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Zum achten Mal besuchte ich kürzlich die SXSW, die wichtigste Digitalkonferenz der Welt – aber solch einen Auflauf hatte ich nicht mal bei Al Gore erlebt. Ich saß schon einige Stunden im Ballroom D, als die Bilder langer Schlagen im Social Web auftauchten, die von der Saaltür über mehrere Stockwerke (das ist noch normal) bis auf die Straße und um die Ecke des Convention Centers. Währenddessen balgte sich vor der Bühne eine für SXSW-Verhältnisse riesige Menge Fotografen und Kameraleute um den besten Platz. Mehr los war in all den Jahren nur bei Barack Obama.

Weshalb? Wegen AOC – Alexandria Ocasio-Cortez.

Mit 29 Jahren ist sie die jüngste Frau, die in der Geschichte der USA ins Repräsentantenhaus gewählt wurde – und das obwohl sie zwei Jahre zuvor noch Kellnerin in einem Schnellrestaurant tätig war.

Viele, ich auch, harrten Stunden im Raum aus (der zwischen den Sessions nicht geräumt wird) und arbeiteten sich langsam nach vorne, obwohl die Interviews und Panels zuvor zwar nett und unterhaltsam waren – aber wenig Mehrwert boten.

So wie Donald Trump bei Medien für mehr Onlineleser und sogar Abos sorgte, tut dies nun Ocasio-Cortez. Journalismus-Professorin Emily Bell von der Columbia University sagte Bloomberg: “Media brands court her. They want her to retweet them… She has become a platform for some media brands rather than the other way around.”

Weiter berichtet Bloomberg:

„The number of articles about Ocasio-Cortez has surged in recent months, according to Chartbeat, a publishing analytics company. The average article about her gets 1,300 page views, or roughly double what typical political articles generate, the firm found.“

Auch ich wollte wissen, ob AOC live den immensen Hype rechtfertigt, der um sie entstanden ist. Dem beugte sich auch die Kongressorganisation: Ihre Session bekommt mehr als die eine Stunde im Programm – eine äußerst seltene Verbeugung der SXSW vor besonders gefragten Rednern.

Ocasio-Cortez‘ Auftritt beginnt und endet mit Standing Ovations und als wir den Ballroom D verlassen, sind wir Deutschen uns einig: Wir haben nicht die nächste Präsidentin der USA gesehen (das geht rein alterstechnisch schon nicht) – aber eine künftige. Wäre sie eine Deutsche – sie wäre nach fünf Minuten Bundeskanzlerin.

Es war beeindruckend, wie AOC die Zuhörer mitnahm: Nachdenklich bei Fragen, dann wieder aufrüttelnd, mit einer klaren Haltung und ohne viel Rumreden – vor allem aber immer mit einer positiven Botschaft.

Foto: Richard Gutjahr

Was für ein Unterschied zur aktuellen Politikergeneration in Deutschland. Während hier beispielsweise der Wegfall von Arbeitsplätzen durch Automatisierung wahlweise geleugnet oder zum Schreckensbild erklärt wird, eröffnet AOC die positive Perspektive: Wir müssten die freiwerdende Zeit nutzen, sie in Bildung, Wissenschaft und Kunst investieren – dann würde dies unsere Gesellschaft voranbringen.

Das gesamte Interview mit ihr hier zum Nachgucken:

Bei der Publikumsrunde am Ende (im Video bei ca 1 Stunde) fragen zwei Teenagerinnen, welchen Rat Ocasio-Cortez jungen Farbigen gibt, wenn diese Politik machen wollen. Ihre Antwort:

„Stop navigating systems of power and start building your own power.“ 

Wenige Stunden später wird in Deutschland ein Interview mit FDP-Chef Christian Lindner erscheinen. In diesem taucht eine Äußerung auf, die den ganzen Unterschied zu AOC zeigt und für mich demonstriert, warum es einer 29-Jährigen gelingen kann, einen solchen Wirbel auszulösen.

Angesprochen auf die Fridays for Future-Demonstrationen sagt Lindner: „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis“

Hier der Volksvertreter, der Jugendliche auffordert, sich aus der Politik herauszuhalten – dort eine Abgeordnete, die sie auffordert, das bestehende System auszuhebeln.

Lindner rüffelt, AOC motivert

Lindner bekommt für dieses Zitat heftigsten Gegenwind, fast verzweifelt rudert er zurück und endet bei Symbolpolitik: Ein Umwelttag in Schulen, einmal im Jahr – das wäre doch was.

Damit übernimmt er eine Haltung, die sich quer über alle Parteien verbreitet hat: Die Bürgergesellschaft wird als nicht zeitgemäß empfunden – allein Berufspolitiker verstünden die Welt des Jahres 2019 noch.

Diese Haltung ist nicht erst jetzt urplötzlich entstanden. Schon im Jahr 2007 finden sich Ansätze in einem Erlebnis, das „Zeit“-Korrespondent Gunter Hofmann schilderte. Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, empfahl ihm im Interview das Buch „Selbstbehauptung des Rechtsstaates“ von Otto Depenheuer. Depenheuer war Jura-Professor in Köln und von recht rechter Gesinnung. Er sah einen Krieg der Kulturen als unausweichlich an, Bürger würden in diesem Fall nicht helfen, der Staat müsse sich selbst aufrüsten – auch auf Kosten des Rechtsstaates. Hofmann war erschreckt:

„Aber warum empfiehlt Wofgang Schäuble, den man als leidenschaftlichen »repräsentativen Parlamentarier« und diskursiven Verteidiger der Prozess-Politik kennt, ein solches rechtsphilosophisch drapiertes Brevier für den Endkampf zu lesen?“

Wie sehr deutsche Berufspolitiker quer über alle Parteien den Bürger inzwischen als lästig, dumm oder manipuliert und manipulierbar empfinden, demonstriert der Kampf um ein neues Urheberrecht in diesen Tagen.

Artikel 13-Demo in Münster

Nehmen wir nur die Grüne Helga Trüpel. Sie behauptet einerseits tapfer, das neue Urheberrecht benötige keine Uploadfilter (was inzwischen unbestritten ist), sie behauptet sogar, solche Filter gäbe es schon bei kleinen Unternehmen im Einsatz – Filter würden somit keine Markteintrittsbarrieren darstellen. Mehrfach bat ich sie auf Twitter (sie hatte zuvor auf mich reagiert), mir ein Beispiel dazu zu nennen. Sie ahnen: Da kam nichts.

In einer normal-menschlichen Kommunikation würde man dies jetzt eingestehen, allein schon aus Gründen der Höflichkeit und aus Respekt gegenüber dem Gesprächspartner. Doch solche Formen des Anstands sind in der politischen Kommunikation in Deutschland anno 2019 vergessen.

Die Verrohung der Sitten – von Seiten der Politik

Eine Verrohung der Sitten beklagte CDU-Europaparlamentarier Axel Voss gegen über der „Frankfurter Allgemeinen“. Doch geht diese Verrohung zunächst von der Politik aus. Voss und Trüpel haben beide keinerlei sichtbare Digitalkompetenz – und das ist nicht schlimm. Doch entscheiden sie nicht nur über Digitalthemen, sie äußern sich auch dazu in einer Art, in der sie selbst sich als wissend positionieren.

Demonstrierende oder Protestierende werden dann als Bots bezeichnet, weil eintreffende Mails den gleichen Text haben. Ich war als Jugendlicherauch schon mal ein solcher Bot, damals gab es (ich weiß nicht mehr, von welcher Organisation) vorgedruckte Protestkarten im Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf – ich selbst habe eine solche verschickt. Dieses Instrument ist also nicht neu.

Und es geht ja weiter: Bürger, die eine andere Meinung zum Thema haben, werden nicht als Bürger angesehen, die eine andere Meinung haben – sondern als manipuliert. Ja, sogar als gekauft. CDU-Europaparlamentarier Daniel Caspary behauptet, die Teilnehmer der Demonstrationen gegen das neue Urheberrecht hätten 450€ von Google bekommen.

Das ist falsch. Vermutlich ist es keine Lüge, sondern einfach nur das Verbreiten von 10-Prozent-Wissen, wie Dennis Horn recherchierte:

Und auch das hat wieder mit der Bürgergesellschaft zu tun, wie wir einen Twitter-Thread von Katharina Nocun entnehmen dürfen

Diese Lüge wird von anderen weiter kolportiert, zum Beispiel von Günther Oettinger, dessen Karriere auch nicht durch nachgewiesene, tiefe Unwissenheit in so gut wie jedem Thema gebremst werden konnte. Wer ihn erlebt ist fassungslos und beginnt hysterisches Kichern, so wie auf der re:publica: Die Konferenz, die sogar Thomas de Maizière respektvoll behandelte, kicherte haltlos, als Oettinger krude Sätze über Technologie zusammenfabulierte.

Zusammengefasst: Die Berufspolitiker möchten beim Wegregieren nicht belästigt werden. Deshalb auch werden Anrufe von Wählern als nicht hinnehmbare Störung empfunden, werden Sprechstunden von Bundestagsabgeordneten auf Zeiten gelegt, an denen berufstätige Menschen berufstätig sind – wenn es überhaupt noch welche gibt. Expertenmeinungen? Sind nur interessant, wenn sie die eigene Meinung bestätigen.

Die Bürgergesellschaft ist für die aktuelle Politikergeneration ein Störfaktor, die Politiker sind bürgerverdrossen.

Deshalb bin ich auch so skeptisch bei der Abstimmung über das Urheberrecht. Die EU und ihre Vetreter werden allein schon deshalb für das neue Urheberrecht stimmen, weil so viele dagegen sind und dies öffentlich kundtun. Diese lästigen Bürgerschmeißfliegen mit ihren Ansprüchen, diese Expertenmücken, die doch alle nur ihr Blut wollen. Es geht nicht mehr um konstruktive Politik – es geht um das Ruhigstellen von Menschen, die nur beim Regieren stören.

Warum ist die Politik so bürgerverdrossen?

Ich glaube, für diese Haltung gibt es zwei Gründe: Social Media und die Medien.

Das Social Web könnte ein wunderbarer Ort der politischen Kommunikation sein. Allerdings müssten Politiker es vernünftig und durchdacht anwenden. Im aktuellen Zustand tritt ein menschlicher Effekt ein: Während positive Worte ausgeblendet werden, wird jede Kritik, vor allem jede Schmähung besonders intensive registriert.

Das ist nur menschlich, weil für uns Menschen negative Töne nicht die Normalität darstellen. Über Normalität reden wir nicht miteinander, niemand sagt beim Heimkommen am Abend „Schatz, weißt Du was heute passiert ist? Der Chef ist ins Büro gekommen.“ Nein, wir nehmen vor allem die Stimmen wahr, die sich von unserem Alltag unterscheiden – und das sind die bösen, die wütenden, die lauten.

Der andere Auslöser für die Bürgerverdrossenheit ist damit verbunden: die Medien. Sie haben in zu weiten Teilen aufgegeben, unvoreingenommen und sachlich über Themen zu berichten. Clickbait ist nicht mehr nur auf das Internet beschränkt, die Redaktionen hängen an der Nadel, durch die eine Droge namens Aufmerksamkeit gepumpt wird. Und Aufmerksamkeit gibt es – genauso wie im Social Web – nicht durch Gelassenheit. Sie erhält das Medium durch Emotionalisierung, Aufladung, durch Wütendmachung. Das betrifft in zunehmendem Umfang sogar scheinbar gelassene Medien wie „Die Zeit“, die Stückchen für Stückchen nach rechts rückt. 

Das Social Web und die Medien sind aber die beiden vornehmlichsten Kontaktpunkte von Politikern zur Öffentlichkeit. Mehr noch: Volksvertreter sind weitaus medienhöriger als die Bevölkerung, bei ihnen besitzt die „Bild“ den Status eines journalistischen Medium – was leider auf mangelnde Reflexionsfähigkeit schließen lässt.

Und weil sie so medienhörig sind glauben sie eben auch, Grundstatus der Bevölkerung sei ein aufgeregter und immer weiter nach rechts driftender.

Es würde sich für sie lohnen, die politisch-mediale Filterblase zu verlassen, einfach mal ungebeten zuzuhören, in der Bahn, in der Schlange beim Bäcker, im Fußballstadion oder Theater. Natürlich gibt es auch dort politisch Erregte, doch machen sie den kleineren Teil aus. Was man aber hört: Sorge um Umwelt, Genervtheit über die ständige Medienerregung und Resignation, was die Politik betrifft.

Deshalb trifft eine Alexandria Ocasio-Cortez auf derart offene Ohren. Sie tut Bürger nicht ab, sondern fordert sie zur Teilhabe am Willensbildungsprozess auf. Sie spielt mit dem Social Web, beherrscht das Twitter-Game wie kaum jemand anderes. Ihr auf Twitter zu folgen ist eine tägliche Lehrstunde, wie Debatten geführt werden können, wenn man schlagfertig ist und zeitgemäß denkt.

Plakativstes Beispiel für ihren Stil: Sowohl Rechte also auch Elemente der demokratischen Partei versuchten sie zu diskreditieren, als ein Video aus ihrer Uni-Zeit auftauchte, in dem sie und Freunde Tanz-Moves aus John Hughes-Filmen nachmachten. AOC konterte an ihrem ersten Tag im Amt mit – einem Tanzvideo:

Solch eine Reaktion ist ein Zeichen echter – und nicht gespielter – Stärke. Während Ocasio-Cortez‘ Interview auf der SXSW ließ ich Moodeis mitlaufen, eine App, die anhand von Stimmlage, -modulation und -lautstärke auf die Gefühlswelt des Sprechenden schließt. Die App ist schon 5 Jahre alt (und ich wurde bei einer SXSW auf sie aufmerksam) und arbeitet erschreckend gut. Hier ein Beispiel für das, was Moodies während der Interviewantworten von AOC auswarf:

Nur in ganz seltenen Fällen tauchte eine negative Stimmungswertung auf, stattdessen dominierten Begriffe wie eben Love, Motivation oder Friendliness. Sie beherrscht, was in Deutschland praktisch unbekannt ist in der Politszene: Humor, Selbstironie und die Fähigkeit, sich selbst kritisch zu hinterfragen.

Es ist noch etwas früh und (man muss immer wieder daraufhinweisen) AOC ist gerade mal 29. Aber ich habe das Gefühl, sie besitzt, was der aktuellen Politikergeneration in Deutschland fehlt: ein „inneres Geländer“.

So bezeichnete „Spiegel“-Reporter Jürgen Leinemann 2004 in seinem noch immer lesenswerten Buch „Höhenrausch“ ein Haltungs-Grundgerüst, das die Kriegsgeneration der Politiker noch besessen habe, das aber schon in der Generation Westerwelle gefehlt habe.

Ich fürchte, diese Entwicklung hat sich noch beschleunigt, seit Leinemann sein Buch vor 15 Jahre veröffentlichte. In einer Zeit, da die Bürger sich kundige und glaubhafte Führung wünschen, stellen sie für zu viele Politiker eine Störung des Betriebsablaufes da – und Störungen müssen beseitigt werden.

Insofern ist ein „inneres Geländer“ bei den Trüpels, Vossens, bei den Kramp-Karrenbauers und Lindners, den Nahles und Seehofern zwar vorhanden – doch es ist das Geländer zur Treppe in den Keller.


Kommentare


Robert B. 25. März 2019 um 21:34

Ich halte das Entfernen von der Bürgergesellschaft um „ungestört durchregieren zu können“ mittelfristig für sehr gefährlich: es erzeugt beim Bürger das Gefühl, dass er nur Stimmvieh ist, Wahlen nichts änderten – bis Parteien die politische Bühne betreten, die suggerierten „am Puls des Bürgers“ zu sein. Das heißt, dass wir hier neben dem nach rechts verschobenen medialen Diskurs auch ein Erstarken rechts-populistischer Kräfte sehen – zumindest prozentual – denen möglicherweise enttäuschte Nichtwähler gegenüber stehen, also politisch nichts. Die Frage ist, wie wir als Souverän Souveränität zurückgewinnen und die Politik wieder erden können …

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Thomas Böttiger 26. März 2019 um 8:19

Danke! Ich bin beruflich und auch persönlich sehr auf die Kommunikation mit den „Normalsterblichen“ angewiesen und kann nur bestätigen, dass die Aufmerksamkeitsökonomie und politische Polarisierung einen Keil treibt — nicht nur zwischen Politik und Bevölkerung, sondern auch zwischen Resignierte, die mit dem Geschrei wenig anfangen können, und Motivierte, die gelernt haben (oder gerade lernen), sich darin zu behaupten und ihr „inneres Geländer“ zu bewahren.

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teekay 26. März 2019 um 8:43

Die hier beschriebene Situation ist eben auch eine "Krise mittelmässiger Männer", die ja ueberproportional vertreten sind in den Debatten. "Mehr Frauen" ist eine zu simple Antwort, aber AOC oder Julia Reda fallen ja doch schon auf in dem Kontext. Es hat vor 20 oder 25 Jahren gereicht ein mittelmässiger MdEP zu sein-mal eine Pressekonferenz, vielleicht mal 20 Sekunden in der Tagesschau-das bekommt man als Politikprofi auch ohne Fachwissen hin. Man sass in seiner männlich-dominierten Politik- und Lobby-Blase in Bruessel und irgendwie klappte das ganz gut. Wir haben eben "heute" eine ganz andere Transparenz die a) die Mittelmässigkeit angreift (es gibt "im Netz" wirkliche ExpertInnen zu jedem Thema) und b) den traditionelle Machtanspruch der männlichen Anzugträger von der CDUCSUSPD in Frage stellen. Die klammern sich an das "gestern" wo die Rollenverteilung noch klar war, schlimmstenfalls fuehrt ihr Verhalten auch dazu, dass jemand wie Julia Reda aus der Politik aussteigt. Forschung aus Schweden zeigt: In Parteien verdrängen Frauen nicht einfach bloss Männer-sondern mittelmässige Männer. Im Moment haben sie noch recht viel Einfluss, aber AOC zeigt eben wie eine neue Generation von Politikerinnen Dampf machen kann…

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_Flin_ 26. März 2019 um 13:12

Das hat nichts mit Frauen zu tun. Merkel, AKK, Nahles, Barley, von der Leyen und Schweswig sind auch Frauen.

Aber sie spielen genau die Spielchen, denen eine AOC sich verweigert. Die nicht fragt, wie die Parteilinie ist, sondern die ihre eigene Linie unabhängig sucht, in dem sie ihre eigenen Werte als Leitfaden nimmt.

Und diese werteorientierte Politik ist es, was ich persönlich vermisse. Nicht als Codewort für einen bestimmten Stil (wie z. B. Bei GW Bush), sondern werteorientierte auf Basis unseres Grundgesetzes.

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Hauke Lorenz 28. März 2019 um 9:16

Spannend zu lesen, aber bitte hören sie auf das ebenfalls in den Keller führende Wort „farbige“ zu verwenden und schauen Sie mal in das Glossar der NDM.

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Erik 26. März 2019 um 9:58

Ich habe Dich mal in meinen Newsletter verbloggt.
(Fühlt sich an, wie in alten Zeiten, nur ohne Trackback 😉
https://mailchi.mp/f75fc12516fe/moin-moin-1731865

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nutellaberliner 28. März 2019 um 12:08

Ich glaube, da ist noch ein anderes Element wichtig, um zu verstehen, warum viele Politiker inzwischen genervt sind von Diskussionen mit Bürger*innen.
Die notwendige Qualifikation für einen Aufstieg in einer Partei sind für die meisten Abgeordneten das Aufbauen von Netzwerken, das Moderieren von Konflikten und das Strippenziehen – zuerst für andere, dann für sich selbst. Aber nicht inhaltliche Arbeit, was dazu führt, dass tatsächlich sehr wenige Abgeordnete wegen fachlicher Fähigkeiten in das Parlament einziehen.
Wenn sie dann plötzlich im Parlament auftauchen kehren sich die benötigten Fähigkeiten allerdings um – dann müssen sie fachlich erklären, wie sie ihre Position finden und wieso diese auch richtig ist. Damit scheinen viele hoffnungslos überfordert zu sein, sie überlassen das Aufbauen von Positionen ihren Mitarbeiter*innen. Aber wenn man selbst fachlich eher ahnungslos ist, wird es schwer zu beurteilen, ob die Mitarbeiter*innen denn wirklich kompetent sind. So kommt es auch, dass viele Befürworter der RL sich eher mit den Personen der Kritiker*innen auseinandersetzen als mit dem fachlichen Thema. Ein bisschen pöbeln, verleumden und die Glaubwürdigkeit anzweifeln hat sie schließlich an ihren Platz gebracht, das können sie gut…
In den sozialen Medien treffen diese fachlich eher unbeschlagenen Abgeordneten dann auf einen Haufen Menschen, die fachlich zumindest teilweise kompetenter sind als sie selbst – was sie allerdings nur in Ausnahmefällen eingestehen können und wollen. Statt diese Kompetenz (die zu erkennen allerdings schwer ist, wenn man selbst eher inkompetent ist) für sich zu nutzen, werden die Bürger*innen auf Abstand gehalten.

tl;dr: Die Fähigkeiten, die es für einen Aufstieg braucht sind genau umgekehrt zu denen, die es nach dem Aufstieg braucht.

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Huflaikhan 29. März 2019 um 22:29

Nur mal eine Nachfrage, es interessiert mich einfach: Sie schreiben: "Demonstrierende oder Protestierende werden dann als Bots bezeichnet, weil eintreffende Mails den gleichen Text haben." Ich habe jetzt lange gesucht, aber nicht wirklich die Passage gefunden, wo Demonstrierende oder Protestierende als Bots bezeichnet werden. Wenn ich eine Quelle hätte, wäre es schön. Sie würden es ja sonst auch nicht erwähnen. Danke!

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Thomas Knüwer 30. März 2019 um 11:20

Hier der Hintergrund, der in den Medien aber auch weidlich diskutiert wurde: https://www.vice.com/de/article/zmayb8/proteste-artikel-13-meme-roboter-bots-cdu-sven-schulze

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Huflaikhan 30. März 2019 um 14:45

Alles klar, im Original-Tweet fällt der Begriff Bots nicht. Aber wir sind die Fake-Accounts kommt nicht so gut. Ich wollte nur sicher gehen, ob es nicht irgendwo tatsächlich jemanden gegeben hat, der die damals noch nicht Protestierenden und Demostrierenden "Bots" genannt hat. Sauber ist das nicht.

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huflaikhan 29. März 2019 um 22:39

"Deshalb bin ich auch so skeptisch bei der Abstimmung über das Urheberrecht. Die EU und ihre Vetreter werden allein schon deshalb für das neue Urheberrecht stimmen, weil so viele dagegen sind und dies öffentlich kundtun. Diese lästigen Bürgerschmeißfliegen mit ihren Ansprüchen, diese Expertenmücken, die doch alle nur ihr Blut wollen." Bin nicht sicher, ob das so die Formulierung ist, die von Souveränität gekennzeichnet wäre. Eigentlich können Sie ganz glücklich sein, dass es wohl anders ist. Die, die dagegen waren und weiter sind, sind und waren es vor den ganzen Demos. Änderungen scheint es bei den deutschen Parlamentarierern vor allem in der SPD-Fraktion gegeben zu haben und bei den GRÜNEN. Die sind nun dagegen, weil so viele dagegen sind (oder aus anderen Gründen). Man kann sich ja auch irren. Das ist ja auch nicht so schlimm, wenn man auf die Zukunft blickt.

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Thomas Knüwer 30. März 2019 um 11:24

@Huflaikhan: Man ist nicht nur wegen Protesten dagegen, sondern weil man sich mit Argumenten beschäftigt. So gut wieder Digitalkundige hat die Argumente gegen das neue Urheberrecht ausführlich diskutiert. Zum Beispiel, dass den großen Digitalkonzernen nichts besseres passieren kann – ihr Oligopol wird zementiert, neue Plattformen können nicht entstehen. Dies ist natürlich auch ein Schaden der Urheber. Übrigens: Massenweise haben Urheber demonstriert, nur sehen die verstaubten Köpfe der Verwertergesellschaften Youtuber nicht als solche an. Und schließlich bekommen Autoren am Ende weniger, weil das VG-Wort-Urteil durch das neue Gesetz nichtig wird.

Es gibt nur zwei Seiten, die scheinbar profitiert: die oft undurchsichtigen Verwertergesellschaften – und Medienkonzerne.

Diese Einsicht ist dann auch bei den Nicht-Fachpolitikern eingesickert, zumindest bei SPD und Grünen.

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Huflaikhan 30. März 2019 um 14:53

Da ist leider wieder so viel Unpräzises drin. Und so viel Dampf "verstaubte Köpfe". Und die "undurchsichtigen Verwertergesellschaften", die jetzt profitieren. Da weiß man nie so genau, wer damit gemeint sein könnte. GEMA, c3s (soll es noch werden), VG Bild-Kunst, VG Musikedition, VG Wort, die als Verwertungsgesellschaften und nicht als Verwertergesellschaften auftreten. Oder sind andere Teilnehmer gemeint. Das VG-Wort-Urteil ist noch immer in Kraft. Und kann dies auch bleiben, wenn das in der nationalen Umsetzung gewünscht wird. Was da passiert, entscheidet sich in den nächsten zwei Jahren.

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Thomas Knüwer 1. April 2019 um 10:08

@Huflaikhan: Undurchsichtig ist zum Beispiel die Gema, die ihren bestehenden Vertrag mit Youtube nicht detailliert erläutert. Mehr noch: Offensichtlich wissen viele Gema-Mitglieder gar nicht, dass es einen solchen gibt. Undurchsichtig war lange auch die VG Wort, die erst unter Druck begann, die Verwerter nicht mehr zu beteiligen. Insgesamt gibt es in der Gema ja durchaus Unmut darüber, dass Schlager und Klassig bevorteilt werden.

Das VG-Wort-Urteil ist noch in Kraft, wird aber durch das neue Urheberrecht negiert. Das war ja einer der Gründe, warum die Verlage sich derart engagiert haben. Dieses Blog beschäftigt sich seit 14 Jahren mit dem Verhalten von Verlagen. Deshalb gestehen Sie mir die Kompetenz zu, zu sagen: Die Verlage werden ausreichend Lobbykraft mitbringen, das VG Wort-Urteil zu Staub zerfallen zu lassen.

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Martin Hufner 1. April 2019 um 10:29

Ich gestehe Ihnen jede Kompetenz zu. Deswegen will ich gar nichts zur VG Wort sagen, ich habe seit den späten 80er Jahren mit Verwertungsgesellschaften zu tun. Nur munkle ich nicht in die Zukunft hinein, das überlassen ich denen, denen es Spaß macht. In Sachen GEMA sind Sie aber offenbar nicht auf der Höhe. Was die Gema-Mitglieder wissen oder nicht, weiß ich nicht. Wissen kann man aber, auch ohne Mitglied zu sein, dass des den YT/Gema-Deal nach immerhin mehr als fünf Jahren gab und der nur zustande kam, weil YT daraus zwingend ein Geheimnis machen musste. Das war nicht das Ziel der GEMA. Entweder so, oder gar nicht: Das war YT-Wunsch. "Wir haben auf Druck von YouTube eine Vertraulichkeitserklärung im Hinblick auf das totale Vergütungsvolumen in den Vertrag aufgenommen." (https://www.nmz.de/artikel/ein-beschluss-mit-pilotcharakter). Sonst hätte die GEMA wohl heute noch keinen Deal und die GEMA-Mitglieder nix in der Tasche. Zur VG Wort, auch Kompetenz oder gerade Kompetenz bedeutet sorgfältige Analyse, meines Erachtens. Man kann warnen, aber gegessen ist freilich noch nichts.

Thomas Knüwer 1. April 2019 um 11:05

Jetzt mal die Logik. Youtube "musste"? Wenn die Gema heute noch keinen Deal hätte, wäre ein weiter Teil des YT-Traffics weg. Und zwar im Gegensatz zur Nachrichtenwelt tatsächlich ein gewichtiger Anteil. Hier lag das Verhandlungsgewicht definitiv auf Gema-Seite. Gut, kann sein, dass die Gema nicht gut im Verhandeln ist… Kann natürlich auch sein, dass ihr Intransparenz ganz recht ist. Denn auch Youtube ist ja nicht so dumm zu glauben, dass die Verwertergesellschaften in unterschiedlichen Ländern solche Informationen nicht austauschen würden.

huflaikhan 1. April 2019 um 12:30

Ich will den kompetenten Menschen ja nicht nerven, aber ist das nicht ein bisschen verrückt. Wieso braucht die Gema Traffic. Die sieben Jahre davor war steter Traffic und YT hat sich nicht zu Kompromissen bereit erklärt. Mutmaßungen gegen gegen die GEMA, der angeblich Intransparenz ganz recht sein soll. Das ist jetzt bei Ihnen aber weit entfernt von journalistischer Recherche und Kenntnis des gesamten Vorgangs. Ich möchte Ihnen da nicht zu nahe treten, aber den ganzen Prozesse haben Sie eher nicht im Blick, was ja auch durch die ungenaue Terminologie (Verwertergesellschaften, also ob die angesprochenen Verwerter eine Gesellschaft gebildtet hätten) irgendwie seine Bestätigung findet.

Ich finde es ja gut, wenn Sie sich so vehement für YouTube ins Zeug werfen. Da weiß man woran man ist. Aber aus einem ernsthaften Diskurs entfernen Sie sich damit schon. Eher so ein bisschen zum Orakelonkel unterwegs.

Thomas Knüwer 1. April 2019 um 14:32

Ich habe nicht geschrieben, dass die Gema Traffic braucht – Youtube braucht ihn. Deshalb is die Verhandlungsposition der Gema ja so stark.

Wogegen ich mich verwehre: Mich für Youtube "ins Zeug zu werfen". Es gehört zu den Unsitten in Debatten, dem Gegenüber eine Extremposition und ein Befangenheit zu unterstellen. Weil ich eine andere Meinung als Sie vertrete, werfe ich mich ins Zeug? Nö. Ich beschäftige mich aber seit 24 Jahren beruflich damit, Digitalentwicklungen zu analysieren und daraus Schlüsse zu ziehen. Diese Schlüsse veröffentliche ich auch seit 24 Jahren, die Trefferquote ist nicht ganz so übel, was Trendprognosen betrifft.

Deshalb bin ich ja auch so vehement gegen das neue Gesetz: Es festigt die Position von großen Plattformen wie Youtube. Wenn Sie selbst gegen Youtube sind, dann sollte sie gegen das Gesetz wüten und schimpfen. Denn es wird dafür sorgen, dass nie wieder ein Konkurrent hochkommen wird.

Übrigens werfe ich Ihnen auch nicht vor, sich für die Gema ins "Zeug zu werfen".

huflaikhan 1. April 2019 um 15:01

Ich werfe mich auch nicht für die Gema ins Zeug. Warum sollte ich das auch tun. Die Verhandlungsposition der Gema ist stark gewesen? Welche Mittel hatte die denn. Die Prozesse gegen YT waren allesamt schwierig zu führen, das Ergebnis unbefriedigend. Die Gema kann die Videos mit unlizenzierten Inhalten bei YT ja nicht entfernen. Dagegen hat YT mit seinem Sperrtafel-Gewürge seine Macht bestmöglichst ausgespielt. Erst 2015 hatte die Gema damit Recht bekommen. Ich bin nicht so sicher, ob Sie diese ganze Entwicklung wirklich mitbekommen haben zwischen 2009 und 2016.
Ich will Ihnen auch Ihre Prognosefähigkeit nicht absprechen. Bei 24 Jahren im Geschäft, das ist schon echt ’ne Nummer, das macht Ihnen so leicht keiner nach. Als verantwortungsvoller Journalist halte ich mich mit derlei Prognosen natürlich in der Öffentlichkeit zurück. Aber jeder wie er mag. Mir wäre das zu unredlich. Man kann auch durch Verschweigen Politik betreiben und gehört dann aber nicht mehr der Gruppe der Aufklärerinnen, sondern der Verneblerinnen an. Kann man machen, jeder, der Sie kennt, weiß wie Sie es halten.

Apropos: YouTube als Netztool ist eine fantastische Sache. Das könnte noch ganz groß werden. Die Arbeit der Geschäftführung halte ich dagegen für egozentrisch, eben ganz so, wie man es von einem Unternehmen erwartet, das sich keiner gesellschaftlichen Verantwortung stellen muss. YouTube, in den richtigen Händen, könnte eine wirklich wunderbare Sache sein.

Thomas Knüwer 2. April 2019 um 19:26

Welches Mittel die Gema hatte? Abzug sämtlicher Musikvideos…

Und nun kommen wir zu Sperrtafeln. Die sind eine Machtdemonstration? Dann wird das nun Kommende aber höchst spannend.

Denn weshalb soll es denn eine Demonstration gewesen sein? Antwort: Weil der Nutzer mitbekommt, was er nicht sehen kann. Wenn dies ihre Argumentationslinie ist (und vielleicht die der Gema), wie glauben Sie denn, dass Nutzer künftig reagieren? Künftig nämlich werden sie keine Fanvideos mehr hochladen können, keine Remixes uns nicht mal mehr Videos aus ihrem Zimmer, wenn im Hintergrund ein Bild hängt, das dem Urheberrecht unterliegt. Genau dieses Szenario hat heute Twitch aufgemacht und angekündigt, <a href="https://t3n.de/news/wegen-artikel-13-erwaegt-twitch-einen-ausschluss-von-eu-nutzern-1154207/" rel="noopener" target="_blank">EU-Nutzer von internationalen Feeds auszusperren.</a>

Wie werden die Nutzer darauf reagieren?

Wenn also nach ihrer Meinung die Sperrtafeln schon so ein Problem dar

huflaikhan 3. April 2019 um 18:20

Ich gebe zu. So viel Unkenntnis in der GEMA-Sache macht mich jetzt wirklich sprachlos. Das kommt selten vor. Aber wenn Sie meinen, dass etwa die GEMA die Videos auf YouTube gestellt habe. Wie soll sie die sonst abziehen? Sprachlos auch in anderer Hinsicht. Alle Nutzerinnen, so hat es YT gewünscht können alles hochladen, was sie wollen (solange … & …). Für Musik sollen die Nutzerinnen sich Lizenzen besorgen. Haben aber nur wenige gemacht. Und YT dazu so: Ist uns egal. Wir können ja nicht 700 Stunden Material pro Minute kontrollieren. Ich verstehe den Herrn Knüwer einfach nicht.
Twitch ist mir egal. Die können doch sowieso machen, was sie wollen. Die Twitchianer werden sich das Zeug dann halt über VPN holen, nehme ich an. Aber Sie sind ja der Kenner von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da kann ich jetzt echt nicht mehr mithalten und gebe mich geschlagen und damit auf. Gegen "Besserwisser" kann man nicht an. Wir werden ja sehen. Spätestens nach dem Weltuntergang stehen wir alle an des Himmels Pforte. Grüße und Bye!

Thomas Knüwer 4. April 2019 um 7:52

Äääh… Also: Urheberrechtliche Verstöße werden auf Youtube selbstverständlich nach Meldung gelöscht. Passiert ständig, ist ein bekannter Prozess und der funktioniert auch. Tatsächlich habe ich sogar mal ein Duplikat meines Videos gelöscht bekommen, einfach per Meldung.
Das ist ein weitaus unkomplizierterer Vorgang als die tausenden von Abmahnungen, die Musik- und Filmindustrie an private, teils jugendliche Nutzer verschicken, nachdem sie in einem komplexen Verfahren die Daten illegaler Streamingportale ausgewertet haben.
Übrigens: Diese Portale, die wirklich ein Problem für Bewegtbildproduzenten darstellen, werden natürlich nicht verschwinden.

Ihre Äußerungen zu Twitch zeigen aber das grundsätzliche Problem der Diskussion: "Twitch ist mir egal", die Nutzer erst recht. Hauptsache, Sie haben ihre Kohle? Was für eine bemerkenswerter Blick auf die Gesellschaft und das Netz.

Was wäre denn, wenn auf Twitch längst mehr Urheberrechtsverletzungen stattfinden als auf Youtube? Immer noch egal?

Und schließlich die Gesellschaft: Wenn eine Generation junger Menschen gelehrt wird, Politik zu hassen in einer Zeit, da Extremisten und Nazis aufkommen – das ist ihnen egal? Es geht in dieser Debatte um mehr als raubkopierte Musik. Es geht um die Zukunft der freiheitlichen Demokratie. Und die Musiker denken nur an die Geldbörse. Tja, früher war Kunst politisch – heute ist sie Raumdekoration.


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