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Nicht die Schufa will Blogger ängstigen – die Geschichte ist viel lustiger

Eigentlich stand über diesem Artikel, die Schufa wolle Blogger ängstigen. Doch das stimmt nicht. Vielmehr ist das, was sich zugetragen hat, von noch viel höherem Unterhaltungswert, weshalb ich den Artikel maßgeblich überarbeitet habe. Dabei möchte ich hervorheben: Die Schufa hat mustergültig auf die Sache reagiert und sie vorbehaltlos aufgeklärt – eine absolut professionelle Arbeit der Kommunikationsabteilung.

Vor einigen Tagen erhielt ich eine Mail, über die ich mich erst wunderte, dann herzlich lachte und dann sehr ärgerte. Sie kam – scheinbar – von der Schufa. Hier der Text:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

Herr Vorname Nachname  lässt Ihnen durch uns mitteilen, dass folgendes zu seiner Kenntnis gelangt ist:“

Oder wie wir Onlinefreaks sagen: Er hat seinen Namen gegoogelt.

„Sie betreiben die Internetseite www.kpunktnull.de

Nun könnten wir natürlich über die korrekte Anrede sprechen, denn die Seite wird ja nicht von mir persönlich betrieben sondern von unserer Firma.

„Unter dem Link XXX“ (es folgt ein Link auf einen Artikel aus der Indiskretion anno 2007) „sind personenbezogene Daten von Herrn Vorname Nachname unberechtigt von Ihnen veröffentlicht worden. Es geht im Detail um die unberechtigte Veröffentlichung seines Namens, wozu Sie nie beauftragt wurden.“

Wir nennen es Journalismus. Dieser Artikel entstand in jener jungen Phase des Blogs, in der ich noch beim „Handelsblatt“ tätig war. In jener Welpenphase gab es mehr und deutlich kürzere Stücke. Der beanstandete Artikel bezieht sich skandalös zu nennende Geschehnisse bei einem deutschen Verlag, die zur Kündigung von Herrn Vorname Nachname führten. Allerdings habe ich selbst das nicht mal ansatzweise recherchiert. Jener Artikel enthält 349 Zeichen von mir und dann ein Zitat von 1.759 Zeichen aus einem deutschen Mediendienst – und in dieser Passage fällt der Name von Herrn Vorname Nachname.

Yep, dazu bin ich nie beauftragt worden von ihm, das ist schon richtig.

„Wir übermitteln Ihnen daher die Aufforderung von Herrn Vorname Nachname, seine Daten unverzüglich von Ihrer Internetseite zu entfernen, die Speicherung zu löschen und jegliche Verwendung und/oder Speicherung der Daten fortan zu unterlassen. Zudem fordert Herr Vorname Nachname Sie auf, darauf hinzuwirken, dass die Inhalte nicht mehr über die Cache-Funktion erreichbar sind.“

Sonst noch Wünsche? Hätte sich Herr Vorname Nachname gemeldet – wir hätten reden können. Hätte man der Mail ein Schreiben des Mediendienstes beigelegt, in der dieser die Meldung zurückzieht – kein Thema. Wäre die Mail eine Bitte in vernünftigem Ton gewesen – ganz ehrlich, so wichtig ist der Artikel nicht.

Doch in solch einem unverschämten Ton eines Massenanschreibens? Keine Chance. Das hätte ich dem scheinbaren Absender Schufa sogar selbst erklärt. Ging aber nicht:

„Hinweis: 
Bitte antworten Sie nicht auf diese Nachricht, da die Adresse nur zur Versendung von E-Mails eingerichtet ist. 
Mit freundlichen Grüßen 

Ihr Privatkunden Team 
der SCHUFA Holding AG“

Welche alternativen Kontaktoptionen in der Mail genannt werden? Sie erraten es: keine.

Dafür gibt es auch einen Grund, wie sich im Gespräch mit der Schufa herausstellte. Man war höchst überrascht ob der Mail und die Kommunikationsabteilung stieß bei der Recherche auf einen lustigen Sachverhalt.

Abgeschickt wurde das Schreiben nämlich vom Dienstleister A. Mit dem arbeitet die Schufa im Rahmen eines Angebots zusammen, das gegen Identitätsbetrug im Netz helfen soll. Entdeckt ein Nutzer irgendwo seine persönlichen Daten, kann er versuchen diese über das Angebot löschen zu lassen.

Doch offensichtlich hat mein Blog-Post ja nichts mit Identitätsbetrug zu tun. Doch jener Dienstleister arbeitet auch für mehrere große Versicherungen, die ein Produkt anbieten, dessen Seriösität ich anzweifeln möchte. Sie offerieren gegen Artikel im Netz anzugehen, die dem Kunden nicht gefallen.

Aufgrund menschlichen Versagens – so die Erklärung des Dienstleisters (setzen Sie hier die ironische Bemerkung ihres Vertrauens ein) – wurde nun die Mail, die mich erreichte, nicht vom Konto einer bekannten Versicherung abgeschickt, sondern von dem der Schufa.

Und jetzt kommt der Knaller: Jener Herr Vorname Nachname ist beruflich unter anderem tätig – in der Geschäftsführung jenes Dienstleisters A.

Ja, ich lachte auch.

Um das klar zu sagen: Wer glaubt, dass seine Versicherung – ein Gewerbe, das zu den analogsten der Republik gehört – der richtige Ansprechpartner ist, um Artikel zu tilgen, die einem nicht gefallen, der kauft auch Waschmaschinen an der Haustür weil der Vertreter auf der Fußmatte so einen gut aussehenden Anzug trägt.

Das Verschicken solcher Mail erinnert an Drückermethoden von Zeitschriftenabowerbern. Jener Branche, in der Herr VORNAME NACHNAME einst tätig war – bis ihn fragwürdige Machenschaften eines Dienstleisters den Job kosteten. Und genau um diesen Sachverhalt drehte es sich im beantandeten Artikel aus dem Jahr 2007. Diese Methoden also haben allein das Ziel, unabhängige Autoren zu ängstigen. Eine rechtliche Grundlage gibt es nicht, weshalb ich jedem rate erstmal genau zu überlegen, ob er auf ein solch unverschämtes Ansinnen eingehen möchte.

Noch viel schlimmer aber ist natürlich, dass namhafte Versicherungen ein solch halbseidenes Geschäftsmodell anbieten und damit einen saftigen Shitstorm riskieren.

Und wer tatsächlich Artikel über sich im Netz sieht, die objektiv falsch oder beleidigend sind, der sollte lieber andere Wege gehen. Entweder er kontaktiert den Betreiber der Web-Seite selbst und erklärt den Sachverhalt – oder er schaltet einen Anwalt ein. Doch selbst das wird nicht alles wegbekommen, denn natürlich gibt es auch jene unter Pseudonym geführten Verschwörungstheorie-Spacken, denen praktisch nicht (oder nur mit großem) Aufwand beizukommen.

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