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Willkommen im Land der Wutjournalisten

Was sollen wir davon halten, wenn ein Redakteur der „Zeit“ einen Herrn dieser Statur als „untersetzten Papagei“ bezeichnet?

Was sollen wir davon halten, wenn ein anderer Autor der „Welt“ über Autorenlesungen – die bekanntermaßen beim Publikum oft auf großes Interesse stoßen, in Gestalt der Litcologne sogar zu einem traditionsreichen Festival wurden – schreibt:

„Der Zuhörer muss sich sklavisch einem fremden Leserhythmus beugen. Er kann langweilige Passagen nicht überspringen, nicht kurz mal in die Küche gehen oder die Lektüre diskret abbrechen, ohne Gefühle zu verletzen. Sie sind gezwungen, den Autoren zuzuhören, von denen viele leider nur sehr schlecht vorlesen können und älter und dicker als gedacht sind, und erschreckend uncharismatisch sowieso.“

Die „Hannoversche Allgemeine“ dagegen schreibt über den neuen Slogan des Landes Niedersachsen, für den sie keinen einzigen Kritiker im Text anführen kann:

„“Niedersachsen. Klar“ Das Bundesland hat einen neuen Werbeslogan. Man könnte sagen, dass er in seiner unprätenziösen Schlichtheit zum Land passt. Nur hat jeder Buchstabe der Kampagne 11.500 Euro gekostet.“

Bei der „Süddeutschen“ dagegen schreibt eine Autorin zur weltweiten Erfolgsserie „Game of Thrones“:

„Es gibt so viele gute Serien. Und dann gibt es „Game of Thrones“. Wieso schauen sich so viele ansonsten völlig geschmacksichere Menschen diesen sexistischen, gewaltverherrlichenden Quatsch an?“

Willkommen im Land der Wutjournalisten.

Als ich vor 12 Jahren mit der Indiskretion begann galten Blogger als Herumwütende, als Faktenausblender, die nicht recherchieren, als Fleisch gewordene Rants (wobei der Begriff Rant erst später in Mode kam, glaube ich). Aus diesem Grund verliehen wir bei den Goldenen Bloggern in der Anfangszeit den Preis in der Kategorie „Bester Blogger ohne Blog“ an Menschen, die diesem erzürntwangigen Klischee entsprachen.

Heute sind die meisten Blogs, die es schon länger gibt, erheblich ruhiger geworden. Doch Personen, die wütende, einseitige und gern mit Beschimpfungen versehene Texte ins Internet schreiben, gibt es immer noch: Sie heißen Journalisten.

Natürlich nicht alle Journalisten. Und auch nicht seit gestern. Bei der „Bild“ gehört Wutjournalismus ohne Rücksicht auf Verluste zum Geschäftskonzept. Den heutigen Kommentar des NRW-Finanzministers Walter-Borjans kann ich zum Beispiel nur teilen:

Aber es ist in den vergangenen zwei Jahren ein zunehmender Trend zum Auskotzen zu beobachten. Ein besonderes Beispiel der vergangenen Woche war sicher ein Text der „Zeit“, verfasst von Alard von Kittlitz. Wer seinem Artikel die Überschrift „Fuck You, Silicon Valley!“ gibt, der ist an einer der darüber stehenden Medienmarke gerecht werdenden Debatte nicht interessiert. Oder um es mit meinem journalistischen Lehr-Herrn Ferdinand Simoneit zu sagen: „Verwenden Sie niemals Ausrufezeichen. Denn was soll nach einem Ausrufezeichen noch Großes kommen?“

Von Kittlitz beleidigt zum Beispiel einen Startup-Gründer ob seines Aussehens und auch seiner Geschäftsidee, die den Verkauf von Autos erleichtern soll („…na, endlich gibt es so was,…“). Seine „Recherche“, man muss das so in Tüddelchen setzen, beschränkt sich dabei auf das Betrachten einer ZDF-Dokumentation und das Hegen von Vorurteilen. Seine Behauptung: Im Silicon Valley werden keine relevanten Innovationen erzeugt und keine Weltprobleme gelöst.

Gut, man muss weder von der Zuckerberg-Chan-Stiftung noch Googles Biotech-Aktivitäten gehört haben, man könnte aber. Man muss ein Unternehmen wie Intuitive Surgical nicht kennen, das (hoch profitabel) OP-Roboter baut, man könnte aber. Man könnte in Zeiten des Feinstaubs Elektroautos für eine Innovation halten. Oder sich mit den Veränderungen beschäftigen, die Handys für den Zahlungsverkehr in Drittwelt-Ländern bedeuten.

Doch all das muss man halt ausblenden, wenn man in der Überschrift „FUCK YOU“ krakeelt und so richtig die Sau rauslassen will.

Mit seinem Stück steht der Zeit’ler auch für einen zweiten Trend, der gemeinsam mit der Wut Einzug hält in deutschen Medien. Die einst so gerühmte Trennung von Meinung und Nachricht wird immer mehr aufgehoben. Von Kittlitz‘ Erguss erschien nicht auf der Meinungsseite, online wird er eingeordnet unter „Entdecken“ und trägt die Spitzmarke „Kalifornien“. Auch im Vorspann wird der Artikel nicht als Meinungsstück ausgewiesen, zum Beispiel mit Fragementen wie „kommentiert unser Autor“ oder „Eine Wutrede.“

In der klassischen Kategorisierung kommt vielleicht der Leitartikel diesem merkwürdigen Journalismus-Trend vielleicht noch am nächsten. Doch ein Leitartikel war einst als solcher ausgewiesen und klar erkennbar. Heute leitartikelt mancher Passagen in Artikel hinein, in denen es um etwas ganz anderes geht, seine Wut. So schrieb die „FAS“ in einem Artikel über Bundespolitik die folgenden Zeilen als Beispiel für Heuchelei:

„Als kürzlich David Bowie starb, da schien es, als wäre die halbe Twitter-Welt Fan gewesen. Dabei war David Bowie ein Total-Freak, seine Musik so schräg, dass sie keinem Massenpublikum gefallen konnte.“

Das ist inhaltlich Blödsinn, doch der Autor wollte sich einfach mal über Bowie ausrotzen. Oder dieses Beispiel, auch aus der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: Da finden nicht ungenügende Kontrollen von Flüchtlingen statt, nein:

Vielleicht muss man Verständnis haben für die Haternisten. Seit Jahren nur Kürzungsrunden, ständig liegen ihnen die Vorgesetzten mit dem Internet in den Ohren und nun werden sie auch noch von Wutbürgern angefeindet. Aus dem Traumberuf, ja, der Berufung Journalist ist eine verfemte Tätigkeitsbezeichnung geworden. Und dann leben die Branchendienste diese misanthropische Haltung auch noch vor. Ab 3 Tweets über eine Verfehlung titelt Meedia „So lacht das Netz über…“ und Turi2 ist von einem neutral gehaltenen Nachrichten-Newsletter zu einer täglichen Giftspritze geworden.

Wenn diese These richtig wäre, unterschiede sich die Psyche der Redakteure nicht von der eines Pegia-Anhängers oder Trump-Wählers: Er sieht sich als unterdrückte Minderheit und will sich aufregen – ohne konkrete Lösung oder einen Plan, was genau zu ändern wäre. Und in seiner Erhitzung ignoriert er rationale Argumente, die dazu führen könnten, dass er seine Meinung ändern müsste. Die einen brüllen „Lügenpresse“, die nächsten „Build that wall“ und die letzten schlagzeilen „Fuck you!“.

Zu beobachten ist immerhin: Wer täglich Dampf ablassen darf, bei dem bricht sich die Wut nicht derart flutartig Bahn, sie ist eher ein langer, brodelnder Fluss namens „Chefredakteursnewsletter“. Wer täglich zum Beispiel den Checkpoint liest, jeden Morgen getippt von „Tagesspiegel“-Chef Lorenz Maroldt, der kann nur noch aus Berlin fliehen. „Doch noch“ kommt da eine Auskunft; „Wer die richtigen Leute kennt, braucht keine Beziehungen“ wird verschwörungstheoretisiert, „Da fühlt man sich dann doch irgendwie im Stich gelassen„, wird eine Meldung kommentiert (natürlich gefettet – Fett ist eine wichtige Beigabe in Chefredakteursnewslettern); ein paar Zeilen weiter heißt es:

„Heute berät der Rechtsausschuss über die Wahl der Generalstaatsanwältin – hier schon mal die Stellungnahme von Justizsenator Dirk Behrendt: „                        .“ (Aus verfahrensrechtlichen Gründen wird er wohl schweigen; aber verfahren ist die Sache ja auch so schon)“

Nichts in Berlin ist so gut, als dass Maroldt nicht etwas Schlechtes daran finden kann. Darin unterscheidet er sich nur wenig von „Handelsblatt“-Mitverleger Gabor Steingart. Auch der hat am Morgen selten gute Laune (vielleicht, weil er so früh aufstehen muss, um einen Newsletter zu schreiben). Beispiel:

„Um den ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy müssen wir uns keine Gedanken mehr machen. Der mehrfach gescheiterte Politiker ist bei der französischen Hotelkette Accor gut untergekommen. Im Verwaltungsrat des Unternehmens, zu dem die Hotelketten MercureNovotel und Ibis gehören, will er mithelfen, deren „internationale Ausstrahlung“ zu steigern. Die Partner passen gut zueinander. Die Beliebtheitswerte des Politikers Sarkozy sind in 2016 genauso schnell gefallen wie die Umsätze und Gewinne von Accor. Beide Partner entfalten aus sich heraus nur geringe Strahlkraft. Das Beste an Ibis ist die Minibar, das Beste an Sarkozy seine Ehefrau Carla Bruni.“

Fun Fact: Interessieren würde mich, in welchem Ibis-Hotel Steingart eine Minibar öffnete – meines Wissens nach gibt es in den allermeisten Häusern dieser Kette einen solchen Luxus nicht.

Doch egal ob „Fuck you“ oder Billighotelsbilligfinden: Die sich immer breiter machende Negativ-Haltung vieler Autoren ist aus zwei Gründen problematisch. Einerseits – natürlich – weil sie all jenen der Verschwörungstheorie und dem rechten Gedankengut nahe Stehenden Futter liefert. Wenn eine „Bild“ behauptet, der Staat schwimme in Geld und dies müsse man sich nun zurückholen, so spielt dies all jenen mit einer antidemokratischen Grundhaltung in die Karten. Natürlich ist die „Bild“ gar nicht antidemokratisch, es fehlt nur das intellektuelle Potential, die eigene, gesellschaftliche Verantwortung zu erkennen, und/oder die moralische Standhaftigkeit, diese zu akzeptieren – aber das ist ja nicht neu.

Andererseits könnte die Miesmacherei auch gefährlich für die Medien selbst werden. Zumindest in meiner Filterblase beobachte ich eine zunehmende Abneigung gegen jene Form der Auskotz-Artikel. Es gibt eine große Sehnsucht nach Nüchternheit, Neutralität, nach Bodenständigkeit. Und wenn man daraus einen Trend ablesen möchte, dann könnte das vielleicht sogar erklären, warum in diesen Tagen die Umfrageergebnisse der AFD sinken, während die von Martin Schulz steigen.

Natürlich ahne ich schon Kommentare hier unten: Dass hier (und in anderen Blogs) ja häufig genug auch nichts anderes stattfände. In einem Punkt möchte ich da widersprechen: Ich versuche hier immer alle Argumente zu berücksichtigen.

Vor allem aber: Wenn hauptberuflich ausgeübter Journalismus mit all seinen Strukturen, seinem Finanzaufwand, seiner Personal- und Ressourcenstärke nur das Niveau von Hobbyveranstaltungen erreicht – wo ist dann seine Berechtigung?

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