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Hab ich es nicht gesagt?

Sorry, das ist zu niedrigschwellig, ich komm nochmal neu rein.

Told you so, suckers!

Ja.

Besser.

Als ich im Januar meine jährliche Trendprognose, die glaskugeligen Kaffeesatzlesereien, veröffentlichte, erntete ich auf verschienen Plattformen einige harsche Reaktionen. Unter anderem schrieb ich, dass Web3 nur ein hohles Buzzword sei, NFT und Kryptowährungen crashen würden und das Gerede um das Metaverse viel Lärm um wenig sei.

Tja.

Seitdem haben sich Kryptowährungen als das entpuppt was sie schon immer waren – Betrug. Unmittelbar damit verbunden ist das Schneeballsystem called NFT. Und selbst im – natürlich weiterhin beinlosen – Meta-Metaverse herrscht Depressionen triggernde Leere.

Nun schreibe ich die glaskugeligen Kaffeesatzlesereien ja seit 2010 und es gab Jahre, in denen ich richtig schief lag. Selten zuvor war ich mir so sicher wie bei diesen Themen.

Denn bei deren Beurteilung schrie ein Trendmonitor-Tool laut auf, nein es kreischte wie ein von der Sohle des Gegners touchierter Cristiano Ronaldo. Dieses Tool lautet: gesunder Menschenverstand.

Seine Rolle wird bei der Einordnung von Entwicklungen in bemerkenswerten Umfang ausgeblendet. Dabei hilft sein Einsatz dabei, Fehler im Storytelling der Propheten neuer Technologien zu erkennen.

Nehmen wir nur selbstfahrende Autos und 5G. Einige Zeit propagierten selbst seriöse und unaufgeregte Medien wie mein Ex-Arbeitgeber „Handelsblatt“, dass autonomes Fahren nur mit dem Ausbau von 5G-Mobilfunk möglich sei. Auch Telekom-Chef Timotheus Höttges spann diese Mär, unterstützt von Angela „Neuland“ Merkel.

Es braucht nur eine Minute des Nachdenkens um zu erkennen, dass diese Behauptung Unfug ist. Mehr noch, dass niemals Autos zugelasen würden, die auf 5G angewiesen wären, um autonom unterwegs zu sein. Weshalb ich damals dieses Denkszenario entwarf:

„Sie sind in einem selbstfahrenden Auto unterwegs auf der A43 kurz vor Münster. Das Tempo ist hoch, denn eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt es dort nicht. Sie machen es sich gemütlich, lesen gerade auf ihrem Handy E-Mails oder sehen die tolle Amazon Prime-Serie „Homecoming“ mit Julia Roberts.

200 Meter von ihnen entfernt setzt zur gleichen Zeit der Besitzer eines alten Lanz Bulldog-Treckers sein Gefährt zurück, er will sich aufmachen zu einer Oldtimer-Show. Jener Lanz Bulldog fährt noch nicht autonom und ich brauche diese wilde Vorstellung nur, um die Folge des Zurücksetzens in die Geschichte einzubauen: Der Lanz erschüttert einen Mast, auf dem die lokale 5G-Funkantenne sitzt. Ob des Aufpralls stellt sie die Arbeit ein.

Was passiert nun mit Ihnen und ihrem selbststeuernden Gefährt, geneigte Lesende?

Klar, E-Mails kommen nicht mehr rein, Julia Roberts erstarrt zum Standbild.

Und das Auto?

Glaubt man Angela Merkel, Telekom-CEO Timotheus Höttges oder vielen, vielen Journalisten, dann müsste es entweder bei vollem Tempo quietschend in die Bremsen gehen oder sich auf den Seitenstreifen stellen.“

Um darauf zu kommen braucht man keine exorbitante Technikexpertise, keine Programmierkenntnisse und keine Schulung im Breitband-Ausbau. Es reicht: der gesunde Menschenverstand.

Genauso bei Flugtaxis.

Diese wurden und werden teilweise noch ernsthaft als künftiger Bestandteil des alltäglichen Verkehrs propagiert, entsprechende Startups sammelten reichlich Geld ein, unterstützt von der luftnummerigisten aller luftnummerigen DigitalpolitikerInnen, der CSU-Frau Doro Baer.

Die war zwar als Staatssekretärin für Digitalthemen abgeordert, lenkte aber vom vierweltlichen Breitbandausbau in ihrem Bereich damit ab, dass sie mal über Flugtaxis reden wollte. Was die mit Internet zu tun hatten? Ja, gut, ich sag mal so: nix.

Dass Flugtaxis aber ohnehin nie mehr sein werden als ein Spielzeug für Reiche, das sagt schon – der gesunde Menschenverstand.

Denn faktisch sind sie nichts anderes als kleine Hubschrauber. Die können ganz praktisch sein, doch benötigen sie immer mehr Platz um zu landen und zu starten als ein Taxi zum Parken. Schließlich gibt es ja diesen Real Life Bug namens Wind, der bei einem Fluggerät dafür sorgte, dass es nicht stahlbetonig in der Luft liegt, sondern schwankt. Außerdem haben Rotoren die hässliche Angewohnheit, Haare anzuziehen, weshalb sich nähernde Fluggäste vorsichtig sein müssen.

Wieviel Kilo so ein Mini-Heli oder Senkrechtstarter transportieren kann, hängt von seiner Stärke ab und die von den Rotoren. Möchte ich eine dreiköpfige Familie mit 2 Koffern von München City zum Flughafen transportieren, reichen die aktuellen Modelle schon nicht mehr – sie müssten größer sein und damit mehr oder größere Rotoren haben – womit beim Parken noch mehr Platz verloren geht. Und schließlich der Lärm: Selbst wenn die Motoren selbst kein Geräuch verursachen, sind Hubschrauber nicht leise. Der Lärm stammt von Rotoren, die Luft zerschneiden. Das ist der Grund, warum Bienen surren.

All das zusammen genommen erkennt man ohne das Absolvieren eines Luftfahrtingenieursstudium, dass die Einsatzmöglichkeiten dieser Flugtaxis extrem begrenzt sind. Allein der Begriff Taxis dürfte sich verbieten.

Das war vielen Redaktionen egal. Lilium und Volocopter durften relativ wenig hinterfragt ihre Heldengeschichten erzählen und damit Investorengelder einsammeln, teilweise sogar öffentliche Förderungen.

Auch bei Kryptowährungen hätte der gesunde Menschenverstand geholfen. Natürlich gibt es für sie Nischeneinsatzgebiete, zum Beispiel die schnelle Überweisung von Geldern über Kontinente hinweg.

Ansonsten aber reichen schon Grundkenntnisse der Volkswirtschaftslehre um zu erkennen, dass Systeme wie Bitcoin ganz abgesehen von ihrer Betrugsanfälligkeit nur funktionieren können, so lange es nicht zu größeren Abhebungen kommt. Wer noch ein wenig recherchiert erkennt dazu noch schnell, dass die angeblich dezentralisierte, neue Finanzwelt extremer zentralisiert ist, als die vorhandenen Systeme.

NFT sind als Besitzurkunden digitaler Kunst eine interessante Idee. Nur wer sich ungerecht behandelt fühlt, was macht der? Eigentlich müsste er den dahinter liegenden Code lesen können, er müsste die Wallet-Regeln genau kennen und ob das vor Gericht reicht, ist offen. Eigentlich benötigt er einen schriftlichen Vertrag – nur wozu dann noch das NFT? Deckungsgleiches gilt für das Vertragskonstrukt DAO.

Oder das Metaverse, das ja in seinen aktuellen Ausgestaltungen vor allem aus Virtual Reality besteht. Weite Teile des Tages eine Brille tragen, die einen von der Außenwelt abschirmt? Und das noch als berufliche Anwendung? Als Brillenträger kann ich nur den Kopf schütteln, denn bei mir muss man meine eigentliche Brille anschließend operativ aus der Haut entfernen, nachdem ich eine VR-Brille drüber hatte.

Richtig eintauchen in die digitale Welt können Nutzerinnen und Nutzer ja auch nicht. Denn sie können sich ja nicht bewegen, ansonsten treffen sie auf einen anderen Real-Life-Bug namens „Wand“. Weshalb die Bewegung im digitalen Raum mit Joysticks stattfindet.

Doch auch die Anwendungen sorgen bei Einschalten des gesunden Menschenverstandes sofort für Zweifel. Selbst Mark Zuckerberg fiel ja als Anwendung nur ein, bei Meetings seine Mails lesen zu können, während es im Metaverse aussieht, als konzentriere er sich auf die anderen Digitalanwesenden – Unhöflichkeit als Killerapplikation.

Natürlich gibt es für all diese Technologien Nischenanwendungen – aber eben auch nicht mehr. Und um das zu erkennen, braucht es nicht viel. Nur ein bisschen gesunden Menschenverstand.


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