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„Adieu,“ sagteder Fuchs in „Der kleine Prinz“: „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“

So verhält es sich auch mit dem Internet irgendwie. Es gibt das sichtbare Web und das unsichtbare. Das sichtbare ist jener Part, der leicht zu erreichen ist. Wir geben ein Wort in Google ein und schon filtert die Suchmaschine unseren Blick auf die digitale Welt.

Doch es gibt noch einen anderen Kontinent, der verborgen liegt, unerreichbar für das schnell suchende Auge. Das sind zum Beispiel jene Daten in Social Networks, die nicht freigegeben sind. Und erst recht die Kommunikation, die sich dahinter verbirgt. Wir nehmen sie nur als Masse wahr, als anonyme Zahl von Lesern, als Schwarm der sich auf eine andere Seite bewegt wie Mücken, die vom Licht angezogen werden. Das Individuum ist egal, allein die Größe des Schwarms zählt.

Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen„, heißt es in „Der kleine Prinz“: „Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen Sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am Meisten? Sammelt er Schmetterlinge?

Sie fragen euch. Wie alt ist er? Wieviel Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater?

Dann erst glauben sie ihn zu kennen.

Die großen Leute sind in diesem Fall die Verleger.

Sie sehen allein Google News als angeblichen Inhaltedieb. Weil Google News leicht erreichbar ist. Weil der Dienst Masse ausstrahlt und von der Masse lebt. Kaum vorstellbar, dass es noch jemand gibt, der tatsächlich größer ist. Der davon lebt, dass einzelne Menschen das gleich tun wie Google News: Kleine Ausschnitte mit Links versehen und Menschen darauf hinweisen, dass es einem Ort interessante Informationen gibt.

Dieser Ort heißt zum Beispiel Facebook. Und wie der Marktforschungsdienst Hitwise nun ermittelte ist Facebook viel bedeutender als Nachrichtendrehscheibe denn Google News – zumindest in den USA. Dabei ist das Grundprinzip gleich: Man nimmt Auszüge aus einem Artikel, zum Beispiel die Überschrift, und vermittelt so indirekt Leser an Nachrichtenseiten. Wenn Google News ein Inhaltedieb ist, dann sind viele, viele Facebook-Nutzer dies auch. Denn es macht keinen Unterschied, ob eine Kopie automatisch oder von Hand gefertigt wird. Doch diese Menschen, diese Inhaltediebe, müssen die Artikel doch vorher lesen, um sie empfehlen zu können. Und mit einem Mal sind die Leser einer Nachrichtenseite deren Feind .

Das begreifen viele Medienhäuser nicht. Weil sie nur sehen, was sie auf einen flüchtigen Blick erhaschen. Weil sie zu wenig aktiv sind in jenem weniger öffentlichen Teil des Netzes. Und weil sie immer weniger Freunde haben. Oder wie es in „Der kleine Prinz“ heißt:

„Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.“


Kommentare


Christoph Kappes 4. Februar 2010 um 16:35

Die Menschen haben vor allem keine Zeit oder Lust mehr, sich Fakten anzusehen.
Google News hat nach Nielsen Netratungs in 12/2009 einen Marktanteil von 0,7% in deren News-Segment. G+J hat 8%.
Darueber kann man jetzt noch ein bisschen diskutieren, aber da empfehle ich lieber „Puh der Bär“. Auch sehr lesenswert.

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Lioman 4. Februar 2010 um 16:51

Schön geschrieben. Danke! Die Prinz-Textpassagen erinnern mich daran es mal wieder zu lesen. Wie viel Weisheit doch in dem kleinen Büchlein steckt

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Ellen Petersen 4. Februar 2010 um 17:21

Ein wunderbares Stück und eine treffende Analyse. Stark!

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matze 4. Februar 2010 um 21:06

naja, es ist schon ein unterschied, ob nun google-robots oder „echte menschen“ die artikel lesen. zum beispiel generieren die echten leser im gegensatz zum roboter werbeerlöse. es ist halt einfach etwas anderes – auch gefühlt – wenn sich ein mensch einen artikel anguckt und weiterempfiehlt als wenn dies eine maschine macht…

die verlage sollten natürlich trotzdem aufhören, gegen google zu schießen, das ist klar.

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Thomas Christopher 5. Februar 2010 um 0:26

der erste vergleich mit charakteren aus einem buch zum content-verlage-internet-thema – es gelingt! ^^

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acidblog » Lesefutter, die elfte 7. Februar 2010 um 21:37

[…] Das Wesentliche ist für die Verleger unsichtbar Herr Knüwer hat wieder was schönes zum Medienwandel geschrieben. […]

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annabanana 9. Februar 2010 um 0:05

Schöner Artikel und ein tolles Buch – voller Lebensweisheiten, vielfältig anzuwenden, wie man hier sieht. Hab grad vor zwei Wochen ein neues Exemplar vom Kleinen Prinzen gekauft 🙂
Gute Idee, der Vergleich!

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