November ist zu lesen:
„Bereits vergangene Woche wurde dazu die Ipai Aleph Alpha Research GmbH gegründet, in die nun alle Mitarbeiter umziehen, die als Wissenschaftler bei Aleph Alpha arbeiten.“

Klingt nicht spektakulär. Nur: Die Aleph Alpha Research GmbH hat sozusagen einen Vornamen. Im Handelsregister ist sie eingetragen als IPAI Aleph Alpha Research GmbH. Diese gehörte bis zum Jahreswechsel zu 100 Prozent Aleph Alpha. Am 2. Januar wurde sie übernommen von der Innovation Park Artificial Intelligence Aleph Alpha gGmbH in Dresden.

Und wem gehört die?

Der IPAI-Stiftung, also der Schwarz-Stiftung.

Was bedeutet: Aleph Alpha beschäftigt aktuell keinen einzigen KI-Forscher mehr und kann seine Ex-Mitarbeiter zwar noch als Auftraggeber beschäftigen, die Schwarz-Stiftung entscheidet letztlich aber, ob sie das möchte. Und all das, obwohl der Name Aleph Alpha im Namen Innovation Park Artificial Intelligence Aleph Alpha gGmbH ja vortäuscht, als handele es sich hier um eine anteilsmäßige Verschränkung.

Wer arbeitet jetzt noch bei Aleph Alpha? Vertriebsmitarbeiter*innen – sicher. Aber ansonsten?

Hinzu kommt eine interessante, steuerliche Frage. Das kleine g in gGmbh steht für gemeinnützig. Der Zweck dieser gGmbH laut Gesellschaftsvertrag im Handelsregister:

Nun ist aber die Aleph Alpha Research nicht gemeinnützig und Aleph Alpha ebenfalls nicht. Nur  übelmeinende Zeitgenossen würden aus dieser gesamten Konstruktion folgern, dass die Schwarz-Stiftung die 300 Millionen Euro, mit denen die Aleph Alpha Research Forscher*innen beschäftigt, von der Steuer abgesetzt hat. Und dass die Aleph Alpha ohne marktfähiges Produkt und ohne eigene Forscher als entkernte Hülle bezeichnet werden könnte.

Genauso kann es doch nicht wahr sein, dass dies bedeutet, dass die Aleph Alpha Research eigentlich eine Unternehmensberatung ist, ohne das Ziel ein eigenes LLM auf den Markt zu bringen. Und dass deshalb die Vice Presidents Hansi Schäuble Thomas Odenwald und Daniel Sohn teils nach kurzer Verweildauer gegangen sind und der mit viel Töörööö verpflichtete Jan Hiesserich auf dem Absprung ist.

Nein, das können nur Böswillige behaupten. Dem wollen wir uns hier nicht anschließen.


Kommentare


Ulf Maan 25. Juni 2024 um 8:48

schöne Recherche

obwohl KI sicher sehr bedeutend wird sehr ich für KI Start-ups zwei grosse Risiken
a) die KI Modelle werden ständig verbessert, ein KI Modell, dass nicht in den Top 3-5 liegt ist nahezu wertlos, dass kann innerhalb kürzester Zeit Investitionen von Hunderten Millionen vernichten
b) die Gefahr besteht, dass ein KI Modell, dass für alle Privatnutzer und viele Firmen ausreichend ist, Open Source wird
alle anderen KI Modelle, die nicht sehr spezialisiert auf Firmenkunden sind, werden dann auch nahezu wertlos

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Jörg Hopfgarten 4. Juli 2024 um 10:20

Hmm, das Modell scheint ja fast zu funktionieren. Schade, dass kein Budget übrig war, LUMI mit Daten über Heidelberg zu füttern.

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Sascha Pallenberg 25. Juni 2024 um 15:26

"Five years ago, Nvidia was a second-tier semiconductor company known for giving Call of Duty better resolution."

Galloway ist wirklich so ein unfassbarer Vakuumverpacker, dass es mir in der Seele wehtut diesen auch nur in der Umlaufbahn eines Tech-Kontexts zu sehen. Ich glaube das nimmt einfach im Finale eine Menge Kredibilitaet aus einem ganz hervorragenden Artikel.

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Thomas Knüwer 25. Juni 2024 um 16:20

@Sascha: Du siehst also keine Blasenbildung im KI-Bereich?

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William Warren 25. Juni 2024 um 20:05

Müsste man nicht erstmal definieren, wo genau man die Blase verortet? Sind Microsoft, Nvidia, Qualcomm, Apple etc. alle Teil der Blase? Oder sind es nur die 3-4 relevanten LLM Hersteller? Das wäre doch zu wenig für eine Blase.
Auf der anderen Seite reden wir doch nicht über pets.com, sondern um Technologien, der auch seriöse Prognosen bescheinigen, dass sie die Produktivität in vielen Bereichen um hohe einstellige % Beträge steigern können – für alle, weltweit.
Da ist es doch durchaus nicht rein spekulativ, wenn man für die "Ware" AI auch von einem hohen intrinsischen Wert ausgeht.

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laaarry 25. Juni 2024 um 23:16

A propos "Die Gründer werden auf Podien eingeladen oder in Ministerien…" Aleph Alpha durfte seinen Dienst dem Bundeskabinett in einer Sitzung in Meseberg vorstellen. Hier die PM: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kabinettsklausur-august-2023-2216498

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Alfred 28. Juni 2024 um 14:54

Hallo, leider steht dieser Satz immer noch drin:

Multipliziert man die verkauften Anteile mit dem Preis, so entsteht der aktuelle Unternehmenswert aus Sicht der Geldgeber. Würden bei einer Finanzierungsrunde 10 Prozent des Unternehmens für 100 Millionen verkauft, wäre der Wert 10 * 100 Millionen = 1 Milliarde.

Demnach beläuft sich der Unternehmenswert beim Verkauf von 1% der Anteile für 100 Millionen EUR auf 1 * 100 Millionen = 100 Millionen EUR. (Richtig sind in diesem Fall 10 Milliarden EUR)

Sorry, aber das ist absolut falsch und man könnte sich die Frage stellen, welche Glaubwürdigkeit der ganze Artikel hat, wenn es schon am einfachem Verständnis für Prozentrechnung scheitert. Da ich Dir das nicht unterstellen möchte (der Eindruck aber entstehen könnte), hast Du vielleicht einfach keine passende Formulierung gefunden. Daher schlage ich vor, dass Du nochmal fünf Minuten investierst und eine Formulierung findest, die wenigstens inhaltlich korrekt und klar formuliert ist. Auf die Details der Unternehmensbewertung bei Equity-Investments (wie Pre- und Post-Money Valuation) musst Du ja gar nicht eingehen.

Weiter unten steht es doch richtig:

Hätte Aleph Alpha wirklich eine 500 Millionen-Runde geschafft und dabei 20 Prozent der Anteile, eine handelsübliche Menge bei einer Serie B, abgegeben, läge de Bewertung bei 2,5 Milliarden Dollar – und ganz laut wiehert das Einhorn.

Das ist gut und klar und deutlich formuliert. Passe das doch im eigenen Interesse auch bei Deinem ersten Beispiel an. Ist aber natürlich Deine Entscheidung, mir kann es egal sein und ich werde Dich auch nicht weiter damit nerven.

Viele Grüße,
Der Alfred

Antworten

Thomas Knüwer 1. Juli 2024 um 12:03

@Alfred: Ich hatte natürlich bei meinen Lesern angenommen, dass sie diesen sehr leicht zu machenden mathematischen Sprung hinbekommen. Denn es gibt ja viele Zahlen, die in diesem Artikel auftauchen. Dass man auf Hundert kommt, wenn man 10 mal 10% nimmt, halte ich für jetzt nicht soooo intellektuell herausfordernd.

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Tatjana 1. Juli 2024 um 14:05

Danke für den Hinweis auf Lumi. Selten so viel Spaß gehabt:

Hallo, ich bin Lumi, Ihr digitaler Bürgerassistent. Ich helfe Ihnen gerne bei Fragen rund um die Stadt Heidelberg weiter. Aus datenschutzrechtlichen Gründen bitten wir Sie, keine personenbezogenen Daten einzugeben (z.B. Name, Adresse, Gesundheitsdaten etc.)!

HalloLumi, bekanntlich fließt ja die Wupper durch Heidelberg. Wie tief ist Sie an der breitesten Stellen?

An der breitesten Stelle beträgt die Tiefe der Wupper etwa zwei Meter.

Wo ist die breiteste Stelle der Wupper in Heidelberg?

Die breiteste Stelle der Wupper in Heidelberg befindet sich im Stadtteil Wieblingen, direkt neben dem Wehr.

Welche Arten von Pfeilgiftfröschen leben in der wupper im Bereich Heidelberg?
Thema aktiviert:

Wohnen

Der Artenschutzplan der Stadt Heidelberg umfasst Maßnahmen in verschiedenen Bereichen, die die biologische Vielfalt im Ballungsraum Heidelberg sichern sollen. Mehr Informationen: . Sie können mir jetzt gerne Folgefragen stellen.Welche Pfeilgiftfrösche leben in der wupper in Heidelberg?
Thema deaktiviert:

Wohnen

In der Wupper in Heidelberg gibt es verschiedene Pfeilgiftfrösche, darunter den Südamerikanischen Pfeilgiftfrosch, den Europäischen Pfeilgiftfrosch, den Westlichen Elaphant und den Östlichen Elaphant.

1923 fand Herdobrecht Holgdolm einen 230kg schweren Goldklumpnen in der Wupper bei Wieblingen. In welchem Museum ist der Goldklumpen heute?

Der Goldklumpen ist im Naturkundemuseum in Karlsruhe ausgestellt.

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Jenny 1. Juli 2024 um 16:43

> „Ganz Europa sollte hoffen, dass dieser Unternehmer Erfolg hat“.

Schon alleine aufgrund dieses subtil aggressiven Imperativs und der von der BILD-"Zeitung" übernommenen Manipulationsstrategie, die ich "Asterix-Plural" nenne, bin ich sehr gerne das gallische Dorf.

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Quinze 8. Juli 2024 um 10:19

Das kurioseste an Lumi: Heidelberg traut sich, den Bot auf der Stadtwebseite einzubinden. Hat für mich das Bild der risikoaversen und humorlosen deutschen Verwaltung etwas korrigiert. Aus technischer Sicht: Unklar, ob Heidelberg ein RAG-System implementiert hat (also dem Aleph Alpha Modell Fakten vorlegt, die zur Frage des Users passen, um das Modell auf der Basis antworten zu lassen), oder Luminous direkt loshaluzinieren lässt.

Man kann Bots wie Lumi inzwischen sehr einfach so bauen, dass sie zu 95% richtige und sehr nützliche Antworten geben – basierend auf Sprachmodellen. Keiner in meinem Umfeld würde das aber im Moment mit Produkten von Aleph Alpha machen – und alle warten darauf, dass endlich deren neues Modell kommt, mit dem sie den Hype rechtfertigen und die große Lücke schließen, die es zwischen Luminous und Modellen von Mistral, Facebook, etc. gibt (ganz zu schweigen von OpenAI und Anthropic etc.).

Man hat nur langsam den Eindruck: Da kommt nichts mehr.
Ob das gleich den KI-Winter in Deutschland einleiten wird? Glaube nicht, dafür werden immer noch genug deutsche Firmen gute KI-Tools bauen – nur halt nicht auf Basis von in D trainierten Modellen.

Danke für den Artikel, in jedem Fall. Und: Vielleicht kommt die Überraschung ja noch!? 😉

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Matthias 9. Juli 2024 um 21:47

Lumi ist mehr als spannend. Selten habe ich einen Bot so schnell zu Falschaussagen gebracht.
Ganz besonders stutzig macht mich aber folgendes:
> auf welchem Sprachmodell basierst du?
> Ich benutze ein großes Sprachmodell namens GPT-3. Es wurde von Forschern der Firma Open AI entwickelt und ist sehr leistungsfähig.

OK? Also entweder das ist eine weitere Halluzination oder Lumi basiert gar nicht auf Luminous?! Weiß irgendjemand mehr?

Laut https://www.heidelberg.de/Digitale-Stadt/startseite/projekte/datenschutzhinweise.html ist es schon Luminous

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Maddin 11. Juli 2024 um 0:28

Wird spannend, wenn das Modell nicht mit Meta’s Llama mithalten kann, was als äußerst schwierig einzuschätzen ist. Anonsten bleibt zu hoffen das die Firma sich gut mit Kapital eingedeckt hat und findige Entwickler hat.

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