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Ich gebe auf.

Ich kann nicht mehr.

Es reicht.

Gabor Steingart hat gewonnen – ich halte meinen Neujahrsvorsatz nicht durch.

Zum Jahreswechsel hatte ich mir, ohne dies zu veröffentlichen, ein Ziel gesetzt: ein halbes Jahr lang Gabor Steingarts „Morning Briefing“ auf den Prüfstand stellen, um zu sehen, wie nah er an seinem Markenversprechen „100% Journalismus. Keine Märchen“ liegt.

Und Neujahrsvorsätze sind für mich ja eine ernste Sache, dieses Blog ist vor 15 Jahren auch mal aus einem entstanden.

Doch warum Steingart?

Das kam so: Eigentlich hatte ich seinen Newsletter entabonniert, denn überdrehte Meinungskolumnen langweilen mich. Andererseits arbeiten bei Media Pioneer (oder „The Pioneer“ – der Name ist anscheinen irgendwie diffus geregelt) einige Personen, die ich fachlich wie menschlich sehr schätze. Und die strahlen eine Aufbruchstimmung aus, die ich in klassischen Medienhäusern dringend vermisse. Also bestellte ich den Newsletter doch wieder.

Doch dann, Mitte Dezember, klingelte meine alte Berufsdeformationsstimme. Wenn man Journalist war oder ist, kann es passieren, dass beim Lesen einer Passage eine Stimme im Hinterkopf sehr laut mault „Njaaaaaaobdaaaasjetztsostümmmmt?“. Meine Erfahrung ist, dass diese Stimme in der Mehrzahl aller Fälle richtig liegt.

Am 13. Dezember hörte ich mehr als Njaaaaaaobdaaaasjetztsostümmmmt.

Ich hörte AREYOUFUCKINGKIDDINGME???

Denn in Steingarts Newsletter las ich anlässlich der britischen Wahl dies:

Nun ist England meine emotionale Zweitheimat, London ist die Stadt, in der ich am liebsten leben würde. Und deshalb weiß ich: Die Nation, die „Stiff Upper Lipp“ zur Lebenseinstellung erhoben hat, ist vieles – aber nicht optimistisch.
Und dann war da noch das:
Ja, aber ist das nicht logisch? Das Königreich ist deutlich kleiner als der EU-Raum – also ist es nur logisch, dass die Handelsbilanz nicht ausgeglichen ist.
Nachtrag vom 27.5.: Ich wurde von Kommentatoren darauf hingewiesen, dass diese Passage nicht ganz korrekt und missverständlich ist. Deshalb die Anmerkung: Natürlich hat nicht jedes kleinere Land  eine unausgeglichene Handelsbilanz mit einem spezifischen Handelspartner. Es kommt auch auf die Struktur an. Hier ist bei Großbritannien zu berücksichtigen, dass das Land kein klassisches Exportland ist. Außerdem lebt es maßgeblich vom Servicesektor – in Gestalt von Finanzdienstleistungen. Doch natürlich werden diese auch durch den Brexit betroffen. Eine Erörterung zur Bedeutung der britisch-europäischen Handelsbeziehungen finden Sie hinter in diesem sehr interessanten PDF von Backer McKenzie. Fun Fact: Den wertmäßig größte Sektor bei UK-Exporten in die EU bestreitet die Autoindustrie. 
Und ein Blick auf die größten Exportpartner Großbritanniens ließ mich erst recht an der These von der mangelnden Verlustangst zweifeln:
War diese verschobene Darstellung ein Zufall? In den folgenden Tagen klingelte die Berufsdeformation fast täglich. Und deshalb lautete mein Neujahrsvorsatz:
Ein halbes Jahr würde ich Gabor Steingart ohne übergroßen Einsatz nachrecherchieren. 

Und das sollte so gehen:

  • Jeden Tag – soweit es Arbeit oder Urlaub zulassen – wollte ich den Newsletter lesen.
  • Wenn die Deformation klingelt, würde ich mir 5 handgestoppte Minuten geben, den Fakt zu recherchieren.
  • Und immer, wenn Steingarts Text sich als Unschärfe oder Falschheit herausstellte, würde ich dies notierten.

Sagen wir es höflich: Ich hatte schon bessere Ideen.

Schon im Februar zeichnete sich ab, dass aus diesem Vorsatz der mit Abstandabstandabstand längste Artikel in der Geschichte von Indiskretion Ehrensache werden könnte. Dass er dies nicht geworden ist, liegt an der Technik: Es ist so viel Material zusammengekommen, dass mein WordPress-System hier kollabierte. ich war gezwungen, das Projekt auf mehrere Artikel zu verteilen.

Doch sechs Monate kann ich nicht durchhalten. Weniger aus zeitlichen Gründen, tatsächlich erfordert das Nachrecherchieren meist deutlich weniger als 5 Minuten. Nein, es ist meine persönliche Psychohygiene, die mich das Projekt nach vier Monaten abbrechen lässt.

Ich möchte einfach nicht mehr jeden Abend (meistens erfolgte der Newsletter-Check zum Ende meines Arbeitstages) so agitiert heimkehren wie ein linksradikaler Student der 68er Generation unter dem Einfluss sehr schlechter Drogen. Das Ausmaß an Verdrehungen, Fehlern und Unhöflichkeiten, die Steingart produziert ist für mich schlicht unerträglich.

Aber Vorsatz ist Vorsatz, so ist das eben, da müssen wir jetzt alle durch. Also, ich muss da durch, Sie können ja aussteigen.

Folgen Sie mir in den Januar, in dem sich zeigt, dass Zahlen nicht die Stärke von Gabor Steingart sind. 

Alle Folgen des Projektes:


Kommentare


Sanddrn 26. Mai 2020 um 15:11

» Das Königreich ist deutlich kleiner als der EU-Raum – also ist es nur logisch, dass die Handelsbilanz nicht ausgeglichen ist.

Nicht wirklich, oder? Danach müsste ja jedes Land X eine negative Bilanz mit z.B. der EU minus Land X haben

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Thomas Knüwer 26. Mai 2020 um 15:27

Das ist ein Umkehrschluss, der nicht zwangsläufig gegeben ist.

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Max Zimmerer 26. Mai 2020 um 16:26

Sorry, das ist ein Denkfehler. Auch kleine Länder können gegenüber großen Ländern einen Exportüberschuss haben. Exportüberschuss heißt doch nur, dass ich mehr Waren verkaufe als kaufe. Dies ist nicht abhängig von der Größe. Deutschland, Japan und China haben ggü den meisten Ländern (inkl. USA und EU) einen Exportüberschuss.

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Thomas Knüwer 26. Mai 2020 um 17:55

Das ist natürlich richtig. Allerdings ist England nicht gerade bekannt für spezifische Exportprodukte. Dies hätte ich vielleicht schärfer formulieren müssen.

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P B 26. Mai 2020 um 21:33

Nein, dass das "logisch" sei, ist wirklich nicht richtig in Ihrem Artikel, nicht nur unscharf. Es sollte dringend im Text klargestellt werden. Was Steingart hier unterstellt, ist, dass Großbritannien wegfallende EU-Exporte weniger ausmachten, bloß weil die wegfallenden EU-Importe ggf. noch größer sind… PS zu Ihrem Kommentar: Handels- ist nicht gleich Leistungs/Exportbilanz; zB für Finanzdienstleistungen wäre UK ja bekannt.

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Tim 26. Mai 2020 um 21:14

Der Satz mit der Handelsbilanz ist mir auch als erstes aufgefallen. Es ist eben <i>nicht</i> "logisch", dass kleine Länder ein Handelsbilanzdefizit mit größeren haben.

Gerade bei Großbritannien ist die Handelsbilanz außerdem weniger aussagekräftig als die Leistungsbilanz, da das Land ja traditionell stark bei Dienstleistungen ist. Selbst die Leistungsbilanz ist aber kein guter Indikator der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Ansonsten müsste man ja aus den aktuellen Daten folgern, dass GB seit Anfang 2019 einer goldenen Zeit entgegengeht:
https://de.tradingeconomics.com/united-kingdom/current-account

Steingart bietet bestimmt keinen tollen Journalismus, aber die Argumente in diesem Artikel finde ich nicht besonders bestechend.

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Thomas Knüwer 27. Mai 2020 um 9:38

@Tim: Dabei sollte aber angemerkt werden, dass Großbritanniens Servicebilanz durch Finanzdienstleistungen massiv verzerrt wird.

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Tim 27. Mai 2020 um 10:32

Nein, nicht verzerrt – bestimmt.
Deutschlands Handelsbilanz wird auch nicht durch die Automobilindustrie "verzerrt".

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Thomas Knüwer 27. Mai 2020 um 10:39

@Tim: Jein. Denn während Umsätze der Automobilindustrie vor auch positive Wirkungen auf andere Branchen haben, bleibt die Wertschöpfung der Finanzindustrie zu einem großen Teil in der Finanzindustrie.

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Andre 26. Mai 2020 um 21:50

"Das Königreich ist deutlich kleiner als der EU-Raum – also ist es nur logisch, dass die Handelsbilanz nicht ausgeglichen ist."

Das ist Blödsinn.

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Orkan 27. Mai 2020 um 8:54

Sorry, aber Handelsbilanzüberschüsse haben nichts mit der Größe eines Staates zu tun. Das ist schlicht falsch. Wenn Du mit einem Finger auf andere zeigst, bedenke, dass gleichzeitig drei Finger auf Dich zurückzeigen.

Aber hey, Erfolg zieht viele Neider an. Kopf hoch Knüwi, vielleicht klappt bei Dir auch irgendwann der große Durchbruch!

PS: „Digitalberater“ ohne mobil optimierte Seite, die das Lesen mit Smartphone leider erheblich erschwert, ist ein Witz. Jetzt mal ehrlich Digga: „Mobile First“ sollte jmd der eine Digitalberatung betreibt und über Digitalmarketing schreibt, kein Fremdwort sein.

Antworten

Thomas Knüwer 27. Mai 2020 um 9:40

@Orkan: Natürlich haben Handelsbilanzüberschüsse auch etwas mit der Größe des Staates zu tun. Und mit seiner Struktur. Fun Fact: Der wertmäßig größte Sektor im britisch-europäischen Handel ist die Autoindustrie, maßgeblich also Vauxhall.

Was die Seite betrifft: Die ist eigentlich mobiloptimiert. Allerdings ist angesichts der Menge von Screenshots und Bildern diese Funktion bei diesen Artikeln kollabiert. Ich hätte komplett alles nochmal machen müssen – sorry, mache ich nicht.

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Orkan 27. Mai 2020 um 11:11

Okay, fair enough. Trotzdem würde ich es optimieren – das ist leider schwierig via Mobile zu lesen mit dem horizontalen Scrollen 🙁

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Ben 28. Mai 2020 um 12:18

Fun fact: grösster Autohersteller in UK ist Nissan. Danach kommt wahrscheinlich Toyota und dann Opel-Vauxhall

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Philip Engstrand 27. Mai 2020 um 9:25

Aus dem Klassiker von Tom Schimmeck, aus der Taz vom 17.9.2005: "Seine Lässigkeit Sir Steingart ist ein moderner Journalist. Er, sagen die Kenner, hat politisch Carte blanche von Chefredakteur Aust, sorgt forsch dafür, dass der Spiegel heute dem neuen Mainstream vorantrötet und die letzten kulturpessimistischen Bedenkenträger endlich aus ihren Löchern treibt, all diese altlinken Multikultisozialromantiker, Gewerkschafter und andere „Gutmenschen“. Steingart hat geholfen, den Spiegel, das einst so stolze „Sturmgeschütz der Demokratie“, umzurüsten zur Spritzpistole der Angela Merkel."

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Thomas Hofmann 27. Mai 2020 um 11:39

Hallo,
ich fand das jetzt mal gut.
Allerdings war ich etwas irritiert durch:
"so agitiert heimkehren wie ein linksradikaler Student der 68er Generation unter dem Einfluss sehr schlechter Drogen."
D.h. er schreibt in diese Richtung? Ich kenne den nicht, deswegen überraschte mich die Aussage im Zusammenhang mit den in diesem Post genannten Aussagen. Muss ich wohl nochmal lesen.
Schönen Tag

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Thomas Knüwer 27. Mai 2020 um 12:19

@Thomas Hofmann: Nein, damit beschrieb ich meine persönliche Gefühlslage nach dem täglichen Faktencheck. 😉

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Admina 27. Mai 2020 um 11:41

Sehr schönes Projekt wie es einst Niggemeier mit dem BILDBlog inszenierte. Der Abbruch nach 4 Monaten ist verständlich aber "Feigheit vor dem Feind". ;))
Wir, die wir diverse Watchblogs oder Wikis führen, wühlen uns teilweise jahrelang durch die Steingarts dieser medialen Welt.

Antworten

Thomas Knüwer 27. Mai 2020 um 12:20

@Admina: Ach, dieses Blog soll nicht monothematisch werden – und unser Podcast-Projekt Völlerei & Leberschmerz erfordert ja auch ein wenig Einsatz. 😉

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