Lieber Mathias Döpfner,

wir sind uns exakt einmal kurz begegnet. Ich kniete kurz vor Ihnen und stellte Ihnen eine Frage, die sich auf das bezog, was Sie wenige Minuten zuvor auf einem Podium gesagt hatten. Es war der November 2009 und wir waren beide zu Gast beim Monaco Media Forum. Auf der Bühne kündigten sie eine neue Zeitung mit maßgeblichen Inhalten aus dem Social Web an. Auf meine Nachfrage erklärten Sie, dabei handele sich um einen Relaunch der “Welt Kompakt”. Wann der komme, fragte ich und sie antworteten: “In wenigen Wochen.”

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Dies bloggte ich. Kurz darauf dementierte Ihre PR-Abteilung und behauptete, ich hätte Sie missverstanden: Es habe sich um den Relaunch gehandelt, der einige Wochen zuvor stattgefunden habe (und in dem es Spurenelemente aus dem Social Web gab). Nun war ich nicht allein und der gesamte Kreis um mich hatte das gleiche gehört wie ich.

Seitdem weiß ich: Sie wissen oft nicht, wovon Sie sprechen.

Dafür gibt es noch mehr Belege, zum Beispiel falsche Zitate oder historische Zusammenhänge. 2006 schrieben Sie, sie glaubten an das damals schon mehr als fragwürdige Riepl’sche Gesetz. 2010 sahen Sie die wirtschaftliche Zukunft des Journalismus als ungefährdet an. In einem teils bizarr anmutenden Interview mit dem “Handelsblatt” bejubelten Sie die wirtschaftliche Lage von Medienkonzernen.

Man kann sogar sagen: Wenn Sie einmal in Rage sind, spielen Fakten oder logische Zusammenhänge eine diminutive Rolle.

Eine ähnliche ungesteuerte Killerzitat-Drohne ist Google-Chairman Eric Schmidt. Auch er babbelt einfach mal so los, im Gegensatz zu Ihnen sagt er dann aber Dinge, bei denen man ahnt: “Das meinst Du jetzt vielleicht nicht so – aber es ist einfach extrem unklug es so auszudrücken.”

Eines aber eint Sie und Schmidt: Sie beide sind unfähig, von Ihrer eigenen Situation und der Ihres Unternehmens zu abstrahieren. Sie sind nicht in der Lage, in größeren Zusammenhängen zu denken und zu sprechen, ohne beständig die eigene Konzernbilanz im Auge zu haben. Und deshalb kann es nur schlimm werden, wenn Sie sich ein Debattenduell liefern.

Dummerweise läuft genau das gerade ab. [click to continue…]

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Dacia Duster rettet Porsche Macan

by Thomas Knüwer on 10. April 2014

Manchmal gibt es Nummern, aus denen kommt man auch nicht mehr raus. Das ist nicht neu. Neu ist, dass sie sich weiter verbreiten dank des World Wide Web.

Wäre früher auf einer Pressereise, bei der ein neues Auto vorgestellt wird, etwas Blödes mit jenem Modell passiert, wären die Auswirkungen einigermaßen überschau-, vielleicht gar kontrollierbar gewesen. Gelesen hätten es ohnehin nur die sehr Interessierten auf den Autoseiten oder den Spezialpublikationen. Und vielleicht hätte man die Journalisten auch überreden können, eine unselige Episode während des Trips ganz unter den Tisch fallen zu lassen.

Heute folgen Journalisten dem gleichen Impuls wie die meisten von uns. Wir sehen etwas Interessantes, Spannendes, Lustiges oder Dramatisches und teilen es mit der Welt. So wie Gavin Green, der für das britische “Car Magazine” schreibt.

Er ist derzeit in Marokko unterwegs, wo Porsche seinen kleinen Geländewagen Macan vorstellt. Denn natürlich wählt auch Porsche nicht das heimische Werk als Ort einer solchen Präsentation: Die Presse wird an einen angenehmeren Ort geflogen und kommod bewirtet. Zunächst verriet Green, dass sich die Macans im chaotischen Verkehr Marokkos schon etwas schwer taten:

Doch es kommt noch schlimmer. Er twitpict einen der vielleicht peinlichsten Momente der Firmengeschichte: Ein Macan fährt sich in gar nicht mal so ruppig aussehendem Gelände fest und wird rausgezogen – von einem Dacia Duster.

Mir fällt nicht wirklich ein, wie ein Unternehmenskommunikator oder Markenverantwortlicher aus der Nummer rauskommt. Manchmal kann man sich nur hinstellen und die Schläge entgegennehmen.

Oder hat einer der geneigten Leser hier eine Idee?

(Gefunden bei Uwe Knaus auf Facebook.)

Nachtrag: OK, @seiz hatte auf Twitter einen interessanten Vorschlag zur Rettung der Kommunikation…


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Als die CDU das Neuland verhindern wollte

by Thomas Knüwer on 9. April 2014

Gerade begegnet mir auf Facebook, ausgehend vom SPD-MdB Ulrich Kelber eine Anfrage der CDU/CSU aus dem Jahr 1973. Damals stellten die Christdemokraten in Gestalt des Abgeordneten Linus Memmel eine parlamentarische Anfrage, die sich auf eine Unsitte bezog, die auch heute viele in der Partei für verwerflich halten: Datenübertragung.

Der Text jener Anfrage lautete laut Kelber:

“Trifft es zu, dass das öffentliche Telefonnetz während mehrerer Tagesstunden für die Übermittlung von Daten für die verschiedenen Datenverarbeitungen genutzt und für wirkliche Telefongespräche blockiert wird, und was gedenkt die Bundesregierung zu tun, um das Telefonnetz für seine eigentlichen Aufgaben freizumachen?”

Der damalige Forschungsminister Horst Ehmke habe geantwortet, man wolle den Datentransfer sogar fördern.

Eines kann man der CDU/CSU also nicht vorwerfen: Dass sie in ihrer Haltung zum Internet über die Jahrzehnte hinweg inkonsistent gewesen sei.

Nachtrag: Via Twitter macht mich @avbelow auf die Ironie der Geschichte aufmerksam. Damals wollte die CDU Datentransfer über die Telefonleitung verhindern – heute die Telekomkonzerne Telefonate über die Datenleitung.

Nachtrag II: Vielen Dank an Daniel B., der das Originaldokument rausgesucht hat, zu finden unter diesem Link. 

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Geht es um Facebook, heult leise

by Thomas Knüwer on 4. April 2014

Liebe Groß-Werbeagenturen, liebe Werbetreibenden,

hört auf zu heulen.

Das durch Hybris anabolisierte Selbstmitleid mit dem Ihr derzeit in Sachen Facebook durch die Branchenmedien propagandiert, ist nicht mehr zu ertragen. Es zeugt vom tiefen Glauben, die ganze Welt wolle nichts sehnlicher, als Eure immer platter und unmutiger werdenden Botschaften und Eure ebenso immer gleichen Waren. shutterstock kind heulen weinen(Foto: Shutterstock)

Halten wir deshalb zunächst einmal eines fest: Kein Verbraucher liebt Werbung. Keiner.

Es gibt Werbung, die so toll ist, dass die Menschen darauf abfahren, die uns mitreißt, die sich in unseren Wortschatz einpflanzt. Die läuft und läuft und läuft. Es gibt Werbung, die sie tatsächlich von einer Marke oder einem Produkt überzeugt. Doch sie wird immer seltener – und daran seid Ihr Schuld.

Denn so gut wie jede Kampagne wird heute bei Großunternehmen so lange weichgespült, bis sie auch in der konsenstigsten aller Konsensgesellschaften niemand mehr stört. Was auch bedeutet: Sie ist grottenlangweilig. Kaum ein Unternehmen, in dem Markenverantwortliche noch wagen dürfen, etwas zu riskieren. Denn geht eine Kampagne schief, ist gleich die Karriere bedroht.

So entsteht keine Werbung, die mitreißt. Und noch eine bittere Wahrheit sei genannt: Facebook wurde nicht für Euch erfunden.

Ehrlich. Mark Zuckerberg saß nicht in seiner Studentenbude und dachte: “Mööönsch, heute entwickel ich mal ne Plattform, auf der Unternehmen besonders geil Verbraucher zutexten können.” Er wollte Menschen miteinander in Kontakt bringen. Das hat ziemlich gut geklappt, womit wir bei der nächsten unschönen Realität wären: Die allerallerallermeisten Menschen sind nicht auf Facebook wegen Euch, Euren Botschaften, Kampagnen und Marken.

Das heißt nicht, dass Verbraucher Werbung und Marken generell für böse halten. Doch stünde den Werbern und Ihren Kunden Demut gut zu Gesicht, vor allem wäre sie eine willkommene Abwechslung angesichts des aktuellen Bildes der heuchelnden Klageweiber und -gesellen, als die Werbeagenturen und Unternehmen derzeit durch die Lande geistern. “Facebook kassiert ab”, titelt das Branchenblatt “Horizont” und: “Werbungtreibende kritisieren das soziale Netzwerk und suchen nach Alternativen”.

Ja, pöses, Facebook, ganz, ganz pöse. Verhinderst einfach so, dass Deine Nutzer in ihrem Newsstream Markenwerbung auf Markenwerbung auf Markenwerbung auf Markenwerbung sehen.

Pöse.

Wen überrascht, dass die Reichweiten von Facebook-Pages zurückgehen, der hat sich exakt 2,4 Sekunden mit der Plattform und ihrer Funktionalität beschäftig. Na gut, vielleicht auch 4,3 Sekunden, wenn er langsam liest. Dass Unternehmen und Agenturen sich allen Ernstes darüber beschweren zeigt, wie unwissend sie im digitalen Marketing noch immer sind und wie wenig Gedanken sie sich über die dortigen Zusammenhänge machen.

Als Zeugnis sei hier jene Titelstory aus der “Horizont” angeführt, genauer Tina Beuchler, die Mediachefin von Nestlé. “Horizont” zitiert die “Lebensmittel-Zeitung”, die Beuchler zitiert mit den Worten: “Wir sind auf Facebook aktiv geworden, als es noch ein Owned/Earned-Media-Kanal war. Durch die Entwicklung zu einem Paid-Media-Kanal sind wir gezwungen, die Rolle von Facebook als digitales Zuhause zu überdenken.”

horizont facebook kassiert

Ich bin bei solchen Sätzen gezwungen meinen Glauben an Tina Beuchler als kompetente Managerin zu überdenken. Denn Facebook filtert schon lange den Newsstream – Gott sei Dank. So entsteht ein guter Überblick über das, was seit dem letzten Login des Nutzers passiert ist. Umso wertvoller ist diese Filterung, je mehr Freunde und gelikete Pages ein Nutzer hat.

Jetzt denken wir mal logisch, Frau Beuchler. [click to continue…]

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“I’m an expert.”

by Thomas Knüwer on 3. April 2014

Ein ganz normaler Tag im Leben eines Großkonzerns.


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Journalisten müssen endlich streiten

by Thomas Knüwer on 2. April 2014

Eine Binsenweisheit des Aktienmarktes besagt, dass Kleinanleger immer zu spät, gern am tiefsten Punkt eines Kursverlaufs, aussteigen. Dies hänge damit zusammen, dass wir Menschen positive Nachrichten sehr gerne hörten, negative dagegen nicht. Und deshalb blickten Anleger nicht genug hin, wenn der Preis eines Papiers fällt. Ich weiß nicht, ob das wissenschaftlich noch immer haltbar ist, früher jedenfalls wurde dies so kolportiert – wenn jemand dafür auch noch eine verlinkbare Studie hat, würde ich mich über einen Hinweis freuen.

zeitungen

Genau dieses Verhalten ist derzeit in einem ganz anderen Bereich unserer Gesellschaft zu beobachten. Der Journalismus ist ein Beruf im extremen Wandel, verbunden mit fürchterlich schlechten Nachrichten für seine Angehörigen: Kaum eine Woche vergeht derzeit ohne neue Horrorzahlen von Verlagen, kaum eine ohne Abbaurunde in einem der Medienkonzerne. Nun können Journalisten oberflächlich wenig für wegbrechende Anzeigenerlöse. Doch den digitalen Wandel mitgestalten, ihren Arbeitgebern Impulse liefern und sich selbst so fit machen, dass im Moment des Arbeitsplatzverlustes Alternativen zur Verfügung stehen – das könnten sie. Nur: Sehr, sehr viele wollen sich darüber keine Gedanken machen – und das gilt für Onlinejournalisten wie für die anderen.

Nehmen wir nur die Situation bei der “Süddeutschen Zeitung”. Nach Informationen der “Zeit” sollen sich dort leitende Print-Redakteure gegen den Aufstieg von Online-Chef Stefan Plöchinger in die Gesamtchefredaktion stemmen. Angeblich sei er zu selbstbewusst und trage Kapuzzenpullover. Das allein ist im Jahr 2014 bemerkenswert bei einem Blatt mit massiven wirtschaftlichen Problemen, bei dem angeblich eine zweistellige Zahl von Redakteuren gesucht werden oder wurden, die ein Abfindungsangebot annehmen. Offensichtlich glauben sie, alles werde besser, wenn nur keine Onliner kämen.

Dies griff Harald Staun, der Medienredakteur der “FAS” auf und schrieb jenen verhängnisvollen Kurztext, der zu einer Flut von Online-affinen Autoren im Hoodie auf Twitter führte:

Es brach eine Debatte los, die sich nicht sonderlich von der unterschied, die der “Spiegel” vor gerade einmal acht Monaten losgetreten hatte. Damals suchte Cordt Schnibben nach der Zukunft der Zeitung – und viele der Argumente, die damals ausgetauscht wurden, tauchen nun wieder neu auf. Fast immer geht es nach dem Motto: Es gibt zwei Fronten in Redaktionen und das ist nicht gut. Die Printler sind die alten Arroganzlinge, die Onliner die neuen Arroganzlinge. Beide sollten doch schön miteinander arbeiten, was bemerkenswerterweise jede Redaktion tut, in der eine solche Debatte dann abgedruckt oder online gestellt wird: “Wir sind schon toll, macht es uns nach.” Print würde ja auch nicht sterben, das sei doch klar sichtbar, also bleiben wir doch ruhig und arbeiten friedlich weiter. Und diese Debatte über den Journalismus der Zukunft, die sollte man deshalb gar nicht führen.

Ein Beispiel für diese Argumentation ist die “Zeit”. Dort verfassten der geschätzte Online-Chefredakteur Jochen Wegner und der stellvertretende Print-Chefredakteur Bernd Ulrich 12 Thesen in diese Richtung. Schon die Autorenwahl zeigt, wieviel Gewicht der Text hat: Online schreibt der Chef, Print schickt den Vize. Wo aber ist Print-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo? Eines ist sicher: Er befindet sich die meiste Zeit hunderte von Kilometern entfernt von seinen Online-Redakteuren. Er in Hamburg, die in Berlin. Das war einmal anders, doch Online zog um in die Hauptstadt. Sicherlich aber wird bei der “Zeit” sehr viel enger zusammen gearbeitet, seit man sich nicht mehr persönlich begegnet.

Was Wegner und Ulrich schreiben ist kuscheliger Konsens unter Ausblendung der schlechten Nachrichten.

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Statt Aprilscherz

by Thomas Knüwer on 1. April 2014

Ich mag Traditionen. Und ich finde, wir sollten sie erhalten. Dazu gehört dann eben auch der Aprilscherz, bei dem es so unendlich viel schwerer geworden ist, einen guten zu landen. Denn während es früher ganz einfach war, in der Zeitung zu schreiben, dass ein Stadionbauprojekt in eine Nachbargemeinde wandert, wachsen beim Leser des Jahres 2014 sofort Zweifel, wenn er die Meldung nicht an 300 anderen Orten findet.

Deshalb gibt es hier dieses Jahr keinen Aprilscherz, es fehlte mir einfach die Zeit, etwas vorzubereiten. Gestern habe ich einfach mal ins Social Web gefragt, welchen ich machen könnte – suchen Sie sich also einen heraus, der Ihnen gefällt:


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Facebook kauft Oculus – mehr als eine simple Übernahme

by Thomas Knüwer on 26. März 2014

Was will Facebook mit der Virtual Reality-Brille Oculus Rift? Warum gibt das Reich Zuckerberg 2 Milliarden Dollar dafür aus.

Keine Ahnung.

Über die Jahre hinweg hat Mark Zuckerberg aber immer wieder demonstriert, dass er eine Vorstellung davon hat, wie unsere Welt künftig aussehen könnte. Man kann anderer Meinung sein als er – aber sein Unternehmen agiert konsistent. Und deshalb bin ich mir sicher: Zuckerberg weiß sehr genau, weshalb er Oculus kauft. Möglich wäre übrigens auch, dass er Facebook einfach zu einer Holding für Digital-Unternehmen aufbaut, die im Gegensatz zu Google oder Yahoo tatsächlich unabhängig agieren dürfen.

oculus kickstarter

Für mich ist das Milliarden-Geschäft noch aus einem anderen Grund interessant: Es ist der erste große Deal, der von einer Verschiebung der Startup-Finanzierung zeugt.

Bisher gibt es die bekannte Investorenpyramide: Gründer suchen sich einen Angel Investor, Seed-Kapital, dann kommt mit dem Venture Capital der erste fette Geldstrom, normalerweise in mehreren Finanzierungsrunden. Am Ende steht dann meist der Exit in Form des Verkaufs oder des Börsengangs.

Oculus startete anders: Die Brille war zunächst ein Kickstarter-Projekt, das im September 2012 2,4 Millionen Dollar einnahm. Erst neun Monate später stiegen dann VC mit 16 Millionen ein, Ende 2013 folgte eine B-Runde mit 93 Millionen Dollar.

Warum ist das bemerkenswert? [click to continue…]

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SXSW 2014 – Cebit des 21. Jahrhunderts

by Thomas Knüwer on 16. März 2014

“Arbeitest Du da eigentlich auch?”

Verständliche Frage in der jüngsten Vergangenheit, genauer zwischen dem 7. und 11. März. Denn in diesen Tagen war mein Twitter-, Instagram- und Facebook-Stream eher voll mit lustigen Bildern als mit Handfesterem.

sxsw 2014

Doch, doch, ich habe auch gearbeitet, vor allem in Form von Zuhören, Reden, Nachdenken. In diesen Tagen besuchte ich zum dritten Mal die SXSW (gesprochen South by Southwest), die größte Digitalkonferenz der Welt in Austin/Texas. Ich halte nichts mehr von Podienzusammenfassungen, wie ich schon schrieb (und Sie, liebe Leser anscheinend auch nicht). Und doch gibt es zwei Gründe, noch einmal auf die Konferenz einzugehen:

1. Die Zahl der deutschen Besucher ist drastisch angestiegen

Als ich 2011 das erste Mal in Austin war, war ich ein Exot. Die Zahl der Germans, war überschaubar, die Amerikaner wunderten sich noch, dass jemand “all the way” herüberfliegt für eine Konferenz. Heute ist das anders. Während die Zahl der SXSW Interactive-Teilnehmer insgesamt bei 30.000 stagnieren dürfte, stieg der Anteil der Ausländer drastisch an. Das fiel auch der “New York Times” deutlich auf: “Foreign Influx Gives Annual Tech Event an International Flavor” überschrieb sie ihren ersten Artikel in diesem Jahr.

Auch in den üblichen Warteschlangen vor Diskussionen traf ich mehr Franzosen, Japaner und Brasilianer als je zuvor. All die Nationen mieten nicht nur einen Stand auf der Expo sondern betreiben auch Nationenhäuser mit eigenen Veranstaltungen. Dies dürfte auch eine Folge der SXSW-Strategie sein: 2011 durften sich Ländermärkte auf Podien präsentieren und wer dort sprach, verbreitete mutmaßlich die Kunde von dem Monster-Event in Texas.

Die Germans hingen viel zusammen, was durchaus verständlich ist. So gab es im Norden der Stadt eine Ansammlung von sechs, von Deutschen bewohnten AirBnB-Häusern in einer Nachbarschaft. Und am ersten Abend machten sich 70 Deutsche mit einem amerikanischen Schulbus auf zum BBQ-Ausflug (dicker Dank an Simon Harlinghausen für die Organisation). So ist das einfach im Ausland, nicht nur bei Deutschen. Doch sollten wir alle, die wir regelmäßig zur SXSW fahren, künftig versuchen, eine Filterblase zu vermeiden.

sxsw bus

Endlich waren auch deutsche Medien weiträumig vertreten: “Handelsblatt”, Sueddeutsche.de, Spiegel Online, Zeit.de, Stern.de – sie alle waren vor Ort, häufig sogar mit der Chefetage. Was sie berichteten ist aus aus meiner Sicht qualitativ schwer ausbaubedürftig. Aber: Es war ein erster Schritt.

2. Die Bedeutung der SXSW steigt [click to continue…]

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Journalistische Selfies aus Austin

by Thomas Knüwer on 10. März 2014

In den Zeiten sterbender Tageszeitungen, sinkender Auflagen und Werbeerlöse ist Kostenbewusstsein der neue Fetisch in Redaktionen. Das ist nicht erst gestern so, sondern seit zu langen Jahren.

Zu den unschönen und den Journalismus schädigenden Auswirkungen gehören Beschränkungen im Reiseetat, in akuten Zeiten gar ein Reiseverbot. Wenn sie heute wissen möchten, wo es in Großstädten die abgewracktesten Herbergen gibt, sprechen sie mit Journalisten – die haben alles knapp oberhalb von Stundenhotels schon bewohnt.

selfie baconWenn dann gereist werden darf, müssen sich die reisenden Redakteure auch noch für jeden Kilometer rechtfertigen, gerade so, als sei solch ein Trip eine reine Verlustierung. Deshalb muss auch möglichst während oder kurz nach jener Reise etwas “dabei herauskommen”, also Artikel. Reisen, allein um jemand zu treffen, über den man mittelfristig etwas schreiben möchte, sind meist nicht mehr möglich. Dies ist umso trauriger, weil der Rechtfertigungsdruck hochgehalten wird von Ressortleitern und Chefredakteuren – also anderen Journalisten die wissen müssten, dass Hintergrundrecherchen und langfristige Informationssammlung wichtiger sind, als das sofortige Widerkäuen des Gesehenen.

Die Folgen dieser Unsitte zeigen sich in diesen Tagen bei Sueddeutsche.de und Spiegel Online. Beide sind auf der größten Digitalkonferenz der Welt vertreten, der SXSW (gesprochen South by Southwest) in Austin.

Waren es in den vergangenen Jahren wenige deutsche Crossmedia-Journalisten wie Ulrike Langer oder Daniel Fiene, die berichteten, sind in diesem Jahr gefühlt alle Online-Chefredakteure der deutschen Republik angereist. Das ist prima und gut so. Die SXSW ist eine wichtige Veranstaltung.

Die Chefs von Süddeutsche.de und Spiegel Online haben Reporter mitgebracht. Das ist für Unternehmen mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen ein gewisses Investment. Das Ergebnis: Rechtfertigungsdruck.

Um den zu senken greifen beide Häuser reflexartig in die Folterkammer des Onlinejournalismus und präsentieren – Live-Ticker.

Liveticker sind ein probates Instrument bei sich verändernden Nachrichtenlagen, bei Fußballspielen, in Momenten, da Menschen ein hohes Interesse haben, so schnell wie möglich Nachrichten zu bekommen. Das ist im Fall der SXSW exakt überhaupt nicht der Fall. Selbst Fachleute der Digitalbranche – und allein die interessieren sich überhaupt für die Konferenz – lechzen nicht am Monitor nach irgendwelchen heißen News. Auch ihnen wäre mehr geholfen mit Themen, Interviews, dem Nachdenken über Trends.

Stattdessen bekommen sie journalistisches Scheitern geboten. [click to continue…]

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