Pokémon Go und die historischen Tage des Juli 2016

by Thomas Knüwer on 14. Juli 2016

Pokemon Go DüsseldorfDiese Woche ist eine historische für digitale und mobile Technologie in der Welt. In einigen Jahren wird man von der Zeit vor und nach dem 6. Juli 2016 sprechen, geht es um digitale Geschäftsmodelle, Augmented Reality oder Mobile-Anwendungen.

Warum? Wegen Pokémon Go.

Der Dienst verbreitet sich derzeit so schnell wie kein anderer in der Geschichte der Menschheit und wer mit offenen Augen durch deutsche Großinnenstädte spaziert, der bemerkt die Veränderung. Überall stehen oder sitzen Menschen und schauen in ihre Handys, drehen sich, wischen auf dem Display. Zum Beispiel hier am Dienstag auf der Düsseldorfer Kö:

All diese Mensch spielen Pokémon Go. Wer die vergangenen Tage in einem Marriott-Hotel verbrachte und weder Mobilnetz hatte, noch die absurden Wlan-Preise bezahlen wollte: Aus dem Uralt-Videospiel Pokémon ist ein Mobile-Spiel geworden, mit dem man per Augmented Reality Pokémon-Tierchen überall in der Welt fangen kann und mit ihnen Kämpfe simulieren kann. Weitere Details gibt es bei Wikipedia. 

Und dabei muss man wissen, dass Pokémon Go erst acht Tage alt is. Es ging am 6. Juli in den USA und Australien online, erst am 13. folgte unter anderem Deutschland – doch schon ab dem 11. konnte man in Düsseldorf überall in der Innenstadt Spieler sehen.

Doch was macht dieses Pokémon Go so besonders? Und was verändert es? Hier einfach mal ein paar Gedanken mit der Bitte um Diskussion.

1. Ein Spiel sorgt für Bewegung

Die handelsübliche Distopie, zum Beispiel die Romanserie Perry Rhodan, zeichnet gern das Bild von überzüchteten Gesellschaften, in denen die Menschen (oder andere Rassen) spielend vor Bildschirmen verfetten. Pokémon Go dreht dieses Prinzip um: Die Menschen spielen – und müssen dafür rausgehen. Nicht nur, um Tierchen zu finden, Kämpfe auszutragen oder Gegenstände einzusammeln, sondern auch um Eier auszübrüten. Die bekommt man immer mal wieder und das Ausbrüten ist mit bestimmten Kilometerleisten verbunden, die mit dem Schrittzähler vermessen werden – und das kann bis zu 10 Kilometern gehen. “Die Jugend geht wieder raus – aber anders als man sich das gedacht hat”, sagte mir gestern Tincon-Mitgründer Johnny Haeusler.

2. Popkulturelle Nostalgie fördert das Marketing

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Kennen Sie die Strichcode-Verschwörung?

Mir war sie bis vor kurzem unbekannt. Sie besagt einerseits – für die Gottesfürchtigen unter uns – dass jeder Barcode die 666 enthalte, also die Zahl des Teufels. Wer dagegen eher auf biomagnetisches Unheil setzt, der glaubt, dass Barcodes Strahlungen empfangen oder senden – Sie dürfen sich aussuchen, von welcher Variante Sie sich kirre machen lassen wollen. Wenn Sie Lust auf eine Ladung Fremdschämen haben, dann bitte hier entlang zum Shopblogger. 

barcode baby weinen streetart (1)

Doch es gibt ja zumindest für die zweite Version ein Gegenmittel (das genauso durchgeknallt ist, wie der Rest jener Verschwörung): Es reicht, einen dünnen Strich durch den Barcode zu ziehen und – tataaa – all die böse Strahlung ist weg.

Es gibt tatsächlich Menschen, die an so was glauben, eine gewisse Zahl von ihnen kauft offensichtlich das durchaus leckere Bio-Bier Neumarkter Lammsbräu, dessen Limonade now und das zugehörige BioKristall Bio-Mineralwasser (zweimal Bio im Namen verkauft anscheinend besser).

Und nun melden sich die Strichcodeverschwörungsgläubigen bei Neumarkter Lammsbräu, weil sie Angst vor ihrem Bier haben. Oder dem Wasser. Oder der Limo. Mehr noch: Wahrscheinlich drohen sie damit, nie, nie, nie wieder diese Produkte zu erwerben, die sie krank machen, selbst wenn sie ihre Aluminium-Hüte tragen – weil auf den Flaschen nun mal Barcodes zu sehen sind.

Was sollte ein Marketing Manager dann tun?

Neumarkter Lammsbräu hat sich für die Scheiß-der-Hund-drauf-Strategie entschieden. Die Brauerei druckt anscheinend seit einiger Zeit jenen Querbalken auf ihre Barcodes, der deren Lesbarkeit nicht behindert, gleichzeitig aber die Strahlenjünger beruhigt. Damit sind sie nicht die einzigen, mehrere Produzenten aus dem Bio-Umfeld gehen diesen Weg des geringsten Widerstands seit Jahren, darunter der Safthersteller Rabenhorst (Rotbäckchen).

Tut ja auch keinem weh, könnte man meinen. Ist ja nur ein dünner Strich durch den hässlichsten Teil einer Verpackung. Der beruhigt die Verschwörungsgläubigen (also außer, sie haben dieses 666-Problem – aber vielleicht hilft ja Weihwasser) und stört nicht den geistig frisch gebliebenen Teil der Verbraucher.

Doch so einfach ist das nicht mehr im Jahr 2016, da jene Verbrauchergruppe zur Bestimmenden geworden ist, die ein wenig anders tickt: Millennials. Die sind nicht nur als Generation von 18 bis 35 selbst als Verbraucher bedeutend. Nein, sie haben via Social Media ihre Wertehaltung auf Teile der Generationen über und unter ihnen übertragen. Weshalb bei der Groß-Agentur J. Walter Thompson Millennial-Marketing eben kein Generationen- sondern ein Verhaltens-Marketing geworden ist, wie die Leiterin von deren Innovationslabor auf der SXSW in Austin erläuterte.

Eine Studie von StudioD beschreibt sie in Sachen Wirtschaft & Werte so: [click to continue…]

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snapchat täthoDrüben auf Snapchat kommentiere ich ja gelegentlich zu Medienthemen. Gestern tat ich dies zur ZDF-Dokumentation “Schöne, Neue Welt”, für die Claus Kleber ins Silicon Valley fahren durfte. Leider kam eine Enttäuschung dabei heraus. Neben handwerklichen Defiziten wie einem Mangel an Storytelling oder einem wilden Hin und Her, stört mich vor allem die Menge an Klischeevokabeln. Doch das größte Manko ist Klebers Herangehensweise: voreingenommen, technophob und wirtschaftsfeindlich am Rande des Kommunismus.

Mehrere Zuschauer auf Snapchat baten mich, das Video auf Youtube zu stellen. Hier ist es also:


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Gestern hat kein ARD-Redakteur seine Kinder geschlagen

by Thomas Knüwer on 17. Juni 2016

Bitte lesen Sie diesen Text und fragen sich danach, was sie von den erwähnten Journalisten der ARD halten.

Gestern hat kein ARD-Redakteur seine Kinder geschlagen. Dies ist ein Hoffnungszeichen, ist doch die Zahl der polizeilich erfassten Fälle von Kindesmisshandlung in Deutschland von 2001 bis 2015 um 37 Prozent gestiegen. Auf der Oberfläche scheint es gut zu stehen, um den Nachwuchs von ARD-Redakteuren, doch ist offen inwieweit sich die öffentliche Aufmerksamkeit des Themas auf die Sicherheitslage auswirkt und ein Nachlassen der Berichterstattung eine Änderung bewirkt.

Sorgen Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich nach dieser Lektüre um das Wohl von ARD-Kindern? Natürlich nicht, denn sie ahnen was kommt: Natürlich gibt es überhaupt kein Indiz dafür, dass ARD-Redakteure ihre Kinder misshandeln. Doch stünde dieser Text, vielleicht gar in längerer Version, auf einer Nachrichtenseite, oder spräche ihn ein betroffen dreinblickender Reporter in ein Mikrofon mit Windschutz im Corporate Design seines TV-Sender: Was würden Sie dann denken?

Lille Stade euro2016 Deutschland -Ukraine

Mutmaßlich würden sie den Eindruck entwickeln, Kindesmisshandlung sei in der ARD ein ernsthaftes Problem. Denn warum sollte ein journalistisches Medium darüber berichten, wenn dem nicht so wäre? Niemand will Nachrichten sehen, hören oder lesen, in denen das passiert, was jeden Tag passiert.

Der Medienforscher Joachim Westerbarkey hat einmal Nachricht in einem Aufsatz für das Fachmagazin “Communications” so definiert:  „Nachrichten sind deskriptive Aussagen von geringer thematischer und sprachlicher Komplexität über Ereignisse. Ereignisse sind Veränderungen von Beständen oder Veränderungen von Veränderungen, die als solche wahrgenommen werden.“

Veränderung also. Dass am Morgen die Sonne aufgeht, ist nicht berichtenswert – der Zeitpunkt ist vielleicht die Erwähnung in einer Wetter-App wert.

Womit wir bei der Berichterstattung deutscher Medien über die Europameisterschaft 2016 wären, vor allem den Berichten über das Thema Sicherheit. Im ARD Morgenmagazin befragten heute Kamerateams deutsche Fans, die beim gestrigen Spiel in Paris weilten. Ob sie denn nicht Angst hätten, von Hooligans attackiert zu werden. Die Antwort ist so langweilig wie erwartbar: Nö. Trotzdem erging sich der Bericht in Länge dem “friedlichen Fußballfest”, als ob friedliche Fußballfeste die Ausnahme wären und nach jedem Kick tausende, blutende Anhänger aus den Trümmern der Tribünen gezogen werden müssten.

Die Folgen sind zu spüren, spricht man mit Menschen, die keine Fußballaffinität verspüren: Auch sie fragen sofort, ob man Angst habe, erwähnt man eine eigene Reise zur Euro2016. Denn warum sollten ARD oder ZDF so viel ihrer wertvollen Sendezeit auf das Thema verwenden, gäbe es keine reale Gefahr für jeden einzelnen Zuschauer?

Natürlich gab es Ausschreitungen, natürlich gab es auch Rechtsextreme beim deutschen Spiel in Lille. Und natürlich muss darüber berichtet werden. [click to continue…]

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Heute hat der geschätzte Richard Gutjahr in seinem Blog ein Thema aufgeworfen, über das wir dringend reden müssen: den Verkauf von Influencer-Adressdaten – bitte lesen Sie seinen Beitrag. Hier mein Senf dazu: 

Im vergangenen Jahr organisierten wir bei kpunktnull für einen Großkonzern ein Event, das in den Bereich des Influencer Marketing fällt: Jenes Unternehmen wollte bei einer Veranstaltung Fühlung mit digitalen Multiplikatoren aufnehmen. Es gab da nur ein Problem: Auf die Einladung erfolgte kaum Reaktion.

Wir hörten bei den Bloggern, Instagrammern und Youtubern nach und stellten fest: Bei rund drei Vierteln von ihnen war die Einladung im Spam gelandet. Es war nicht so schwer herauszufinden, warum dies passierte: Das Schreiben war über die zentrale Presse-Mailadresse jenes Konzerns verschickt worden, und über sie kamen häufiger Massenanschreiben – und die hatten jene Influencer als Spam markiert.

Love Letter

Dieses Beispiel zeigt, was im Bereich jener Arbeit schief läuft, der sich Social Media Relations oder Influencer Marketing nennt: Die allerallerallermeisten Unternehmen – und vor allem ihre Dienstleister – spammen eine immens hohe Bandbreite von Menschen die im Internet aktiv sind, mit unfassbar langweiligen Pressemitteilungen zu. Die Adressen dafür beziehen sie von Dienstleistern, die billige Arbeitskräfte in Impressen gefunden haben. Der, dessen Daten nun in einer Datenbank landet, erfährt weder von der Aufnahme noch vom Verkauf seiner Daten an PR-Agenturen oder Unternehmen.

Wie verbreitet diese Unsitte ist, wollte auch Frank Horn nicht glauben, als er bei kpunktnull als mein Co-Chef einstieg. Junge, hat er sich aufgeregt… Und dabei sieht er ja nur jene Schreiben, die unsere zentrale kpunktnull-Adresse erreichen und nicht die, die über meine Dienstmail reinkommen, über die Mail unseres Reise- und Essblogs Gotorio oder über meine alte Dienst-Mail aus den Anfangszeiten. Inzwischen macht sich Frank einen Kaffeepausensport daraus, die Absender solcher Mails nicht nur als Spam zu markieren – sondern diese auf den gesamten Server des Unternehmens auszudehnen.

Eines dieser dauerhaft geblockten Unternehmen heißt Cision und gehört zu einem der großen Datenhändler, die jene PR-Spammer mit (häufig genug auch falschen) Daten versorgen.

Auch die geschätzte Daniela Sprung hat sich über Cision bereits aufgeregt:

Cision ist eine der Hauptfiguren in jenem höchst lesenswerten Artikel von Richard Gutjahr. Er prangert jene Branche an und stellt fest: Sie arbeitet mit Mitteln am Rande der Legalität. Man könnte sogar geneigt sein, jene Firmen – genannt werden neben Cision auch die dpa-Tochter (!) News Aktuell und Meltwater – als rechtlich problematisch einzustufen.

Dies sagt ganz klar Rechtsanwalt und Lawblogger Udo Vetter so im Interview mit Gutjahr: Wer ungefragt Werbemails – und Pressemitteilungen sind Werbemails – verschickt, sollte sich nicht wundern, wenn er eine kostenpflichtige Abmahnung kassiert.

Das Vorgehen zeugt von der Unkenntnis über Influencer Marketing. Das Thema wird einfach so angegangen wie die klassische Pressearbeit: Man haut den Leuten ungefragt die Mitteilungen um die Ohren.

Nur: Das war schon bei Journalisten nie eine gute Idee. Die hassen das genauso, halten nur einfach die Klappe – in Redaktionen ist mein Leid gewohnt. Früher war das durchaus anders. Bis ungefähr 1999 wurde man als Redakteur noch regelmäßig gefragt, ob man in einen Presseverteiler kam. Mit der Flut von Informationen von einer Unmenge neuer Unternehmen im Rahmen der New Economy hatte sich das dann erledigt. Kein Wunder: Denn im Rahmen der Kosten- und Personalkürzungen landeten immer mehr Presseverlautbarungen 1:1 in Blättern – und erst recht online. Die Methode funktionierte also, warum sollte man sich noch dem schweren und langwierigen Aufbau persönlicher Beziehungen widmen?

Beim Versuch, Influencer anzusprechen wird dann munter ignoriert, dass diese unter anderen Umständen tätig sind. Die einen betrachten ihre Blogs, Fotos oder Videos als reines Hobby – und jede hirnentleerte Pressemitteilung raubt ihnen Freizeit. Für die anderen, die jene Inhalteproduktion zum Beruf gemacht haben, ist Zeit ebenfalls kostbar, denn sie bewegen sich nicht in den kommoden Strukturen fest angestellter Journalisten: Auch für sie bedeutet das Durchschauen unerwünschter Mail Verlust von Zeit, die sie in die Produktion von Inhalten investieren könnten. Wer sich übrigens gegen solche Zusendungen wehren möchte, findet bei Herrn Gutjahr praktische Möglichkeiten. 

Nicht, dass ein falscher Verdacht aufkommt: Wir reden hier nicht über ein, zwei Mails am Tag. Gutjahr zählte jüngst 67 solcher Schreiben in 24 Stunden.

Influencer Marketing bedeutet Arbeit, so viel Arbeit wie früher Pressearbeit – und somit mehr als Pressearbeit im Jahr 2016. Es bedeutet individuelle Ansprache, Beschäftigung mit der Arbeit des Adressierten um den richtigen Ton zu treffen und zu wissen, womit er sich beschäftigt. Es ist kein Job für Praktikanten, denn auch hier geht es um den Aufbau von Beziehungen und das überlässt man nicht den studentischen Hilfskräften.

Und um das klar zu sagen: Wir bei kpunktnull verwenden bei unserer Arbeit solche eingekauften Daten nicht. Für jeden Kunden erstellen wir eigens Listen mit möglichen Influencern, die sich für die Ansprach für ein bestimmtes Projekt eignen. Anschließend sprechen wir jeden einzelnen separat an.

Dauert das länger? Ja.

Ist das anstrengender? Ja.

Ist das teuerer für unsere Kunden? Ja.

Aber es ist der einzig richtige Weg.

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Eine der größten Fehleinschätzungen meines journalistischen Lebens war Twitter. Im März 2007 schrieb ich in meiner “Handelsblatt”-Kolumne “Knüwer klickt durch” sanft lächelnd, dass dieser neue Dienst uns Digital-Irre ein paar Monate belustigen würde – und wir dann weiter ziehen würden.

Ein halbes Jahr später nahm ich das zurück. Weil schon damals ein Wandel eingesetzt hatte. Zu Beginn hatte uns der geschätzte Nico Lumma von jedem Kaffeekauf oder Toilettengang (“Bin pullern”) in Kenntnis gesetzt, Erkältete posteten “HATSCHI” und ich selbst erntete Ärger, als ich einen Tag lang nur Tweets von anderen rezitierte (“Der @sixtus schreibt…”).

Doch Stück für Stück experimentierten wir Nutzer, entwarfen neue Einsatzmöglichkeiten, die einen wurden ernsthafter, die anderen ernsthaft lustig. Twitter wurde zu dem, was wir daraus machten.

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Genau dieses Gefühl der Twitter-Anfangszeit stellt sich bei sehr vielen ein, die damals dabei waren und nun Snapchat ausprobieren: Was am Ende dabei herauskommt, mag niemand zu sagen – doch da ist dieses Gefühl, dass der Dienst etwas ändert, etwas verschiebt in unserer Kommunikation.

Selbst die falschen Mythen, die um Snapchat kursieren erinnern teilweise an die Anfangstage von Twitter. Und deshalb räumen wir doch einfach mal mit ein paar davon auf…

1. Snapchat ist kein Teenager-Dienst

Snapchat sei ein Kinderding, wollen uns deutsche Medien einreden, dort hätten Erwachsene nichts verloren, behaupten sie. Zum Beispiel Harald Staun, dessen Snapchat-Profil ich nicht finden konnte, in der “FAS”: ”

“Die herausragende Fähigkeit der App aber ist es, dass Erwachsene sie nicht verstehen. Selbst jene Blogger, die ihren eigenen Eltern gerade noch erklärt haben, warum man einen Tweet nicht ausdrucken darf, gucken bei Snapchat so, als ob sie jemand davon überzeugen wollte, das Zerkratzen von CDs sei das neue Millionengeschäft.”

(Natürlich nennt Staun keinen konkreten Blogger, im Rahmen der “FAS” ist diese Vokabel auch gleichbedeutend mit “wichtigtuerische Arschlöcher, die wir Scheiße finden, weil ihnen Schreiben Spaß macht”.)

Tja. Allerdings ist nur ein Drittel der US-Nutzer jünger als 18, sagt der Dienst selber:

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Und 63% der Nutzer sind zwischen 18 und 34 Jahren alt. Der Arzt, der ihnen den Blinddarm entfernt, nutzt also vielleicht Snapchat. Gut, nicht währen der OP – aber generell.

 

Könnte es sein, dass der Begriff “Millennials” in mancher Redaktion falsch verortet ist? Millennials, das sind keine Kinder mehr, es sind die 18- bis 34-Jährigen. Das ist natürlich immer noch jung für einen alten Sack wie mich. Andererseits aber fällt in diese Altersklasse auch die Head of Strategy von Puma.

2. Wenn die Alten kommen, werden die Jungen nicht gehen

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Let’s #Meisterstück

by Thomas Knüwer on 31. Mai 2016

Es gibt Ideen, die bei jedem, der beruflich im Social Media Marketing tätig ist, eine reflexhafte Warnung auslösen, die da lautet: DENKDALIEBERNOCHMALDRÜBERNACH!

Dazu gehören zum Beispiel werbliche Kommentare in Blogs zu hinterlassen oder Fotos aus dem Internet einfach so zu verwenden, ohne sich über die Rechtelage klar zu sein. In diese Rubrik fallen auch Hashtag-Kampagnen, bei denen Nutzer gebeten werden, ihre Meinungen zu äußern. Zu oft sind solche Kampagnen schon vor der Wand gelandet, weil sich die Kritiker der jeweiligen Institution versammelten, zum Beispiel die Aktion der Polizei von New YorkNestlé mit #DeineFreiheit oder die Berliner Verkehrsbetriebe.

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Viel häufiger noch versanden solche Kampagnen vollständig, weil erwungene Begeisterung nun mal nicht ansteckend wirkt.

Das könnte man wissen.

Aber woher sollte das der Bundesverband der Zeitungsverleger BDZV?

Er rief den Hashtag #Meisterstück ins Leben. Die Ziele der Aktion beschreibt die Verbandsseite so:

“Täglich erscheinen in deutschen Zeitungen viele gute Artikel. Einige davon sind Meisterstücke. Sie stehen für eine herausragende journalistische Qualität und verdienen besonders viel Aufmerksamkeit. Wir geben diesen Texten ab sofort eine zusätzliche Bühne in den sozialen Medien: mit #Meisterstück, einer Kampagne des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger und dem Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis.

Posten oder twittern Sie die #Meisterstücke Ihrer Zeitungslektüre oder Ihre eigenen Artikel bei Facebook oder Twitter. Teilen Sie damit Ihre Freude über guten Journalismus mit Ihren Freunden, Fans und Followern – und entdecken Sie umgekehrt #Meisterstücke, die andere für Sie gefunden haben”

(Nein, bitte erwarten sie nicht, dass jener gefettete Hashtag auf der Seite des BDZV mit irgendwas verlinkt wäre.)

Der Erfolg dieser Kampagne ist nach über drei Wochen… überschaubar. Ungefähr 10 mal wurde #Meisterstueck bisher auf Twitter außerhalb der BDZV-Accounts verwendet, um auf Artikel aufmerksam zu machen – Facebook zählt magere zwei Erwähnungen.

Überraschen kann das nicht: Die Idee und die Umsetzung sind auf so vielen Ebenen amateurhaft bis unkundig, dass #Meisterstueck in Lehrbuchbeispiel liefert für eine solche Komplettversandung einer Kampagne im verzweifelten Versuch, mal  mit den coolen Kindern mitzuspielen.

Woran es lag? Hier die größten Fehler:

1. Keine eigener Reichweitenaufbau

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Auch nach 10 Jahren ist der Morgen nach der re:publica ein trauriger. Das Bändchen liegt zerschnitten im Bad, die Tasche ist noch nicht ausgepackt, die Visitenkarten noch nicht eingescannt, es ist eine Mischung aus Melancholie und Kater, die sich ausbreitet.

Jenes Gefühl ist mal stärker und mal schwächer, in diesem Jahr aber besonders stark. Denn die zehnte Ausgabe von Deutschlands größter Digitalkonferenz war eine besonders gelungene. Denn rein subjektiv hatte ich das Gefühl, dass seit der ersten re:publica keine Ausgabe inhaltlich derart zeitgemäß war.

republica team rpten

 

Eine ganze Reihe von Themen schienen exakt auf den Mai 2016 zu passen, gerade so, als hätte man sich erst in der Vorwoche über die Grundzüge des Programms Gedanken gemacht: Hasskommentare im Netz, Rechtsradikale, Snapchat, Cargo-Kulte, Umgang mit der Flüchtlingskrise und natürlich als Höhepunkt der TTIP-Leak von Greenpeace – so viel schien exakt auf den Zeitpunkt zugeschnitten.

respekt republica

Bei 17 Bühnen und drei Tagen ist es eigentlich nicht mehr möglich, die Konferenz zusammenzufassen ohne sehr subjektiv zu werden. Deshalb hier ein paar Gedanken zur #rpTEN:

1. Die Lügenpresse im Raum

Das Wort Lügenpresse selbst fiel selten, doch war es immens präsent. Jedoch nicht in Gestalt von AFD-Bashing, sondern in heftiger Medienkritik von unterschiedlichsten Seiten. Zum Beispiel von BGH-Richter Thomas Fischer. Für ihn ist Rechtsberichterstattung geprägt von Hysterie, Vereinfachung und Personalisierung. “Es scheint für Fachjouranlisten nicht möglich, den Unterschied zwischen Berufung und Revision auswendig zu lernen, obwohl das so schwer ist wie der Unterschied zwischen BMW und Mercedes”, ätzte er. Und dass dies keine Frage von “großem” oder “kleinem” Medium sei, mit dem Renommee einer Medienmarke steige die Ambition der Autoren, aber nicht deren Kompetenz.

Mads Pankow von der Zentralen Intelligenz Agentur stand für jene, die sich über Technikberichterstattung lustig machten. In Sachen Roboter und Arbeit sei die Meinung des Feuilletons klar: “Wir schaffen uns ab.” Doch würden Maschinen eben nicht lernen und auch nicht antizipieren. Die so entstehenden Effizienzgewinne würden dann tatsächlich zu einer Gesellschaft führen, in der ein Großteil der Menschen keine Arbeit habe – diese aber wirtschaftlich auch nicht brauche. Dafür sei ein gesellschaftlicher Diskurs nötig, der weitaus komplexer ist als Roboterkriegsvisionen.

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Wirtschaftsdenker Gunter Dueck dagegen sah viele Cargo-Kulte in den Medien, bei denen symbolische Handlungen Erfolg bringen sollen (Wikipedia-Erläuterungen finden Sie hier). Er kritisierte reflexhafte Berichterstattung und die simpelste aller Methoden Berichterstattung zu erhalten: eine Studie produzieren, selbst wenn die wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Dies sind nur zwei Beispiele für Medienkritik am Rande. Vielleicht ist die aber viel bitterer als ein ganzer Vortrag über den Zustand des Journalismus. Denn wäre noch jemand bereit, die Mängel des Journalismus über 30 oder 60 Minuten zu diskutieren, hätte dieser Redner noch Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte.

2. Snapchat, Snapchat, Snapchat

Überall Snapchat. Bei Sascha Lobo, in einer Seitenkonferenz von Philipp Steuer, in zig Sessions, fiel zumindest der Name des Mobile-Dienstes. Ich verzeichnete im Lauf der #rpTEN ein Plus von 20 bis 30% der Zugriffe auf meine Snaps aus Berlin inklusive vieler neuer “Freunde”. Und auch bei unserem Digitalen Quartett – bei dem jeder Moderator einen mit den anderen nicht abgesprochenen Überraschungsgast mitbringt – waren zwei von fünf Interviewpartnern Snapchatter: “Bild”-Snapper Manuel Lorenz sowie Rechtsanwalt Thomas Schwenke, der juristische Themen mit einem Stoffpinguin erklärt. Twitter-Manager Rowan Barnett meinte zu Beginn, er müsse 62 Mal Twitter sagen, um das zu kompensieren: [click to continue…]

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Danke, TanjaAndreasMarkusJohnny. #rpTEN

by Thomas Knüwer on 30. April 2016

Im Frühjahr 2007 waren die Reisekostenrestriktionen meines damaligen Arbeitgebers, dem “Handelsblatt”, noch nicht so scharf, wie sie es bald sein würden. Deshalb wurde es eher achselzuckig hingenommen, dass ich nach Berlin reisen wollte zu einer Konferenz, bei der nicht klar war, ob sie in der Berichterstattung überhaupt verwertbar sein würde. Doch es war eine Konferenz aus der Blog-Szene und dieses Blog hier war nach zwei Jahren so was wie etabliert. Außerdem Berlin – nicht teuer.

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Jene Veranstaltung hieß re:publica und bemerkenswerterweise bloggte ich hinterher nichts über sie. Sie war Thema im Medienpodcast “bel étage”, den ich damals gemeinsam mit Hans-Peter Siebenhaar moderierte. Nachzuhören ist das nicht mehr – das “Handelsblatt” hat sämtliche Ausgaben gelöscht. Daniel Fiene auf der #rp13 Hans Freitag Likies

Auch war ich auf ein Podium geladen, gemeinsam mit Mercedes Bunz, Johnny Haeusler, Jochen Wegner und Tim Pritlove sollte ich über neue und alte Medien unter dem Titel “Medien(r)evolution” diskutieren. Die Aufzeichnung dieser Diskussion ist noch immer online zu haben – im Gegensatz zum Podcast, was vielleicht mehr über jene Medien(r)evolution aussagt also unser Gespräch auf der Bühne. Es waren skurrile Tage voll hibbeliger Kennenlernfreude. Mit 200 Leuten hatte das Gründungsteam zu Beginn kalkuliert, mit einem Mal waren es 700 geworden.

Namensschilder waren hilfreich, denn wer nicht aus Berlin kam, traf in der Kalkscheune viele Menschen erstmals, die er nur durch Blogs oder das noch junge Ding namens Twitter kannte. “Ach, du bist…”, gefolgt von der Nennung eines Web-Pseudonyms dürfte der am häufigsten gefallene Satz jener ersten re:publica gewesen sein. In jenen Tagen traf ich erstmals, wenn ich mich recht erinnere, Tanja und Johnny Haeusler, Markus Beckedahl, Andreas Gebhardt, Don Dahlmann, Frau Kaltmamsell, Madame Julie, MC Winkel und Tim Pritlove.

Aus heutiger Sicht ist diese Atmosphäre nur schwer nachzuvollziehen, wissen wir dank Facebook doch meist schon sehr viel von jenen Menschen, auf deren Werke wir digital stoßen. Wie anders es sich damals anfühlte merkte ich bei diesen Zeilen aus dem Jahr 2007 von Sven Dietrich: [click to continue…]

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Sinus-Studie: 72 Jugendliche erschüttern die Medienwelt

by Thomas Knüwer on 28. April 2016

Vorgestern geisterte eine Jugendstudie durch die germanische Medienwelt, hier ein Auszug:

sinus studie jugend

Was sagte die Studie? Zitieren wir die Deutsche Welle:

“Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch wie heute gewesen. Das ist ein Hauptergebnis der neuen Sinus-Jugendstudie, die Sozialwissenschaftler in Berlin vorstellten. Sie stand unter der Fragestellung “Wie ticken Jugendliche 2016?”. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt lasse Teenager eine ungewöhnlich große Nähe zur Elterngeneration suchen, lautet eine Erklärung dafür. Zu weiteren Ergebnissen zählt, wie sehr Teenager das Thema Flüchtlinge interessiert und wie tolerant viele der Zuwanderung gegenüberstehen. Gewundert hat die Forscher, dass junge Leute zunehmend ein wenig Online-müde werden.”

Klingt spannend und trifft fast klischeehaft das, was man der Generation Z so nachsagt. Herausgeber der Studie ist das Sinus-Institut in Berlin, das sein Werk mit dem schlagzeilengeeigneten Titel “Wie Jugendliche ticken” vermarktet. Natürlich gibt es auch wieder Sinus-Milieus, eines der Hauptgeschäfte des Instituts. Diese Milieus gruppieren die Gesellschaft oder eine Generation in Lebenswelten mit spezifischen Eigenarten. Unter Jugendlichen solle es sieben der Welten geben:

jugend sinus milieus

Das klingt interessant, breit angelegt und wissenschaftlich untermauert. Weshalb praktisch alle Medien darauf anspringen. Über 4.000 Zeichen widmet “FAZ”-Korrespondent Johannes Leithäuser der Studie und – wie es sich für ein analogfetischistisches Blatt gehört – natürlich ist der Satz “Jugendliche zeigen eine ,digitale Sättigung'” so zu lesen:

Jugendliche zeigen eine „digitale Sättigung“

Bento, das Jugendobjekt von Spiegel Online, kann dagegen solch böse Worte gegen die eigene Zielgruppe nicht stehen lassen und spricht sie frei von der Schuld, langweilig zu sein:

“Was für eine Heuchelei.Denn in Wahrheit sind es doch die Erwachsenen von heute, die das Vorbild für die nächste Generation leben. Sie machen den Jüngeren gerade vor, wie es funktioniert, erfolgreich zu sein. Sie prägen ein System, dass immer nur nach mehr Leistung schreit. Und sei es nur dadurch, dass die Erwachsenen diesem System nicht energisch genug entgegentreten.
Unsere Eltern glauben doch selbst nicht mehr an Visionen für eine bessere Zukunft. Und dann erwarten sie, dass die nächste Generation dann wie aus dem Nichts mit neuen Ideen die Welt verändert? So lange es nicht gelingt, Kinder in diesem Land zu Freiheit und Individualität zu erziehen, ist der Rock’n’Roll tot. Und daran haben dann wir alle eine Mitschuld.”Also, diese Studie, die ist doch ein dickes Ding.Oder?Was viele, viele Medien vermeiden – und lobenswerterweise nur die “Süddeutsche”, Zeit Online und die “Wirtschaftswoche” recht früh in ihrem Artikel erwähnen, ist die Zahl der befragten Jugendlichen.Sie lautet:72.Yep. Echt jetzt.

72.

Tiefeninterviews waren es, klar. Aber trotzdem.

72.

Was bedeutet, jede dieser Lebensweltbeschreibungen setzt sich bei Gleichverteilung zusammen aus den Erfahrungen von 10,28 Jugendlichen. Aber natürlich sind diese Milieus nicht gleich groß und so könnte die Gruppe der Prekären vielleicht nur aus vier oder fünf befragen Jugendlichen gebildet worden sein.

Sprich: Diese Studie taugt nur wenig. Sie selbst sagt, dass es nicht “die” Generation der Jugendlichen gibt. Ach, wirklich? Wie will man auch aus 72 Menschen brauchbare Gruppen formen?

Eigentlich aber muss man dem Sinus Institut natürlich gratulieren. Mit einem so überschaubarem Aufwand und dann noch staatlich subventioniert so viel Aufmerksamkeit zu erhalten für das eigene Geschäft – Respekt. Allerdings braucht es dafür nur die simple Erkenntnis, dass die von Content-Hunger dumm gewordenen Redaktionen der Nation niemals ein Thema ignorieren werden, dass sich so leicht in einen Artikel verwandeln lässt.

Klar, ist das Geschriebene unreflektierte Leserverdummung. Aber das ist all den Onlineredaktionen längst komplett egal. Die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Themas scheint das Finden von Fotos zu sein. Zeit Online entschied sich deshalb für ein DPA-Foto grillender “Jugendlicher” im geschätzten Alter von Anfang 30. Vielleicht glaubt man in geistig vergreisten Redaktion-Großräumen tatsächlich, so sähen Jugendliche aus:

Zeit Online Jugendliche

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