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Zwischen Zeitungen und Zeitschriften verläuft Konkurrenzdenken oft genau umgekehrt zum Wirtschaftsleben.

Heute mittag war ich mit einem Bekannten essen, der ein Projekt leitet, das hier nicht weiter genannt sei. Es ist kein weltumspannendes Projekt, sondern eine kleine feine Sache von bundeslandweiter Bedeutung – aber eben derzeit nur in einem Bundesland.

Kürzlich berichtete der "Spiegel" über das Projekt. Nun möchte man meinen, wenn der "Spiegel" ein Thema hatte, dann ist es tot, für Monate würde niemand anders darüber berichten. Denn so läuft doch das, was wir Positionierung nennen, in der Wirtschaft. Ist eine Marktlücke schon gestopft, halte ich mich von ihr fern, es sei denn, ich kann was besseres bieten. Im Journalismus gibt es da eine alte Weisheit: "Wenn Du nicht besser bist, sei schneller. Wenn Du nicht schneller bist, sei besser."

Nun ist der Spiegel sicherlich nicht das Maß ALLER Dinge, aber stilistisch doch schon ziemlich weit vorne. Trotzdem hat der Artikel in jenem Magazin nicht bewirkt, dass weitere Berichterstattung über das Projekt abstirbt – im Gegenteil. Aufgrund des Artikels rufen selbst bundesweit tätige Redaktionen an und wollen ebenfalls berichten. Sogar ein Regionalstudio eines in jenem Bundesland ansässigen Senders meldet sich, erklärt, das Projekt sei ja schon lange bekannt – aber bisher hätte man das Thema in der Bundesredaktion nicht verkaufen können. Doch jetzt, wo der "Spiegel" darüber schreibt…

Vielleicht sollte ich hier mal eine Reihe aufmachen, mit vergessenen Begriffen, die einst den Redaktionsalltag dominierten.
Teil 1: Alleinstellungsmerkmal.


Kommentare


Michael Backes 4. März 2005 um 16:29

Ich dachte immer, das sei inzwischen gängige Praxis. So gab es in meiner Firma ein Projekt, über welches der Focus (nein, ich würde Focus nie ernsthaft mit Spiegel vergleichen, aber es geht ja um die Sache…) berichtete. Vorher hats keinen interessiert, doch nachdem der Artikel erschienen war hätten wir eine Pressestelle einrichten können.

Dumm war nur: Der Focus-Redakteur führte das Interview zu diesem Artikel mit mir im Juli. Erschienen ist der Artikel dann in einer Dezember-Ausgabe. Bis dahin hatten wir das Projekt längst eingestellt…. Das hat aber weder den Focus von der Veröffentlichung, noch die anderen Redaktionen vom Hinterherlaufen ernsthaft abhalten können.

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korfstroem 4. März 2005 um 18:23

Weshalb so bescheiden. Auch das Handelsblatt gehört zu den Meinungsführern am Markt und wird von anderen Medien gerne zum Vorbild genommen.

Die Theorie der Marktpositionierung reizt zur Diskussion. Denn auch in der Wirtschaft hat der Entrepreneur es schwer. Um wieviel einfacher ist es, als Nachahmer auf den Markt zu treten. Das „Besetztzeichen“ der entsetzten Marktteilnehmer stört die Eindringlinge kaum. Die schöpferischen Unternehmer im schumpeterschen Sinne sind selten. Viel zu groß erscheint das Risiko des Markteintritts in unbekannte Gefilde. Ein neues Produkt muß entwickelt werden, die Nachfrage getestet, die Markteinführung bestanden …
Auch Unternehmen haben einen Mainstream, dem sie gerne folgen. Als letzten Beleg muß man sich nur die Beratermoden anschauen.

korfstroem

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Udo Vetter 4. März 2005 um 22:45

Wenn man gute Geschichten hat – zum Beispiel aus dem juristischen Bereich – läuft die (Verwertungs-)Kette andersrum eigentlich besser. Fange mit einem Tipp an die Lokalzeitung an. Am Tag des Berichts melden sich der Landesrundfunk und die Regionalstudios der privaten Sender, vielleicht auch die NRW-Redaktion einer überregionalen Zeitung. Und wenn das Thema wirklich interessant ist, kommen nach einer Schamfrist vielleicht auch Zeitschriften oder andere A-Medien.

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Marc 5. März 2005 um 12:04

Ist das erst heutzutage so? Ich dachte, dass schon früher fleissig voneinander „abgeschrieben“ wurde. Aber wer hat schon gemerkt, wenn die Kieler Nachrichten am Mittwoch „Mann beißt Hund“ meldeten und das Darmstädter Echo das erst am nächsten Montag erzählte. Durch Internet und sowas wie Google News wird jetzt halt offensichtlich.

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tknuewer 7. März 2005 um 11:12

In der Tat lief die Verwertungskette früher andersrum. Kleine Blätter machten eine Geschichte, mittelgroße griffen sie auf und schließlich die ganz großen. Ähnlich auch: Erst kamen die Fachmagazine, dann die Publikumspresse.
Heute geht es wie im beschriebenen Fall oft anders herum. Möglicherweise hängt das auch mit dem Thema Glaubwürdigkeit zusammen. Früher hat man auch den „Ottmarsbocholter Venn-Nachrichten“ geglaubt, heute eben nur noch den Riesen.

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