Das Handelsblatt – der Boulevard-Troll

by Thomas Knüwer on 30. Januar 2012

In diesem Moment, da ich diesen Artikel schreibe, ist Ansgar Heveling, ein Hinterbänkler der CDU im Bundestag, der Lieblingsprügelknape des deutschsprachigen Internet. Er hat für das “Handelsblatt” (Disclosure:mein langjähriger Arbeitgeber) einen Kommentar über die digitale Gesellschaft geschrieben, der in seinem Duktus irgendwo zwischen Kalter Krieg und Ein-paar-Jahrzehnte-davor changiert, der trieft vor Lobby-Liebe zur Entertainment-Industrie, Verachtung bürgerlicher Werte und dem Hass auf Fortschritt. Es ist legitim, die CDU für unwählbar zu erklären angesichts solcher Figuren wie Heveling.

Aber: Der Abgeordnete aus Korschenbroich ist gleichzeitig eine arme, vom Handelsblatt missbrauchte Sau.

Auch der geschätzte Christian Stöcker bei Spiegel Online bezeichnet ihn als Troll. Denn es war ja absehbar, was passieren würde, ginge der Artikel online: Das deutschsprachige Internet würde vor Wut platzen. Das bringt viele Klicks und viele Kommentare, über 100 sind es schon auf HB.com – das ist für diese Seite wahrscheinlich jetzt schon Ganzjahresrekord. Außerdem sammelt die Seite gerade Links ein, wie nix gutes, generische Links, noch dazu – also so richtig wertvolle in Sachen Google.

Und ich behaupte: Genau das war so kalkuliert. Der Abdruck des unfassbar dummen Textes von Heveling ist nichts anderes als der Versuch des Handelsblattes, die Klick-Zahlen nach oben zu treiben und einen leider absehbaren Shitstorm zu erschaffen. Aus diesem Grund habe ich die Links hier übrigens als No-follow-Links gesetzt, die von Suchmaschinen nicht gezählt werden (sollte ich da einen HTML-Fehler gemacht haben, bitte ich um Kommentar unten).

Deshalb auch bindet das Handelsblatt unter dem Artikel Twitter-Kommentare ein – hat es das jemals zuvor gegeben? Ich glaube nicht. Schon längst geht nur noch ein geringer Teil der Print-Texte online. Dieser aber ist ins Web gewandert. Und natürlich gibt es bei HB.com eine Zusammenfassung mit den Reaktionen aus dem Netz. Prompt gibt es auch eine zustimmende Meinung zu Hevelings Machwerk. Sie kommt via Twitter von Axel-Springer-Manager Christoph Keese, der in seinem Blog genau solch ein Troll-Verhalten an den Tag legt. Und “Handelsblatt”-Chefredakteur Gabor Steingart pflegt ja gute Kontakte zu Axel Springer, wir erinnern uns an seinen dackelesken Blick gen Matthias Döpfner.

Einst suchte sich das “Handelsblatt” seine Gastkommentatoren aus. Es waren Menschen von zumindest hohem Rang, besser noch hatten sie eine sachlich fundierte Meinung vorzubringen. Es war eine Auszeichnung, auf den Kommentarseiten als Nicht-Redakteur schreiben zu dürfen.

Und heute? Schreibt CDU-Hinterbänkler Heveling über das Internet. Nicht, weil er einen tollen Text geliefert hat – sondern weil er missbrauchbar ist. Er ist das Troll-Opfer auf dem Altar der IVW-Zahl.

Ein wohlmeinender Medienkenner hätte Heveling vor sich selbst beschützt, gerade weil er offensichtlich keinerlei Ahnung vom Web hat. So etwas gehört auch zur journalistischen Integrität. Er hätte ihm gesagt, dass sein Google-Eintrag auf immer versaut sein wird, dass seine Homepage gehackt wird – was prompt geschah.

Es hätte zum Dienst am Leser gehört, solch einen schwachsinnigen Text gar nicht erst abzudrucken. Was kommt als Nächstes? Kim Jong-un über Menschenrechte? Der Papst über guten Sex?

Solch eine Form des Anstands und der Integrität mag das “Handelsblatt” heute wohl nicht mehr ausstrahlen. Es agiert damit keinen Deut besser als “Bild” oder “Express”. Ansgar Heveling ist das willige Opferlamm, dessen Schlachtung den blutigen Content liefert. Vermutlich wird es bald noch einen krokodilstränigen Text von Gabor Steingart geben, in dem er den Hass des Netzes betrauert. Dies ist, alles in allem, ein weiterer Schritt des “Handelsblatts” in Richtung Boulevard.

Randgedanke: Wenn Heveling am Ende schreibt “Natürlich soll niemandem verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben.”, was denkt dann eigentlich die frisch angestellte Social-Media-Redakteurin des “Handelsblatt”?

Nachtrag: Einige der Kommentatoren behaupten, Heveling sei kein Hinterbänkler. Dies wird unter anderem damit begründet, er sei Mitglied der Internet-Enquete-Kommission. Nun ist das ja immer so eine Sache mit den Titulierungen. Aber ich kann bei Heveling kein einziges Amt entdecken, dass ihn zu mehr macht als einem Hinterbänkler. Da mag er noch so sehr knallharter Lobbyist sein: Der Mann hat in seinem Leben bisher nichts erreicht – und ich vermute schwer, daran wird sich auch nichts mehr ändern.

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