„Und wie fühlt sich das jetzt an?“
Das hat mich in der vergangenen Woche jeder gefragt. Jeder. Also, jeder, der mich kannte.
Meist hab ich gesagt: „Frag mich das Donnerstag.“
Dann wäre sie vorbei, meine erste re:publica als Teil des Orga-Teams und nicht als Besucher oder Speaker, und die Fragenden hätten ihre Frage vergessen. Denn komisch hat sich das schon angefühlt, schwer in Worte zu packen war es, nachdem ich 18 Jahre lang jeden einzelnen Tag als Gast dabei war. Fast mulmig war mir bei der Abschlussveranstaltung: Zum ersten Mal beim gemeinsamen Singen der „Bohemian Raphsody“ nicht in den ersten Reihen im Block auf der rechten Saalhälfte, sondern oben, auf der Bühne.
Surreal.
Ganz bewusst habe ich mich in diesem Jahr weniger mit dem Programm beschäftigt, habe in der re:publica-App keine Sessions mit einem Herz versehen oder versucht, mir Zeitslots freizuhalten. Ich wusste, dass ohnehin keine Zeit dafür sein würde.
Stattdessen Treffen mit aktuellen und potenziellen Sponsoren, Gespräche mit Menschen, die Partner für rp-Satelliten in ihren Regionen sein könnten, Führungen über das Gelände – aber weiter zufällige Begegnungen. Manchmal konnten die hektisch werden. Eine Freundin der re:publica wusste, dass ich gern mal mit ihrem Chef sprechen würde. Was sie nicht wusste: Er war einen Tag vor Ort. Und so bekam ich eine Nachricht (danke!), dass er da sei und ad hoc gab es ein Treffen.
All das macht aus zwei Gründen tierisch Spaß.

Maren Urner auf der re:publica 2026. Foto: Anne Barth/re:publica
Da ist zum einen das Team. Sehr vielen, auch langjährigen re:publica-Gängern ist nicht bewusst, dass hinter den Tagen in Berlin eine erstaunlich kleine Truppe steht, die unaufgeregt und hoch professionell arbeitet. Noch immer umweht die re:publica etwas Handgemachtes, fast Improvisiertes. Tatsächlich arbeitet da eine Gruppe mit Herzblut und hohem Qualitätsanspruch an sich und ihre Arbeit daran, immer wieder neue Ideen zu entwickeln, damit Besucherinnen und Besucher eine gute Zeit haben.
Ein Beispiel: In den vergangenen zwei Jahren gab es bei der Umfrage im Anschluss an das Festival (die ist keine Höflichkeit: bitte füllt sie aus) den Wunsch nach mehr Sitzgelegenheiten. Statt die einfach

Neue Idee: Die Debattensäulensitzgelegenheiten.
Und überhaupt: Design. Immer gibt es auf dem Gelände Orte, die einfach schön sind. Diesmal waren es die Bühnen in besonderem Ausmaß. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht daran erinnern, seit dem Untergang der Konferenz Picnic in Amsterdam etwas derart Wundervolles gesehen zu haben (solche Ideen stammen von Set Designer Max Linnenschmidt im Einklang mit fertig design, nur, falls ihr mal Bedarf haben solltet).
Der Anspruch des re:publica-Teams zeigt sich genauso im Programm. Nicht nur die Sessions der eingeladenen und der beim Call for Particiption angenommenen Speakerinnen und Speaker werden vorbereitet, sondern auch die der Partner. Das ist der Grund, warum kaum wahrgenommen wird, dass es solche gesponserten Sessions überhaupt gibt – ihre Qualität passt sich nahtlos dem restlichen Programm an.

Auch das ist re:publica: Hier trifft sich seit Jahren die Maker-Szene. Foto: Stefanie Loos/re:publica
Der zweite Grund, warum es so viel Spaß macht: Die re:publica ist für mich eine Herzensangelegenheit. Wie ich schon mehrfach schrieb: Ich halte sie für einen jener Orte, die wir für den Erhalt einer freien und demokratischen Gesellschaft brauchen. Ich muss mich nicht verbiegen, um zu sagen: Alle demokratisch gesinnten Menschen gehören hierher, alle Institutionen und Unternehmen mit Purpose- oder Content-Ansätzen sollten Partner werden und alle klugen Menschen sollten sich beim Call for Participation bewerben. Die re:publica ist eine Plattform wie keine andere für alle Menschen, die unsere Welt besser machen wollen.

Digitalminister Karsten Wildberger brachte gute Laune auf die re:publica. Foto: Gregor Fischer/re:publica
Aber: Ich glaube, es gibt keine andere Veranstaltung, die seit ihrer ersten Ausgabe in den Medien derart verdreht dargestellt wird.
Derart vorhersehbar ist dies, dass ich schon zweimal Handreichungen für Berichterstatter schrieb. 2014 waren diese von Hand aggregiert aus Berichten der Vorjahre, 2023 war ich fauler und ließ ChatGPT etwas schreiben.
Jener KI-generierte Text liegt in seiner Tonalität so nah an dem, was in diesem Jahr manches sich selbst mit dem Mäntelchen der Qualität umhüllende Medium veröffentlichte, dass ich ein wenig kicherte. Erst recht, weil jene Medien sich selbst laut für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in den Redaktionen lobten.
Schon das Fehlen von Fleisch in der re:publica-Verpflegung, genderneutrale Toiletten oder ein Awareness Team destabilisieren ihre fragilen Seelen derart, dass man suizidale Tendenzen befürchten muss, sollte morgen früh keine Milch mehr im Kühlschrank sein oder das Wetter um zwei Grad von der Prognose ihrer Weather Pro-App (Free Version) abweichen.
Für ihre Texte müssen sie einiges verschweigen. Zum Beispiel, dass bei der re:publica nicht linke Spinner rumlaufen, sondern Menschen mit Interesse an der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Die meisten von ihnen sind jene Fachkräfte, deren Mangel gern beklagt wird.

Von Kritikern selten erwähnt: Sessions wie „Warum Mönche und Nonnen mit ihrer Botschaft im Netz so positiv punkten“. Foto: Stefanie Loos/re:publica
Und überhaupt ist „links“ ein gern gewählter Kampfbegriff. „Links“ und „Rechts“, das sind die Ränder des politischen Diskursraumes, Demokraten treffen sich im Feld zwischen „Konservativ“ und „Progressiv“. Und fragte man auf der Straße, ob eine Konferenz, die sich mit Digitalität, Innovationen und Zukunft beschäftigt eher progressiv oder eher konservativ sein sollte, wäre die Antwort vorhersehbar: progressiv.
Genau das ist die re:publica. Ihre Besucherinnen und Besucher, ihre Rednerinnen und Redner, alle jene Institutionen und Unternehmen, die sie unterstützen, sind sich in einem einig: Sie glauben, dass Fortschritt, der allen zugute kommt dafür sorgt, dass es allen besser geht. Das mag man naiv nennen, aber es ist nicht schräg, merkwürdig oder gar undemokratisch. Und vor allem ist es eine Lehre aus der Geschichte. Egal ob Galileos Welterklärung, die Bismarcksche Sozialgesetzgebung, Wahlrecht für Frauen, die Serienproduktion von Ford, das Penicilin oder das Internet: Sie alle entsprangen einem unkonservativen, progressiven Denken.
Und dieses Denken kapselt sich nicht ab. Die re:publica ist eine offenere und liberalere Plattform als alles, was ihre Kritiker*innen zu bieten haben: Da duelliert sich die Grüne Ricarda Lang mit CDU’ler Philipp Amthor, da trifft Familienministerin Karin Prien re:publicaner*innen zum Townhall-Gespräch, der schwedische Hightech-Konzern Hexagon erklärt, wie er mit Vermessungstechnik Biodiversität erhält und der Formel 1 hilft, ihre Regeln zu beachten.

Angela Merkel auf der re:publica 2026. Foto: Stefanie Loos/re:publica
Es ging auf den 23 Bühnen und Dutzenden von Ständen genauso um den Einfluss weiblicher Fans auf das Sportmarketing, die Rettung streunender Katzen, die Dokumentation von Kriegsverbrechen oder digitale Souveränität (übrigens ein Thema seit der allerersten re:publica, es hieß damals nur anders). Angela Merkel war da, Digitalminister Karsten Wildberger sammelte mit einem starken Auftritt Punkte, Joschka Fischer war auch zu Gast.
Und wie sieht ein CDU-Ministerpräsident das so?
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Die re:publica ist ein Ort, der Filterblasen zerplatzen lässt. Und sie ist für ganz viele auch ein Moment, in dem sie Hoffnung schöpfen, weil sie sehen, das Menschen etwas bewegen können.
Vielleicht ist das genau der Grund, warum jene Autoren das verfassen, was sie verfassen. Sie leben davon, dass ihre Leserinnen und Leser in einer Filterblase bleiben, denn es macht das Schreiben so viel einfacher. Wer nur in eine Richtung tippt, der muss weder nachdenken noch recherchieren.

Hatten wenig zu tun, destabilisierten Kritiker trotzdem emotional: zwei Mitglieder des Awareness-Teams. Foto: Gregor Fischer/re:publica
Noch schlimmer: Wenn die Zielgruppe Hoffnung hat, und nicht Angst. Denn, wie die Neurowissenschaftlerin Maren Urner auf der re:publica sagte: „Wer Hoffnung hat, hat keine Angst. Und wer Angst hat, hat keine Hoffnung.“ Das bedeutet auch, dass Menschen mit Hoffnung keine Angst machenden Schlagzeilen klicken, weshalb die re:publica eine Gefahr für die Arbeitsplätze Medien sind, die auf Clickbaiting, Horror-Schlagzeilen und die Destabilisierung der Demokratie setzen.
Denn die drei Tage in Berlin machen aus den Besucherinnen und Besuchern Hoffende – und Hoffnung steckt an, wie Urner sagte: „Wer Angst hat, verbreitet Angst. Das Gleiche gilt für die Hoffnung: Wer Hoffnung hat, verbreitet Hoffnung.“

Emotionaler Abschied: Nach 20 Jahren konzentieren sich die re:publica-Mitgründer*innen Tanja und Johnny Haeusler auf ihre Jugend-Digitalkonferenz Tincon. Foto: Stefanie Loos/re:publica
Die re:publica wird genau das weiter tun: Hoffnung verbreiten – und das eben nicht nur in Berlin. Als ich meinen Vertrag unterschrieb, waren etliche Entwicklungen nicht absehbar. Zum Beispiel, dass die Mitgründer*innen Tanja und Johnny Haeusler sich aus der operativen re:publica-Arbeit zurückziehen würden. Ohne sie wäre das Festival nie entstanden und ohne sie wären revolutionäre Entwicklungen wie eine Frauenquote auf und vor den Bühnen nur schwer möglich gewesen – Danke für alles.
Ebenso wenig erwartbar war der Wachstumskurs, den die re:publica einschlägt. Am 2. und 3. Oktober steigt die erste Ausgabe in Wien mit unserem Partner Moment.at. Die Resonanz dort ist donnernd, die Early Bird-Karten sind ausverkauft, bis zum 30. Juni läuft der Call for Participation.
Düsseldorf machen wir mal so richtig, wieder in Kooperation mit dem Musikfestival New Fall. Im vergangenen Jahr war das eine schnelle Aktion mit überwältigender Resonanz: Am zweiten Tag musste der Einlass geschlossen werden. Auch diesmal soll die re:publica x New Fall für alle kostenlos sein, der Call for Participation startet am 3. Juni.
Und dann ist da noch… Los Angeles. Vor der Pandemie ging die re:publica schon mehrfach auf Reisen, es ging in die USA, nach Ghana, Griechenland und Irland. Nun also ein Versuch in der Stadt der Bewegtbild-Träume als erstes Zehinswasserhalten und als Zeichen an all jene, die die USA eben noch nicht aufgegeben haben.
Und von diesen drei Stationen aus sehen wir dann mal weiter, was noch so kommen könnte (Ideen werden gern entgegen genommen). Denn wir haben Hoffnung und sind bereit, sie weiterzuverbreiten. Das Motte der re:publica 2026 lautete übrigens: „Never gonna give you up“.

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