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In diesen Tagen, da die CDU entdeckt, dass dieses Interwebs noch immer nicht abgeschaltet, bald (bald in politischer Zeitrechnung) Wahlkampf ist, darf man sich durchaus Sorgen machen. Sorgen, dass aus den plakativen Twittereien einiger Christdemokraten und der eher merkwürdigen Youtube-Aktion der Kanzlerin tatsächlich die Idee entspringt Netzpolitik zu machen. Das an sich wäre ja gut – wenn die nötige Kompetenz vorhanden wäre. Das aber ist im weitesten Teil der Partei zu bezweifeln.

Vielleicht aber könnte jener kleine Teil der Partei ja Nachhilfearbeit leisten, zum Beispiel mit einem verfrühten Weihnachtsgeschenk. Ich würde da ein Buch vorschlagen, es handelt sich um das neue Werk des geschätzten Jeff Jarvis und es heißt „Public Parts“.

Sollte jemand Jeff noch nicht kennen: Er ist Professor für Journalismus an der City University zu New York, schreibt das empfehlenswerte Blog Buzzmachine und berät Medienhäuser. 2009 erschien sein Buch „What would Google do?„, in dem er den Suchkonzern als Denkvorbild für zahlreiche Branchen empfahl.

Nun aber treibt ihn das Thema Privatsphäre vs. Öffentlichkeit um. Und wie es seine Art ist, schreibt er fundiert, meinungsfreudig und voller Leidenschaft. Jarvis spannt den Bogen von Gutenbergs Druckerpresse bis zum Verpixelungsrecht beim Anblick von Googles Streetview-Autos. Dabei bestreitet er nie das Recht auf Privatsphäre. Doch er stellt die berechtigte Frage: Wo sind die Advokaten, die für das Recht eintreten, meine Daten, meine Meinung, meine Bilder zu veröffentlichen? Es ist jene Abwägung, die im Rahmen der hysterischen Datenschutzdebatte rund um den nordischen Datenschützer Thilo Weichert nie eine Rolle spielt.

Das weiß auch Jarvis, der unter anderem eine Podiumsdiskussion mit ihm und Weichert schildert. Gerade Deutschland gibt ihm ein gutes Exempel für die Einseitigkeit der Diskussion in diesem Feld.

Auffällig ist, dass „Public Parts“ erheblich besser geschrieben und komponiert ist als „What would Google do?“ Letzteres empfand ich stilistisch als stellenweise sperrig, gerade nach hinten hinaus war es mehr Arbeit denn freudvolle Lektüre. „Public Parts“ dagegen strotzt vor Kraft. Es macht Spaß, kitzelt das Hirn, treibt das Thema.

Weshalb es hiermit nicht nur CDU-Politikern empfohlen sei – sondern allen, die sich Gedanken machen über den Wandel unserer Gesellschaft in der digitalen Zeit.


Kommentare


Lupenrein Basta 18. November 2011 um 12:52

Wenn ich Gewerkschaft, Partei oder Presse oder Demokratie-Organisation wäre, würde ich der Parteibasis von Konkurrenz-Parteien die emanzipierte Basis-Demokratisierung ermöglichen.
Eine App wo jeder (auch anonym) demokratisch legal Tweetcussen kann. Früher hiess das Point-based aber heute kennt ja jeder Twitter. Man muss also alles logisch zerlegen und einzelne Sätze mindmapmäßig organsieren.
„Staat muss schlanker werden“ „Staat muss effizienter werden“
und dann voten die Parteimitglieder. ++,+,-,–,?,+/- per Fernsteuerung am TV in der Polit-Talkschow oder von zu Hause beim Lesen des Transkriptes vom parteitag oder halt einfach so wenn Wiskussionen anliegen. Ein mindmapmäßiges Parteiprogramm für die basis zum voten und gegenargumente und gegenvorschläge bringen.
„Wir geben 100 Milliarden für Leistungsgeschützte Ebooks aus“ „Lizenzfreie Bücher von vor der russischen Revolution Elektronifizieren und jedes Hartz4-Kind mit kostenlosen Schulbüchern versorgen““Alte DDR-Schulbücher in Lizenzbesitz bringen und elektronifizieren“ Schulminister haben kein InteresseÜber die Nachilfe gehenSo nützlich machen, das Lehrer es von sich aus im Unterricht nutzen.
Unschöne Vorschläge kann man als Gruppe „unterdrücken“ indem man dagegen stimmt oder sie „meldet“ und sie dann gar nicht erst Anhänger um sich zusammenscharen können. Dann sehen 99.99999% diesen Unfug gar nicht erst.
Die beliebtesten Vorschläge sieht man gleich als erstes. Dann weiss die Parteispitze Bescheid und muss ihre Vorschläge besser verkaufen oder sich evolutionär anpassen.

Trivial und einfach. Dank Twitter versteht es jetzt auch jeder bzw. kann keinen technophoben Verhinderer-Unfug von sich geben.
Sowas könnten gewisse zerstrittene Parteien problemlos demokratischer machen.
Programmierung: Trivial. Leider hat die FSF keine Demokratie-Projekte für z.B. Syrien um die Oppositon sich z.B. darüber organisieren zu lassen.

Die FDP-Basis-Abstimmung hat letzte Woche „endlich“ die Briefe rausgeschickt. Da sieht man mal, wie schnell Probleme in Deutschland von der leistungsfähigsten und wirtschaftlichsten Elite-Leistungs-Träger-Partei gelöst werden. Mit so einer App (und Web natürlich auch) wäre die Abstimmung längst gelaufen bzw. es würde vielleicht über 2-5 Punkte separat abgestimmt weil die Internet-Appstimmung diese Punkte herauskristallisierte. Gleiches für Tarif-Streiks. Da kann man abends dann als Tarif-Arbeiter abstimmen welche Punkte man akzeptiert und welche nicht. Da gibts dann auch keine Fälschungen oder Fake-Accounts wie sonst bei Internet-Abstimmungen.
Auf Parteitagen wäre das auch der Bringer für die Delegierten. Es soll Parteien geben, wo die Delegierten Angst vor Kritik und nachträglicher Verfolgung (z.b. wegen Männer- und Alkohol-Geschichten) haben und Diskussionen unüblich sind, weil lupenrein Top-Down-Basta der Anführer genau weiss, was die Delegierten zu tun haben. Aber natürlich nicht hier sondern in bösen Diktaturen.
(Auch Anonym) legal konstruktiv demokratisch nutzbare Appstimm-Apps würden das Regeln. Ratz fatz.
Es müssten Delegierte oder Basis auch ohne Partei-Vorgabe sich auf diese Weise zusammenfinden können so wie Fußballspieler die Probleme Trainerfrei beim Abendessen oder Spieler-Meeting regeln. Leider gibts Wave von Google nicht mehr. Damit wäre das gegangen.

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Lupenrein Basta 18. November 2011 um 13:15

Sorry. Da wurden ‚(–‚ und ‚–)‘ mit Spitzen Klammern wegoptimiert. Das macht die Beispiele mit den „…“(– Gegenvorschlag –)“…“ Argumentationsketten leider unverständlich 🙁

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hilti 18. November 2011 um 23:29

Doch er stellt die berechtigte Frage: Wo sind die Advokaten, die für das Recht eintreten, meine Daten, meine Meinung, meine Bilder zu veröffentlichen?

Wozu sollten denn solche Advokaten notwendig sein. Ich kann doch meine Daten und meine Bilder bzw. Bilder von mir veröffentlichen wie ich lustig bin. Da hindert mich keiner dran.

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Eigentlich gibt es sie schon, die Zukunft des Journalismus « … Kaffee bei mir? 25. November 2011 um 11:03

[…] zuletzt ist Deutschlands allgemeines Desinteresse an medial zukunftsweisenden Entwicklungen ein Hemmnis. Die digitale Inkompetenz der politischen Klasse sorgt mit dafür, daß Interviews mit ihren […]

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Walter Isaacson: „Steve Jobs“ 27. Dezember 2011 um 12:06

[…] “Life” von Keith Richards, David Kirkpatricks “Der Facebook-Effekt” und “Public Parts” von Jeff Jarvis war es nun die Steve-Jobs-Biographie von Steve […]

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