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Vielleicht ist Christian Nienhaus Assekuranz-Fetischist. Oder er ist gerade auf der Suche nach einer neuen Auto- oder Krankenversicherung. Kann auch sein, dass ihn die Wendungen bei der Ergo interessieren, täglich passiert da ja neues. Kann auch sein, dass dies für einen anderen Vertreter seines Haushalts zutrifft. Oder jemand seinen Computer benutzt hat.

Und als der Geschäftsführer der Waz-Gruppe dann mal das Wort Europa in die Google-Such eingab – da listete die Suchmaschine die Europa-Versicherung ganz weit oben. Wegen angenommenen Assekuranz-Fetischismus.

Dies ist für Nienhaus, so sagte er heute auf dem Medienforum in Köln, ein deutliches Zeichen dafür, dass Google nicht neutral sei. Klar, wenn ein Unternehmen oben landet und nicht die EU – dann kann da was nicht mit rechten Dingen zu gehen.

Nun, gucken wir mal, was so rauskommt, wenn man „Europa“ googelt:

So ähnlich sieht es in allen Varianten aus. Ob mit Google-Account oder ohne, per Chrome, Firefox, Safari oder Rockmelt: Niemals landet Europa oben. Die einzige logische Erklärung wäre also, dass Nienhaus ein individualisiertes Suchergebnis erwähnte. Wahrscheinlich ist das nicht. Wahrscheinlich ist: Entweder hat ihm jemand diesen Unsinn in seine Rede geschrieben – oder er hat wissentlich gelogen.

Was in diesen Tagen vom Medienforum rüberklingt ist schockierend.

Mit über 40 muss man ja auf seinen Blutdruck achten, deshalb bin ich froh, nicht in Köln zu sein. Viele der Zitate, die über Twitter und Blogs und Videos aus Köln in die Welt schwappten, hätten auch 2007 so gesagt werden können.

Es gilt bittererweise zu konstatieren: Mediendeutschland macht keine Fortschritte im digitalen Zeitalter – es fällt in weiten Teil weiter zurück.

Das war auch bei jenem Streitgespräch zu beobachten, in dem Richard Gutjahr auf die Pauke haute. Er ist klug genug um zu wissen, was kommen würde, wenn er ein Bild aufbaut, das Medien-Verantwortliche mit nordafrikanischen Herrschern vergleicht (dankenswerterweise aufgezeichnet vom Pottblog – Audio und Transkript bei Was mit Medien):

Jürgen Doetz, Vorstand des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien VPRT, fiel auf die Provokation rein – und unterstellte der Re-Publica „faschistoide Tendenzen“. Indiskutabel – aber bezeichnend.

Denn tatsächlich ist die digitale Spaltung zwischen jenen, die das Internet und seine Verästelungen als selbstverständlich betrachten, und der Generation Web 0.0 stärker als je zuvor. Es gibt keine Fortschritte in Deutschland. Noch immer wird die Nutzung digitaler Technologie von den 0.0ern als merkwürdiges Hobby ohne Relevanz betrachtet.

Der geschätzte Christian Jakubetz hat dies sehr schön festgemacht am Begriff „Blogger“. Auch im Rahmen der Berichterstattung über Wired Deutschland hies es, ich sei Blogger. Das aber ist nicht mein Beruf, sondern mein Hobby. Logisch weitergedacht, dürfen wir demnächst lesen über Photoshoppisten, Wordiker und Ituner. Da klingt durch, dieses bloggen etwas außergewöhnliches ist – was es aber nicht ist.

Heute dann klagten mehrere Zeitungsverlage gegen die ARD-App-Aktivitäten. Das ist irgendwie verständlich, Verzweifelte handeln so, sehen sie keinen Ausweg mehr. Offensichtlich ist es nicht vorstellbar für die Zeitungsmanager, selbst eine App vorzulegen, die besser ist – und dann die Tagesschau-App zu marginalisieren.

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kündigte außerdem ein Medienförderprogramm an. Sie sagte: „Der Umgang mit dem ‚www‘ muss genau so sicher beherrscht werden wie der mit dem ABC oder dem ‚Einmaleins'“

Solch ein Satz im Jahr 2011 in der angeblichen Technologienation Deutschland. Unfassbar. Wer heute den Umgang mit dem WWW nicht sicher beherrscht, der ist nicht wettbewerbsfähig. Deutschland redet sich ein, dass alles gut ist. Weil ja die Wirtschaft boomt und die Arbeitslosenzahlen sinken. Dass die geschönt sind bis zum Anschlag und eigentlich weit höher liegen, dass mag niemand öffentlich sagen.

Tatsächlich ist Deutschland auf dem besten Weg sich aus dem digitalen Zeitalter zu verabschieden. Das Ende der Hoffnung auf Besserung ist nah. Wo soll die Hoffnung auch herkommen? Vor vier Jahren schrieb ich einen Text über die Generation Web 0.0. Und abgesehen von der Besetzung des Wirtschaftsministerpostens hat sich wenig geändert. Sicher: Irgendwann wird es besser. Dann wenn die NienhausPielDoetzen abtreten. Doch bis dahin werden sie viele Menschen ihren Job und viele Medieninstitutionen ihr Leben kosten.

Es ist erschütternd.


Kommentare


Die Nullmacher at Themenriff 22. Juni 2011 um 9:35

[…] wären sie ein Echo der vergangenen 10 Jahre. Inhaltlich ist kein Fortschritt zu erkennen. Thomas Knüwer schreibt gleich das ganze digitale Deutschland ab. Nichts besonderes, das macht er ja […]

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drake 22. Juni 2011 um 20:35

@ThomasKnüwerEndeHoffnungBesserung: WebZwei=Null? Zweifel an Social Media sind angebracht und (Selbst-) Kritik schadet nicht: Das Internet aber ist viel besser als sein Ruf, die alten Medien keineswegs verzichtbar und der oft vergebliche digitale ‚Tanz ums Goldene Kalb‘ (rentable Blogs, funktionierende Geschäftsmodelle) lenkt davon ab, dass auch die allerneuste Technik allein noch keinen geeigneten Content, Qualität hervorbringt.

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Ulrike Langer 23. Juni 2011 um 17:47

Herr Nienhaus ist mir neulich schon bei der Veranstaltung Zeitungszeit in Duisburg durch den Unsinn aufgefallen, den er von sich gab. Das Internet sei voll von Verschwörungstheorien zu einem angeblichen pazifischen Müllteppich. Sein Freund beim „Spiegel“ habe ihm aber gesagt, den gäbe es gar nicht, sei alles Erfindung. Ob er wohl weiß, dass ausgerechnet Zeitungen mit Berichten über den pazifischen Müllteppich schon Pulitzer-Preise gewonnen haben (Los Angeles Times und New York Times, letzere in Kooperation mit ProPublica)….?

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Von Medien, Macht und Medienmachern | primus inter pares 1. Juli 2011 um 12:21

[…] Dass diese zum Teil auch noch von Kollegen geäußert wird, die nicht einmal vor Ort waren (wie bei Indiskretion Ehrensache oder Videopunks), spricht für sich und macht es nicht wirklich besser. Kevin Slavin, CEO/Founder, […]

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