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Düsseldorf, U73, heute gegen 16.30, irgendwo zwischen Lindemannstraße und Wehrhahn.

Zwei junge Teenager, mutmaßlich Brüder sitzen in der Reihe vor ihren Eltern. Der eine, geschätzte 12, spricht gegen den Bahnlärm an, ich horche auf, als ich den Begriff Urheberrecht höre. Dann sagt er: „Die CDU hat sich mit Artikel 13 bei vielen Jugendlichen die Arschkarte gegeben.“

Beim Weiterlauschen, ja, ich weiß, unhöflich, aber seit es den Twitter-Account Rheinbahn Intim gibt doch irgendwie akzeptiert im Düssel-Dorf. Auslöser des Gesprächs schien die Frage der Eltern nach jenem Video des Youtubers Rezo „Die Zerstörung der CDU“ gewesen zu sein und nun erklärt der Nachwuchs die Lage der Nation – während Muttern gleich mal am Handy nachgoogelt (bis die Datenverbindung im Tunnel abbricht).

Ich selbst las im gleichen Moment, dass die CDU doch eine Stellung zu jenem inzwischen die 5-Millionen-Views-Marke überschreitenden Video genommen hatte – wenige Stunden, nachdem ich hier gebloggt hatte, dass die CDU besser keine Stellung zu diesem die 5-Millionen-Views-Marke überschreitenden Video beziehen sollte.

Die Art der Reaktion ist noch ein wenig schlimmer, als ich befürchtet hatte. Ralf Heimann hat auf Twitter sehr schön imaginiert, wie sie zustande gekommen sein könnte:

Wie wenig selbst die alterstechnisch Jungen in der Partei verstehen, was da gerade passiert, zeigte aber zunächst Philipp Amthor. Er behauptet, Rezo wolle die CDU zerstören. Nun könnte man wissen, dass „Zerstörungs-Videos“ eben ein Youtube-Format sind. Man muss diese Begrifflichkeit nicht mögen, aber Jugendsprache spielt immer mit harter Tonalität und der Überschreitung von Grenzen. Ich gehe davon aus, dass er „Fick dich ins Knie“ als Aufforderung zu akrobatischer Selbstbefriedigung interpretiert.

Wollte Rezo die Partei wirklich zerstören, wäre dieses Ansinnen derart albern, dass selbst ein lobotomierter Perserkater dies als Beleidigung seiner Intelligenz betrachten würde.

Sowohl Amthor – als auch die CDU sekundierenden Medien wie die „Rheinische Post“ – machen aber genau diese Erzählung vom destruktionswütigen Youtuber auf.

Doch kommen wir zu jener Reaktion der CDU. In ihrer Wortwahl schwankt sie zwischen paternalistisch und borniert, ein Text gewordener Alter Weißer Mann. Zum Beispiel, wenn die Autoren über das nicht veröffentlichte Video von Amthor schreiben:

„Wir haben ein klasse Produkt erarbeitet, in dem das steckt, was die Mitarbeiter der CDU wie die Wahlkämpfer im Europawahlkampf, Landtagswahlkampf in Bremen und im Kommunalwahlkampf in zehn Ländern derzeit jeden Tag geben: Herzblut, Einsatz und Kreativität.“

Mal abgesehen vom wortreichen Eigenlob – ein „Produkt“?

Viel wird salbadert vom Da-Sein für alle Generationen. Doch genau das ist es ja, was die Jungen kritisieren: dass für ihre Zukunft eben nichts da ist.

Unverschämt wird es, wenn die Christdemokraten schreiben: „Die Währung von YouTubern sind Klickraten. Die Währung einer Volkspartei wie der CDU ist Vertrauen.“

Wow. So arrogant muss man erstmal sein. Geht diesen Youtube-Flegeln doch nur um Aufmerksamkeit, was anderes zählt nicht. Die CDU, ja, die hat das Vertrauen! So viel davon, dass sie sich nicht mehr für Wählerstimmen – die ja so was wie die Klickraten (übrigens: Raten? Welcher Anteil soll denn da gemessen werden? Na ja, egal) der Politik sind – interessieren müssen. Gut, von denen, also den Wählerstimmen, gibt es immer weniger, aber das sagt nichts, aber auch GAR NICHTS über das Vertrauen der Menschen aus.

Dann verlinkt die CDU auf ein PDF (ein PDF!), und behauptet: „…werden wir selbstverständlich mit allen, die ihre Meinung äußern, diskutieren, einander zuhören und unsere Standpunkte austauschen.“

Super.

Und wo?

Sollen Debattenbereite im Adenauer-Haus anrufen? Persönlich vorbeikommen? An die Tür des Reichstags wummern und „Ich will da diskutieren!“ rufen?

Nein, diese Pseudoeinladung zum Dialog zeigt wieder die tiefe Bürgerverdrossenheit der aktuellen Politikergeneration.

Und die Argumente der PDU, äh, CDU?

Gleich das erste Thema zeigt, wie sehr die Autoren mit Fakten hadern. Sie behaupten:

„Die Einkommensungleichheit, d.h. die unterschiedliche Verteilung der Einkommen in Deutschland, ist zwar bis 2005 gestiegen, seitdem aber nicht mehr. Hier von einer sich immer weiter öffnenden Schere zu sprechen halten wir daher für unzulässig.“

Grund, dass die Ungleichheit nicht abnehme, sei die Zuwanderung. Und dann verlinken Sie ein Papier des DIW, das von einer Zunahme der Differenz seit der Finanzkrise spricht.

Das Bildblog hat auch mal nachrecherchiert, das Ergebnis fällt wenig schmeichelhaft für die CDU aus. Auch Volker Quatschning, Professor für Regenerative Energiesystem, konnte die Partei mit ihren Fakten nicht überzeugen. 

Ach, hätten sie nur geschwiegen.

Jene Jungfamilie in der U-Bahn hat mich an etwas erinnert, was sich im US-Wahlkampf 2008 ereignete: The Great Shlep. Das Jewish Council for Education and Research kam auf die Idee, junge Juden für Obama zu mobilisieren. Das Konzept: Viele rentierende Eltern und Großeltern dieser Zielgruppe verbrachten ihre Seniorenzeit in Florida. Der Nachwuchs sollte zu ihnen reisen, zumindest aber mit ihnen telefonieren, und sie für Obama gewinnen.

Für die nötige Reichweite sorgte dabei die jüdische Comedienne Sarah Silverman:

Hat es was gebracht? Laut The Inspiration Room ja: „Obama 51 – McCain 49. Jewish vote: Obama 78 – McCain 21.“

Erinnern Sie sich noch, wozu Rezo seine Zuschauer aufforderte? Sie sollten mit ihren Eltern und Großeltern reden. Die Szene in der U-Bahn zeigt, dass dies ohnehin passiert. Millennial-Eltern stehen ihren Kindern weit näher als ich den meinen. Und wenn es etwas aus dem Internet gibt, dann fragen sie offensiv. Als nun Klassikmedien über das Rezo-Video berichteten, dürfte in vielen deutschen Familien die Frage gefallen sein: „Sag mal, guckst du auch diesen Rezo?“

Das führt nicht zu einem Great Shlep – doch die CDU könnte sich um einen Little Shlep sorgen. Der kommt vielleicht für die Europawahl zu spät. Wenn aber bei den Großparteien nicht endlich ein Umdenken einsetzt, wird die Zersplitterung der Parlamente sich fortsetzen.

Hoffnung auf ein Umdenken habe ich wenig. In diesen Tagen passierte nämlich noch etwas bei der CDU. Sie musste etliche Videos aus ihrem Youtube-Kanal entfernen, denn es handelte sich um Mitschnitte von ARD und ZDF – und sie besaß dafür nicht die Rechte.

Die Partei, die sich als Hüter der Urheber gerierte, beging selbst schwere Urheberrechtsverletzungen. Und das, nachdem die Parteivorsitzende sich damit brüstete, die Partei wolle künftig Herrin über ihre Bilder sein. 

#Facepalm, sagen wir aus dem Internet dazu.

Und das, lieber Philip Amthor, liebe CDU, liebe „Rheinische Post, heißt nicht, dass uns eine Palme aus dem Gesicht wächst.


Kommentare


Titus von Unhold 23. Mai 2019 um 23:25

Wir leben in spannenden Zeiten und extrem polarisierten Gesellschaften. Schade dass Prof. Kruse das nicht mehr analysieren kann.

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Tobias Harmes 24. Mai 2019 um 20:36

Sehr schön auf den Punkt gebracht. 🙂

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