Heute Abend im Livestream: Das Digitale Quartett von der re:publica 2017 #rp17
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re:publica 2017: Wir stadtplanenden Tiefseeforscher #rp17

Was bleibt von einer Konferenz, nachdem die Teilnehmer abgereist sind?

Wissen (hoffentlich), klar.

Kontakte zu Menschen, die beruflich oder privat weiter eine gewisse Bedeutung besitzen. Und – im besseren Fall – noch Nachwirkungen von der Abschlussparty.

Von der re:publica dagegen bleibt immer auch ein Gefühl. Eines von Herzenswärme, von Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Egal ob da 700 Leute waren, wie in der Anfangszeit, 150 wie bei der ersten re:publica in Dublin, oder 9.000 wie in dieser Woche in Berlin.

Und es bleiben Bilder.

Denn wer kann schon sagen, in welchem Jahr genau welcher Redner was gesagt hat? Man weiß, dass er oder sie es formuliert hat – aber war das 2014, 15 oder 16? Dafür ist ein Blick in die Notizen nötig.

Bilder jedoch setzen sich fest. So wie bei jener re:publica mit dem Motto „Into the Wild“ (war es 2012, 13 oder 14?), als mit Bäumen bedruckte Stoffbahnen die Station in einen Wald verwandelten. Ah, es war 2014 – ein Blog zu betreiben hilft ja auch bei der Erinnerung.

Und deshalb war die re:publica 2017 jene re:publica, die die re:publica 2016 hätte werden sollen. Denn im vergangenen Jahr war es ja die Jubiläumsausgabe, der 10. Geburtstag, ein Moment, der mehr Feiern hätte vertragen können. Doch im Kopf blieben metallische Spiegel-Deko und ein gehöriges Maß an Düsterkeit.

In diesem Jahr war es wieder bunter, und – trotz aller kritischen und unschönen Themen – positiver gestimmt. „Love out Loud“ war das Motto und das Designteam hatte es in wunderschöne Regenbogentöne gegossen. Dazu diese Lichtinstallationen am Abend, Kunstprojekte, die geschmackvollen Stände: die rp17 war eine manchmal atemraubend schöne Konferenz.

Und diese Bilder werden bleiben.

Nun hat die rp auch eine Größe erreicht, die sich einer kategorischen Einschätzung entzieht. So viele Panels, Workshops und Talks gibt es, dass jeder die Station-Tage anders erlebt, je nachdem, welche Programmpunkte er wählt und wie diese qualitativ ausfallen.

Deshalb ist es ein rein subjektives Urteil, wenn ich schreibe: Dies war nicht die beste re:publica – aber eine sehr gute. Das lag an fantastischen Vorträgen wie dem von Sascha Lobo (leider noch nicht auf Youtube) oder dem von Carolin Emcke…

Aber auch sehr lehrreichen Beiträgen wie der Analyse von Elisabeth Wehling über die Nutzung des Framing-Ansatzes durch Donald Trump:

Oft genug bin ich verleitet, mir Themen anzuhören, die mich beruflich tangieren. Nach der herausragend guten SXSW hatte ich mir aber vorgenommen, genau das Gegenteil zu tun, weil die rp17 noch einmal in die Breite gewachsen ist. Neben der angeflanschten Media Convention gab es Vortragsreihen zu Meeresforschung, E-Health, Stadtplanung oder Human Ressources.

Und so kann ich zum Nachgucken zum Beispiel die Expedition in die digitale Tiefseeforschung von Antje Boeties empfehlen, sobald dieser auf Youtube zu sehen ist. Ob dies auch beim der faszinierenden Geschichte des Hashtag-Widerstands in Zimbabwe der Fall sein wird, weiß ich nicht. Usman Haques Projekte, bei denen er versucht Lösungen zu erarbeiten, obwohl die beteiligten Parteien nicht zu einem Konsens gelangen, dürften aber definitiv bald zu sehen sein.

Weitere Tips sind in den Kommentaren gern gesehen.

Das ist ziemlich bunt. Und deshalb halte ich den im Social Web gern von Nicht-rp-Gängern (und Journalisten) geäußerten Vorwurf für absurd,  bei der re:publica handele es sich um eine Konferenz gewordene Selbstreferentialitätsfilterblase. Würde das stimmen, wären die rp17-Besucher alle politisch aktive, bloggend, hackende Stadtplaner auf Tiefseemission. Auch wenn dies als nächster Schritt der persönlichen Entwicklung reizvoll erscheint, wirkt die Vorstellung auf mich dann doch ein klein wenig unrealistisch.

Obwohl: In einem Bereich ist die re:publica tatsächlich selbstreferentiell und filterblasig, weshalb wir noch über die Vertreter der klassischen Medien reden müssen.

Die Berichterstattung über die rp war Jahre lang ermüdend vorhersehbar, so dass man Artikel gar vorempfinden konnte. Das hat sich geändert. Inzwischen wird sogar über Inhalte berichtet und nicht nur über Kleidung und Endgeräteausstattung  der Teilnehmer – und das ist definitiv ein Fortschritt.

Doch kommen inzwischen mehr verwaltende und kaufmännische Vertreter jener Medienhäuser nach Berlin, weil Berlin und Brandenburg ihre Branchenkonferenz an die re:publica andockten. Dass die beiden Seiten zunächst miteinander fremdelten ist verständlich. Doch scheint sich die Kluft zwischen den beiden Interessenspolen eher noch zu erweitern.

So werden die Bühnen der Media Convention vollgepfropft mit 5, 6, 7, 8 Diskutanten, die sich dann  60 Minuten teilen müssen. Wie auch bei anderen Landesmedienkonferenzen ist das oberste Ziel nicht die Generierung starker Inhalte oder die Bereicherung der Zuhörer – sondern das Abbilden eines politisch geforderten Konsens.

Auch kleidungstechnisch sticht die Media Convention hervor: Anzüge und Kostümchen sind hier alltäglicher als bei der re.publica, genauso wie das Siezen.

Diese Kluft manifestierte sich in zwei Anekdötchen. Bei der re:publica gibt es nur sehr selten Platzreservierungen von Seiten der Veranstalter. Bei einem überfüllten Panel über Fake News fanden sich aber in der ersten Reihe diese Zettel (die mutmaßlich nicht von den Organisatoren, sondern vielleicht von übereifrigen Assistenten ausgelegt worden waren):

Nein, einer Intendanten kann, darf und wird niemals ein schnödes „Reserviert“-Schild ausreichen. Das volle Ornat muss her, mit all seiner akademischen Wucht. Dass Karola Wille und Patricia Schlesinger damit nur offensichtlich durch Arroganz verdeckte Ängstlichkeit demonstrieren, scheint ihnen nicht klar. Auf Twitter schrieb mir jemand, dass WDR-Intendant Tom Buhrow hinten in der letzten Reihe des Saals gestanden haben soll – wenn das stimmt, hat zumindest er begriffen, dass die re:publica eben auch von einer Nivellierung von Hierarchien lebt.

Am Tag darauf ein ähnliches Spiel. Im Speaker-Raum war zur Frühstückszeit kaum etwas los. Dort stehen zwei lange Tische, etliche Hochtische und vielleicht 10 kleine, runde Sitztische. Auf einem davon: ein Reservierungsschild mit dem Logo der Media Convention. Ich mache mir den Spaß und setze mich dort hin. Prompt kommt eine junge Dame, nimmt das Schild – und platziert es auf einen der Stehtische. Leider machte mich erst später jemand darauf aufmerksam, dass die einzige richte Reaktion mein Wechsel an den Stehtisch gewesen wäre (auf so was komme ich erst nach dem dritten Kaffee).

Medien hätten den Bezug zu ihren Konsumenten verloren, kritisierten Richard Gutjahr und Stefan Niggemeier auf jenem Fake News-Panel. Man kann ihnen nur beipflichten: Auf der re:publica treffen sich Medien-Vielnutzer. Hier haben Medienvertreter alle Chancen, für sich und ihre Sache einzunehmen. Doch wer glaubt, mit geführten Touren durch das Silicon Valley technisch auf der Höhe zu bleiben, der wirft sich nicht ins Bällebad.

Das unterscheidet sie von den Vertretern der Wirtschaft. Diese verhielten sich noch vor zwei oder drei Jahren genauso. Doch das hat sich geändert. Spätestens, seit Daimler-Chef Dieter Zetsche kritisch, aber konstruktiv empfangen wurde, hat sich die Wahrnehmung der re:publica verändert. Das gilt auch für die Politik: Innenminister Thomas de Maizière wurde zweimal vom Publikum ausgelacht – und bekam trotzdem einen lauten Schlussapplaus.

Dieser Dialog mit der „anderen Seite“ wird von einem kleinen Teil der Besucher, vornehmlich aus dem Bereich Aktivismus sehr kritisch gesehen, höflich gesprochen. Diese Personen wollen gar nicht mit der anderen Seite reden, wollen keine Lösung, sie wollen den Feind weghaben. Dann ließe es sich bestimmt leichter giften bei einer dann tatsächlich filterblasigen Veranstaltung, doch im Sinn einer gesellschaftlichen Debatte ist dies natürlich nicht. So sieht das auch der weiteste Teil der re:publica-Besucher und nimmt jene Aktivisten inzwischen gar nicht mehr ernst. Das hilft natürlich auch nicht weiter. Doch müssen sich jene Aktivisten fragen, was sie künftig wollen: einfach dagegen sein – oder den mühevollen Weg der Debatte gehen.

Doch davon abgesehen war die rp17 so, wie man sich die Jubiläums-re:publica gewünscht hätte. Das betraf sogar das zeremonielle, gemeinsame Absingen der „Bohemian Raphsody“: Schon lange nicht mehr war es so laut und gemeinsam – auch das wird eines der Bilder sein, die im Kopf bleiben.

 

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