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Twitter und die Blase in den Journalistenköpfen

Es ist wirklich schlimm mit dem Stellen- und Ressourcenabbau in deutschen Redaktionen. Kaum noch Zeit bleibt für sauberere und tiefe Recherchen oder das Nachdenken über Themen.

Wie düster die Lage ist, sehen wir heute und gestern: Da werden Artikelteile mit Copy und Paste aus dem Archiv gehoben und einfach nur Details verändert. Vielleicht waren die Texte ohnehin so verfasst worden, dass dies möglich sein könnte – denn es war absehbar, dass ein bewusstes Thema sich recyclen lassen würde.

Was ich meine? Den Twitter-Börsengang.

A little girl blowing bubbles with her grandmother.

Da lesen wir:

„Twitter weckt ungute Erinnerungen an die Dotcom-Blase um das Jahr 2000. Gab es da nicht auch viele Technologiefirmen, die mit gigantischen Absatzprognosen, ohne je einen Cent verdient zu haben und mit unklarem Geschäftsmodell an die Börse kamen und teuer bezahlt wurden?“ („FAZ“)

„Experten warnen vor Blase“ (automatisch auf Focus Online einlaufende DPA-Meldung, in der das Wort „Blase“ von einer Quelle allein auf die Twitter-Aktie angewendet wird)

„Die Fähigkeit, Einnahmen zu generieren, ist positiv. Trotzdem wecken die Verluste ungute Erinnerungen an die Dotcom-Blase am Ende des vergangenen und zu Beginn des laufenden Jahrhunderts. Schon damals waren Anleger bereit gewesen, hohe Preise für die Aktien von scheinbar innovativen und wachstumsträchtigen Unternehmen zu zahlen, obwohl diese weder klare Geschäftsmodelle hatten noch Profite abwarfen.“ („NZZ“)

„Das Casino ist wieder geöffnet…. Nach dem Platzen der Internet-Blase 2001 schien die Welt vernünftig geworden zu sein, doch nach Twitters fulminaten Börsengang wächst das Geld wieder auf den Bäumen.“ („Süddeutsche Zeitung“)

„Twitter und die nächste Tech-Blase… Twitter droht ein Börsen-Drama“ („Handelsblatt“, das allen Ernstes den für krudeste Thesen bekannten Ex-Aktienhändler Dirk Müller zum Börsenexperten erklärt und in einem anderen Artikel den IPO indirekt für Mietpreissteigerungen in San Francisco verantwortlich macht. In diesem Artikel wird zu Beginn auch die Aktion #thrownoutbytwitter erwähnt. Was nicht erwähnt wird: Es war eine überschaubare Menge von Demonstranten und von Tweets. Erstaunlicherweise wird aber ein Mietpreis erwähnt, der exakt so in einer gleichlautenden, aber weniger effektheischerischen Geschichte in AllthingsD auftaucht. Ist aber sicher ein Zufall.)

Erinnern wir uns zurück an den Mai vergangenen Jahres. Damals ging Facebook an die Börse. Was schrieben deutsche Medien da?

„Megagewinn oder neue Blase?“ (Tagesschau.de)

„Facebook und die Angst vor der Blase“ („Rheinische Post“)

„Die hohe Bewertung fachte die Diskussion wieder an, ob bei Facebook eine Blase droht wie zu den schlimmsten Dotcom-Zeiten.” („Welt“)

Und mein schon damaliger Favorit entpuppt sich auch im Nachhinein als fantastische Lachnummer aus den Hause N-TV: „Nach Facebook kommt: nichts“.

Eher selten macht sich ein Journalist in Deutschland mal die Mühe, diesen Börsengang tatsächlich zu analysieren (auch bei LinkedIn haben wir Vergleichbares gelesen). Die Daten sind ja alle da, es gibt den IPO-Prospekt, den könne redakteur sich ja mal anschauen. Und dann seinen Lesern auch noch mal kurz erklären, dass die Börse ein Markt ist, an dem sich die Erwartungen über die Zukunft abbilden.

Dies ist wichtig, weil Twitter in einem sehr viel früheren Stadium an die Börse geht als Facebook. Somit gibt es ebenso natürlich ein höheres Risiko – aber auch höhere Chancen. Denn Twitter könnte ein paar Jahre mehr als Facebook exponentiell wachsen – was eben die kurzzeitige Bewertung nach oben treibt. Zusätzlich lag die Umsatzrendite bei Facebook damals schon bei 50% – solch eine Spanne ist also möglich, die Wahrscheinlichkeit, dass sie steigen könnte, war aber gering. Fun Fact in den IPO-Unterlagen: Twitter will ein Ebitda von 30% erreichen. Nicht so übel.

Man könnte auch erwähnen, dass Twitter gerade erst mit der Monetarisierung begonnen hat und dann Studien über die Wirksamkeit der Werbung auf der Plattform diskutieren, wie diese hier (wobei es durchaus widerstrebende Ergebnisse über alle Studien hinweg gibt). Kleine Ego-Marketing-Maßnahme: Solche Studien finden Sie auch immer wieder in den „Links von Morgen“, die es an jedem Wochentagsmorgen auf der Homepage des Internet Magazins gibt. 

Im Gegenzug hat Twitter einen Kostenvorteil: Es muss keine Inhalte produzieren sondern eine Plattform betreiben in einer Zeit, in der Bandbreiten und Server immer günstiger werden.

Auch wichtig: Die Zahl der Twitter-Aktien, die an die Börse kamen, ist geringer als bei Facebook. Dies drückt natürlich gerade am Anfang den Preis massiv nach oben.

Viele dieser Punkte habe ich übrigens abgeschrieben vom Business Insider. Der tat das, was kein deutscher Wirtschaftsjournalist, der auf meine Radar auftauchte, getan hat – nachrechnen. Und er sieht einen fairen Preis von Twitter bei 30 Dollar. 

Natürlich ist Twitter eine hochriskante Aktien. Das ist so bei Wachstumsunternehmen, egal ob Digitaltechnologie oder Biotech. Doch fällt auf, wie schablonenhaft deutsche Medien über solch ein Thema schreiben. Noch vergangen Sonntag jammerte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, dass der Dax ständig steige, deutsche Anleger aber Aktien mieden. Warum wohl? Weil erklärender, nüchterner Börsenjournalismus die Ausnahme in diesem Land ist.

Stattdessen faseln wieder alle von einer Blase. Weil es einfach ist. Weil man die Textbausteine immer wieder kopieren kann.

Viele der Autoren und Kommentatoren waren nicht dabei, in jenen Zeiten der New Economy Blase. Andere scheinen sich nicht mehr recht zu erinnern. Deshalb als Gedächtnisstütze hier ein Artikel aus dem (wie ich finde täglich lesenswerter werdenden) The Atlantic. Auch der schreibt: „But let’s just be clear: This ain’t 1999.“

Als Beleg führt er das Buch „Pricing and Performance of Initial Public Offerings in the United States“ von Arvin Gosh an. Dieses enthält eine Tabelle der prozentualen Steigerungen von Börsenneulingen an ihrem ersten Tag:

ipo new economy

Ja, das waren noch Blasen. Und hier sehen wir eben nur einen Teil der Börsengänge des Jahres 1999. Nicht enthalten sind irrwitzige Kurssteigerungen von Firmen wie Red Hat, die ein Plus von 1.400 Prozent in einem halben Jahr verzeichnete.

Und heute? EINE extrem begehrte Aktie soll eine Blase sein? Wer das behauptet, war nicht dabei oder hat sich das Zwischenhirn in den Jahren danach weggesoffen.

Es ist halt einfach, das zu schreiben und ergibt eine schöne, aggressive Schlagzeile. An etwas anderem sind  zu viele deutsche Medien überhaupt nicht mehr interessiert, scheint es. Die Frage, wer nun – Neid ist auch eine ausgeprägte Berufsqualifikation in Redaktionen, scheint es – durch den Börsengang „reich wird“ scheint wichtiger als alles andere. Wer jedoch bei Google News nach „Twitter Haltefrist“ sucht, findet kein einziges Medium, dass diese erwähnt. Dass jener Reichtum nur auf dem Papier existiert, findet selten Beachung, immerhin werden die Reichen-Listen von „Forbes“ und „Manager Magazin“ auch zur Realität erklärt, obwohl sie wildeste Spekulation sind.  Es ist ja in Ordnung, dieses Thema auch zu machen – aber eben auch und nicht nur.

Immerhin, diese platte Berichterstattung ist ja effizient. Denn sie lässt sich im kommenden Jahr weiterverwenden. Dann nämlich, möchte ich wetten, werden Dropbox, Evernote und AirBnB an die Börse gehen. Das Blasengeschrei wird dann sicher noch einmal lauter werden, schließlich haben die Autoren von Twitter schon mal gehört – die nächsten Börsenkandidaten sind aber vielen deutschen Journalisten noch gar nicht begegnet. Doch wozu gibt es STRG+C und STRG+V?

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