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Gestern Abend war ich ein paar Minuten sprachlos, denn bisher habe ich
keine schönere iPhone-App auf dem Bildschirm gehabt. Ich wischte hin
und her, nach oben und nach unten. Was für eine Eleganz, was für ein
flüssige User Experience , welche intuitive Steuerung!

Wie viele andere auch habe ich mich in Paper verliebt, die neue Mobile
App von Facebook (Details lesen Sie bei Richard Gutjahr). Ob sie ein
Teil meines täglichen Nachrichtenkonsums wird, muss sich noch weisen –
doch das Design setzt einen Maßstab für alle, die sich in diesem Feld
tummeln.

Damit hat Facebook sich selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht. In
Deutschland ist Paper noch nicht zu haben. Und auch ansonsten gibt es
wenig Geschenke, denn der 10. Jahrestag des Online-Gehens ist für
Deutschlands Medien wieder mal ein Anlass, Kübel des Hasses über
Faceboook auszukippen.

Ja, Hass. Anders kann man nicht nennen, was da passiert.

facebook dublin(Motivationsplakate im Dubliner Büro von Facebook. Foto: Facebook)

Facebook hat geholfen, weltweite Demonstrationen gegen die
Farc-Rebellen auf die Straße zu bringen, es war ein wichtiges
Organisationsinstrument des arabischen Frühlings, es hilft Menschen in
Schneestürmen, einander zu helfen – weil Social Media nun einmal ein großartiges Organisationsinstrument ist.

Von all dem lesen Sie heute nichts. Stattdessen vergessen selbt
angeblich seriöse Medien jedwede Professionalität, Niveau mutiert zur
Hautkrem für deutsche Redaktionsstubenbesetzer.

Nehmen wir nur das „Manager Magazin“:

manager magazin facebook

Interessante Frage, oder? Fällt Ihnen was ein? Wenn ja – Glückwunsch!
Denn das „MM“ klärt die Überschrift im Artikel überhaupt nicht auf.
Stattdessen schreibt es munter von der „Business Week“ Titelgeschichte
ab und in jeder Zeile trieft es vor Abneigung gegen Mark Zuckerberg.
Beispiel:

„Grund genug für den Facebook-Chef, sich über die eigenen Ziele
klarzuwerden. Man sei nun an dem Punkt angekommen, „wo wir einen
Schritt zurück machen können und darüber nachdenken, welche nächsten
großen Dinge wir angehen wollen“, sagt er. Für Facebook dürfte das
eine neue Herangehensweise ans Geschäft sein.“

Diese Beurteilung des Management dürfte wiederum eine neue
Herangehensweise an das Thema für jeden sein, der sich ein wenig mit
Facebook beschäftigt hat und zum Beispiel das Standardwerk „Der
Facebook Effekt“ von David Kirkpatrick gelesen hat – doch dazu später.

Die „Süddeutsche Zeitung“ dagegen erklärt Facebook bereits für tot.
„Was kommt nach Facebook?“, fragen die Münchener mit einem Bericht aus
San Francisco. Angeführt werden dann Dienste, die ganz andere
Funktionen erfüllen als Facebook – aber scheiß der Hund drauf, ist
doch alles Internet. Falschinformationen sind auch gern dabei, zum
Beispiel: „Wer dort (bei Facebook) heute ein Status-Update
veröffentlicht, wendet sich gleichzeitig an seine Sandkastenliebe,
seine Großmutter, seine Affäre, seinen Chef und im Zweifel auch noch
an seinen inhabergeführten Bio-Supermarkt um die Ecke, für den aus
Versehen ein Personenprofil statt einer Firmenseite angelegt
wurde.“

Den Tiefpunkt aber liefert Walter Wille ab, Redaktion „Technik &
Motor“ der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Der Autor dieser
Zeilen hat sich nie bei Facebook angemeldet“
, beginnt er seinen
Text und vermeidet das Journalisten-Pfuibäh-Wort „ich“. Und er sei
froh darüber. Denn:

„Man hört, Facebook wurstele ungebeten in Kontakt- und Anruflisten
der Smartphones seiner Nutzer herum, mache sich über Kalendertermine
her, deaktiviere selbständig den Ruhezustand des Geräts, lese SMS und
dergleichen.“

Man hört? MAN hört? MAN HÖRT?

Entschuldigen Sie das nun Folgende, aber: ES IST DIE VERFICKTE PFLICHT
EINES JOURNALISTEN, NICHT ZU HÖREN, SONDERN ZU RECHERCHIEREN!

Wenn noch einmal irgend ein Schreiber der „FAZ“ behauptet, Blogs
würden nicht recherchieren, dann möge er mal einen Kollegen Walter
Wille fragen, ob er sich noch als Journalist betrachtet.

Nein, es wird Zeit, dass Facebook endlich Respekt bekommt.
Dabei muss man kein Fan des Unternehmens sein oder werden. Doch gibt
es einige Punkte in der Geschichte des Netzwerks, die einfach mal
würdigend zur Kenntnis genommen werden könnten.

Zum Beispiel einen schlichten Fakt: Keine Dienstleistung, kein Produkt
hat sich in der Geschichte der Menschheit schneller verbreitet. Dass Facebook andere Unternehmen verändert, haben Frank Puscher und ich für das IntMag aufgeschrieben.

Beides war nur möglich, weil Mark Zuckerberg immer bereit war, aus
Fehlern zu lernen und zu reagieren – gleichzeitig aber ein Gefühl
dafür hatte, was Nutzer mittel- bis langfristig nutzen könnte.

Nehmen wir den schrittweisen Start. Ganz strategisch öffnete sich
Facebook Stück für Stück, erst von Universität zu Universität, dann
kamen Highschools hinzu. Erst zweieinhalb Jahre nach seinem ersten
Online-Tag konnte jeder den Dienst nutzen. Das weckte einerseits
Begehrlichkeiten: So bildeten sich an Unis, die noch nicht für
Facebook freigeschaltet waren Initiativen, die Zuckerberg
aufforderten, ihre Hochschule endlich freizuschalten. So konnte das
damals kleine Team genau erkennen, welches der nächste, logische Markt
sein könnte. Gleichzeitig begann der Dienst dann mit der nötigen
Begeisterung: Schließlich beugte sich Facebook den Forderungen der
Kunden. Zum anderen sorgte dieser schrittweise Start dafür, dass
Server nicht überlastet wurden – ein Problem, an dem das Social
Network Friendster maßgeblich gescheitert war.

Oder der Newsfeed. Was heute der Einstiegsort ist, existiert erst seit
dem Herbst 2006. Vorher war Facebook mehr ein Karteikartenkasten mit
Nutzerprofilen.

facebook 2004

Die allererste Nutzerreaktion auf die radikale Neuerung lautete laut
Kirkpatricks Buch: „Turn this shit off!“ Nur eine von 100 Reaktionen
auf den Newsfeed war positiv.

Zuckerbergs Reaktion war genau das, was das „Manager Magazin“ ihm
abspricht: ein Zurücktreten und Nachdenken. Er veröffentlichte im
Firmenblog einen Artikel mit der Überschrift: „Calm down. Breathe. We
hear you.“ Sofort setzte er ein Team darauf, die
Privatsphäre-Einstellungen zu überarbeiten. Und dann verkündete er
deren Änderung in einem Blog-Post mit einem Ton, den deutsche
Führungskräfte nur selten anzuschlagen wagen: „We really messed this
one up.“ Die mangelnde Erklärung sei ein großer Fehler, „and I’m sorry
for it“. Die Proteste erstarben.

Gleichzeitig war Zuckerberg laut Kirkpatrick zu keinem Zeitpunkt
bereit, den Newsfeed wieder abzuschaffen. Wenn diese Funktion nicht
funktioniert hätte, hätte Zuckerberg sogar Facebook insgesamt in Frage
gestellt, weil seine Theorie darüber, warum Menschen miteinander
verbunden sein wollen, falsch gewesen wäre.

Mehrere Male in der Historie des Unternehmens entschuldigte sich
Zuckerberg. Man mag das zynisch sehen und dies führ hohle Worte
halten. Doch zeigt sich über die Zeit hinweg, dass er ein sehr gutes
Gefühlt dafür hat, was er Nutzern zumuten kann und was nicht. Und er
hat keine Probleme, Fehler öffentlich einzugestehen – was ihn von
vielen, vielen deutschen Managern und Politikern unterscheidet.

facebook mobile alt Solch ein Beispiel ist auch die Mobile
App. Heute ist Facebook die dominierende Macht unter den Handy Apps.
Doch die erste Version des Programms war grauenhaft. 2012 berichtete
Zuckerberg sehr offen, dass es ein Fehler war, auf HTML5 zu setzen. Innerhalb weniger
Wochen schwenkte er um und setzte alles daran, eine native App zu
entwickeln.

Solche Geschichten gibt es einige. Es ist bemerkenswert, wie wenig
Respekt Facebook dafür in Deutschland bekommt. Stattdessen werden
vollkommen falsche Behauptungen und Annahmen aufgestellt. Ein schönes
Beispiel dafür ist die nicht enden wollende These, das Ende von
Facebook sei nah, weil Teenager den Dienst nicht mehr so häufig nutzen
(zu dieser These hatte ich schon einmal ausführlicher
geschrieben
).

Tja, und was, wenn das geplant war?

In „Der Facebook Effekt“ findet sich diese interessante Schilderung:
„He (Zuckerberg) and Parker and Moskovitz had been saying since
mid-2005 that Facebook was not meant to be cool, just useful. If
younger people were turned off as the site broadened demographically,
so be it.“

Der Witz ist also, dass Teenager sich länger für Facebook
begeisterten, als Zuckerberg erwartet hat – und das wahrscheinlich,
weil teenager-geignetere Dienste erst jetzt in Gestalt von Instagram
oder Snapchat auftauchen.

Bei all dem behaupte ich nicht, dass Facebook ein Engel ist. Aber
bisher gab es meines Wissens nach keinen Missbrauch von Daten durch
Facebook. Hacks gegen Facebook-Accounts liefen durch Malware ab, die
Hacker auf dem Rechner der Nutzer platzierten.

Und, nein, es muss auch nicht jeder Facebook-Mitglied werden.
Journalisten aber, da stimme ich dem geschätzten Daniel Fiene zu,
sollten sich fragen lassen, ob es nicht die Pflicht zur Recherche erfordert, sich anzumelden.

Doch täte journalist dies, fiele es vielleicht schwerer, ein
spannendes Unternehmen so voreingenommen unter Generalverdacht zu
stellen, wie dies derzeit mit Facebook in Deutschland passiert.

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