Warum Facebook über den Google-Hass lacht

by Thomas Knüwer on 25. November 2014

“Hass macht blind. Google-Hass macht blöd.” 

Das schrieb ich im Sommer mal in anderem Zusammenhang, bezogen auf die “FAZ”. Doch dieser Satz gilt weiterhin und in weitaus größerem Kontext.

Seit Tagen geistert durch den rauschenden Blätterwald die Behauptung, das EU-Parlament wolle noch in dieser Woche eine Abstimmung über die Zerschlagung Googles einleiten. Allein: Das ist nicht wahr.

nerven facebook

Den genauen Zusammenhang erläutert höchst lesenswert der Grünen-EU-Abgeordnete Michel Reimon in seinem Blog. Nachdem heute noch einmal das “Handelsblatt” mit einer Abstimmungsmeldung nachlegte, fragte ich ihn über Twitter, was denn nun sei. Seine Antwort:

So viele Details aber möchten deutsche Medien ihren Lesern nicht zumuten. Beispiel “Handelsblatt”:

handelsblatt google

 

Und in einem Kommentar behauptet das “Handelsblatt” sogar, was schnell nachweislich falsch ist:

“Wer beispielsweise nach einem Hotel sucht, sieht auf der ersten Seite – über die kaum ein Nutzer hinauskommt – fast nur bezahlte Anzeigen und die Google-eigene Hotelsuche.”

Vielleicht hat der Autor ein anderes Internet als ich, aber mir werden entweder drei Anzeigen in der zentralen Spalte angezeigt oder zwei Anzeigen plus die Google-Hotelsuche. Über deren Platzierung zu debattieren halte ich für absolut gerechtfertigt – aber bitte auf intellektuell wenigstens durchschnittlichem Niveau.

Denn auch die weitere Behauptung des “Handelsblatts” ist falsch:

“Reisevermittler wie auch Preisvergleichsportale haben es schwer, noch gefunden zu werden.”

Komisch. Nach den Anzeigen folgen bei mir in den Suchergebnissen für Hotels häufig Trivago, Escapio oder Tripadvisor. So schwer ist es anscheinend also nicht. Tatsächlich steht das “Handelsblatt” mit diesen Zitaten einfach nur für ständig tradierte Unwahrheiten, die ohne Nachzudenken von vielen Medien – und eben auch Politikern – nachgekäut werden.

Doch wie geschrieben: Google-Hass schaltet das Hirn ab.

So auch beim Europäischen Parlament, dass sich wohlig dem Lobbyismus der Verlagskonzerne hingibt. Man muss sich einfach mal vor Augen halten, was passieren würde und müsste, bis es so etwas wie eine Zerschlagung geben würde. Nur einige Punkte: [click to continue…]

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Major privacy and data security bug at Runtastic

by Thomas Knüwer on 24. November 2014

Over the weekend some friends suggested, I should post the story about the Runtastic privacy bug in English. So, let’s see what happens.

For the last 3 years I was using Runtastic as my running app. I do marathons on a low level and the app had everything I needed (except for tagging the shoes). Especially helpful is the option to import and export the data. Furthermore as a German I liked the idea of an Austrian startup.

shutterstock läufer sturz nicht blog

I even became a Gold member. Soon after the first doubts popped up in my mind. I saw again and again discount campaigns for the premium program. Also I was annoyed by so many upselling banners in the app. If I pay for a software I want to be left alone and not attacked by aggressive advertising. Then Runtastic was sold to German media conglomerate Axel Springer, a company with a rather doubtful image in Germany.

And now this: I run a digital consultancy and shortly before my vacation in late October, we got a new client. Besides strategic work we run their Twitter account for them. And suddenly Runtastic posted my run on this clients’ account. I never typed in the password to this account on Twitter, I was never asked permission by Runtastic to use this account.

Looking on the app it’s not even possible to easily cut the connection between Runtastic and Twitter.

I also wondered: Why didn’t I notice that there is such a connection? The answer was easy: Before this incident, Runtastic posted on another account, which I hadn’t used for a long, long time. The only account it didn’t use was my main one for which I made the connection many moons ago. After some days of thought I realised: It never posted on this main account – so I thought, the connection to Runtastic didn’t work and I forgot about it.

So Runtastic was posting on two accounts for which it neither explicitly had a password nor a permission. It changed the accounts without noticing me.

I contacted the support and got a rather cryptic response: [click to continue…]

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Runtastic hat ein Datenschutz-Problem

by Thomas Knüwer on 21. November 2014

Vor drei Jahren wurde bei mir aus einem Neujahrsvorsatz ein neues Hobby: Marathon laufen.

Wer sich dazu entschließt sollte, selbst auf dem bescheidenen Niveau, auf dem ich unterwegs bin, seine Läufe protokollieren. Denn es sind nun mal gewisse Distanzen und Geschwindigkeiten nötig, um gut vorbereitet in einen 42-Kilometer-Lauf zu gehen.

Das Smartphone ist dabei ein wirklich guter Helfer (auch wenn die meisten Sportbekleidungshersteller dies noch immer nicht begriffen haben – meinen Rant dazu unter diesem Link). Lauf-Apps gibt es haufenweise und ich habe sie damals durchprobiert.

shutterstock läufer sturz nicht blogRagne Kabanova / Shutterstock.com

Am Ende blieb ich bei Runtastic. Die App hat alle Funktionen, die man so braucht. Nur die jeweiligen Schuhe, mit denen man gelaufen ist, lassen sich nicht eintragen (was wirklich hilfreich wäre). Vor allem aber lassen sich Daten im- und exportieren, was hilfreich ist, wenn auch noch eine Laufuhr beteiligt ist. Sympathisch erschien mir auch, dass Runtastic eine österreichische Entwicklung ist: mal endlich kein Digital-Dienst aus den USA.

Ich war so zufrieden, dass ich sogar Gold-Mitglied wurde. Dies kostet, ja was eigentlich? Kurz nach dem Abschluss des Jahres-Abos bekam ich Zweifel. Denn Runtastic hat sich einen schlechten Namen mit zahlreichen Preisaktionen gemacht. Außerdem bedeutet ein Abo keineswegs, dass die ständig aufpoppenden Werbungen für andere, zahlungspflichtige Apps der Österreicher somit nicht mehr erscheinen würde. So war ich über Monate genervt, aber nicht zu unzufrieden.

Dann wurde Runtastic auch noch an die Datenkrake Axel Springer verkauft. So was stärkt ja nicht gerade das Vertrauen.

Einmal wurde ich wirklich sauer: Durch einen Fehlklick hatte ich die Daten meines Laufs beim Köln-Marathon gelöscht. Das kann schon mal passieren, denn die Web-Oberfläche von Runtastic reagiert sehr träge. Also fragte ich beim Support, ob sich dies nicht rückgängig machen ließe. Antwort: nein. Ich kündigte daraufhin mein Gold-Abo.

Nun aber ist etwas passiert, dass mich ab sofort von Runtastic fernhält. Mehr noch: Ich kann nur jeden warnen, den Dienst zu nutzen.

Denn es gibt einen Privatsphäre-Fehler, der Runtastic bekannt ist – der jedoch nicht kommuniziert wird: Wer mehrere Twitter-Accounts mit seinem iPhone verbunden hat, kann nicht bestimmen, über welchen Account ein Lauf gepostet wird. Ob dies auch Android betrifft, kann ich nicht sagen.

Dieser massive Bug war mir lange Zeit nicht aufgefallen, weil es noch einen alten, nicht mehr genutzten Twitter-Account von Gotorio gibt. Nun aber war ein neuer hinzugekommen: ein Kunden-Account. Und mit einem Mal postete Runtastic meinen Lauf im Urlaub über dieses Konto. Glücklicherweise sah dies eine Mitarbeiterin und entfernte den Post innerhalb von Minuten (danke, Regina!).

Sprich: Runtastic postete auf zwei Accounts, für die es niemals das Passwort oder eine andere Form von Freigabe erhielt.

Die Antwort des Runtastic-Supports auf meine Beschwerde war kryptisch: [click to continue…]

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3D Printing – die wenig bemerkte Revolution

by Thomas Knüwer on 18. November 2014

Vor sechs Jahren, damals noch beim “Handelsblatt”, schickte mir der Campus-Verlag ein Buch als Rezensionsexemplar zu. “Marke Eigenbau – Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion”, hieß es und geschrieben worden war es von Holm Friebe und Thomas Ramge, zwei Autoren, die ich sehr schätzte und schätze.

Dieses Buch aber blätterte ich recht schnell durch. Viel war da zu lesen über Maker, über 3D-Printing und Manufakturen. Und auch wenn ich den Trend zur Individualisierung der Fertigung durchaus nachvollziehen konnte: Gerade das Thema 3D-Druck erschien mir doch genauso nach am Massenphänomen wie der Glaube, Menschen würden ihre gesamte Wohnzimmereinrichtung selbst schreinern. Natürlich gibt es Leute, die das tun – aber es ist eben eine Nische.

Und nun ist klar: Ich lag so etwas von falsch.

normal 3 d druck

Seit dem Sommer ist die drupa Kunde von kpunktnull, die größte Druck-, Papier- und Verpackungsfachmesse der Welt. Für sie betreiben wir unter anderem ein englischsprachiges Blog mit aktuellen Trends und Innovationen aus diesen Sektoren. Mal abgesehen von der Innovationskraft der Print-Branche (sogar im Zeitschriftenbereich): Die Entwicklung des 3D-Drucks ist es, die mich sprachlos macht. Ich beobachte Technologie nun wirklich einige Zeit, so wie viele, die mit Commodore 64 und “Star Wars” aufgewachsen sind. Doch seit dem World Wide Web ist mir keine Technik begegnet, die sich so rasant entwickelt und verbreitet hat wie 3D-Printing. [click to continue…]

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Deutschlands Zeitungs-Köpfe: Eine unvernetzte Gesellschaft

by Thomas Knüwer on 6. November 2014

Manchmal gehen ja Sachen unter. Zum Beispiel gibt es eine Grafik, die ich schon im Juni hier ins Blog stellen wollte, dem Zeitpunkt, da sie für einen Vortrag in Osnabrück entstand. Aber es war Sommer und so.

Nun kam sie mir gerade wieder in den Kopf, als Medienforscher Christoph Buschow aus Hannover twitterte:

 

Hier also eine kleine Tabelle – wie gesagt: Stand Juni 2014 – über die digitalen Aktivitäten deutscher Zeitungsherausgeber, Geschäftsführer und Chefredakteure. Das Bild ist eindeutig:

geschäftsführer_chefredakteure_zeitungen_twitter_pptx

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Es war ein toller Abend, vorgestern in Berlin. Das Basecamp hatte unser Digitales Quartett nach Berlin eingeladen, jenes besondere und schöne Shop-mit-Veranstaltungsort-Konzept der Mobilfunkmarke Base. Richtig voll wurde es, rund 90 Leute waren vor Ort – und wir kannten die allerwenigsten (was ja ein gutes Zeichen ist).

DSC_8049Wenn wir auf Bühnen gastieren, werfen wir unser normales Talkshow-Konzept ja über den Haufen. Stattdessen bringen die anwesenden Moderatoren – in diesem Fall Ulrike Langer, Daniel Fiene und ich – einander Überraschungsgäste mit. Diese müssen zunächst geraten und dann interviewt werden. Spontan und ohne doppelten Boden.

DSC_8134Leander Wattig machte den Anfang. Er versucht mit zahlreichen Projekten die Buchbranche auf den digitalen Pfad zu senden.

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Es folgte der wie immer höchst unterhaltsame und kontroverse Hajo “Achim Achilles” Schumacher. Er lästerte über Spiegel Online und berichtete, warum seine Lauf-Community so schwierig ist, gute Laufschuhe tausend Euro kosten und er ein Kanu verkauft. Oder ein Kajak. Ach, gucken Sie selbst.

DSC_8155Diesmal gab es sogar einen Überraschungsgast, von dem wir selbst nichts wussten. Da mein Mitbringsel zu spät eintraf, konnten wir spontan Romanus Otte auf die Bühne holen, als General Manager Die Welt Online einer der Treiber in Sachen journalistische Digital-Innovationen bei Axel Springer.

DSC_8249Kaum saß Otte auf der Bühne, betrat mein Gast das Basecamp. Das Warten hatte sich aber gelohnt: Cyberwarfare-Experte Sandro Gaycken (der die FU Berlin demnächst verlassen wird, wie er exklusiv verriet) zerriss den digitalen Zustand der Bundeswehr. Wenn sie glauben, nicht fliegende Hubschrauber und renovierungsbedürftige Kettenfahrzeuge seien das größte Problem der deutschen Streitkräfte – dann schauen sie sich unser Gespräch an. Leider nicht im Bild: die ungläubigen Blicke der Zuschauer bei Gayckens Ausführungen.

DSC_8041Ob es ein schöner Abend war, das dürfen Sie nun selbst entscheiden. Uns jedenfalls hat es im Basecamp richtig Spaß gemacht und wir kommen gerne wieder.

Fotos: Basecamp

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Es gibt in meinem Münsteraner Freundeskreis noch Menschen, die an das Gute im Lokalverleger glaubten.

“Aschendorff macht doch keine Zeitung zu”, meinte einer vor ihnen noch Mitte Oktober. Denn erstaunlich langsam sprach sich in der Stadt herum, was Anfang August schon öffentlich geworden ist: dass jener Aschendorff-Verlag unter Führung der Familie Hüffer die “Münstersche Zeitung” gekauft hat, den kleineren Konkurrenten seiner “Westfälischen Nachrichten”. Die “MZ” sei ein Sanierungsfall, behauptete der abgebende Verlag Lensing-Wolff, der sich zuvor schon einmal als Haus profiliert hatte, dass seine Mitarbeiter behandelt wie Straßenköter, die zum Abschuss freigegeben sind. 

Heute dürfte dieser Glaube an das Gute in den Herzen meiner westfälischen Freunde gestorben sein. Genauso wie die “Münstersche Zeitung” zu Grabe getragen wurde.

MZ_ArgumenteGrafik: Medienhaus Lensing

Denn in einer Betriebsversammlung wurde heute verkündet, wie mir zwei Quellen mit Kontakten in die Redaktion bestätigten, dass am 15.11. die letzte richtige “MZ” erscheinen wird. Laut einer dieser Quellen liegen die jährlichen Verluste der “MZ”-Holding bei 2,7 Millionen Euro.

Was danach kommt, scheint noch nicht zu 100 Prozent sicher. Eine Quelle prophezeit, dass auch Münster eine Zombiezeitung erhält: Die “MZ”-Lokalausgaben Münster, Greven und Steinfurt würden eingestellt, die Abonnenten bekämen künftig den Mantelteil der “Ruhr Nachrichten” aus dem Hause Lensing-Wolff, den Lokalteil lieferten die “Westfälischen Nachrichten”.

Die andere Quelle sagt, nicht einmal dies sei zu hundert Prozent sicher. Allerdings behauptet der Aschendorff-Verlag in einer Pressemitteilung: “Die Zukunft der „Münsterschen Zeitung“ (MZ Münster ) ist gesichert, zur Erhaltung
des Titels sind allerdings gravierende Sanierungsschritte notwendig.”

Die eher links neigenden Käufer der “MZ” erhalten also künftig im Lokalen ein eisern konservatives Blatt wie die “WN”. Der Mantelteil dagegen kommt aus dem Ruhrgebiet. Wer das noch kauft, ist selber schuld.

Schenkel klopfend besucht der Medieninteressierte die Homepage des “Medienhaus Lensing”, auf der selbiges von sich behauptet: “Lokale Inhalte sind unsere Kompetenz. Wir haben Nachrichten und Geschichten, die sonst keiner hat.” 

Nicht weniger zynisch ist das, was Lambert Lensing-Wolff in einer Hausmitteilung vom 29. Juli erklärt hatte (die mir vorliegt): “Für den Unternehmenserfolg sind seine Mitarbeiter verantwortlich. Also Sie. Das Team und sein Zusammenspiel sind die entscheidenden Faktoren. In den bisherigen 16 Jahren meiner Arbeit im Medienhaus konnten wir dank Ihres großen Einsatzes unsere wesentlichen Herausforderungen meistern.” Lüge oder Weltfremdheit? Dies bei Verlegern beantworten zu wollen, habe ich für mich längst aufgegeben. Lensing-Wolff selbst hat sich aus dem Operativen zurückgezogen, um sich mit der Strategie zu beschäftigen. Man darf Verschlimmbesserung der Gesamtsituation erwarten.

Bereits heute in der Nacht wird die Homepage der “MZ” auf den Lensing-Wolff-Servern ab- und nachgebaut auf Aschendorf-Servern angeschaltet.  Die Redaktion der “Münsterschen Zeitung” wird zu mindestens 50% abgebaut. Die anderen werden wohl noch ein dreiviertel Jahr lang (so lang hat die Verlegerfamilie Hüffer Bestandsschutz für die “MZ” gegeben) weiter arbeiten. Sind sie danach billig genug, werden sie der Ersatz für teurere “WN”-Kollegen – oder arbeitslos.

Eine weitere Zeitung stirbt in Deutschland. Das Schema ist alt bekannt: Zu keinem Zeitpunkt sind Aschendorff oder Lensing-Wolff durch digitale Innovationen auffällig geworden. Mehr noch: Die “WN” startete erst 2007 – nein, das ist kein Scherz – mit einer katastrophal rückständigen Homepage ins Internet-Zeitalter. 2010 dann tatsächlich Fortschritt: Videos. Die konnten sogar auf anderen Seiten eingebunden werden – eine zeitgemäße Funktionalität, die selbstverständlich nicht auf Dauer erhalten werden durfte.

Stimmt die Zahl von 2,7 Millionen Miese, dann hatten die beteiligten Verlagskonzerne keine andere Wahl, so ergeht es halt einer steigenden Zahl von Verlegern. Dass gleichzeitig aber der Journalismus stirbt, weil man sich nicht um das Digitale kümmern wollte, das haben die Verleger selbst zu verantworten.

Nun also steht “MZ” für “Münsterscher Zombie”.

Wir kennen solche druckenden Untoten aus dem Ruhrgebiet. Die Funke-Gruppe füllt ihre “Wesfälische Rundschau” ohne Redaktion mit Inhalten aus eigenen und fremden Redaktionen füllen. Der Erfolg spricht für sich: Die “WR” verlor dramatisch an Auflage. 

Dies, immerhin, stärkt den Glauben an das Gute im Menschen allgemein: Denn es bedeutet, dass die Leser nicht so dumm sind, wie die Verleger glauben.

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“Bitte bitte Brigitte,
laß mich ins Reich der Mitte.
Ich bin das Opfer deiner Politik
der hundsgemeinen Schritte,
ich will mehr sein als der weinende Dritte.”

Entlassene “Brigitte”-Redakteurin Heinz-Rudolf Kunze: “Brigitte

Viel Abscheu ist derzeit zu lesen in den Mediendiensten der Republik. Denn jüngst wurde bekannt, dass Gruner + Jahr sämtliche Textredakteure der “Brigitte” entlässt. Künftig wird es unterhalb der Chefredaktion nur noch RessortleiterInnen geben, die sich um Themenorganisation und Redigatur kümmern. Schreiben werden nur noch freie Mitarbeiter.

“Gruner + Jahr spart genau bei denen, die das Haus am dringendsten braucht”, wütet die “taz” und schreibt : “…braucht es eine feste Redaktion, die Themen entwickelt, Ideen spinnt, Schwerpunkte setzt und an Texten feilt. Das wird das „Kompetenzteam“, und mag es noch so „agil“ sein, nicht leisten können.”

pm_141021_1Bild: Gruner + Jahr

Michael Spreng repetiert den weiterhin dummen und falschen Satz von der Kostenloskultur im Internet, die Verlage ruiniere. Michael Jürgs, der angry, old but not wise men des Journalismus, sieht für die “Süddeutsche” gar eine “Kulturrevolution”.

Und natürlich lieferte diese Maßnahme auch reichlich Witzpotential:

Nun.

Wenn Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, ist dies immer ein Grund zur Trauer (außer für Journalisten – dazu später). Doch spielt in diese massive Kritik auch immer ein gerütteltes Maß Realitätsverleugnung mit. Und deshalb mal ein paar bittere Wahrheiten des Jahres 2014:

1. Print-Medien müssen sparen. 

Print stirbt nicht (Tageszeitungen schon). Doch befinden sich eben auch Zeitschriften in einem Überlebenskampf, den nicht alle für sich entscheiden werden. Mit Verve gemachte Objekte wie “Brand Eins” oder “11 Freunde” laufen weiterhin recht gut, soweit man hört. Auch sie ringen mit Mediabudgets, die Richtung digital umgeschichtet werden, und disruptiven Veränderung der Mediennutzung.

Was also sollen Verlage tun? Vor fünf Jahren schrieb ich einmal über das strategische Zeitfenster, in dem Verlage noch die finanziellen Möglichkeiten haben, Investitionen in den Digitalbereich zu treffen. Dieses Fenster hat sich für manche Häuser bereits geschlossen, für andere dauert dies nicht mehr lang. Dann sind die Mittel für digitale Neubeginne nicht vorhanden, das Kerngeschäft nähert sich den roten Zahlen. Einsparungen sind die letzte Chance, natürlich auch beim Personal. Dies ist die letzte Hoffnung, eine Insolvenz zu vermeiden.

Selbst wenn aber Geld da wäre: Wohin damit? In jenen fünf langen Jahren gab es praktisch keine auf das journalistische Kerngeschäft bezogene Digital-Innovation aus einem deutschen Verlag, nicht einmal eine spannende Copycat streicht um die Häuser. Der geschätzte Media-Doyen Thomas Koch hat Recht, wenn er im Interview mit Meedia sagt:

“Hiesige Verlage haben eine Digitalstrategie? Das wäre mir neu. Die meisten versuchen ihr Printprodukt einfach ins Digitale zu übertragen. Das erweist sich als falsch, weil nicht monetarisierbar. Sie müssen digital neue Produkte entwerfen. Auf dem Rücken ihrer starken Marken. Aber schnell, solange sie noch stark sind…”

 

2. Erst wenn der letzte Anzeigenaußendienstler entlassen wurde, werden Journalisten verstehen, dass man Zeitschriften nicht allein durch den Leser finanzieren kann

Die Trauerworte über die “Brigitte”-Maßnahme wären nicht so donnernd, hätte es den Vertrieb oder die Anzeigenabteilung getroffen. Aber Redakteure feuern – das geht gar nicht aus Sicht von Journalisten. Die denken dabei natürlich an den eigenen Arbeitsplatz und verlieren den Blick für die Wirklichkeit. Als vor rund zwei Jahren ein nordrhein-westfälischer Verlag Personalabbau im kaufmännischen Bereich betrieb, sagte mir eine Redakteurin: “Endlich trifft es die auch mal”. Gerade so, als habe es “die” noch nie getroffen. Anzeigenabteilung, Personal und Marketing waren in den 12 Jahren zuvor genauso zusammengedampft worden, wie die Redaktion.

Dies zeigt, wie sehr die unheilvolle Frontenbildung innerhalb der Verlagskonzerne fortgeschritten ist (und in diesem Zusammenhang bekommt der von Steffen Grimberg ausgegrabene “Brigitte”-Titel “Kündigt allen, nur nicht mir!” natürlich eine ganz neue Bedeutung). Aus der Abneigungshaltung “Redakteure sind arrogant” vs. “Kaufleute wollen Anzeigenkunden in Artikeln platzieren” ist Hass geworden. Leider marschiert auch mein Ex-Chef Bernd Ziesemer in diese Richtung, wenn er für Newsroom.de schreibt: “Wenn man rationalisieren muss, und bei Gruner+Jahr muss man definitiv, dann sollte man konsequent die Verlage ausmisten bevor man auch nur einen einzigen Journalisten entlässt.” Und Michael Jürgs copy und pasted mal wieder von den “krawattenlosen Flanellmännchen, gerade so, als seien Journalisten an der vordersten Front der Modehipster.

Schon längst hätten Verlage diese Gräben zuschütten müssen. Hätten der Redaktion erklären müssen, wie das Geschäft – und es wird von Redaktionen gerne vergessen, dass sie Teil eines Geschäfts sind – funktioniert. Ist aber nie passiert.

 

3. Das “Brigitte”-Modell einer rein steuernden Redaktion ist seit langem Alltag – hat aber Grenzen

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Das Digitale Quartett live im BASE_camp

by Thomas Knüwer on 28. Oktober 2014

Haben Sie kommenden Dienstag schon etwas vor? Sind sie zufällig, absichtlich oder ohnehin dauerhaft in Berlin?

Dann habe ich das was für Sie.

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Unsere kleine Hangout-Talkshow “Das Digitale Quartett” freut sich immer, wenn sie auf eine Bühne eingeladen wird. Auf der re:publica waren wir schon zweimal, im deutschen Haus bei der SXSW in Austin, in der Bayerischen Hauptstadtvertretung und bei der Interactive Cologne.

Nun werden wir zum ersten Mal aus dem BASE_camp senden, dem Debattenort der Mobilfunkmarke Base in Berlin. Dabei werden wir keine normale Talk-Runde haben. Wie schon bei der re:publica und der SXSW wird jeder der Gastgeber einen Überraschungsinterviewpartner für einen anderen Gastgeber mitbringen. Natürlich aber wird es – das ist schließlich der Anspruch des Basecamps – um digitalen Wandel gehen.

Und unsere Gastgeberreihen sind gut besetzt. Denn wie es aussieht, werden wir tatsächlich erstmals vollzählig sein bei einer Bühnen-Show. Mit dabei also:

Franziska Bluhm, Chefredakteurin Wiwo.de Leider passt Franzi aus familiären Gründen.

Ulrike Langer, Medialdigital

Daniel Fiene, RP-Online / Was mit Medien

Richard Gutjahr, Gutjahr.biz  Richard muss aus persönlichen Gründen leider absagen.

Wann: 4. November, 21 Uhr (Sendestart)

Wo? BASE_camp, Mittelstraße 51 – 53, Berlin

Lust, zu kommen? Dann bitte beim Basecamp anmelden.

Ansonsten wird der Stream unter diesem Link laufen:

http://www.basecamp.info/event/livestream-das-digitale-quartett-im-base_camp/

141028_-Einladung Das Digitale Quartett

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“Xtra” absurd

by Thomas Knüwer on 20. Oktober 2014

Ich habe eine Information für Sie, die Sie möglicherweise überraschen wird: Google hat nur noch drei Jahre zu leben. 2017 ist Sense. Aus. Vorbei.

So vorhergesagt hat es im Jahr 2007 der Kölner Verleger Christian DuMont Schütte. In einem Interview mit der “FAZ” sagte er damals:

“An meinem fünfzigsten Geburtstag im Frühjahr habe ich die These aufgestellt: In zehn Jahren ist Google tot. Ich habe in der Tat die Hoffnung, dass das, was sich jetzt im Markt befindet, übermorgen nicht mehr existiert. Die ersten Anzeichen dafür sehen Sie schon: die Ebay-Euphorie ist vorbei. Der Lebenszyklus der Internet-Ideen ist sowohl technisch wie inhaltlich ganz anders als bei herkömmlichen Unternehmen in der Old Economy. Dieser Nachteil hat den Vorteil, dass der Markt mit neuen Ideen immer wieder neu erobert werden kann.”

Weiter gestand er ein:

“Wir müssen erkennen, dass die Vertriebsform Print für die junge Zielgruppe nicht funktioniert. Sie geht nicht zum Kiosk und zahlt für Informationen.”

Sieben Jahre später hat sein Verlag eine desolate Bilanz für 2012 vorgelegt und seine Eigenkapitalquote auf magere 10,5 Prozent geschrumpft.

Es ist zu begüßen, dass DuMont trotzdem ein neues Projekt an den Start bringt. Doch es klingt wie eine Geschichte aus Stromberg, was da kommt. Nochmal zusammengefasst: Google dürfte bis 2017 nicht verschwinden, junge Zielgruppen sind über Print nicht zu erreichen.

1413811718Preisfrage: Was macht DuMont Schauberg?

Eine Tageszeitung für junge Leute.

Ne, das ist kein Scherz.

“Xtra” heißt das Produkt und es handelt sich um eine Nachmittagszeitung. “Xtra‘ will junge Leser zwischen 19 und 39 Jahren ansprechen und sie mit Kölner Themen begeistern, die wirklich für sie relevant sind”, zitiert DWDL den zuständigen “Express”-Chefredakteur Carsten Fiedler. Die Dummy-Ausgabe zeigt so relevante Kölner Themen wie “Kleine Läden gegen Amazon” oder “Jogi, wer knipst gleich gegen Irland?”.

Und natürlich soll die Ästhetik der digitalen Welt auch auf Papier stattfinden, gerade so, als sei das jemals von Erfolg gekrönt gewesen. Allein die grundsätzliche Idee macht schon Kopf schütteln: Schließlich ist die Ästhetik des Web maßgeblich beschränkt durch technische Limitationen, die Zeitungen nicht haben. Zeitungen könnten also das optisch leserfreundlichere Medium sein. Ein Print-Medium mit der Ästhetik des Web ist das Gegenstück zur “Online-Zeitung”, die nur einmal täglich aktualisiert wird.

Besonders bemerkenswert wird es , wenn die Werbung für “Xtra” die Zielgruppe auch noch beschimpft. Der Slogan “Kölns erste Morgenzeitung für Studenten” erinnert nicht nur an den Uralt-Witz von WDR-Moderator Claus-Dieter Haller “Guten Tag, liebe Hörer. Guten Morgen, liebe Studenten.” Nein, angesichts der Unzufriedenheit vieler Studenten über ihre zugeballerten Stundenpläne zeugt diese Werbung vor allem von der großen Distanz zu denen, die erreicht werden soll.

Zurecht erinnert sich der Branchendienst Meedia daran, dass während der New Economy DuMont ein deckungsgleiches Projekt auflegte: “Köln Extra”, “Kölner Morgen”, damals eine Zeitung für die “Generation SMS”. Wenn also demnächst in Medien wieder von einer Blasenbildung wie zu Dotcom-Zeiten die Schreibe ist, dreht es sich vielleicht nicht um das Internet – sondern die Print-Branche.

“Köln Extra” existierte übrigens 17 Monate. Heut in 17 Monaten ist das Frühjahr 2016. Und wir dürfen gespannt sein, ob DuMont Schauberg dann noch existiert.

Foto: DuMont Schauberg

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