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re:publica 2014: Sichverstandenfühlen und der Neid (und das Digitale Quartett)

Im Vorfeld der re:publica gibt es ein bemerkenswertes Phänomen, das viele beobachten, die viel mit dem Internet machen: In den Tagen vor der größten Digital-Konferenz Deutschlands betonen einige Digital-Affine vehement, dass sie nicht nach Berlin kämen.

Manche bedauern das, doch die Mehrheit jener „Ich fahre nicht“-Statusposter tippt abfällige Töne ins Social Web. Die re:publica sei früher vielleicht gut gewesen, heute aber nicht mehr. Das bringe doch alles nichts und viel zu teuer seien die Karten auch (die übrigens kosten 180 Euro für drei Tage, wenn man nicht Frühbucherrabatte nutzt – ob das teuer ist, dürfen Sie selbst entscheiden). Auch, dass die Konferenzorganisatoren ihren Lebensunterhalt mit der Organisation bestreiten ist manchen ein Dorn im Auge.

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Dieses extrovertierte Verweigern findet in der Form nur bei der re:publica statt (zumindest in meiner Filterblase). Niemand schreibt derartiges über die Next, das Reeperbahn-Festival oder den DLD – obwohl es deutliche Zielgruppenüberschneidungen gibt.

Dies könnte nun auf eine sinkende Qualität der re:publica hindeuten, die sich in der Folge nicht direkt, aber über einige Jahre in sinkenden Besucherzahlen niederschlagen müsste.

Allein: Das Gegenteil ist der Fall.6.200 Besucher waren es wohl in diesem Jahr, über 1.000 mehr als 2013.

Nein, diese Paarung aus offensiv vorgetragener Ablehnung und bemerkenswerten Wachstumszahlen demonstriert die hohe Emotionalität, die die rp im Kreis derjenigen hervorruft, für die das Internet mehr ist, als ein Mittel zum Zweck.

Denn noch viel größer als die demonstrativ vorgetragene Ablehnung ist die extrovertiert publizierte Liebe (und dieses Wort passt tatsächlich) zu den drei Tagen in Berlin.

Dass die re:publica diese besondere, emotionale Bindung zu ihren Besuchern (und Verweigerern) besitzt, hat durchaus etwas mit Selbstvergewisserung zu tun. Auf vielen Ebenen fühlen sich in Deutschland jene Menschen, die sich mit Computern und dem Netz beschäftigen genervt, diskriminiert, beleidigt, missverstanden. Das beginnt mit der Forderung, nicht ständig ins Handy zu starren und geht weiter über die Verwendung von Begriffen wie Nerd oder Freak (die sympathische Gegen-Vokabel Geek hat hier zu Lande nie Verbreitung gefunden).

rp14 hof

Doch es ist auch die Larmoyanz, mit der die deutsche Regierung, den Cyberkrieg der US-Regierung gegen den Rest der Welt begleitet, die Lobbyhörigkeit der Großen Koalition in Sachen Netzneutralität oder die Rückständigkeit deutscher Bildungseinrichtungen, die auf Dauer jene mal ermüdet, mal wütend macht, die der Meinung sind, dass Digitalität die Gesellschaft nicht nur ein wenig am Rande berührt, sondern nachhaltig verändert.

Deshalb ist der Erfolg der re:publica maßgeblich gekoppelt an ein Gefühl des Sichverstandenfühlens und ein Sichvergewissern. Hier ist man Geek und darf es sein. Drei Tage lang ist das ins Handygucken egal, ja, man hört von Digital-Soziologin Kate Miltner sogar, dass dies keineswegs die Beziehung gefährdet. So lange beide Partner die gleichen Normen für die Handy-Nutzung verinnerlicht haben, gibt es keine Probleme. Und wenn dies nicht so ist, hat die Beziehung ohnehin ein Problem, das nichts mit Mobiltelefonen zu tun hat.

Auf ganz vielen Feldern bietet die Konferenz die Möglichkeit, moralische und intellektuelle Unterstützung zu erhalten. Im Journalismus zum Beispiel von Lara Setrakian, die von der fest angestellten TV-Journalistin durch ihr Projekt Syria Deeply zur Gründerin eines Netzwerks journalistischer Seiten wurde, die Themen unreißerisch und tief durchrecherchiern wollen.

Veganer, Givebox-Anhänger oder Etsy-Produzenten dagegen fanden sich im Vortrag von Greta Taubert wieder (und die anderen haben sich bestens unterhalten), die für ihr Buch „Apokalypse jetzt“ (Amazon-Werbelink) ein Jahr versuchte, autark zu leben (leider ist der Vortrag noch nicht online).

13951208078_c7a0bbafdd(Copyright: republica/Sandra Schink)

Taubert war auch mein Mitbringel beim Digitalen Quartett auf der #rp14. Wie im vergangenen Jahr brachten Ulrike Langer, Daniel Fiene und ich uns gegenseitig Gäste mit, die einer der anderen raten und spontan interviewen musste. Hier unsere kleine Show:

Genauso aber geht es um Sprache, Online-Kommentare, Big Data-Auswertungen für jedermann oder die Idee des Nose to Tail-Eatings: Am letzten Tag der re:publica wurde ein komplettes Schwein verwertet und gegessen.

Diese Vielschichtigkeit gibt es so auf keiner anderen Konferenz in Deutschland und dies war schon immer so geplant (deshalb der Name). Es befremdet mich, dass einige Medien behaupten, erst in diesem Jahr sei die re:publica eine Digital-Gesellschafts-Konferenz – das war sie schon immer.

Und schon immer gab es in ihrem Rahme Reden und Podien, die enttäuschend und langweilig sind. Leider, übrigens, sind es verstärkt junge, deutsche Wissenschaftler, die viel zu viel über ihre Methoden und viel zu wenig über ihre Erkenntnisse berichte.

Genauso gehören zur re:publica komplett absurd wirkende Programmpunkte wie die Amish-Futuristin Alexa Clay:

Und weil dieses Verstandenwerden ein so wichtiges Gefühl im Zusammenhang mit der re:publica ist, bekommt der jährliche Vortrag von Sascha Lobo so viel Bedeutung. Er versteht es wie kein anderer, nicht geäußerte und gebloggte Gedanken jener Netz-Vielnutzer so zu formulieren, dass sie sich entweder exakt angesprochen fühlen – oder komplett abgestoßen. Kalt jedoch lässt Lobo die wenigsten der Zuhörer:

Genauso emotional und nicht gewöhnlich ist dann der Schluss der re:publica mit dem nicht enden wollenden Dank für die Mitglieder des Kernteams und dem anschließenden Absingen der „Bohemian Raphsody“.

14159656253_834fa1140a(Copyright: republica/Gregor Fischer, 08.05.2014 CC-BY-SA 2.0)

Der Tag nach der #rp14 sieht dann – wie bei den Ausgaben zuvor – für viele timelinetechnisch so aus:

Emotionen, also positive Emotionen, lösen bei jenen, die nicht dabei sind ebenfalls Gefühle aus. Man will mitmachen, dabeisein. Wenn wir eine Gemeinschaft glücklicher Menschen sehen, wünschen wir uns, ein Teil von ihr zu sein (Misantropen jetzt mal ausgenommen). Und deshalb beschleicht mich das Gefühl, dieses demonstrative „Ich fahr da nicht hin, weil es blöd ist“ hat einen sehr simplen Grund. Er lautet: Neid. 

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