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Eine Zeitung stirbt, der „Münstersche Zombie“ wird geboren

Es gibt in meinem Münsteraner Freundeskreis noch Menschen, die an das Gute im Lokalverleger glaubten.

„Aschendorff macht doch keine Zeitung zu“, meinte einer vor ihnen noch Mitte Oktober. Denn erstaunlich langsam sprach sich in der Stadt herum, was Anfang August schon öffentlich geworden ist: dass jener Aschendorff-Verlag unter Führung der Familie Hüffer die „Münstersche Zeitung“ gekauft hat, den kleineren Konkurrenten seiner „Westfälischen Nachrichten“. Die „MZ“ sei ein Sanierungsfall, behauptete der abgebende Verlag Lensing-Wolff, der sich zuvor schon einmal als Haus profiliert hatte, dass seine Mitarbeiter behandelt wie Straßenköter, die zum Abschuss freigegeben sind. 

Heute dürfte dieser Glaube an das Gute in den Herzen meiner westfälischen Freunde gestorben sein. Genauso wie die „Münstersche Zeitung“ zu Grabe getragen wurde.

MZ_ArgumenteGrafik: Medienhaus Lensing

Denn in einer Betriebsversammlung wurde heute verkündet, wie mir zwei Quellen mit Kontakten in die Redaktion bestätigten, dass am 15.11. die letzte richtige „MZ“ erscheinen wird. Laut einer dieser Quellen liegen die jährlichen Verluste der „MZ“-Holding bei 2,7 Millionen Euro.

Was danach kommt, scheint noch nicht zu 100 Prozent sicher. Eine Quelle prophezeit, dass auch Münster eine Zombiezeitung erhält: Die „MZ“-Lokalausgaben Münster, Greven und Steinfurt würden eingestellt, die Abonnenten bekämen künftig den Mantelteil der „Ruhr Nachrichten“ aus dem Hause Lensing-Wolff, den Lokalteil lieferten die „Westfälischen Nachrichten“.

Die andere Quelle sagt, nicht einmal dies sei zu hundert Prozent sicher. Allerdings behauptet der Aschendorff-Verlag in einer Pressemitteilung: „Die Zukunft der „Münsterschen Zeitung“ (MZ Münster ) ist gesichert, zur Erhaltung
des Titels sind allerdings gravierende Sanierungsschritte notwendig.“

Die eher links neigenden Käufer der „MZ“ erhalten also künftig im Lokalen ein eisern konservatives Blatt wie die „WN“. Der Mantelteil dagegen kommt aus dem Ruhrgebiet. Wer das noch kauft, ist selber schuld.

Schenkel klopfend besucht der Medieninteressierte die Homepage des „Medienhaus Lensing“, auf der selbiges von sich behauptet: „Lokale Inhalte sind unsere Kompetenz. Wir haben Nachrichten und Geschichten, die sonst keiner hat.“ 

Nicht weniger zynisch ist das, was Lambert Lensing-Wolff in einer Hausmitteilung vom 29. Juli erklärt hatte (die mir vorliegt): „Für den Unternehmenserfolg sind seine Mitarbeiter verantwortlich. Also Sie. Das Team und sein Zusammenspiel sind die entscheidenden Faktoren. In den bisherigen 16 Jahren meiner Arbeit im Medienhaus konnten wir dank Ihres großen Einsatzes unsere wesentlichen Herausforderungen meistern.“ Lüge oder Weltfremdheit? Dies bei Verlegern beantworten zu wollen, habe ich für mich längst aufgegeben. Lensing-Wolff selbst hat sich aus dem Operativen zurückgezogen, um sich mit der Strategie zu beschäftigen. Man darf Verschlimmbesserung der Gesamtsituation erwarten.

Bereits heute in der Nacht wird die Homepage der „MZ“ auf den Lensing-Wolff-Servern ab- und nachgebaut auf Aschendorf-Servern angeschaltet.  Die Redaktion der „Münsterschen Zeitung“ wird zu mindestens 50% abgebaut. Die anderen werden wohl noch ein dreiviertel Jahr lang (so lang hat die Verlegerfamilie Hüffer Bestandsschutz für die „MZ“ gegeben) weiter arbeiten. Sind sie danach billig genug, werden sie der Ersatz für teurere „WN“-Kollegen – oder arbeitslos.

Eine weitere Zeitung stirbt in Deutschland. Das Schema ist alt bekannt: Zu keinem Zeitpunkt sind Aschendorff oder Lensing-Wolff durch digitale Innovationen auffällig geworden. Mehr noch: Die „WN“ startete erst 2007 – nein, das ist kein Scherz – mit einer katastrophal rückständigen Homepage ins Internet-Zeitalter. 2010 dann tatsächlich Fortschritt: Videos. Die konnten sogar auf anderen Seiten eingebunden werden – eine zeitgemäße Funktionalität, die selbstverständlich nicht auf Dauer erhalten werden durfte.

Stimmt die Zahl von 2,7 Millionen Miese, dann hatten die beteiligten Verlagskonzerne keine andere Wahl, so ergeht es halt einer steigenden Zahl von Verlegern. Dass gleichzeitig aber der Journalismus stirbt, weil man sich nicht um das Digitale kümmern wollte, das haben die Verleger selbst zu verantworten.

Nun also steht „MZ“ für „Münsterscher Zombie“.

Wir kennen solche druckenden Untoten aus dem Ruhrgebiet. Die Funke-Gruppe füllt ihre „Wesfälische Rundschau“ ohne Redaktion mit Inhalten aus eigenen und fremden Redaktionen füllen. Der Erfolg spricht für sich: Die „WR“ verlor dramatisch an Auflage. 

Dies, immerhin, stärkt den Glauben an das Gute im Menschen allgemein: Denn es bedeutet, dass die Leser nicht so dumm sind, wie die Verleger glauben.

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