“Xtra” absurd

by Thomas Knüwer on 20. Oktober 2014

Ich habe eine Information für Sie, die Sie möglicherweise überraschen wird: Google hat nur noch drei Jahre zu leben. 2017 ist Sense. Aus. Vorbei.

So vorhergesagt hat es im Jahr 2007 der Kölner Verleger Christian DuMont Schütte. In einem Interview mit der “FAZ” sagte er damals:

“An meinem fünfzigsten Geburtstag im Frühjahr habe ich die These aufgestellt: In zehn Jahren ist Google tot. Ich habe in der Tat die Hoffnung, dass das, was sich jetzt im Markt befindet, übermorgen nicht mehr existiert. Die ersten Anzeichen dafür sehen Sie schon: die Ebay-Euphorie ist vorbei. Der Lebenszyklus der Internet-Ideen ist sowohl technisch wie inhaltlich ganz anders als bei herkömmlichen Unternehmen in der Old Economy. Dieser Nachteil hat den Vorteil, dass der Markt mit neuen Ideen immer wieder neu erobert werden kann.”

Weiter gestand er ein:

“Wir müssen erkennen, dass die Vertriebsform Print für die junge Zielgruppe nicht funktioniert. Sie geht nicht zum Kiosk und zahlt für Informationen.”

Sieben Jahre später hat sein Verlag eine desolate Bilanz für 2012 vorgelegt und seine Eigenkapitalquote auf magere 10,5 Prozent geschrumpft.

Es ist zu begüßen, dass DuMont trotzdem ein neues Projekt an den Start bringt. Doch es klingt wie eine Geschichte aus Stromberg, was da kommt. Nochmal zusammengefasst: Google dürfte bis 2017 nicht verschwinden, junge Zielgruppen sind über Print nicht zu erreichen.

1413811718Preisfrage: Was macht DuMont Schauberg?

Eine Tageszeitung für junge Leute.

Ne, das ist kein Scherz.

“Xtra” heißt das Produkt und es handelt sich um eine Nachmittagszeitung. “Xtra‘ will junge Leser zwischen 19 und 39 Jahren ansprechen und sie mit Kölner Themen begeistern, die wirklich für sie relevant sind”, zitiert DWDL den zuständigen “Express”-Chefredakteur Carsten Fiedler. Die Dummy-Ausgabe zeigt so relevante Kölner Themen wie “Kleine Läden gegen Amazon” oder “Jogi, wer knipst gleich gegen Irland?”.

Und natürlich soll die Ästhetik der digitalen Welt auch auf Papier stattfinden, gerade so, als sei das jemals von Erfolg gekrönt gewesen. Allein die grundsätzliche Idee macht schon Kopf schütteln: Schließlich ist die Ästhetik des Web maßgeblich beschränkt durch technische Limitationen, die Zeitungen nicht haben. Zeitungen könnten also das optisch leserfreundlichere Medium sein. Ein Print-Medium mit der Ästhetik des Web ist das Gegenstück zur “Online-Zeitung”, die nur einmal täglich aktualisiert wird.

Besonders bemerkenswert wird es , wenn die Werbung für “Xtra” die Zielgruppe auch noch beschimpft. Der Slogan “Kölns erste Morgenzeitung für Studenten” erinnert nicht nur an den Uralt-Witz von WDR-Moderator Claus-Dieter Haller “Guten Tag, liebe Hörer. Guten Morgen, liebe Studenten.” Nein, angesichts der Unzufriedenheit vieler Studenten über ihre zugeballerten Stundenpläne zeugt diese Werbung vor allem von der großen Distanz zu denen, die erreicht werden soll.

Zurecht erinnert sich der Branchendienst Meedia daran, dass während der New Economy DuMont ein deckungsgleiches Projekt auflegte: “Köln Extra”, “Kölner Morgen”, damals eine Zeitung für die “Generation SMS”. Wenn also demnächst in Medien wieder von einer Blasenbildung wie zu Dotcom-Zeiten die Schreibe ist, dreht es sich vielleicht nicht um das Internet – sondern die Print-Branche.

“Köln Extra” existierte übrigens 17 Monate. Heut in 17 Monaten ist das Frühjahr 2016. Und wir dürfen gespannt sein, ob DuMont Schauberg dann noch existiert.

Foto: DuMont Schauberg

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Das Digitale Quartett #66: Deutschlands Google-Hass

by Thomas Knüwer on 13. Oktober 2014

Ja, ja, die Sommerpause war länger, als gedacht für unser Digitales Quartett. Das hatte berufliche wie private Gründe, unter anderem ja sogar eine Mutterschaft.

Gestern aber ging es dann wieder los.

Wir sprachen über den Google-Hass in Deutschland, allerdings ging das Thema dann auch stark in Richtung Verlage, Feuilleton und die Abkoppelung medialer und politischer Eliten von der Restbevölkerung. Denn die Technophobie in Deutschland wird ja nicht besser, sie wird schlimmer. Das demonstriert beispielsweise die Hamburger “Morgenpost” mit der wohl dümmsten Schlagzeile des Jahres (Obwohl… Das Jahr ist noch jung und der Hass deutscher Journalisten immens…):

Unsere Gäste waren:

Justus Haucap, Professor für Volkswirtschaft an der Uni Düsseldorf und ehemaliger Vorsitzender der Monopolkommission

Sebastian Matthes, Chefredakteur der deutschen Huffington Post

Mario Fischer, Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Würzburg

Und hier die Sendung zum Nachgucken:


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In diesen Tagen schreiben und debattieren die Nachrichtenseiten klassischer Medien ganz viel über die Kommentarkultur im Netz. Und ich frage mich zwei Dinge:

1. Wo ist das Problem mit den Kommentaren?

2. Warum gibt es kein branchenweites Kommentarmanagementsystem?

Beispiel Sueddeutsche.de. Dort dürfen Leser nur noch unter einigen Artikeln kommentieren, ein Rückfall in jene Zeit, da Kommentarspalten des Angebots Öffnungszeiten analog der Lebensmittelläden Münchens hatten (und, nein, hier gibt es keine Büdchen oder ähnliches). Dabei wäre diese Beschränkung gar nicht nötig gewesen, denn anhand eines mit Fehlern überhäuften Artikels, unter dem Leser sich beschwerten und auf die Makel hinwiesen, zeigte sich ja: Die Kommentare wurden überhaupt nicht gelesen. 

Nachtrag vom 6.10.14: Wie ich erst jetzt gemerkt habe, setzt das “Handelsblatt” genau dieses überkommene Instrument seit einiger Zeit ebenfalls ein. Kommentiert werden kann zwischen 7 und 21 Uhr, genau wie bei Sueddeutsche.de vor 6 Jahren. 

Oder das “Handelsblatt”. Es ist ein wenig krude und nicht ganz nachvollziehbar, was uns mein Ex-Arbeitgeber sagen möchte. Auf jeden Fall ist von einer “Themenwoche” die Rede, die heißt wahlweise “Wider den rauen Ton im Netz” oder “Mach das Social Web sozialer”. Es gibt zwar eine Unterseite, die zu finden ist angesichts des Klicki-Bunti-Aufbaus der Seite aber ein veritables Suchspiel. Auch das Schwesterangebot Meedia scheint verwirrt: Es berichtet zwar kurz, setzt aber keinen Link.

Die Sammlung nicht von intensiver, externer Recherche getrübter Artikel lässt sich recht schnell mit einem Bild zusammenfassen:

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Da gibt es zum Beispiel ein Video, das von der Idee her aus US-Late-Night-Shows und vom Web-Format Disslike aus dem Hause Hyperbole TV bekannt ist: Es werden böse Internet-Kommentare von Betroffenen verlesen. Hier das schöne Beispiel Jürgen von der Lippe:

Wer das “Handelsblatt”-Video betrachtet fragt sich dagegen, welches Problem die HB.com-Redaktion eigentlich hat. Einige ihrer Mitglieder lesen in dem Filmchen Kommentare vor, der Text daneben behauptet: “Man wird beschimpft, muss sich allerhand Vorwürfen und absurden Theorien aussetzen.”

Mag sein. Das Video aber zeigt nichts davon. Oder ist es eine absurde Theorie, dass Verlage versuchen, ihre Leser in Abo-Fallen zu locken? Man gewinnt den Eindruck, die HB.com-Mannschaft begreift es als Majestätsbeleidigung, dass ihr Gratisangebot vom potenziellen Kunden hinterfragt wird. Dabei muss auch bei ihrem Angebot der Interessent erst Zahlungsdaten eingeben, bis er irgendwann die Vertragebedingungen einsehen kann. Oder ist es der Vorwurf der Zensur? Vorgetragen in direktem, aber keines falls beleidigendem Tonfall? “Bullshit – ich geh murken”, schreibt ein anderer. Nun ja.

Das trifft auch für einen anderen Artikel dieser Themenwoche zu. Da gibt es zum Beispiel ein Interview mit Alexander Möthe, der als freier Autor für HB.com arbeitet. Er habe sich “im Auge” eines Shitstorms befunden, nachdem er den Gaucho-Tanz der deutschen Fußball-Weltmeister kritisiert hatte. Nun darf man das ganze wohl bestenfalls als Shitstürmchen werten:

“Auf Facebook fanden sich bald Hunderte Kommentare zum Post. Der Artikel selbst wurde in der Zwischenzeit über 2000 Mal bei Facebook empfohlen. Der Großteil der Reaktionen war negativ, was kein Problem darstellt.”

Moment? [click to continue…]

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In dieser Woche seufzte ich tief, als ich ein richtig gutes Stück Journalismus konsumierte. Es hat eigentlich nichts mit der düsteren Situation der Print-Medien in Deutschland zu tun – und gerade deshalb so viel.

“Fast Company” – ohnehin ein höchst lesenswertes Magazin (mit einem Tablet-Abo zum sehr attraktiven Preis) – portraitierte Anthony Bourdain. Bourdain war Koch mit Hang zu harten Drogen, der es sich um die Jahrtausendwende mit der Gastro-Szene verdarb, weil er in seinem Buch “Geständnisse eines Küchenchefs” dreckige Geheimnisse verriet, zum Beispiel, dass man Montags in Restaurants nie Fisch essen sollte. Seit Jahren reist er essend um die Welt, seit einiger Zeit bei CNN. “Parts Unknown” heißt seine fantastische Serie, die keine Reisereportage ist, sondern das Treffen von Menschen am Esstisch – und die andere Art der Aufarbeitung von Themen wie “Israel-Konflikt” oder “Multi-Kulti”.

Anthony_Bourdain_Parts_Unknown_-_CNN_com

Zwei Aspekte in diesem Portrait schildern Journalismus so, wie er sein sollte. Einerseits sind da die Freiheiten, die CNN Bourdain gewährt. Denn dessen erste TV-Schritte erfolgten beim Food Network, das auf Koch- und Esssendungen fokussiert ist:

“But eventually, Bourdain started to feel that familiar pressure to dumb things down. “They were basically saying, ‘Let’s appeal to the masses,’ ” says Tenaglia. “ ’Let’s not go too deeply into the darker, more complex geopolitical social stories.’ ” Bourdain wasn’t happy, but with his contract about to expire and other options looking scarce, he was leaning toward renewing.

Then his agent got a phone call from CNN, which was exploring the idea of broadening beyond news and politics. “I thought [Bourdain's work] was very much in the vein of what CNN stood for,” says the network’s former managing editor, Mark Whitaker, a longtime Bourdain fan. “Because, in a sense, Tony Bourdain is like a foreign correspondent: He uncovers stories and takes you places that you haven’t seen before.”

Bourdain never expected to end up on a serious news network. “They called out of the blue, and our response was, really?” he says with a laugh. “We had a great discussion. They said, ‘We want you to do what you want to do and be as smart as you can. Any place that you haven’t been able to go, we’d like to help. Congo? No problem.’ ” Bourdain was impressed, especially if CNN could facilitate shooting in the kinds of logistically difficult areas that he was itching to visit.

CNN has remained true to that initial pitch, Bourdain says, letting him map his own creative itinerary and providing assistance wherever possible. “They’ve been unfailingly cool,” he says. “They’ve backed me up. I’ve never had an uncomfortable conversation with anyone at CNN.””

Qualität erkennen und ihrem Produzenten Freiheit schaffen – so funktionierten journalistische Medien schon immer am besten. Und das obwohl Bourdain alles andere als ein Weichspüler ist: Der Konsum überdurchschnittlicher Mengen Alkohol vor der Kamera ist Normalität in seinen Sendungen.

Die andere Seite ist Bourdain selbst. “Fast Company” beschreibt ihn so: [click to continue…]

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Deutsche Blut-Hochdruckliga warnt vor sich selbst

by Thomas Knüwer on 22. September 2014

Die grassierende Technophobie deutscher Institutionen-Besitzer treibt doch immer wieder besonders absurde Blüten. Das heutige Beispiel für besonders IQ-arme Maschinenstürmerallüren liefert Professor Dr. med. Martin Hausberg, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga.

Im Mediendienst Meedia warnt er vor der neuen Health-App von Apple: Ihr Einsatz im Rahmen einer Hochdruck-Therapie sei nicht zu empfehlen. Denn die App besitze noch keinen Anschluss an Messgeräte (das soll laut Apple ja noch kommen), so dass die daheim gemessenen Werte von Hand eingegeben werden müssten. Das aber berge eine angebliche Gefahr: “Nutzer sollten sich der Gefahr bewusst sein, dass die eingebenden Werte noch nicht plausibilisiert werden und auch noch nicht auf die international anerkannten Grenzwerte hingewiesen wird.”

shutterstock lautsprecher clown

Selbstverständlich unterscheidet sich die App damit in ihrer Funktionalität von Blutdruck-Tagebüchern, bei denen Patienten die Messergebnisse auf Papier aufschreiben. Was kaum jemand außer Professor Dr. med. Martin Hausberg, dem Vorstandsvorsitzenden jener Hochdruckliga, weiß: Papier warnt sofort vor dem Überschreiten von Grenzwerten und nimmt auch eine entsprechende Plausibiltätsprüfung vor.

Das muss so sein. Schließlich empfiehlt die Hochdruckliga selbst ja: “Schreiben Sie Ihre Blutdruckwerte auf und vergleichen Sie diese regelmäßig.” Also muss Papier das doch können, ansonsten müsste die Hochdruckliga vor der Nutzung solcher Blutdruck-Tagebücher doch warnen!

Natürlich ist das Quatsch. Genauso ist es aber Quatsch, vor einer App zu warnen, die nicht mal vorgibt, etwas zu können, was sie nicht kann.

Doch in Deutschland will eben jeder mal seinen Technologiehass rauskotzen, sich einmal feiern als Google- oder Apple-Angreifer. Selbst wenn die von ihm vertretene Organisation dasteht wie ein Haufen Volltrottel.

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Gern stellen sich die Verlagskonzerne als hilflose Opfer der Zeitläufte da. Als Chancenlose des digitalen Wandels, als Geschundene, die überrollt wurden von den Titanen aus Übersee.

Faktisch dagegen ist es so, dass sie in digitalen Fragen in den vergangenen 15 Jahren so kompetent und souverän agierten wie dieser Herr beim Versuch, einen Baseball zu fangen:

worst catch ever

Im Blog der Online Marketing Rockstars findet sich nun eine Begebenheit, die klingt wie aus der “Kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt” (oder in dem Fall aus dem “Großen Verlagskonzern am Rande des Hafens”) – tatsächlich aber überhaupt nicht einzigartig ist. Tatsächlich ist die Episode bezeichnend für die Bräsigkeit, mit der Unternehmen der Branche Digitalthemen seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten angehen:

“Rockstars-Gründer Philipp Westermeyer nimmt noch als Mitarbeiter im damaligen Investment-Bereich von Gruner+Jahr Kontakt zu Facebook auf und möchte einen Deal ausarbeiten. Net Jacobsson, zu diesem Zeitpunkt Director International Business Development von Facebook, ist interessiert und schlägt ein Treffen beim DLD in München vor (siehe Screenshot). Leider ist Gruner+Jahr nicht bereit, ein Ticket für die Veranstaltung zu zahlen. Philipp hat das Verlagshaus kurz danach verlassen.”

Und auch die anderen Begebenheiten, im Rockstars-Blog sind absolut lesenswert – bitte hier entlang. 

 

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Sind sieben Jahre eine lange Zeit? Oder konkreter: Sind sieben Jahre eine lange Zeit, wenn man für ein klassisches Medienunternehmen tätig ist?

Diese Frage ist natürlich subjektiv. Doch im Herbst 2007 war die Welt noch eine andere. Oliver Samwer gab Turi2 ein Interview, die “FAZ” erschien zum ersten Mal mit einem Farbbild auf der ersten Seite und exakt heute vor sieben Jahren präsentierte der “Spiegel” die Pläne für den Neubau, in dem sich in diesen die Redaktion selbst meuchelt.

shutterstock crm

Mitte 2007 war es auch, als der Online-Reichweitenmessdienst Nielsen Netratings eine Umstellung ankündigte, von der ich glaubte, dass sie die Web-Werbung komplett verändern würde: Er machte die Verweildauer von Nutzern auf einer Seite zum wichtigsten Maßstab.

Es erschien und erscheint mir so absolut logisch, diese Meßgröße zum bestimmenden Faktor für Anzeigenpreise und -abrechnung zu machen – gerade für qualitätsorientierte Nachrichtenangebote. Denn so vieles, was kaum jemand im Journalismus gut finden kann, fußt auf der heute aktuellen Abrechnung an anhand von Visits, Visitors und Page Impressions, also Seiten-Besuchen, -Besuchern und -Abrufen: Bildergalerien, zum Beispiel, oder Artikel, die auf mehrere Seiten verteilt werden. Dazu kommen kleine, dreckige Tricks wie das Umleiten von Mobilnutzern zunächst auf die mobile Seite und dann direkt auf die Standardseite, was bei jeder der Varianten als ein Besuch gezählt wird. Auch, dass so wenig im Bereich Video experimentiert wird, liegt hier mit begründet: Denn Videovermarktung ist ein eigenes Geschäft, ohne dass jedes Video eben auch nur einen Seitenabruf bringt.

Ich behaupte: Würden Anzeigen nach Verweildauer berechnet, würden Angebote entstehen, die erheblich leserfreundlicher wären.

Wirft man mit Vertretern der Medienindustrie so etwas ein, heißt es häufig, Medienblogs würden nur meckern. Aus diesem Grund fasste ich vor anderthalb Jahren mal zusammen, was sich in Verlagen tun müsste. Dieser Artikel enthielt wenig bis nichts Neues und diente nur meiner Hirn-Hygiene, kann ich doch seitdem immer sagen: “Ihr wollt was konstruktives? Hier habt Ihr es.”

Damals schrieb ich:

“Verlage machen gern gemeinsame Sache. Sie fordern gemeinsam das Listenprivileg, das sie zu Datenhändlern machen. Sie treten gemeinsam ein für das Leistungsschutzrecht. Sie gründen Vermarktungsgemeinschaften und planen Werbekampagnen.

Umso bemerkenswerter finde ich es, dass sie nicht gemeinsam für eine neue Werbewährung im Web eintreten: Statt Visits oder zuvor Page Impressions muss die Verweildauer zur wichtigsten Währung werden. Denn nur so werden Klickhurereien bestraft und tiefe, gut recherchierte Texte belohnt.

Es ist für mich ein Rätsel, warum die Branche nicht schon vor Jahren für diesen Wechsel eintritt. Ich halte ihn aber für essenziell wollen wir den Journalismus im Web erhalten.”

Sprach ich Verlagsmanager auf diese Idee an, gab es Desinteresse. Das habe noch nie jemand erwähnt, man habe noch nie drüber nachgedacht, “keine Ahnung” (wörtliches Zitat eines Verlagskonzernvertreters).

Tja, und nun schauen wir, was derzeit im Ausland passiert… [click to continue…]

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Es gibt noch immer eine Reihe von Branchen, die wissen offensichtlich nicht, was auf sie zurollt in Sachen Digitalisierung. Zum Beispiel die Kombination aus Immobilien- und Wohnungswirtschaft, mit der ich mich dienstlich seit einiger Zeit beschäftige. Schon länger bin ich nicht mehr auf eine Branche gestoßen, bei der ein Einsatz digitaler Technologien so klar, absehbar und logisch ist – und bei der sich gleichzeitig so wenig tut. Denn fast immer, wenn neue Technologie auf eine Branche trifft, die sich selbst verändert, dann knallt es.

Und verändert hat sich das Geschäft mit Bauten: Zum Beispiel hat sich die Vermarktung von Immobilien deutlich verändert. Früher wurden Häuser und Wohnungen gebaut und vermarktet anhand ihrer Grunddaten wie Quadratmeter und Ausstattung. Heute bekommen Bauprojekte und Häuser Namen, sie werden – je hochwertiger, desto eher – mit einem bestimmten Lebensgefühl vermarktet. In Düsseldorf gibt es dann zum Beispiel “its privacy monastere”, “Atrio” oder “Die Wilde 13″. Entsprechend angepasst ist dann die Kommunikation: So steht im Stadtteil Pempelfort ein neues Gebäude, das an das Flatiron-Building in New York erinnert, ein anderer Bauherr bezeichnete Flingern-Nord als das “Notting Hill von Düsseldorf”. Manches davon ist, höflich gesprochen, schöner Schein – doch so funktioniert Werbung nun mal.

staedel museum baustelle

Eine weitere Veränderung ist das Aufkommen der Wohnungswirtschaft. Platt gesprochen bereiteten um die Jahrtausendwende Großkonzerne und Bundesländer mit dem Massenverkauf ihrer Wohnimmobilien das Feld für Unternehmen wie die Deutsche Annington oder die Deutsche Wohnen, die tausende von Wohnungen zentral vermieten und verwalten.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, die nicht nur ihre eigene Wohnung oder Haus kauften, sondern Immobilien als Anlageobjekt erkannten. Wie in so vielen Punkten dürfte das Platzen der Dotcom-Blase dabei geholfen haben.

Statistik: Entwicklung der Wohneigentümerquote in Deutschland in den Jahren 1993 bis 2010  | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Diese Verschiebungen brachten auch neue Berufsbilder hervor, zum Beispiel den Immobilienverwalter. Leider ist es recht schwer, in diesem Bereich seriös arbeitende Personen zu finden. Erst seit 2006 gibt es den Beruf des Immobilienkaufmanns (bitte beachten Sie dazu den Kommentar unten).

Da hat sich also schon eine ganze Menge getan. Doch spielt digitale Technik bisher in diesem Feld eine erstaunlich kleine Rolle. Die letzte, wirklich massive Veränderung war das Aufkommen von Kleinanzeigenplattformen wie Immowelt oder Immobilienscout24. Doch die gehören eben weder den Bauträgern noch den Wohnungsgesellschaften. Sprich: Diese aktuell wachsende Branche überlässt das digitale Spielfeld anderen. Nicht einmal die Homepages der Baugesellschaften sind nutzerfreundlich, manchmal bietet sich ein Bild wie bei Hausmann Bauregie, einer der prominentesten Gesellschaften in Düsseldorf: [click to continue…]

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Der Tag wird kommen

by Thomas Knüwer on 8. September 2014

Als ich dieses Lied das erste Mal hörte, war ich sprachlos. “Der Tag wird kommen” von Marcus Wiebusch ist für mich einer der wichtigsten, besten und mutigsten Songs der deutschen Rockgeschichte. Als ich gestern Abend die von Funktionären zusammengedrechselten Floskeln hörte, die von den Kapitänen der deutschen und der schottischen Nationalmannschaft vorgelesen werden mussten, ohne Kraft, ohne Wucht und ohne das Gefühl zu vermitteln, die Herren glaubten an das, was sie da sagten, da wünschte ich mir, sie würden einfach dieses Video zeigen.

Entstanden ist es über ein Crowdfunding-Projekt, das in nur fünf Tagen die benötigten 30.000 Euro für den Videodreh einsammelte und am Ende auf über 50.000 Euro kam. Ich selbst habe mich auch beteiligt.

Das Ergebnis ist beeindrucken und bedrückend – und es sollte in jedem Stadion mit Videoanzeigetafel gezeigt werden.


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Viral vor die Paywall

by Thomas Knüwer on 5. September 2014

Es gibt diese Momente, da empfinde ich nur noch Traurigkeit, lese ich Äußerungen deutscher Print-Chefredakteure. Das heutige Beispiel für dieses Verhalten liefert anscheinend Peter Stefan Herbst ab, der Chefredakteur der “Saarbrücker Zeitung”. Anscheinend schreibe ich, weil ich die Ausgabe des “Medium Magazin” noch nicht gelesen hab, in der ein Interview Gastbeitrag mit von ihm zu lesen ist. Doch werden die Kernaussagen des Gesprächs per Pressemitteilung vertrieben, weshalb davon auszugehen ist, dass sie richtig getroffen sind.

“Chefredakteur Herbst verlangt mehr Viralität in deutschen Redaktionen” ist diese überschrieben und einen Moment dachte ich: War er zur Erkältungssaison noch nie im Großraum?

Aber nein, es geht um jene Viralität, die sich im Internet verbreiten soll:

“Die meisten deutschen Medien verschenken nach Ansicht des “Saarbrücker Zeitung”-Chefredakteurs Peter Stefan Herbst die Chance, mehr Aufmerksamkeit im Netz zu erhaschen. In Redaktionen mangele es nicht an interessanten Inhalten, sondern an attraktiver Aufbereitung und Bewerbung, schreibt Herbst im “medium magazin” (Ausgabe 9/2014). “Beiträge werden auch auf den privaten Profilen ihrer Autoren immer noch zu selten vorgestellt und diskutiert, obwohl gerade im Freundeskreis das Interesse ja besonders groß sein dürfte.” Auch seine eigene Redaktion sei vom Idealzustand weit entfernt, räumt er ein.

Inhalte über soziale Netzwerke zu bewerben und “viral” zu machen ist für Herbst nicht die exklusive Aufgabe des Social-Media-Redakteurs, sondern Pflicht für alle Journalisten: “Die digitale Herausforderung ist kein Thema, das einzelne Mitarbeiter bewältigen können. Hier ist die ganze Redaktion gefordert.” Erfolgreiche Journalisten seien schon immer auch gute Verkäufer gewesen: “Starke Überschriften, exklusive Nachrichten, überraschende Einstiege, herausragende Bilder, fesselnde Erzählweise, hoher Nutzwert oder profilierte Kommentierung sind und bleiben die besten Waffen im Kampf um Aufmerksamkeit.””

Mein Kopf schlägt wieder einmal auf der Tischkante auf. Natürlich wäre da – und das ist noch irgendwie verzeihlich – der Begriff “viral”. Eigentlich ist dieser  Unfug, denn “viral” bedeutet, man steckt sich an, kann nichts tun, ist willen- und hilflos. So aber verhält es sich nicht. Menschen weitestgehend sehr bewusste Entscheidungen, was sie weitergeben.

Dazu gibt es ein höchst lesenswertes Buch von Medienprofessor Henry Jenkins und zwei ehemaligen Assistenten: “Spreadable Media”. Ihr über Jahre gelaufenen Untersuchungen demonstrieren klar, dass es keine Viralität im oben beschriebenen Sinne gibt, sondern nur ein Auslösen der bewussten Entscheidung, einen Inhalt zu teilen.

Nun muss Herbst dieses Buch gar nicht kennen. Doch er könnte sich ja schon fragen, warum Inhalte der Nachrichtenseiten von Zeitungen sogar von seinen Redakteuren häufig nicht geteilt werden. Wobei er natürlich Recht hat in der Forderung, dass Journalisten erstmal in Social Media aktiv werden müssen.

Der Grund für das verminderte Teilen ist: Höflichkeit.

Denn was passiert denn immer häufiger, klickt ein Nutzer auf solch einen Link? Na?

Paywall ist das Stichwort.

Auch die “Saarbrücker” arbeitet mit einem Parkuhrenmodell, bei dem nach einer gewissen Zahl von Artikeln die Schranke fällt. Wer solch einen Link weiterreicht, verhält sich wie ein gut Verdienender, der einen ärmeren Freund in ein teures Lokal lädt und dann vor seinen Augen die Gänseleberpastete futtert.

Links auf Angebote mit Paywall zu teilen ist einfach unhöflich. Diese Unhöflichkeit erreicht ihren Höhepunkt, geht es um eine Null-Tolleranz-Paywall. Wie nett Menschen es finden, werden dorthin Links weitergereicht, hat die “Braunschweiger Zeitung” auf Facebook erfahren:

braunschweiger

Ne satte Schüppe Ärger mehr gibt es dann, wird über Netz-Trends berichtet:

braunschweiger fotos

Tja, vielleicht realisiert Herbst langsam, was die Verlagskonzerne da veranstalten: Sie verabschieden sich via Paywall aus dem öffentlichen Diskurs.

Je enger sie ihre Bezahlschranken setzen, desto mehr werden sie zum Medium der Analogen, der Zurückbleibenden, der letzten 21 Prozent der Deutschen, die nicht online sind. Sie vernachlässigen ihre gesellschaftliche Funktion. Und am Ende werden Redakteure keine Links im Social Web setzen, weil sie zu wenig digital sind – sondern weil sie keinen Job mehr haben.

Nachtrag: Es ist schon ein Kreuz mit den Chefredakteuren. Herr Herbst fühlt sich ungerechtfertigt dargestellt, wie er mir auf Twitter mitteilte. Unter anderem verwende er den Begriff viral im bewussten Beitrag nicht. Bemerkenswert ist jedoch, dass ihn das nicht gestört hat, als das Mediummagazin selbst in einem Tweet schrieb: “Eine Story viral gehen lassen – dazu muss die ganze Redaktion ran”. Diesen Text hat er geretweetet.

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