„Ich habe gehört, mit Thomas Knüwer zu diskutieren mache Spaß. Ich hatte keinen Spaß.“ Das sagte am Ende einer Diskussion im November 2009 Konstantin Neven DuMont, damals im Vorstand und auch Mitinhaber des Kölner Verlages DuMont, nach einer Diskussion beim Medienausschuss der DIHK.
An diese Debatte fühlte ich mich Ende vergangener Woche erinnert.
Hier im Blog schrieb ich damals zu dieser Debatte:
„Es ging heftig zur Sache, bewusst von mir auch so angestachelt. Dabei bewegten sich die Argumente der Gegenseite auf dem Niveau von „So sind halt Blogger -immer polemisch“ und „Wir werden unserer Inhalte beraubt“. Dieser Raub ist für die Verlage unumstößlich – eine Öffnung des Denkens scheint mir nach dieser Veranstaltung nicht zu erwarten zu sein…
Bemerkenswert auch die Haltung gegenüber Blogs: Sie hat sich leider seit dem Jahr 2005 nicht geändert. Das sind „die“ – die Blogger, die nur polemisieren und nicht recherchieren. Und „wir“ – die Herren des Qualitätsjournalismus. „Marktschreier im Netz“, sind Blogger für Konstantin Neven DuMont – ich hätte gedacht, wir wären endlich weiter. Wie verträgt sich das mit der fröhlich vorgetragenen Haltung von Peter Esser, Chef des Mittelbayerischen Verlags, sein Haus verfüge über 400 Bürgerjournalisten: „unsere freien Mitarbeiter“. Die bekämen unheimlich wenig Geld und verbrächten trotzdem ihre Abende bei Ratssitzungen & Co.? Und wie verträgt sich die klotzige Behauptung, man verdiene doch noch sattes Geld mit dem Krisenjammern?
Nach diesem Vormittag bin ich noch pessimistischer als zuvor, was die Zukunft der deutschen Zeitungsverlage. Den ersten von ihnen geht es dramatisch schlecht, alle leiden sie unter Auflageneinbruch und Anzeigenminus – doch kaum jemand ist bereit so dramatisch umzudenken, wie es die disruptive Technik Internet verlangen würde.
Das war kein Spaß, Herr DuMont? Es war eine Karnevalsveranstaltung gebenüber dem, was Sie in den kommenden Jahren erwarten wird.“
An diesen Nachmittag fühlte ich mich Ende vergangener Woche erinnert. Ich war beim Kommunikationskongress des Branchenverbands BdKom in Berlin. Es waren zwei gute Tage, ich begegnete immens vielen Menschen wieder, die ich lang nicht mehr gehen hatte, viele Vorträge waren von hörenswertem Niveau.
Ganz am Anfang aber, kroch melancholische Verzweiflung in mein Herz. „Medien neu gedacht: Wie sich Journalismus zwischen Briefings, Podcast und Plattform neu erfindet“, war ein Panel auf der großen Bühne überschrieben, auf der sich der von mir sehr geschätzte Sebastian Turner, Podcasterin Dagmar Rosenfeld und „Stern“-Chef Dr. Gregor Peter Schmitz trafen.
Was sie da sprachen, das hatte wenig von „neu gedacht“ aber sehr viel vom Vibe der Mittnuller-Jahre, nur, dass nicht mehr von Bloggern die Rede war, sondern von Podcastern und Influencern. Von letzteren kannte das Trio offensichtlich nur jene, die ihren intensiv gebuildeten Body in die Kamera halten – dass auf TikTok oder Instagram auch Wissenschaftlerinnen oder berufliche Fachleute ihre Expertise liefern, war anscheinend so wenig bekannt, wie in meiner 2009er Debatte innovative Plattformen wie Rivva.
Besonders Sebastian Turner, verzeihen Sie mir das Wort, kotzte sich aus. 90 Prozent aller Podcasts seien „Zeitverschwendung“ bei der „oberflächliche Leute einfach einen Scheiß raushauen.„
Das erinnert an die Beschimpfungen gegenüber Blogs. Auch damals galt, dass Menschen einfach etwas machen, weil sie Lust darauf haben – ein Gefühl, dass vielen Journalistinnen schon 2009 abhanden gekommen war. Und niemand musste das lesen, viele aber taten es. Ist es deshalb Journalismus? Nein. Es ist Unterhaltung. Genauso, wie es Unterhaltungsliteratur gibt, Unterhaltungsradio oder Unterhaltungsfernsehen.
Diese Beschimpfung macht es dem Beschimpfenden aber in einem Punkt sehr einfach: Er muss sich nicht mehr um den „Scheiß“ kümmern. Zum Beispiel um KI-generietere Auswürfe der Journalismus-Simulation Axel Springer. Würde er es, würde er oder sie erkennen, dass die eigene Leistung von den Rezipienten als nicht zufriedenstellend empfunden wird.
Rosenfeld lobte ihren Podcast „Machtwechsel“ zum Beispiel dafür, nicht auf „schnelle Kommentare“ zu setzen. So was muss man ja nur betonen, wenn der schnelle Kommentar der Alltag bei Verlagsmedien, denen man gerade entflohen.
Oder „Stern“-Chef Schmitz. Er lobte den deutschen Journalismus und das eigene Haus, das mit 400 Menschen in den Redaktionen „in die Tiefe“ gehe. Im gleichen Moment sah die Startseite von Stern.de so aus:

Das ist die Tiefe des „Stern“? Das ist die Qualität des deutschen Journalismus?
Dabei scheint Schmitz ganz kurz davor zu begreifen, dass seine Aussagen mit der Realität kollidieren: „Sie werden in allen deutschen Medien derzeit Artikel über Narzisten finden, weil wir wissen, dass die geklickt werden. Genauso über den Hauskauf der die Ehe ruiniert.“
Und nach einer Recherche über Kanzler Merz „bekamen wir das Feedback, wir seien Teil des Problems, weil wir immer alles runterschrieben.“
Früher war er beim „Spiegel“ sagte er, „da galt der Leser als notwendiges Übel“.
„Merkste selbst, ne?“, würde man im Internet sagen. Denn wenn einem vorgeworfen wird, Teil eines Problem zu sein, das aber wegignoriert – dann bekleidet der Leser den gleichen Status, wie einst (oder vielleicht noch immer) beim „Spiegel“.
Ja, es war eine rechte Zeitreise, dieses Panel, zurück in die Ära, als Jean-Remy von Matt Blogs als „Klowände des Internets“ beschimpfte, Thomas Leif vom Netzwerk Recherche rumwütete, und mich mein Ex-Arbeitgeber „Handelsblatt“ unter der Führung von Gabor Steingart zu solch einem Video inspirierte:
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Nach jenem Panel beim Kommunikationskongress beschleicht mich das traurige Gefühl, dass Deutschlands Medienverantwortliche in den vergangenen 20 Jahren nicht weitergekommen sind, ja, dass sie noch immer in ihrer eigenen Filterblase leben, in der sie die Hüter der Nachrichtenwelt sind und alles andere da draußen von fäkalesker Qualität.
Inkludiert ist dabei immer eine Publikumsbeschimpfung: Die Leute sind halt nicht schlau genug, ihre Zeit mit den Produkten der journalistischen Granden zu verbringen, die so wahnsinnig toller sind als das, was unabhängige Macher produzieren.
Ebenfalls auf dem Kommunikationskongress war Nils Minkmar, der vielleicht beste Politik-Feuilletonist der Republik. Gemeinsam mit Joachim Telgenbüscher lieferte er eine Live-Show des Geschichtspodcasts „Was bisher geschah“.
2024war Minkmar nominiert für den Goldenen Blogger. Damals schrieb er in seinem Newsletter „Der 7. Tag“ über die Verleihung:
„Ich… blickte ich in den fröhlichen, bunten Saal und fragte mich, warum all diese Kreativität, dieses Engagement und der schiere Übermut nie in traditionellen Medien abgebildet werden… Es ist politisch, aber keine Politik. Es ist laut und spannend und einfallsreich, aber eigentlich kein Feuilleton. Medien? Netzwelt? Man muss sich etwas überlegen: Die Medienwelt ist in einem tiefgreifenden Wandel und das sind die Boten ihrer neuen Gründerzeit.“
Es ist nur logisch, dass Minkmar nicht mehr bei einem Verlag angestellt ist.



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