Krautreporter! Verdammte Hacke, begeistert Euch!

by Thomas Knüwer on 30. Mai 2014

Wenn dieser Artikel online gegangen ist, werde ich meine Kreditkarte nehmen und sie freigeben für eine Spende an die Krautreporter. Ich werde dies ohne große Begeisterung und Vorfreude tun, eher achselzuckig und auch getrieben von Gruppendruck.

60 Euro will dieser Kreis von Journalisten um in Ruhe arbeiten zu können, etwas freier (angeblich sogar völlig losgelöst) von wirtschaftlichen Zwängen und Redaktionsdruck. Beteiligt sind einige Autoren, die ich hoch schätze wie Richard Gutjahr, Stefan Niggemeier oder Thomas Wiegold, und eine größere Zahl, deren Namen mir noch nie begegnet sind. Insgesamt 900.000 Euro wollen sie einsammeln um so jedem der Autoren 2.000 bis 2.500 Euro im Monat zahlen zu können. Eine Halbtagsstelle, sozusagen.

Krautreporter

Während der re:publica berichtete mir Alexander von Streit unter der Hand das erste Mal von der Idee und ich freute mich ernsthaft. Das könnte richtig geil werden, dachte ich, erst recht angesichts der mir bekannten Beteiligten. Da sind Menschen dabei, die für den Journalismus brennen und für ihre Themen. Die auch Bereiche abdecken, die zu den quantitative Orchideen der Berichterstattung gehören, qualitativ aber bedeutsam sind.

Dieses Projekt ist wichtig. Es würde zeigen, dass Journalisten, die sich selbst im Web ihren Ruf aufbauen, Menschen hinter sich versammeln können. Dass Autoren, die sich in Orchideen-Themen bohren ihre Leserschaft finden können, ohne dass sie bei Redaktionen betteln müssen.

Ja, die Krautreporter könnten einen Schritt in eine neue Medienkultur werden, weg von der Idee der Anzeigenfinanzierung oder Bezahlung, hin zu Honorierung im wahrsten Sinne des Wortes. Und natürlich ist es gesellschaftlich wünschenswert, wenn Journalisten ihr Zeitbudget von der Auftraggebersuche in Richtung Recherche umschichten können.

Sprich: Es wäre wundervoll, wenn die Krautreporter ein Jahr lang einfach mal machen könnten.

Nur… *DerAutordiesesTextesholttiefLuft*

Zu allen mir bekannten Krautreportern entstand der Erstkontakt im Internet. Sie haben mich mit ihren Blogs und Twittern begeistert, sogar für Themen, die mir zuvor eher egal waren – Thomas Wiegold und sein Augen Geradeaus ist ein Beispiel. Deshalb, war meine Erwartung, würden sie mich auch jetzt begeistern. Und wer mich begeistert, für den gebe ich (manchmal zu viel) Geld aus. Ich liebe Crowdfunding-Projekte und habe mich auch schon via Seedmatch an Startups beteiligt. Und dann fiebere ich mit, warte gespannt auf neue Updates oder das fertige Produkt, setze an zur inneren Becker-Faust bei jedem weiteren Schritt, so wie es bei LIFX der Fall war. Ich bin da anfällig.

Allein: Bei den Krautreportern brennt nichts.

Nichts an ihrem Projekt ist im aktuellen Zustand begeisternd, mitreißend oder wenigstens –nehmend. Zu Beginn beugten sie sich zu 100 Prozent den Gepflogenheiten des Print-Journalismus und arbeiteten mit Vorabgeschichten und Sperrfristen, gerade als ob das Internet nicht existierte. Sie unterwarfen sich jener Mediengattung, die sie selbst in ihrer Kommunikation als durch die Bank werbebeeinflusst diskreditieren.

Darüber diskutierten wir auch im Digitalen Quartett mit Richard Gutjahr:

Dann das Auftreten: Mit Interviewvideos stellen sich die Beteiligten vor. Die Filmchen wirken in ihrer Trägheit wie eine Parodie auf die Reportervideos, die von der „Zeit“ jüngst lanciert wurden (und die von den Freischreibern so treffend durch den Kakao gezogen wurden). Große Töne werden trotzdem gern genommen, so hat Thilo Jung das Gefühl, er sei der einzige Journalist in der Bundespressekonferenz, der noch Fragen aus Interesse stellt.

Tilo Jung, Krautreporter from Krautreporter on Vimeo.

Die Projekt-Homepage macht auf keinen der Autoren wirklich Lust. Ein Beispiel dafür ist Victoria Schneider: Sie arbeitet von Johannesburg aus für internationale Auftraggeber, am Anfang stand unter ihrem kurzen Portrait nur ihr unverlinkter Twitter-Name. Inzwischen hat sich das geändert, der Twitter-Name ist genauso verlinkt wie das wirklich spannende Projekt, an dem sie beteiligt ist: Unter Dirty Profits Exposed recherchieren junge Journalisten über afrikanische Minenkonzerne. Bermerkenswerterweise korellieren die Ergänzungen in Schneiders Krautreporter-Profil mit einem Kommentar, den ich im Blog von Daniel Fiene hinterließ. Sicher ein Zufall. Auch gibt es inzwischen einen Artikel, warum sie bei Krautreporter mitmacht. Doch der ist dann wieder nicht mit ihrem Profil verlinkt, Links zu anderen Texten sind in voller Länge im Text (was ja nun eher ungewöhnlich ist in dem Teil des WWW, den ich bevozugt besuche). Schneider ist kein Einzelfall. Eher hingeschlampt wirken die meisten Portraits, strahlen keine Leidenschaft für Themen aus.

Vielleicht war der Google Hangout symptomatisch, den der Medienjournalist Julian Heck mit den Krautreporter-Köpfen Alexander von Streit und Sebastian Esser führte. Gleich am Anfang sagt von Streit: “Alle Autoren stehen für bestimmte Expertise, Haltung und Herangehensweise.”


Ach, wirklich? Ich behaupte: Nein, tun sie nicht. Oder besser: Sie stehen vielleicht dafür – weiß aber kaum jemand. Ich würde sagen, ich konsumiere eine überdurchschnittliche Menge Journalismus. Doch trotzdem sagt mir mehr als die Hälfte der Krautreporter nichts oder wenig. Wenn das mir schon so geht, wie ist es dann bei Menschen, die keine Ex-Journalisten sind?

Denn es geht ja explizit nicht darum, mich zu begeistern oder Daniel Fiene oder andere Netz-Irre. Wir geben ja sowieso das Geld. Doch wir sind nicht genug: Ohne die Unterstützung der durchschnittlich Netz-Affinen wird es Krautreporter nicht geben – und diese Menschen müssen begeistert werden.

Jene Zielgruppe der weniger Digital-Verliebten wird schon schwer genug für den Namen zu gewinnen sein: Krautreporter. Verleiht es einem höheres Ansehen, „die Krautreporter zu unterstützen“? Oder klingt es nicht eher lächerlich? Für viele Menschen, behaupte ich, wäre es ein tolles Gefühl, eine Exklusivmeldung eines Portals, das sie mitfinanziert haben, in der „FAZ“ oder der Tagesschau zu sehen. Doch wie toll muss eine Meldung sein, bis eine dieser Institutionen eine Meldung „der Internet-Plattform Krautreporter“ zitiert? Schließlich werden Leser, die das Projekt nicht kennen, dessen Wertigkeit allein wegen des pseudo-lustigen Namens anzweifeln.

Fast scheint es, die Krautreporter würden auch überrascht vom Bedürfnis nach Kommunikation ihrer Geldgeber. Es gibt inzwischen ein Blog, doch das ist auf der Seite nur mit überdurchschnittlicher Sehstärke erkennbar. Verlinkt ist es als “Aktuelles”-Button unter den Videos sowie nach einigem Scrollen in einem petrolfarbenen Balken. In der vergangenen Woche verkündeten die Krautreporter, dass sie nun ihr Blog auf WordPress umgestellt hätten. Jetzt erst? Zumindest bei mir wäre es der erste Reflex, ein Blog auf diesem System aufzubauen.

Mich dünkt: Die Option auf Kommunikation mit den Geldgebern war weder vorgesehen noch ist sie jetzt wirklich erwünscht. Das demonstriert auch die Facebook-Seite der Aktion mit aktuell 10.000 Likern. Es gibt dort einige sehr aktive Kommentatoren. Die Krautreporter verweigern sich aber der inhaltlichen Diskussion. Allein die Frage, warum nur mit Kreditkarte bezahlt werden kann – auch das ein massiver Stockfehler, der heutzutage wirklich vermeidbar ist – wird regelmäßig beantwortet, natürlich mit dem immer gleichen Text (noch so was, was gemeinhin als Stockfehler gilt).

Dabei war abzusehen, dass zum Beispiel der geringe Anteil an Frauen und das völlige Fehlen von Journalisten mit Migrationshintergrund für Murren sorgen würde. Ich bin kein Freund der festen Frauenquote, aber 6 von 28 – das ist in den Zeiten paritätisch besetzter Diskussionspodien nicht akzeptabel. Das war wohl auch im Projektverlauf aufgefallen, bekam aber keine hohe Priorität. Erstaunlich ist dann, wie patzig Beteiligte ob des Themas reagieren – nachzulesen bei Frau Nuf.

„Mitglieder“ nennen die Krautreporter ihre Geldgeber. Vergangene Woche lag in meiner Post mein Mitgliedsausweis für den SC Preußen Münster. Die Leistungen, die ich dort für meine Jahresgebühr bekomme, sind klar geregelt und in leicht konsumierbaren Bullet Points im Schreiben aufgelistet.

Bei den Krautreportern ist das nicht so. Und das unterscheidet sie eben auch von den meisten Crowdfunding-Projekten. Auch auf Plattformen wie Kickstarter oder Startnext gibt es – abgesehen von 1-Dollar-Solidaritätsbeiträgen – klare Gegenleistungen, und seien es nur Spielereien wie handgeschriebene Dankeskarten.

Ganz nebenbei: Das Kreditkartenthema und viel Orga-Aufwand hätte sich natürlich umgehen lassen, hätten die Krautreporter den Weg auf eine existierende Crowdfunding-Plattform gewählt. Ach ja, warum gibt es keine Widgets, Banner oder Buttons, mit denen ich mich als Unterstützer outen kann, so wie es bei der re:publica seit Jahren Normalität ist?

Was also bekomme ich von denen, die den Onlinejournalismus reparieren wollen? Ich weiß es noch immer nicht. Die Artikel werden frei sein – und das finde ich gut. Man wird wohl kommentieren dürfen und nicht näher definierte Einblicke in die Recherche haben. Vielleicht gibt es noch Treffen oder Hangouts mit Krautreportern. Stefan Niggemeier verweist auf den US-Blogger Andrew Sullivan: „Es gibt aber übrigens auch bei Sullivan zusätzliche Goodies: Podcasts und laaaange Essays. Ähnliche Angebote wird es auch bei „Krautreporter“ geben.“

Ähnliche? ÄHNLICHE? Warum verraten die Krautreporter das nicht? Weil sie fürchten, jemand nimmt ihnen die Idee weg? Oder weil sie selbst noch gar nicht wissen, was sie machen wollen?

Das alles wirkt so larifarischeißegal, dass ich die Krautreporter am Kragen packen und durchschütteln möchte, damit sie vielleicht mal aufwachen. Ich will ihnen Koffeein oder weniger legale Drogen intravenös verabreichen in der Hoffnung, dass sie dann eine Dynamik entwickeln die über die eines sedierten Ay hinausreicht.

Das alles ist so schwammig, dass ich den Begriff Crowdfunding sogar für falsch halte. Tatsächlich geht es hier (nicht steuerrechtlich, aber gefühlt) – um eine Spende.

Das ist nicht so verwerflich, wie es klingt. Nur gilt eben auch bei Spenden, dass sie nicht fließen ohne Emotionen und ohne Kommunikation. Wer die Patenschaft für ein Kind in der Dritten Welt übernimmt, bekommt mal einen Brief, mal Fotos. Doch kann ich solches bei den Krautreportern erwarten, die im wichtigsten Moment ihres Vorhabens – der Geldsammelphase – schon wenig Lust an Kommunikation zeigen?

Es geht ja anders. Auch bei journalistischen Projekten. Vor einiger Zeit habe ich mich bei Substanz beteiligt. Unter diesem Namen wollen die beiden Wissenschaftsjournalisten Georg Dahm und Dennis Dilba ein digitales Magazin anschieben.

Über die Zeit hinweg hatte ich ständig das Gefühl, die beiden können nicht glauben, dass da Menschen sind, die ihre Idee unterstützen. Die einfach so Geld rüberschieben. Die beiden lassen mich mitleiden und –fiebern, ich freue mich wie Bolle auf die erste Ausgabe von Substanz. Zitat nach Ende der Finanzierungszeit: „Wir haben in den letzten Wochen so viel über Substanz geredet, dass manche schon befürchteten, wir würden niemals damit aufhören. Seit letzter Nacht aber ringen wir nach Worten. Zwei Tage vor Ende der Crowdfunding-Kampagne haben wir das Mindestziel von 30.000 Euro überschritten. Dass über 500 Menschen so an unsere Idee glauben, dass sie jetzt schon zahlende Leser werden, macht uns glücklich und dankbar. Weitere Sprachgirlanden überflüssig.“

Oder Christian Jakubetz. “Der 40-Jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand” heißt sein jüngstes Buchprojekt, eine Art “Generation Golf Reloaded”. Über eine Facebook-Page diskutierte er mit interessierten Leser-in-spe, auf Twitter und Facebook begeisterte er jene, die an ihm interessiert sind. Sein Blog kam dabei gar nicht groß zum Einsatz. Das heißt nicht, dass “Der 40-Jährige” automatisch ein Bestseller wird – doch habe ich bei Jakubetz eben das Gefühl, dass er mit Verve für sein Projekt brennt, ich freute mich bei jedem Schritt mit ihm.

Wo ist der Grund, sich auf den Start von Krautreporter zu freuen? Ich vermag ihn nicht ausmachen. Auch kenne ich niemand, der dem ersten Tag des Online-Gehens entgegenfiebert. Mir scheint, die Mitmacher selbst sind blind gegenüber diesem Empathieproblem. Stefan Niggemeier zitiert in seinem Blogartikel zum Thema jenen US-Blogger Andrew Sullivan, der sich bei seinen Geldgeber bedankte mit den Worten: „You built that. And we’re incredibly grateful to live in it.“

Wann hat man Ähnliches von den Krautreportern gehört?

Zur Halbzeit der Geldsammlung ist das Scheitern wahrscheinlicher als die gelungene Finanzierung. Und das ist bitter. Denn wenn die Krautreporter scheitern, liefert das all jenen Ausreden, die glauben, Journalismus müsse sich nicht ändern. Dass all das, was digital ist, den Journalismus nicht verbessert, sondern nur aus Hirngespinsten besteht.

Die Krautreporter stehen, gerade weil bekannte Namen unter ihnen sind, eben auch in der Verantwortung: Wenn sie scheitern, dürfte es auf absehbare Zeit keine, zumindest aber weniger journalistische Projekte ohne Konzernbeteiligung geben. Und jedes dieser vielleicht entstehenden Projekte wird sich um die Ohren hauen lassen müssen, dass das mit den Krautreportern ja auch nicht funktioniert habe. Deshalb ärgere ich mich so sehr über die Luschigkeit der Krautreporter. “Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entzünden”, gehört zu den ausgelutschten Aphorismen-Kalender-Weisheiten. Das heißt aber nicht, dass dieser Satz nicht ein gehöriges Stück Wahrheit in sich trägt. Nur noch 14 Tage bleiben, um über 9.000 Spender zu finden.

Leider aber sind die Krautreporter in ihrem aktuellen Zustand dabei, ihre Chance genauso bräsig zu verbaseln wie die Piratenpartei die ihre in der Politik.

Verdammte Hacke, Krautreporter, begeistert Euch! Und anschließend endlich auch uns! Zeigt, wie sehr Ihr Euer eigenes Projekt wollt. Entzündet uns!

Und jetzt geh ich spenden.

Sie auch? Dann bitte hier entlang.

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