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Der traurige Blick in den „Spiegel“

spiegel die journalistenDie SeifenVerlagsoper mit dem Titel „Ericusspitze“ nähert sich dem Ende. Der „Spiegel“ entsorgt seinen Chefredakteur Wolfgang Büchner, Geschäftsführer Ove Saffe geht nach einer Schamfrist, in der er die bestens bezahlte Lame Duck geben darf, gleich mit.

 

Noch gestern veröffentlichte „Spiegel“-Vorzeigeautor Cordt Schnibben einen Facebook-Post, der mehr ist als ein Nachtreten gegen Büchner. Er ist ein Menetekel dessen, was da noch kommen wird.

Es zeugt von Schnibbens Sicht auf die Dinge, dass er behauptet, erst Büchner hätte für eine Frontenbildung von Online und Print gesorgt.

Merkwürdig.

Denn mir haben Onliner immer wieder gesagt, dass sie schon lange diese Front verspürten, einerseits in der alltäglichen Behandlung, andererseits natürlich auch die die fehlende Möglichkeit, Teil der Mitarbeiter-KG zu werden.

Nein, Büchner hat diese Front mit Sicherheit nicht erschaffen. Wahrscheinlich aber scheint, dass sie durch ihn offenbar wurde. Denn während sich die Print-Chefredakteure zuvor eher weniger um Digital-Themen bemühten, machte Büchner sie eben zur Chefsache. In der Struktur des „Spiegel“ bedeutete dies einen Machtverlust der Printler, gepaart mit Verlustängsten: Dieser Büchner sorgt vielleicht für eine Gleichstellung und das bedeutet Einkommensverluste für alle, die nicht Onliner aber KG-Teilhaber sind.

Wenn nun alle so einig sind: Warum veröffentlichte der Betriebsrate der Onliner am Tag nach Büchners Aus eine volle Breitseite mit der Forderung, der finanziellen und entscheiderischen Gleichstellung? Dieser Brief der Onliner an die Print-Chefredaktion ist das Gegenteil von Einigkeit: Es ist eine offene Drohung, auch wenn Konsequenzen wohl noch nicht genannt wurden.

Auch die angebliche Einigung zwischen Online und Print vor Büchners Ankunft widerspricht dem, was Spiegelaner mir berichteten. Ich würde es eher als Resignation bezeichnen: So mancher in der Web-Redaktion hat sich damit abgefunden, dass die Dinge sich nicht ändern und macht deshalb sein eigenes Ding.

„Unausgegoren“, „ängstlich“ und „gestrig“ war Büchners Strategie laut Schnibben? Ja, das muss dann natürlich zu einer „Störung des Betriebsfriedens“ (Zitat aus einer Petition gegen Büchner“) führen, will man einer so digital fortschrittlichen Redaktion wie der des „Spiegel“ etwas derartiges aufzwingen.

Schnibben, der sich selbst als „Digital-Scout“ für Büchner bezeichnet, nennt seinen Facebook-Post übrigens Tweet, was auch etwas aussagt. Er begeistert sich – ich glaube: ehrlich – für digitale Themen. Doch wirkt er wie der kleine Junge vom Land, der zum ersten Mal in der großen Stadt zu Gast ist und sich als metropolitan sieht, weil er sicher über die Ampelkreuzung gelangt ist.

Wir erinnern uns: Im Sommer vergangenen Jahres zog er aus, die Zukunft der Zeitung zu entwerfen. Die Idee hatte Potenzial: ein bekannter Journalist, die Reichweite von „Spiegel“ und Spiegel Online – da ging was. Der Schnibben also kreißte und gebar – eine Mobile App, wie es viele schon heute gibt. 

Angesichts dieses Ergebnisses soll das, was Büchner vorhatte zu wenig nach vorn gegangen sein? Ich bin wahrlich nicht immer einer Meinung mit Büchner – aber das erscheint dann doch sehr schwer vorstellbar.

Doch Schnibben deckt in seinem Text auch das Grundproblem der ganzen Debatte auf, die so in ähnlicher Art in praktisch allen Verlagen Deutschlands stattfindet. Er schreibt:

„Der Chefredakteur einer großen deutschen Zeitung sagte zu mir, als Büchner hier Chefredakteur wurde, beim SPIEGEL entscheidet sich, ob Redaktionen zukünftig von Journalisten oder von Managern geführt werden.

Wir haben uns dafür entschieden, von einem Chefredakteur geführt zu werden, von einem Chefredakteur im wahren Sinne des Wortes, also von Redakteuren, die Chefs sind, weil sie zunächst mal gute Redakteure sind, die also wissen, was eine gute Story ist, die Schwächen in einem Text erkennen und korrigieren können, die ungewöhnliche Storys anregen und einfordern können, die Cover gestalten können und die eine Redaktion – weil sie all das können – deshalb von einem Transformationsprozess überzeugen können, der den Journalismus, für den sie einstehen, seit sie Journalist sind, ins Netz, vor allem ins mobile Netz überführt.

Der Kern einer erfolgreichen Digitalstrategie, liebe Change-Manager, sind starke und ungewöhnliche Geschichten, für die digitale Leser gern Geld zahlen. Darum ist die erste Aufgabe jeder Digitalstrategie, in einer Redaktion –Print wie Online – starke Chefredakteure zu installieren, die eine Redaktion dazu bringen, den bestmöglichen Journalismus ins Heft und auf die Site zu stellen.“

simpsons fackelzug

Dieses Denken zeugt von den Grabenkämpfen zwischen Kaufleuten und Redakteuren. Die bösen „Manager“ verstünden nichts von Journalismus, sagen die Journalisten. Und wenn die Zahlen nicht stimmen, dann sind entweder die Manager direkt schuld oder deren Abbaumaßnahmen in der Redaktion – niemals aber die tapferen Journalisten.

Deshalb auch wünschen sich Redakteure immer Schreiber als Chefredakteure. Es ist die Hoffnung, dass einer der ihren weniger hart vorgehe als ein „Manager“. So entsteht das schlimmste systemimmanente Problem der Print-Medienwelt: Die besten Schreiber werden Chefs mit der Folge, dass sie weniger bis gar nichts mehr schreiben – keineswegs aber gute Chefs sind. Meine Erfahrung aus rund 20 Jahren Medienbeobachtung und -teilnahme ist sogar: Die guten Schreiber sind nur ganz, ganz, ganz selten brauchbare Vorgesetzte.

Mit der Konzentration oder zumindest der Fokussierung auf das Journalistische verlieren Redaktionen aber den internen Machtkampf mit den Kaufleuten. Und natürlich gibt es den, denn beide Seiten ringen, wie Abteilungen in jedem Unternehmen, um knappe Ressourcen.

Ein Chefredakteur, der im kaufmännischen nicht mitreden kann, spielte schon in der Vor-Web-Welt die zweite Geige. Konfrontiert mit einer disruptiven, ja, unternehmensbedrohenden Situation, kann er nur verlieren. In einem normalen Medienunternehmen hätte die Redaktion mit der Benennung eines der ihren, der bisher durch digitales Vordenken nicht auffällig geworden ist, jedwede Einflussmöglichkeit auf Themen wie Strategie aufgegeben.

Beim „Spiegel“ aber ist es ja noch schlimmer, weil das Unternehmen den Mitarbeitern gehört. Sie haben demonstriert, dass sie einen Führungspersonen, die ihre Ideen durchsetzen wollen, nicht dulden. Kein Wunder, dass niemand von außen Büchners Posten wollte.

Nun aber geht auch noch der Geschäftsführer und Geschäftsführer kennen Machtkonstellationen und -spiele viel besser als Redakteure. Der Nachfolger von Saffe, wer immer das auch sein wird, hat deshalb nur zwei Optionen: Entweder er ordnet sich vollkommen Redaktion und KG unter, was Veränderungen in Bezug auf eine Digitalisierung unmöglich machen dürfte.

Passiert das, wird Spiegel Online bald eine Bezahlschranke aufziehen, und das Print-Blatt wird zu seiner alten Positionierung der Digital-Verweigerung zurückkehren (wir erinnern uns an die nicht durch Qualitätsrecherche oder Wahrheitsdrang durchzogenen Storys über Social Media oder Google). Auf Dauer würde dies bedeuten, der Verlag nähme den Weg vieler anderer Verlage – in Richtung roter Zahlen. Dann wird der Teufel auf Stelzen durch die hohe Eingangshalle an der Ericusspitze gehen, denn die Besitzstandsängste mutieren zur Verlustpanik.

Die andere Option für den neuen Geschäftsführer würde der Print-Redaktion das Gegenteil von dem bringen, was sie sich erwünschte. Ein starker Manager weiß, dass er ein Zeichen setzen muss (ähnlich wie Büchner dies mit der Ernennung seines Stellvertreters Nikolaus Blome tat, der vielen Spiegelanern zu weit rechts dachte). Dieses Zeichen kann nur lauten: radikale Veränderung und Kostenkürzung.

Wählt der Saffe-Nachfolger diesen Weg, werden wir spätestens ein halbes Jahr nach seiner Ernennung eine deftige Personalabbaurunde erleben. Oder auch nicht – weil die Mitarbeiter-KG auch diese verhindert und den Geschäftsführer wieder austauscht durch einen, der den weichen Weg geht.

Selbst wenn ein neuer Geschäftsführer versuchen würde, einen Mittelweg zu finden: Er hätte keine Chance. Denn de facto ist mit der Vertreibung Büchners der neue Chefredakteur – also Klaus Brinkbäumer – der starke Mann im Haus. Jener also, der sich vor allem um guten Journalismus kümmern soll und nebenbei noch um den Rest. In einer disruptiven Situation. Das kann nicht gut gehen.

Der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch hat für Zeit Online einen sehr schönen Artikel zur Lage beim „Spiegel“ verfasst, der mit wahren Worten endet:

„Nur Köpfe, die das Ende der Gutenberg-Galaxis und die unwiderstehlichen Möglichkeiten des Internets endlich illusionslos zur Kenntnis nehmen (McLuhans großartige Einschätzung konnte man schon vor 50 Jahren lesen), sind heute in der Printbranche chefetagentauglich. Alle anderen werden im sicher noch anhaltenden Personalkarussell vom Dauerschwindel erfasst werden, ihnen wird Hören und Sehen vergehen.“

Es gibt wenig Hoffnung für den „Spiegel“. Obwohl, eine Option sehe ich schon. Denn es gibt tatsächlich eine Person im Verlag, der ich zutraue, mit Redaktion wie Kaufmannschaft zu jonglieren und trotzdem einen digitalen Wandel voranzutreiben.

Ihr Name: Katharina Borchert. Mal schauen, ob die Mitarbeiter-KG dies ähnlich sieht.

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