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Wir atmen sensationsgeifernde Lust am Untergang. Wir hören den steigenden Puls und fühlen wie sich erhöhte Blutmengen durch die engen Äderchen journalistischer Wangen pressen.

Endlich.

Sie ist wieder da.

Die Dotcom-Blase.

LinkedIn, ein Social Network für Berufszwecke, ging gestern an die Börse und der Kurs endete nach zwei Handelstagen beim Doppelten des Ausgabepreises.

Blase. Aber so was von. Geht nicht anders.

Viele deutsche Journalisten, die sich des Themas heute annehmen, haben jene Begriff prägende Zeit zwischen 1998 und 2001 nicht beruflich miterlebt. Vielleicht ist das der Grund, warum sie jetzt so schreiben, wie sie schreiben: ahnungslos, platt vergleichend, nicht hinter die Kulissen schauend, deutsch.

Denn tatsächlich ist die Gemengelage komplizierter. Und dass nicht einmal Wirtschaftsmedien in der Lage sind, dies zu erläutern, finde ich erschreckend.

Natürlich sind Bewertungen für Web-Firmen derzeit extrem hoch, vielleicht gar überzogen. Dabei reden wir allerdings von den Bewertungen auf Zweithandelsmärkten (wie im Fall von Facebook) und von Wagniskapital-Investments. Diese lassen sich nicht völlig trennen möglichen Börsenbewertungen. Doch läuft die Preisfindung erheblich intransparenter und individueller ab als auf einem elektronisch getriebenen Aktienmarkt, der maßgeblich beeinflusst wird von automatisierten Kauf- und Verkaufsvorgängen.

Nun reden wir hier noch dazu von einem Börsengang. Solch ein IPO ist immer ein Spiel mit der Wahrheit. Denn einerseits möchte das Unternehmen einen möglichst hohen Ausgabekurs erzielen. Andererseits wäre es unschön, ginge der Kurs nach dem Börsengang direkt auf Talfahrt. Das Instrument, mit dem die beratenden Investment-Banken spielen, ist dann die Prognose. Sie muss so hoch sein, dass die Aktie interessant wird – aber niedrig genug, damit in den folgenden Quartalen verkündet werden kann: „LinkedIn hat die Erwartungen übertroffen.“

Nach diesen Zahlen müssen sich Analysten nach außen hin richten. Täten sie es nicht, würden sie in öffentlichen Äußerungen Zahlen kolportieren, die auf ihren subjektiven Annahmen und ihrem Fachwissen fußten – dann wären Klagen Tür und Tor geöffnet, liegen sie falsch.

Das Ventil dieses Konfliktes ist die „Whisper Number“. Dabei sammeln Infodienste und Journalisten anonymisiert Schätzungen bei Analysten ein. Und diese geflüsterten Erwartungen spiegeln oft sehr viel besser das tatsächliche Stimmungsbild einer Branche wider. Nur: Kein Analyst wird öffentlich dazu stehen.

Der Kurs von LinkedIn lässt sich nun möglicherweise mit genau diesen Erwartungen erklären, glaubt Business Insider. Henry Blodget, selbst Ex-Analyst, zieht den Vergleich mit Open Table. Der Restaurant-Reservierungsdienst (ganz nebenbei: ein toller Service) ist 2009 an die Börse gegangen. Seine Gewinn pro Aktie lag viermal so hoch wie prognostiziert. Nähme LinkedIn den gleichen Geschäftsverlauf, so wäre der Ausgabekurs von 45 Dollar eine fast schon konservative Bewertung für ein Technologie-Unternehmen.

Es gibt Gründe, dies anzunehmen. Denn Unternehmen rund um das Thema Jobs und Stellenanzeigen machen exzellente Geschäfte. Höchst spannend ist zum Beispiel Indeed.com. Wie es genau um die Jobsuchmaschine steht, wissen nur die Lenker und ihre Investoren. Doch jüngst schreib Indeed-Investor Fred Wilson, einer der Bekanntesten der Szene, das Startup sei eines seiner besten Pferde im Stall. Und in dem stehen auch Foursquare, Zynga und Twitter.

Übrigens gilt das auch für den deutschen Markt. Die Stellenbörse Monster Deutschland hat für 2009 bei 51 Millionen Euro Umsatz einen Jahresüberschuss von über 4 Millionen gemeldet. Oder natürlich Xing: 2010 setzten die Hamburger 53,5 Millionen Euro um, der Jahresüberschuss lag bei über 7 Millionen. Ein institutioneller Anleger hat auf Business Insider sogar mal aufgeschrieben, warum er 100 Dollar für LinkedIn für teuer hält – aber nicht für überzogen. Man muss seine Meinung nicht teilen – aber sie ist begründet.

Ist der aktuelle Kurs von LinkedIn also gerechtfertigt? Nein, aber so was von überhaupt gar nicht. LinkedIn ist ein spekulatives Technologieunternehmen (und übrigens nicht mal das erste Social-Media-Unternehmen an der Börse, wie Handelsblatt.com falsch schreibt). Es ist keine Aktie, die ich persönlich kaufen würde. Aber wegen dieses Börsengangs eine real existierende Blase zu fabulieren, die ernsthaft mit der Zeit 98 – 01 verglichen wird, ist unseriös. Allein schon, weil es sich um eine Aktie handelt. In Zahlen: 1. Eine lästige Mücke ist schließlich auch keine Insektenplage.

Es scheint, viele Berichterstatter werden von zittriger Übererregung ergriffen. Denn wenn wirklich wieder eine Blase platzt, vielleicht ist es dann bald vorbei mit dem Internet. Mit Google und Facebook und Twitter und Blogs. Und dann lesen die Menschen wieder Zeitungen und Zeitschrifen. Wie früher. Dann wäre alles wieder gut.


Kommentare


Friedrich Bolle 20. Mai 2011 um 12:32

“Thanks, God. Now give me the wisdom to sell before it’s too late.”

So sollte man auch handeln!

Siehe auch http://www.economist.com/node/18681576

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Ulrich Voß 20. Mai 2011 um 13:26

Zustimmung.

Es wird viel mit dem KGV argumentiert, was aber totaler Quark ist, weil LinkedIn gerade erst schwarze Zahlen erreicht hat. Allerdings ist das Kurs-Umsatz-Verhältnis von über 40 ebenfalls ambitioniert …

LinkedIn ist aber eben auch eine Firma, die deutlich wächst. Nicht mit 5% wie die Lufthansa, sondern mit 50% oder mehr über die nächsten Jahre. Dann ist das KUV 2012 dann 27, dann 18, 12 und 2015 8.

Da das Geschäftsmodell gut skaliert, kann man die Anzahl der Leute im Netzwerk, die verkauften Werbeseiten, etc. massiv steigern, ohne dass eine große Kostensteigerung eintritt. Margen von 20 oder 30% sind nicht unrealistisch.

Es gibt in dem Markt kaum Wettbewerb. Wenn sich ein soziales Netz einmal etabliert hat, bilden sich nicht so schnell weitere daneben. Die Leute bleiben LinkedIn (oder Xing in Deutschland) treu, wenn das Netzwerk nicht komplett pennt (wie MySpace) und durch einen viel besseren, flexibleren Konkurrenten wie Facebook erdrückt wird.

Kurz: Es gibt Gründe, warum diese „Dinger“ so viel wert sind.

Ansonsten zur Blase: Ja, ich nenne es auch so. Aber eine etwas differenzierte Betrachtung ist mir nicht fremd. Übrigens ist es komisch, dass bei dem Börsengang einer Elektroautofirma wie Tesla niemand von einer E-Auto-Bubble schreibt, bei dem Börsengang einer Internetfirma aber schon. Aber da kann man halt schön einfach in die Vergangenheit schauen und an die Bubble ein 2.0 dranhängen. Versteht der Journalist, versteht der Leser. So einfach ist es aber nicht.

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Kleine Presseschau vom 20. Mai 2011 | Die Börsenblogger 20. Mai 2011 um 14:02

[…] Indiskretion Ehrensache: Warum LinkedIns Börsengang keine Blase ist […]

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IPO macht oft nicht froh 20. Mai 2011 um 20:24

Teilweise wird nicht eindeutig, z.B. wessen Prognosen gemeint sind. EigenPrognose z.B. im Bilanz-Ausblick oder Marktprognosen für Umsatz, Gewinn aber auch Flugmeilen, Betten-Auslastung, Umsatzrendite, Marktanteil, Werbe-Minuten, Werbe-Fläche usw. von Analysten.

Sein Profil pflegt man nicht gerne an mehreren Stellen, weil es Arbeit macht und lästig ist und die meisten Sites usability-mäßig armselig sind. Daher muss man solche Klientel am besten am Stück im Sack zu gigantischen Bewertungen einkaufen. M$, Google, Facebook oder halt Murdoch, AOL, American-Zeitschriften-Verband u.ä. kommen einem dafür mehr oder weniger in den Sinn.
Daher presst man auch nur ein paar wenige Prozent stimmberechtige Aktien auf den Markt damit sie dort einen Preis bilden, den der Aufkäufer dann den Besitzern der anderen 98%(oder wie viel auch immer) Aktien mit dickem Aufschlag bezahlen muss. Der Abschwung kommt ja vielleicht oder schon im nächsten Jahr (wieder nach dem Sommer ?). Dann ist es optisch besser, jetzt schon notiert zu sein und schnell noch „überteuert“ gekauft zu werden.
Kapitalerhöhungen gehen ja auch mit stimmlosen oder stimmschwächeren Aktien. Vielleicht sind die neuen Warren-Buffet-C-Aktien bzw. Blackrock-Bürger-Aktien stimmlos bzw. stimm-schwächer.

Davon abzugrenzen sind die Fun&Family&Freizeit-Social-Netzwerke wo man schnell Kuchenstücke rausschneiden/selber gründen kann, wie z.B. Foursquare zeigte oder twitter neben facebook existieren kann.
Auch normale Job-Börsen sind viel einstiegshürden-ärmer und dürfen nicht damit verwechselt werden und sollte das Harz4-Amt eigentlich schon lange (wirksam funktionierend) selbst betreiben. Die Bewerber sind arm und arbeitslos und haben Zeit genug, um auf allen Jobbörsen abzuchecken. Firmen hingegen testen ein paar Börsen und bleiben dann bei einer, die man aber auch schnell wechseln kann. Und seltenes Personal muss man ganz anders suchen oder halt nicht über Jobbörsen sondern z.B. xing/linkedin/facebook.

Wenn Facebook keine (rollenbasierte) funktionierende Segmentierung für die eigenen Daten für diverse Zielgruppen (Freunde, Familie, Schützenverein, Schrebergarten, Arbeitgeber, Kollegen, Geschäftspartner, Partnersuche/Dates…) schafft, wird man bei Facebook ein zweites Profil anlegen (was womöglich verboten ist) oder für Business-Krams bei Linked-In sein Profil pflegen. Oder man muss sein Profil bei Facebook auf eine Rolle zurechtschneiden was Konservatisten entgegen kommt und kritisches Engagement abwürgt, weil dieses (green-power, anti-akw, bürger-rechte, mindest-lohn4all,…) in den sauberen Vorzeigebürger-Profilen nicht vorkommen soll.

Wenn man notgedrungen durch EU-fizierung immer mehr im Job mit Ausländern zu tun hat (das war neutral gemeint), wird Xing u.U. immer uninteressanter. Selber schuld wenn man simples i18n nicht beherrscht. Übersetzer sind billig und sogar in den eigenen Reihen for free verfügbar. Die wollen ihre Profile ja auch auf türkisch oder ägyptisch exportieren und kennen die Begriffe also können die es auch selbst übersetzen wovon dann wieder alle anderen profitieren…

Gerade im TV: Von den 8 Mio verkauften Aktien wurden 30 Mio gehandelt (also auch mehrfach Besitzerwechsel aka Daytrader). Viele hätten auch schnell verkauft. Und noch was: Bei den China-Firmen-IPOs in USA waren wohl IPO-Verluste nicht unüblich. Das ist die andere Seite des IPOtums.

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Friedrich Bolle 20. Mai 2011 um 23:14

Hier noch ein paar Infos aus WSJ:

http://tinyurl.com/3gstxqw

http://tinyurl.com/3wtotqn

Und hier die nytimes:

http://tinyurl.com/3lr99gh

insbesondere auch der Vergleich zu open table:

>Indeed, the market value represents nearly 37 times last year’s sales. To get there with any kind of rationality, investors must think LinkedIn is a winner along the lines of the online restaurant reservation site OpenTable, which went public in May 2009 and is now worth more than four times its starting price. But even OpenTable’s $2.1 billion value is only 38 times its sales in 2008, before it went public. So it’s possible to argue that even for believers, LinkedIn’s stock price is two years ahead of itself. <

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Lesenswert: Xing, Dotcom-Blase, etsy, E-Books, Google, YouTube :: deutsche-startups.de 23. Mai 2011 um 10:04

[…] Dotcom-Blase Warum LinkedIns Börsengang keine Blase ist Wir atmen sensationsgeifernde Lust am Untergang. Wir hören den steigenden Puls und fühlen wie sich erhöhte Blutmengen durch die engen Äderchen journalistischer Wangen pressen. Endlich. Sie ist wieder da. Die Dotcom-Blase. LinkedIn, ein Social Network für Berufszwecke, ging gestern an die Börse und der Kurs endete nach zwei Handelstagen beim Doppelten des Ausgabepreises. Indiskretion Ehrensache […]

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Raoul 23. Mai 2011 um 11:21

Der wesentliche Unterschied zur Internet-Blase um die Jahrtausendwende ist der Umstand, dass die genannten Firmen zum einen schon Umsätze und schwarze Zahlen schreiben und die Marktsegemente seinerzeit zum Teil noch nicht besetzt waren oder sich noch kein Leader heruaskristallisiert hatten. Da war eben dann auch viel Try and Error dabei und die Hoffnung, diese Segmente mögen sich entwickeln und eine Cash-Cow generieren.
Da wurde eben in alles investiert, was eben nur lukrativ erschien und der damalige Neue Markt gab viele Beispiele derartiger Firmen. Letztendlich waren alle von der Gier ergriffen. Diese gibt es heute immer noch. Was ich allerdings nicht mehr sehe ist das vordergründig wahllose Investment in Start-Ups, deren Business-Modelle nicht zukunftsfähig sind.

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Fritz Iversen 23. Mai 2011 um 11:58

Dass es sich nur um 1 Aktie handelt, stimmt nicht ganz. Siehe z.B. hier:
http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/marktberichte/:boersengang-china-kracher-erobern-us-parkett/60054326.html
Der Unterschied ist eher, dass sich die Geschichte als Paraodie zu widerholen scheint. Und die Bläschen binnen Tagen zerplatzen.

Bei Linked-in ist der Kursexplosion im Übrigen nicht zufällig, sondern wurde durch systematische Verknappung der Angebotsseite planmäßig herbeigeführt. Kann man sehr gut hier nachlesen:
http://www.geldanlage-report.de/archiv/GAR-Update-210511.html

Es liegt ja offenkundig im Interesse der Emissionsbanken, mal wieder ein bisschen Internet-Stimmung zu machen. Die ganz dicken Dinger kommen ja erst … soll sich ja mal wieder richtig lohnen, das Investmentbanking.

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Friedrich Bolle 23. Mai 2011 um 21:19

nach allen seriösen Analysen von KGV über KUV bis hin zu EBITDA Margins hier die ultimative Bubble Analyse:

http://tinyurl.com/28pmnt

🙂

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Twitter und die Blasen in den Journalistenköpfen 8. November 2013 um 10:40

[…] ein Journalist in Deutschland mal die Mühe, diesen Börsengang tatsächlich zu analysieren (auch bei LinkedIn haben wir Vergleichbares gelesen). Die Daten sind ja alle da, es gibt den IPO-Prospekt, den könne redakteur sich ja mal […]

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