Sehen wir uns beim Finanzbarcamp in Offenbach?

by Thomas Knüwer on 26. August 2015

Disclosure: Hier geht es um ein Projekt, das wir von kpunktnull für unseren Kunden comdirect umsetzen. Sollte Ihnen das nicht gefallen, lesen Sie bitte stattdessen diesen empfehlenswerten Artikel von Stefan Niggemeier über die Merkwürdigkeiten des Chefs von Forsa.

Screenshot_26_08_15_11_37Barcamps sind toll. Und es gibt eine Menge von ihnen in Deutschland, die ordentlichst besucht werden, die meisten sind sogar ausverkauft. Erstaunlich aber ist, dass dies praktisch unter Ausschluss der medialen Wahrnehmung stattfindet. Einen Artikel in der “FAS” gab es vergangenes Jahr mal, ansonsten macht sich kaum ein klassisches Medium die Mühe, seiner Zielgruppe dieses spannende Konferenzkonzept nahe zu bringen. Ausnahmen sind Lokalmedien, die das örtliche Barcamp sponsern, zum Beispiel die “Rhein-Zeitung” oder die “Rheinische Post”.

Wenn Sie, lieber Leser, darunter leiden, also nicht wissen, was solch ein Barcamp ist – hier ist ein kurzes Erklärbär-Video:

Auch Unternehmen setzen bereits das Barcamp-Konzept ein. Allerdings vor allem intern: So fördern einige Großkonzerne die interne Innovations- und Kommunikationskultur mit diesem Instrument, andere sponsern auch Barcamps.

Was es aber – meines Wissens nach – noch nicht gegeben hat, ist ein externes Barcamp, das ausschließlich von einem Unternehmen organisiert und finanziert wurde. Sollte es dies schon einmal gegeben habe, bitte ich um Rückmeldung in den Kommentaren.

Nun aber gibt es diesen Ansatz. Die comdirect präsentiert am 6. und 7. November im Haus drei in Offenbach das Finanzbarcamp (und wir bei kpunktnull helfen bei der Organisation).

Thematisch soll es um alles gehen, was mit dem Geld- und Finanzbereich zu tun hat, vor allem natürlich auch um seine Veränderung durch das Digitale, gemeinhin Fintech genannt. Mögliche Fragestellungen sind zum Beispiel:

  • Wie sieht die Zukunft der Banken aus?
  • Wie gehen wir mit Geld um?
  • Werden wir auf Bargeld verzichten?
  • Was ist den Kunden bei ihren Banken wirklich wichtig?
  • Wie kann man Menschen für Finanzen begeistern?
  • Wie sieht die Zukunft des Bankings beim Thema Mobile aus?
  • Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Banken und Fintechs?
  • Was ist die Bedeutung von Big Data im Banking?
  • Social Media und Geld, wie funktioniert der Finanzverkehr im Social Web?

Eingeladen ist jeder, der diese Themen spannend findet, vom Bank-Mitarbeiter über den Finanzjournalisten, den Versicherungs-Außendienstler, den Bitcoin-Verfechter bis zu Finanzbloggern und -journalisten.

Mit diesem Barcamp bekommt auch der traditionelle Finanblog-Award der comdirect (dessen Juryvorsitzender ich bin) eine neue Heimat. Bisher war er immer auf der re:publica verliehen worden, nun aber soll er mit einem neuen Umfeld weiter wachsen. Verliehen wird er am Abend des ersten Finanzbarcamp-Tages. Die Bewerbungsfrist ist bereits angelaufen – bis zum 21. September können Vorschläge hier eingeworfen werden.

Die erste Ticketwelle für das Finanzbarcamp startet dann am 1. September. Alle Infos gibt es hier auf der Homepage, sowie auf Facebook und auf Twitter.

Sehen wir uns in Offenbach?

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Der Bär hier im Bild heißt Schnauzbär. Geboren wurde er am 15. Dezember 1938, dem ersten Geburtstag meiner Mutter, in Opperau nahe Breslau. Und er erinnert mich daran, dass ich ein Flüchtlingskind bin.

IMG_0428Denn Schnauzbär ist recht früh erblindet, ungefähr im Alter von sieben Jahren. Es waren russische Soldaten, die ihm die Augen mit einem Messer herausschnitten bevor sie meine Großmutter vergewaltigten. Es war denn meine Oma, die jene leeren Augenhöhlen zunähte, so dass er mit ihr und meiner Mutter von Opperau nach Breslau gelangen konnte. Dort erwischten sie den letzten Zug gen Westen und landeten schließlich in Senden nahe Münster.

Dabei hatten sie Glück: Einer der größten Bauernhöfe nahm sie auf und sie wurden ein vollwertiger Teil der Familie Schulze Messing. Alles in Ordnung? Nein. Meine Mutter besuchte dann das kirchliche Mädchen-Gymnasium St. Antonius in Lüdinghausen. Und dort machten die lehrenden Nonnen Front gegen die schmarotzenden Ausländer aus dem Osten, die den gebeutelten Westdeutschen Essen und Arbeit wegnahmen. Es brauchte den Wechsel auf ein weltliches Gymnasium in Münster, damit meine Mutter ihr Abitur absolvieren konnte. An all diesen Erinnerungen litt sie ihr gesamtes Leben.

Und trotzdem war es ja noch eine ruhige und vergleichsweise glückliche Jugend. Andere fanden nie eine Heimat. Ihnen setzte Heinz-Rudolf Kunze einst ein Mahnmal in Gestalt des Songs “Vertriebener”:

Hier im Blog ärgere ich mich häufig über Menschen und Medienhäuser, die nicht dazu lernen. Manches von dem, worüber wir heute diskutieren, war eben schon mal da – sehr unterhaltsam war für mich der 10-Jahres-Rückblick auf die Netzwert, die E-Business-Beilage des “Handelsblatt”. Umso erschreckender aber ist es, dass Deutschland – trotz all des Mahnens um die eigene Vergangenheit, all der Nazi- und Weltkriegs-Dokus, -Filme und -Serien – vergisst, dass es eine Nation von Flüchtlingen aller Couleur ist. Das sind die Vertriebenen – und dieser Begriff scheint inzwischen exklusiv reserviert für sie zu sein – aus Schlesien oder Ostpreußen; deutschstämmige Randgruppen aus anderen Bereichen Osteuropas; Gastarbeiter (also Wirtschaftsflüchtlinge), die das Wirtschaftswunder mit antrieben; DDR-Bürger, die erst in marginalen Zahlen, dann in immer größerer Zahl die BRD erreichten, bis sich der größte Teil ihres Landes beschloss, aus dem politischen System zu fliehen.

vertriebeneAll das scheint vergessen– vor allem im Osten (und bei der CSU). Das ist vielleicht verständlich, denn meine Mutter erzählte immer, dass von jenen, die aus Schlesien flohen, niemand in die russisch eroberten Gebiete des verkleinerten Deutschlands wollte. Weil dort eben die Russen waren, die als brutal und Deutschen hassend galten. Und auch wenn die Vertriebenenverbände sehr rechte Tendenzen pflegten, so brachten sie doch gemeinsam mit der Kriegsgräberfürsorge über Jahrzehnte den Gedanken an jene Geflüchteten wieder ins Hirn der BRD. Ob dies im Osten ähnlich passierte, kann ich nicht sagen (vielleicht mögen Sie, liebe Leser, in den Kommentaren dazu etwas beisteuern). Doch ahne ich, dass dem eher nicht so war.

Und die CSU? Na ja, der Troll unter der deutschen Parteien ist halt so wie alle Trolle: rationalen Argumenten gegenüber verschlossen.

Deshalb ist auch meine Wahrnehmung der Flüchtlingsdebatte eine gespaltene. Einerseits sehe ich rechte Postings. Allerdings: Nicht direkt in meinen Social Feeds, sondern eher indirekt zusammengetragen von tollen Seiten wie “Perlen aus Freital“. Was ich viel mehr sehe, sind Hilfsangebote. Auch in Düsseldorf organisieren sich hilfsbereite Bürger über Facebook, die Seite “Flüchtlinge sind in Düsseldorf willkommen” zählt inzwischen fast 5.000 Liker. Und jener Aspekt, der positive, der wird für meinen Geschmack zu häufig verschwiegen. Ich lese viel über Nazis und anderes Gesindel, das sich im Social Web organisiert – zu wenig aber über Initiativen, die helfen wollen.

BFF_1508_ButtonBlau2Doch natürlich können wir nicht einfach behaupten, alles werde schon gut. Die Frage, wie wir mit Flüchtlingen und Vertriebenen umgehen wird darüber entscheiden, welches Land wir künftig haben werden. Ein saturiertes, abgeschlossenes? Oder eines, in dem Menschen, die alles (und fast sogar ihr Leben) geben, um nach Deutschland zu kommen, eine Chance bekommen? Ist nicht, wer so viel riskiert, unsere Zukunft? Hat nicht schon der Gedanke an das Elend des Zweiten Weltkriegs das Wirtschaftswunder beflügelt? Es ist weiter schockierend, dass die Bundeskanzlerein meint, dazu schweigen zu müssen. Sie ahnen auch, wie meine Meinung dazu aussieht: Die zweite Generation jener Flüchtlinge sind die künftigen Gründer, Selbständigen und Startupper Deutschlands.

Also, lasst uns reden. Das ist auch das Ziel einer Initiative, die Paul Huizing von Einfach Lecker Essen  gemeinsam mit Karla PaulNico Lumma und Stevan Paul gestartet hat: #BloggerfürFlüchtlinge. Sie bitten darum, dass Blogger Stellung beziehen – und zu Spenden aufrufen.

Hier können Sie bequem via Betterplace spenden und ich bitte Sie, dies heftigst zu tun.


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Im Rahmen der Landesverrat-Netzpolitik-Affaire machte die “FAZ” ein Front auf, die aus Sicht vieler Digitaljournalisten eigentlich begraben schien: die zwischen Bloggern und Journalisten. Die rechteslastige Lokalzeitung bezog dabei klar Stellung: Blogger sind eher keine Journalisten.

_MG_7530.jpgSeit gestern bin ich geneigt ihr ein klein wenig zuzustimmen: Vielleicht sind Blogger wirklich keine Journalisten – wenn sie für den Deutschlandfunk arbeiten.

Denn im Korrespondenten-Blog des öffentlich-rechtlichen Senders erschien ein Beitrag vom Hamburg-Korrespondenten Axel Schröder mit dem Titel: “Festung Facebook”. Und dieses Stück ist derart weit von journalistischen Standards entfernt, dass er mich gruseln macht.

Schröders Geschichte beginnt mit dem Foto einer Kollegin, das von einer rechtsradikalen Facebook-Seite unerlaubterweise verwendet wurde. Sie meldet dies dem Netzwerk über den standardisierten Prozess, doch das Abarbeiten solcher Meldungen kann ein paar Tage dauern (dazu ein lesenswerter “Wired”-Artikel). Das ist zu viel Zeit für einen aufrechten Journalisten, weshalb Schröder auf die Idee kommt, persönlich vorstellig zu werden. Bei Facebook. In Hamburg. Ohne Termin.

Ohne Termin deshalb:

“Eine Telefonnummer hat die Firma nicht. Und auch keine Pressestelle. Jedenfalls keine, deren Nummer man durch ein paar Mausklicks recherchieren könnte.”

Und böse schiebt er hinterher: “In dieser Hinsicht sind  Unternehmen aus der Rüstungsbranche oder Atomindustrie vergleichsweise offen und vorbildlich.”

Diese Aussage überrascht. [click to continue…]

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Viel Bohai war in den vergangenen Monaten um das Thema Livestreaming. Erst kam im März Meerkat, dann der Twitter-Ableger Periscope. Beide ermöglichten die Liveübertragung von Bewegtbildern mit Kopplung an Social Media-Instrumente.

crazy eyes verrückte augen frau gucken rechtefrei

Diese generelle Funktionalität ist nicht neu. 2008 gab es schon mal eine Welle von Diensten mit dergleichen Funktionalität, damals standen Qik und Bamboozer an der Spitze. Allein: Die Zeit war noch nicht reif, angesichts schmaler Bandbreiten – sowohl Bild- als auch Soundqualität waren ausbaubedürftig. Leider waren nicht alle meine Videos aus jener Zeit beim Aus von Qik rettbar, hier aber eine kleine Auswahl:

re:publica 2009: Michael Kessler überrascht Sascha Lobo auf dessen Twitter-Followerparty:

Fazit der Next08 mit Katharina Borchert und Markus Hündgen:

Der Moment, da CNN Barack Obama zum Wahlsieger 2008 erklärte, live aus dem Yerba Buena Center in San Francisco:

Auf dem Desktop folgten 2012 Google Hangouts on Air. Am ersten Morgen, als Google diese Funktion freigab, waren wir begeistert:

Und nun eben Meerkat und Periscope. Überall ist dabei eines bemerkenswert: So wirklich sinnvolle Nutzungen wurden kaum entwickelt. Es ist mir zum Beispiel noch immer ein Rätsel, warum Medienhäuser die Hangouts on Air nicht für Talkshows nutzen. Natürlich könnte es sein, dass diese nicht auf Begeisterung treffen – aber es wenigstens mal versuchen sollte doch das Mindeste sein.

Daran haben die neuen mobilbasierten Mitbewerber wenig bis gar nichts geändert. [click to continue…]

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Facebook muss Verantwortung übernehmen

by Thomas Knüwer on 10. August 2015

Es braut sich etwas zusammen über Facebook – und dass dem so ist, daran ist das Social Network nicht ganz unschuldig.

Denn in den vergangenen vier Wochen häuften sich die Forderungen nach einem stärkeren Community Management, oder besser: der schnellen Löschung hasserfüllter Postings und Kommentare. Diese Forderungen finden einen verstärkten Hallraum jedes Mal, wenn ein solcher Löschungsantrag abgelehnt wird. “Wieviel Hass ist erlaubt?“, fragte zum Beispiel Tobias Gillen auf Basic Thinking. Finaler Satz: “So wie es aktuell ist, kann und darf es nicht bleiben.” 

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Thomas Lückerath von DWDL liefert in einem Artikel reichlich Beispiele für Postings, die trotz Meldung stehen blieben, von der Forderung, für Flüchtlinge “wieder Lager”zu errichten bis zur Bitte an LKW-Fahrer beim Anblick von Ausländern “draufzuhalten”. Für Lückerath ist Facebook ein das Netzwerk mit dem “Herz für Hass”. 

Traurig, Facebook. Sehr traurig. Liebe Marianne Dölz, Country Director DACH bei Facebook, wie schläft es sich so,…

Posted by Thomas Lückerath on Montag, 27. Juli 2015

Die Debatte gewinn noch einmal an Schärfe, kommt der Sex ins Spiel. Denn entblößte Frauenbrüste werden genauso schnell gelöscht wie andere, erotische Darstellungen. Ausländerhass scheint also vollkommen in Ordnung, Anregungen zur Fortpflanzung nicht. Und wenn man dies so simpel nimmt, dass ist Facebooks Vorgehen unerträglich.

Allein: Die Sache ist halt komplizierter… [click to continue…]

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Politico, The European und die fehlende Öffentlichkeit

by Thomas Knüwer on 24. Juli 2015

Die Unaufhaltsamkeit des Medienwandels wird auch in Deutschland langsam Allgemeingut. Nachdem die klassischen Medien – für die der angelsächsische Begriff “Legacy Media” viel passender erscheint – lange über Medienblogs und ihre Schwarzmalereien hergezogen sind, widmen sie nun lange Seiten und eine steigende Zahl von Sendeminuten genau jenen Szenarien, in denen ein Weniger an Journalismus nicht wünschenswert, aber denkbar erscheint.

In diesem Zusammenhang wundern mich zwei Dinge, die zunächst nichts miteinander zu tun haben: das Schweigen über Politico und das mögliche Aus für The European.

Als Politico im April mit seiner europäischen Ausgabe an den Start ging, hielt sich mein Interesse in Grenzen. Denn so weit fühlte ich mein persönliches Informationsbedürfnis in Sachen Europapolitik für gedeckt. Und die US-Ausgabe habe ich immer wahrgenommen als Medium für Brancheninsider.

politico homepage

Dann kamen die ersten Geschichten über die Google-Kartelluntersuchungen: tief recherchiert und doch so geschrieben, dass auch Nicht-Polit-Insider sie mit Gewinn lesen können; noch dazu in einem angelsächsischen Erzählstil mit gut strukturierten Spannungsbögen. Social Plugins zum Weiterreichen von Artikeln sind eingebaut, Kommentare Normalität (über die absurde Idee deutscher Medien, Kommentare nur zu bestimmten Zeiten zu erlauben, müssen wir gar nicht reden), Links nach außen werden sehr durchdacht eingesetzt. Was ich vor allem mag: Hier dürfen Geschichten so lang sein, wie der Autor es für richtig hält. Zwischen 2.000 und 15.000 Zeichen ist da alles dabei, wobei die Unsitte, längere Artikel auf mehrere Klicks zu verteilen, nicht gepflegt wird (als Beispiel zum Beispiel die Reportage “For them, there is no Schengen” unter diesem Link). Allein die Optik dürfte ein wenig großzügiger sein, vermutlich jedoch läuft das europäische Politico auf der Content Management-Basis der US-Mutter – und die könnte ein wenig in die Jahre gekommen sein.

Bei weitem nicht alles, was Politico schreibt, ist für mich interessant. Doch wann immer ich die Seite besuche, stoße ich auf mehr als ein Stück, das mich interessiert, meinen Horizont erweitert, mein Denken bereichert. Kurz: Was die Redaktion da produziert ist aus meiner Sicht richtig guter Onlinejournalismus.

Was verwundert, ist die geringe Präsenz von Politico in anderen Medien. Zumindest in meiner medialen Filterblase werden selten Stimmen aus Politico zitiert, wird wenig auf das Angebot verlinkt. Das kann natürlich daran liegen, dass Politico auf Englisch schreibt und deutsche Medien ihren Lesern keine fremdsprachigen Quellen zumuten mögen. Blogs hingegen haben solche Hemmungen ja seltener, doch auch hier taucht Politico selten auf. Verstehen kann ich das nicht. Aber vielleicht hat einer meiner Leser ja Gründe dafür.

Vieles vom oben geschriebenen gilt auch für The European. 2009 hat der ehemalige “Cicero”-Onlinechef Alexander Görlach das Debattenmagazin online gebracht, ein Jahr später folgte eine englische Variante, 2012 ein Print-Magazin. Mir persönlich ist The European zu konservativ in seiner Ausrichtung, doch gut gemacht ist es auf jeden Fall.

european coverDeshalb ist es traurig, dass Görlachs Projekt vor dem Aus steht. Bernd Förtsch mit seiner Börsenmedien wollte eigentlich einsteigen – doch dieser Deal ist geplatzt. Görlach hat den Mitarbeitern bereits gekündigt, es soll immerhin noch einen interessierten Verlag geben. Mir ist es ein Rätsel, warum die Legacy Media-Häuser nicht Schlange stehen: Wir leben in einer debattenfreudigen Zeit, das Angebot bringt Qualität und Redaktion mit, es hat eine klare Ausrichtung – klingt für mich wie ein spannendes Investment, aus dem man mehr machen könnte.

Es gibt einen Punkt, der Politico und The European eint: ihre Unbekanntheit im analoger ausgerichteten Teil meines Freundeskreises. Vielleicht ist dies nur in meinem Umfeld so. Doch trotz ordentlichem Medienkonsums kennt kaum einer der Nicht-Digitalirren diese Angebote. Das ist verständlich, denn viel berichtet wurde aus meiner Sicht nicht über die beiden. Woran liegt das? Vielleicht, weil sie keinen neuen Finanzierungsweg gehen? Über Krautreporter und Correctiv wurde viel berichtet. Doch beide Redaktionen versuchen wirtschaftlich andere Wege zu gehen als die Online-Angebote der Verlage: Krautreporter setzt auf Crowdfunding und pure Abos, Correctiv auf das Stiftungsmodell.  Ist das die Erklärung?

Und bräuchten jene neuen Angebote nicht ohnehin etwas anderes als Berichte auf Medienseiten? Ich glaube, es wäre solchen Neulingen viel mehr geholfen, würden sie im Rahmen von Pressestimmen und Berichterstattung genauso zitiert und verlinkt wie “FAZ” oder “Spiegel”. Somit entstünde eben der Eindruck eines neuen Namens, der auf Augenhöhe mit den Platzhirschen arbeitet.

Mir ist es jedenfalls ein Rätsel, weshalb zwei journalistisch hochwertig gemachte Angebote so sehr unter der allgemeinen Wahrnehmung liegen, wenn gleichzeitig so viel über den Medienwandel geschrieben wird.

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Die Zeit, die Lochis und die Facebooks Fan-Filterblase

by Thomas Knüwer on 17. Juli 2015

Es ist eine hübsche Idee der “Zeit”. Das Videoformat “Zeitraffer” zeigt interessante Menschen bei einer “Zeit”-Blattkritik. Nach Kabarettist Florian Schröder dürfen sich aktuell die Youtube-Brüder “Die Lochis” versuchen.

lochis zeit

Auch das: gute Idee. Die Lochis haben rund 1,5 Millionen Abonnenten auf Youtube, sind aber noch nicht so medienpräsent wie LeFloid oder Dagibee – was möglicherweise auch ihrem jungen Alter geschuldet ist. Was die beiden für “Die Zeit” abliefern ist nicht die Neuerfindung des Videos, hat aber hübsche Momente wie:

“Ohne Bayern wäre Bastian Schweinsteiger nicht da, wo er heute ist… Bei Manchester United.”

Hier das gesamte Video:

 

“Schalt das mal aus, wir müssen jetzt das ZEIT-Video drehen.” – Diese Woche im ZEITraffer: Die YouTuber DieLochis kommentieren die aktuelle Ausgabe

Posted by DIE ZEIT on Thursday, July 16, 2015

So weit, so prima. Wenn da nicht die Facebook-Freunde der Wochenzeitung wären. Die finden dieses Video weitestgehend unansprechend und greifen zu einem offensiven Wortschatz, den man gemeinhin eher Freunden boulevardistischerer Medien zuschreiben würde. Zum Beispiel (alle im Original):

“für mich verliert die “zeit” durch den sicherlich werbewirksamen auftritt dieser beiden bubis an seriösität, sorry”

“Wer oder was sind denn diese beiden pickligen 14 Jährigen Bravoabonnenten die aus versehen die falsche Zeitung in die Hand bekommen haben?”

“warum postet die ZEIT diesen pickligen Nonsense? Diese Jungs benutzen unser Wochenmagazin maximal zum Abwischen ihrer Sekrete. Ich habe vorhin im Park einen Igel laufen sehen, der hatte ähnlich viel zum Thema zu sagen. *fremdschäm*”

“Ich gehöre sonst nicht zu denen, die elitäres Bürgertum propagieren, aber mit diesen Gestalten ist keine Politik zu machen.”

“unlustig….. so Anzeige ist raus”

Hätte “Die Zeit” also besser jemand anders genommen? Nein. Nur ist sie in einen Zwiespalt gelaufen, der viele Facebook-Markenseiten prägt – und der vielleicht unauflösbar sein könnte. [click to continue…]


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Angela Merkel auf einem neuen, widerlichen Tiefpunkt

by Thomas Knüwer on 16. Juli 2015

Gestern Nacht packte mich Wut. Wut beim Betrachten dieses Videos:

Da fällt das Leben eines jungen Mädchens in ein Loch. Sie bricht in Tränen aus. Und woran denkt Angela Merkel? Dass dieses Mädchen weint, weil es auf seine Außendarstellung bedacht ist, auf die Rolle, die es in Rahmen einer Fernsehsendung spielen soll.

Widerwärtig ist ein Wort, das nicht stark genug ist für diese Reaktion. Wie weit von dem, was wir Menschlichkeit nennen, muss man sein, wie verblendet, wie elfenbeintürmig?

Gern jammern Politiker, dass sie es so schwer haben. Dass man sie nicht so hart kritisieren soll. Dass ihre Arbeit so hart sei und das ganze Leben auffresse.

Warum sollen wir Bürger den “Volksvertretern” mehr Empathie entgegen bringen, wenn die Kanzlerin ein Flüchtlingsmädchen tröstet wie Heidi Klum eine gescheiterte GNTM-Kandidatin?

Diese Kanzlerin ist eine Schande für ihr Amt und für die deutsche Gesellschaft.

Nachtrag: Und natürlich geht es immer noch ekliger, als man denkt. Auf ihrer Pseudo-Kommunikationsplattform “Gut leben” berichten die Presseschergen der Kanzlerin nämlich über die Begegnung. Und wie toll die war. Zitat:

“Vor lauter Aufregung musste das Mädchen schließlich weinen und wischte ihre Tränen mit einem Taschentuch weg. Angela Merkel ging auf die Schülerin zu und tröstete sie mit den Worten: “Du hast das ganz toll gemacht”. Daraufhin gab es großen Applaus für die junge Libanesin.”

Die Libanesin? Hier muss gelogen werden, denn Libanesen haben es schwerer, Asyl zu bekommen. Im Gegensatz zu Palästinensern. Nur: Das Mädchen ist Palästinenserin, die über den Libanon geflüchtet ist.

Und weiter:

“Nach rund 90 Minuten endete eine lebhafte Diskussion. Alle Teilnehmer applaudierten einander und gingen mit vielen Anregungen nach Hause.”

Alle applaudierten. Vielleicht bis auf das Mädchen mit der Angst, dass ihr Leben bald in Trümmern liegt und die zur Beruhigung der Öffentlichkeit ihrer Nationalität beraubt wird.. Wie fühlt man sich als Regierungskommentator, wenn man so etwas schreibt. Mein Verdacht: Man fühlt sich braun.

Nachtrag II: Die Presseleute der Nonempathin lesen anscheinend Twitter und Blogs:

Nachtrag III: “Handelsblatt” und “FAZ” versuchen sich in Merkel-Klitterung und springen der Kanzlerin im Shitstorm bei. Behauptung: Wenn man sich die gesamte Sendung ansieht, gibt es vorher schon ein Gespräch mit dem Mädchen. Wer das sehe, für den ändere sich die Sicht auf die Dinge. Allein: Das stimmt nicht. Es macht die Sache nur noch schlimmer, weil wir mehr von ihrem Schicksal erfahren. Aber immerhin verdienen sich die Redaktionen Fleißsternchen in der Presseabteilung der Regierung. Das gesamte Video gibt es unter diesem Link zu sehen. 

 

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LeFloid trifft die Kanzlerin – kein einziges Mal

by Thomas Knüwer on 14. Juli 2015

“Für mich ist die Ehe das Zusammenleben zwischen Mann und Frau.”

“Absolut.”

lefloid merkel

Nichts beschreibt das Interview von Angela Merkel mit dem Youtuber LeFloid (im Analogen Florian Mundt) besser als dieser Wortwechsel. Wäre LeFloid wenigstens krachend gescheitert. Doch das ist er nicht, er ist lautlos-langweilig gescheitert. LeFloid hat Angela Merkel getroffen, aber er hat sie nicht getroffen. Kein. Einziges. Mal.

Mancher mag das nun achselzuckend hinnehmen, da ist eben ein Youtuber in die PR-Falle gelaufen und hat sich instrumentalisieren lassen. Was soll’s?

Doch im medialen Gesamtkontext wird dieses Gespräch sowohl den Ruf wie auch die Bedeutung von Youtubern (und auch Bloggern) in Deutschland maßgeblich prägen – und leider wohl auch schädigen.

Vor dem Interview war eine erstaunliche Stille in den einschlägigen Blogs zu beobachten. Ich glaube, so mancher dachte, was ich auch dachte: Wenn ein Youtuber solch ein Projekt hinbekommt, dann LeFloid. Schließlich hat er geschafft, woran das öffentlich-rechtliche System seit Jahrzehnten scheitert: eine Nachrichtensendung zu produzieren, die junge Menschen erreicht. Dort ist er reflektiert, aggressiv und doch in seiner Wortwahl intelligent, gern kritisiert er auch Medien-Fehlleistungen. Das Schweigen vieler Blogs im Vorfeld deute ich auch als gewisse Furcht, das Projekt im Vorfeld zu schädigen.

Das zeigt, welche Hoffnungen auf LeFloid lagen – und vielleicht war es auch unmöglich, diesen gerecht zu werden. Was mich aber doch ärgert, ist die Naivität, mit der er in die PR-Maschinerie der Bundesregierung gelaufen ist und wie wenig er versucht hat, Regeln zu brechen. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Mundt ist nicht jung und naiv. Er ist 27. Das ist in den Zeiten der Bologna-Reform ein Alter, in dem ein Journalist im Extremfall schon ein paar Jahre im Job unterwegs ist. Es muss die Frage erlaubt sein, ob er selbst sich zu wenig Gedanken gemacht hat. Hat er vielleicht erfahrenere Interviewer gefragt, wie man das Projekt angehen könnte? Sich mit vertrauten Medienkundigen beraten?

Wir wissen es nicht. Was wir wissen: Schon das Ambiente war die Einleitung zum Scheitern. [click to continue…]

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Privat halte ich mich eher mit den Internet zurück

by Thomas Knüwer on 13. Juli 2015

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiteten in der Marketingabteilung eines Unternehmens und wären dabei, eine Werbeagentur zu suchen. Es stellt sich ein möglicher Dienstleister vor und der Kreativchef sagt: “Ach, privat blende ich Werbung eigentlich aus.”

IMG_9146Oder stellen Sie sich vor, ein Modedesigner erklärte: “Privat ist mir eigentlich egal, was ich anziehe. Ich geh halt zu Takko und kaufe, was gerade rumliegt.”

Auch der Chefkoch ist ein gutes Beispiel, der in einem gehobenen Restaurant arbeitet, nochalant aber einwirft: “In meiner Freizeit achte ich nicht so sehr darauf, was ich esse. Frittenbude oder McDonald’s reichen.”

An diesen drei Personen würden Sie vermutlich zweifeln. Dass ein Liegenschaftsbeamter sich in seiner freien Zeit nicht in Akten und Registern suhlt – klar. Doch gibt es eben Berufe, bei denen wir ein gewisses Maß an Leidenschaft erwarten (dürfen), ein Augenoffenhalten, ein Mitdenken und -fühlen. Der Art Director sollte sehen, welche Trends es in der Werbung gibt; der Designer Lust auf Mode ausstrahlen; von einem Koch hegen wir ab einem gewissen Niveau die Erwartung, dass er selbst Wert auf ordentliches Essen legt.

Deshalb schlägt mein Kopf auf die Tischkante, wenn der Digitalverantwortliche eines Unternehmens öffentlich erklärt: “Privat mach ich nicht so viel im Internet.” Das passiert erschreckenderweise nicht gerade selten. Erst heute, bei den Digital Marketing Days in Berlin, ließ eine Unternehmensvertreterin diesen Satz fallen.

Der Tonfall kann dabei variieren. Einerseits gibt es die Lapidaren, andererseits die Demonstrativen. Bei den Lapidaren wirkt die Aussage wie eine Absage an die eigene Digitalkarriere. Ja, sie machen da jetzt was mit Online, aber das ist nur eine Durchgangsstation. So wie jemand, der für drei, vier Jahre in die Auslandsvertretung in China wechselt ja auch nicht China lieben muss. Der schickt seine Kinder auf die internationale Schule, verbringt die Freizeit mit anderen Expatriats auf dem Golfplatz und geht lieber ins italienische Restaurant des Top-Hotels als auf den Nachtmarkt. Entsprechend wird China zwar seinen Lebenslauf zieren, niemals aber sein Herz erreichen. Das heißt nicht, dass seine Arbeit schlecht ist – aber mehr als Mittelmaß ist von den Lapidaren nicht zu erwarten.

Die Demonstrativen sind da schlimmer. Bei ihnen ist eine Emotion im Spiel: Verachtung. Das ganze Internetzeugs ist nicht für sie, die Elite; es ist für das gemeine Volk, auch bekannt unter dem Begriff “Konsumenten”. Die Demonstrativen halten diese Bevölkerungsschicht für leicht zu manipulierendes Kaufvolk, das man nur lang genug mit Werbung, getargetet über Big Data, penetrieren muss, bis es kauft.

Egal zu welcher Gruppe ein Privatmachichnichtsovieldigitaler gehört: Ich behaupte, dass Zweifel an seiner Kompetenz angebracht sind. Zum einen, weil wir hier weiterhin über ein sich schnell entwickelndes Feld sprechen.

“Entspannen sie sich, so langsam wie heute wird die Welt nie wieder sein”, sagte Twitters Deutschland Chef Thomas de Buhr heute sehr schön anlässlich der Digital Marketing Days. Wer in solch einer Welt das Steuer in der Hand behalten möchte, muss auf dem Laufenden bleiben. Für Digital in einem Unternehmen verantwortlich sein ist kein Neun-bis-Fünf-Job. Solch eine Stellung erfordert Leidenschaft und Bereitschaft zum Experiment.

Solche Experimente in einem Unternehmen zu realisieren, erfordert Budgets und Freiheiten. Doch wie soll auch nur eines von beidem zur Verfügung stehen, wenn der Verantwortliche nonchalant das Dienstliche vom Privaten trennt? Denn sollte der Vorgesetzte des Digitalen eher analog unterwegs sein – und das ist der Normalzustand in Deutschland –, bekommt er eine wunderbare Ausrede geliefert, die Budgets in klassischere Felder zu verschieben: Wenn schon sein Digitaler in der Freizeit nichts mit Internet oder Social zu tun haben möchte – dann wird es bei den Verbrauchern kaum anders sein. Tschüss, Digital-Budget.

Es ist für mich nicht verständlich, wieso Digital Manager, diese Äußerung von der Analogie des Privaten von sich geben. Schämen sollten sie sich dafür. Natürlich müssen sie nicht wie mit Tour de France-Mitteln gedopt durch die Gegend kommunizieren. Aber: Eine leicht überdurchschnittliche Nutzung digitaler Dienste sollte auch im Privaten erwartbar sein. Schließlich müssen sie Leidenschaft mitbringen für ein weiterhin rasant nach vorn preschendes Feld, für die vielleicht spannendste Aufgabe, die es derzeit in Unternehmen gibt.

Stattdessen glauben sie, es gehöre zum guten Ton, sich vom eigenen Arbeitsfeld zu distanzieren. Doch dies ist weder für den Arbeitgeber förderlich – noch für die Karriere. Denn die Digitalisierung wird nicht wieder weggehen. Und wenn es gilt, den nächsten Digital Manager oder Chief Digital Officer zu finden, wird in der Stellenbeschreibung kaum stehen: “Sollte privat eher weniger digitale Technologie nutzen.”

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