Viva la re-publica!

by Thomas Knüwer on 4. Mai 2012

Dies ist eine Abbitte.

An Tanja und Johny Haeusler, an Markus Beckedahl, Andreas Gebhard, Clemens Lerche und das gesamte Team der re-publica.

Im vergangenen Jahr bat ich, nachdem bekannt war, dass die Konferenz ihr angestammtes Terretorium um Kalkscheune und Friedrichstadtpalast verlassen würde, doch um Gottes Willen nicht in die Station zu ziehen, den ehemaligen Post-Bahnhof am Gleisdreieck. Die Verlagerung dorthin hat für mich die Next, eine Konferenz, die auf einem tollen Weg war, gekillt.

Heute nun neige ich mein Haupt voll Scham und gestehe: Ich habe mich geirrt. Aber so was von: Die drei Tage der re-publica 2012 haben den einstigen Klassentreff der Blogger in eine neue Umlaufbahn geschossen.

Vor sechs Jahren begann alles mit ein paar hundert Leuten, es war ein Klassentreffen der aktiven Blogger in der flauschigen Kalkscheune. Viele trafen sich im Frühjahr 2007 das erste Mal persönlich, es war ein Untersichsein.

Und heute? Ist die re-publica mit über 4.000 Teilnehmern eine der größten Konferenzen in Deutschland (egal welchen Themenfeldes). Welche Bedeutung sie erlangt hat, machte Zeynep Tufekci klar: Viele arabische Blogger, sagte die Dozentin der Uni North Carolina, hätten sich 2009 in Berlin kennengelernt. Die große Zahl an Vorträgen zu Ägypten oder Syrien zeigte die gewachsene Internationalität der re-publica.

Doch nicht die schlichte Größe macht die rp12 zu einem Ereignis, an das wir uns noch lang erinnern werden. Es war die unaufgeregte, reibungslose Organisation, für die ich tiefen, tiefen Respekt vor dem Team habe. Zum Beispiel die durchdachte Art der Sponsorenpräsentation, die sich der Angst vieler Besucher vor zu viel Kommerzialisierung unterordnete. Oder die grandiose Idee, bunte Plastikstühle in der Mitte des zentralen Marktplatzes anzuhäufen, die jeder in die Räume tragen konnte – wer sitzen wollte konnte auch sitzen. Am Morgen des zweiten Tages waren sie komplett über das Gelände verteilt.

Und dabei war es voll. Echt voll. Um 11 Uhr am ersten Morgen moderierte ich ein Podium zum Startup-Standort Deutschland – und fünf Minuten vor dem Start überlegten die Stage-Manager, die Türen zu schließen. So ging es weiter: Selbst Themen, die eher randinteressig wirkten lockten große Mengen Besucher an, vom Foodblogging bis zur Präsentation der neuen Hilfe-Community der Deutschen Telekom.

Selten aber war es dann so gefüllt, dass kein Hineinkommen mehr möglich war. Und das unterschied die re-publica von ihrem Vorläufer 2011. Damals gab es reichlich Ärger, weil die kleinen Räume der Kalkscheune nicht einmal ansatzweise ausreichten.

Überhaupt: Es gab keinen Ärger. Nicht über die Fülle, nicht über massiv schlechte Vorträge, „ich sehe hier nur glückliche Menschen“, sagte jemand. Nicht einmal das nicht funktionierende Wlan konnte die übliche Lästerei-Folklore in Gang setzen.

Im Gegensatz zur Next wissen die re-publica-Macher das riesige Areal zu bespielen. Saal-Hopping war problemlos möglich, die hölzernen Affenfelsen in der Mitte wurden ebenso wie der Vorplatz ein Ort zum Treffen, Quatschen und auch Arbeiten. Bei keiner der 5 re-publicas zuvor habe ich so wenige Vorträge und Diskussionen gehört – und nie zuvor habe ich mit so vielen Menschen geredet. Und: Nie zuvor war ich so entspannt. Es stellte sich bei vielen ein wunderbarer re-publica-Flow ein.

Dies wurde unterstützt vom Fehlen eines Dreh- und Angelpunktes. Der Friedrichstadtpalast war eben immer der Ort, wo man hingehen konnte, wo immer etwas interessantes lief. In der Station gibt es diese Form von Magnet nicht. Aber er war auch nicht nötig, denn wenn man gerade nicht wusste wohin, traf man immer jemand in der Mitte. Natürlich war ein Faktor dabei die Abgelegenheit der Station. Drumherum ist halt nicht alles schlecht, aber man hat nichts. Keinen Italiener fürs Mittagessen, keine Bar zum Absacken – das hielt die Besucher beisammen.

Geändert hat sich auch die Haltung der klassischen Medien. In den ersten fünf Jahren brillierten sie durch trollartige Schimpfarien (vergangenes Jahr habe ich die Best-of mal zu einer Handreichung zusammengeschrieben). Nun versuchen sie, die re-publica zum uninteressanten Alltag zu erklären. Weil das Netz Normalität sei, sei das Treffen in Berlin eben langweilig. Gleichzeitig nutzen die digitalen Renegaten die Tage in Berlin um sich Material zu sammeln – kaum einer der bekannteren Menschen im Netz, der nicht mindestens drei Interviews geben musste.

Was fehlte? Ein neuer Star. So wie Gunter Dueck oder Peter Kruse, die vor ihren re-publica-Auftritten eher unbekannt waren und von denen hinterher alle sprachen. Und auch Muss-ich-sehen-Namen waren rar gesät. Steffen Seibert vielleicht, der mit seinem Charme den vollen Saal 1 zuflauschte. Aber insgesamt mangelte es an großen Namen. Hier wäre dem Team auch mal Mut zur Ironie zu wünschen. Wie interessant hätte ein Frank-Elstner-Interview zu seinen Twitter-Versuchen werden können?

Was auch fehlte: die Piraten. Vielleicht hatten die Organisatoren Angst, zu sehr als Piraten-Kongress abgetan zu werden. Doch ehrlich gesagt: Angesichts der aktuellen Situation in Deutschland wäre ein Panel zu diesem Thema Pflicht gewesen, in dem die Piraten und ihre vielen Kritiker in Digitalien aufeinander treffen.

Und noch etwas: Es gibt noch immer Areale der Internet-Nutzung, die auf der re-publica nicht stattfinden. Die Youtuber, zum Beispiel, die beginnen den Webvideo-Preis in Düsseldorf als ihren Treff zu entdecken; die Modeblogger waren in diesem Jahr auch nicht aktiv; die Weinblogger und Autoblogger fehlten ebenfalls. In jedem dieser Felder findet eine interne Vernetzung statt. Doch es wird nur gelingen, Themen wie das gemeinsame Eintreten für Rechte oder Refinanzierungsmodelle auf die Schiene zu bekommen, wenn sich die Interessenvertreter auch untereinander besser verstehen. Die re-publica wäre eine ideale Plattform dafür.

Doch dies ist kritisieren auf hohem Niveau. Die rp12 hat einen neuen Maßstab gesetzt. Sie ist endgültig der Nummer-1-Treffpunkt des aktiven, digitalen Deutschlands. Und das Klassentreffen? Das wird sich Stück für Stück verlagern in den Abend. Google lud zum zweiten Mal zum Empfang, andere Unternehmen werden desgleichen tun – und natürlich gibt es eigene Initiativen, ein Geek-Steak-Dinner gibt es auch schon und vielleicht vergrößern wir unser Foodblogger-Gutessen auch weiter.

Ich glaube aber auch, dass mit dem Umzug in die Station ein massiver Wandel einsetzen wird, weg von der Idee einer Konferenz und hin zu einem Festival. Wir werden in den kommenden Jahren viel mehr Aktivitäten auf diesem zentralen Marktplatz und draußen vor der Tür erleben, die Amsterdamer Picnic dürfte das Vorbild sein.

Und ich wage die Prognose: In weniger als fünf Jahren wird die re-publica eine fünfstellige Besucherzahl haben. Ihr Weg hat gerade erst begonnen.

Tanja, Johnny, Markus, Andreas, Clemens – danke. Ihr hattet Recht, das nächste Bier geht auf mich.

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