re:publica 2013: Bunt und schön

by Thomas Knüwer on 8. Mai 2013

Für Stammleser ist es vielleicht ermüdend, alljährlich hier in der Indiskretion ein Loblied auf die re:publica zu lesen, die größten Digital-Konferenz Deutschlands, vielleicht gar Europas. Und doch ist es wieder einmal nötig, denn auch in der 2013er-Ausgabe hat sie sich in beeindruckend weiterentwickelt.

gott hacker

Die wichtigsten Neuerungen:

1. Schlangen vor der Damentoilette.

2. Funktionierendes, schnelles Wlan.

3. Das Ausmaß uninfomierter, gar hasserfüllter Berichterstattung klassischer Medien hat deutlich abgenommen.

4. Dieter Zetsche

Klingt nach nicht erwähnenswertem Pisselskram. Doch wer die Konferenz über die sieben Jahre verfolgt hat, für den sind dies Symbole für die gestiegene Wahrnehmung und die wachsende Bedeutung der re:publica.

Nehmen wir nur die Damentoilette.

In den ersten Jahren erinnerte diese an einen reversiven Kneipenkarneval: Während Männer murrend auf eine Keramikpositionierung warteten, spazierten die Damen munter ein und aus – denn es gab ja nur wenige von ihnen. Das Bild hat sich massiv gewandelt, gefühlt dürfte der weibliche Anteil bei einem Drittel gelegen haben, vielleicht mehr.

Und: Bei welcher Konferenz gibt es so viele Kinder? Eine so breite Altersspanne? Wo ist Barrierefreiheit so selbstverständlich, gehören Rollis derart alltäglich zum Bild wie die Untertitel auf der Leinwand der großen Bühne? Gibt es irgendeine Konferenz in Deutschland, die so bunt ist, eben so bunt eben wie unsere Gesellschaft?

Diesmal konnte die Buntheit sogar getweetet, verinstagramt und facebookisiert werden – denn das Wlan funkte problemlos. So problemlos, dass wir unser Digitales Quartett sogar live streamen konnten (womit wir wirklich nicht gerechnet hatten, sonst hätten wir uns mehr Gedanken über die entstehenden Sound-Probleme gemacht).

Kein Wunder, dass die Wlan-Zuständigen beim Schlussakt bejubelt wurden wie Charles Lindbergh nach der Atlantik-Überquerung.

 

Die Tod des Running Gags von der Offline-Internet-Konferenz zeugt von der massiv gestiegenen Professionalität der re:publica GmbH. Bei der Verabschiedung wurde vielleicht manchem erst klar, welche Personalstärke die Organisation einer solchen 5000-Besucher-Konferenz braucht.

Trotzdem aber hat es die Mannschaft auch in diesem Jahr geschafft, die re:publica davor zu bewahren, eine xbeliebige Veranstaltung zu werden. Die Raumkonzeption mit 8500 Pappwürfeln sowie das liebe- und fantasievolle Grafik- und Lichtdesign sind nicht einfach nur gut – sie setzen den Maßstab für Konferenzen in Deutschland, vielleicht weltweit. Mir fällt allein die leider vorerst beerdigte Picnic in Amsterdam ein, die da mithalten könnte.

republica licht

Noch dazu zu diesem Preis: Eine dreitägige Konferenz mit einem derartigen Angebot für 210 Euro – das ist ein schöner Witz. Und wer gar nicht zahlen mag oder kann, dem bleibt eine Acht-Stunden-Schicht als Helfer: Dafür gibt es eine Karte als Entlohnung.

Und bei all dem wird es in der Station nie seelenlos – im Gegenteil. War die re:publica einst ein Klassentreffen bei dessen ersten Ausgaben sich jene trafen, die gegenseitig ihre Blogs lasen, so ist sie nun ein rauschendes Schulfest, ein orgiastisches Umarmen, Highfiven und Winken und Reden.

Diese Herzlichkeit verleitete schon in der Vergangenheit manchen Journalisten dazu, die Konferenz abzuwerten als einen Versammlung der Unwichtigen, die sich einreden, wichtig zu sein. So vorhersehbar waren die Attacken, dass die Berichterstattung treffsicher vorempfindbar war. Das hat sich geändert. Auch, weil viel mehr Journalisten tatsächlich an der Konferenz teilnehmen, statt nur über sie zu schreiben.

Natürlich gibt es immer noch eine erstaunlich schwurbelige Berichte (das Typoblog hat da was zusammengetragen). So nahm das ARD Morgenmagazin “Europas größte Internet-Messe” (die Ausstellung des Internet ist ja einer der Höhepunkte) zum Anlass einen erschreckend schlechten Bericht über Berliner Startups zu fabrizieren. Der Branchendienst Meedia hingegen fabuliert sich wild etwas zurecht von sozialer Benachteiligung und der Pflicht, die re:publica durch Deutschland wandern zu lassen.

 

Jener Bericht (da Meedia an die Verlagsgruppe Handelsblatt verkauft wurde, kann ich den Dienst leider nicht mehr verlinken – Gründe lesen Sie hier) kramte auch das Argument der Filter-Bubble wieder hervor, das der re:publica immer anhaftete.

Doch nichts könnte ferner der Wahrheit liegen. Solche eine Blasenbildung würde ja bedeuten, die Teilnehmer ließen nur eine Art von Information an sich heran. Das ist Unfug. Über Datenschutz wurde genauso diskutiert wie über die Vorzüge frei verfügbarer Daten, über politischen Aktivismus in Afrika genauso wie über Stricken in Großstädten, Cory Doctorow giftete gegen Apple, trotzdem lieferte der Hersteller zwei Drittel der im Wlan angemeldeten Geräte.

Das einzige, was die Re:publicaner eint, ist die Meinung, dass dieses Internet wichtig ist. Wer daraus eine Filter Bubble formt, kann sie auch beim Ärztekongress ausmachen, weil dort alle Teilnehmer sicher sind, dass Gesundheit wichtig ist.

republica innovation lougne

Wie vielschichtig die Konferenz geworden ist, zeigt auch der Auftritt von Daimler-Chef Dieter Zetsche. Man kann sich ausmalen, dass die Konzernkommunikatoren vorher schwitzige Hände bekamen: Würde Zetsche überhaupt jemand interessieren? Würde in einem Aufwallen von Kapitalismus-Kritik in der Fragerunde gewütet?

republica stage

Die Sorgen waren unbegründet. Der große Saal war voll, Zetsche machte eine hervorragende Figur. Wer sich für Mobilitätstechnik interessiert, bekam eine Menge Futter, gepaart mit Unterhaltung. Ohne Zurückhaltung machte sich Zetsche über Googles selbstfahrendes Auto lustig, attackierte das Car Sharing-System DriveNow als Kopie des Daimler-Systems Car2Go (dass letzteres kundenfreundlicher ist, würde ich persönlich ja gern mal mit ihm diskutieren). Dieser Auftritt könnte re:publica-Historie geschrieben haben. Denn so manches Großunternehmen dürfte sich nun überlegen ebenfalls auf diese Art in Kontakt mit digitalen Multiplikatoren zu treten.

Das bedeutet übrigens nicht, dass die Besucher handzahm geworden sind. Bei der Diskussion über Netzinfrastruktur gab es bissige Fragen gegen den hilflosen Vertreter der Deutschen Telekom, dem für Regulierungsfragen zuständigen Jan Krancke. Als er gar behauptete, noch transparenter als sein Unternehmen könne man nicht auftreten, toste lautes Gelächter durch den Raum. Ohnehin darf man ahnen, dass die Telekom noch nicht recht ahnt, was noch auf sie zukommen könnte an Gegensturm.

Während Krancke hohle Worthülsen lieferte wie “Wir stehen für ein offenes Internet” oder “Das Internet ist erwachsen geworden”, brachte Zetsche Sätze fürs Manager-Poesiealbum:

“Wenn es Veränderungen gibt, es ist klug, Teil der Veränderung zu sein.”

“Wenn es Daimler in 126 Jahren noch geben soll, dürfen wir Dinge nicht mehr so wie bisher machen.”

republica drauen

Konstante Veränderung. Das ist ja auch etwas, was die re:publica erlebt. In ihren sieben Jahren stand sie nie still, sie kennt keine Ruhe. Und so gibt es auch nach dieser Ausgabe Punkte, an denen das Team weiter schrauben wird.

Aus meiner Sicht könnten das zum Beispiel sein:

    • Moderatoren: Sie waren das größte Manko der re:publica 2013. Bei zu vielen Podien gab es zu uninformierte und zu schlecht vorbereitete Gesprächsleiter. Natürlich organisieren sich viele der Diskussionen selbst – doch eine Art Qualitätsmanagement wäre schon nötig.
    • Sprecher-Qualität: Natürlich lebt die re:publica davon, dass Menschen einfach mal zu machen, ein Thema einzureichen und sich dann hinzustellen und zu reden. Aber. Insbesondere unter jungen, deutschen Wissenschaftlern scheint es Defizite beim Aufbereiten ihres Feldes in Vortragsform zu geben. Ein typisches Beispiel war da ein Panel über Verschwörungstheorien: Die beiden Vortragenden schienen grob in der Lage, die Bilderberger oder Chem-Trails zu erklären. Gar nicht klappte es mit der Einordnung, die in der Fragerunde eingefordert wurde: Warum und wie verbreiten sich solche Theorien? Was kann man Verschwörungsgläubigen entgegnen? Keine Antwort. Schönster Satz: “Verschwörungstheorien zeichnen sich auch dadurch aus, dass häufig das Wort ,auch’ verwendet wird.” Ich bin geneigt eine re:publica-Regel aufzustellen: “Wenn ein deutscher Wissenschaftler mit einem langen Ankündigungstext verspricht, ein grundlegendes Thema anhand von Beispielen zu erläutern, wird exakt das nicht passieren.” Vielleicht wäre es eine Idee, einige Monate vor der re:publica Rednerschulungen anzubieten?

 

  • Blogger: Über die Jahre entstand der Eindruck, die re:publica will sich vom Image einer “Blogger-Konferenz” befreien. Netzaktivistische Themen nahmen immer mehr Raum ein, die Podien mit expliziten Blog-Themen wurden verstärkt frequentiert von alten Säcken wie mir. Und ohnehin gab es solche Sessions immer seltener. In diesem Jahr hat sich das Bild gewandelt. Es gab wieder mehr Blogger-Debatten – und fast alle waren voll, egal ob dort Sport-, Mode- oder Wirtschaftsblogs Thema waren. Viel Jüngere waren dort zu sehen. Und einige Zuhörer meinten hinterher: Im kommenden Jahr müssen sich die Blogospheren auf den Podien begegnen, sollte der Modeautor (“Ich lass mich gern beschenken. Warum sollte ich schreiben, dass ich ein Stück umsonst bekommen habe?”) mit dem Lawblogger reden und die Feministinnenbloggerin mit dem Sportschreiber. Und, ja, ich glaub das werde ich mal als Thema einreichen. 
  • Technik-Trends: Der meistfotografierte und meistinterviewte Besucher der #rp13 dürfte Neil Harbisson gewesen sein, der erste anerkannte Cyborg. Ein begehrtes Ausprobier-Spielzeug war das Mondfahrzeug von Karsten Becker und Robert Böhme. Natürlich begeistert diese geekige Technik die anwesenden Geeks. Davon würden alle gerne mehr sehen – mehr Technik zum Anfassen und Ausprobieren. 

Dies sind nur vier subjektive Einwürfe, noch getrieben von zuviel Club Mate und Flora Power. Selbst wenn das rp-Team ganz anders darüber denkt bin ich mir sicher, dass wir uns keine Sorgen um die re:publica machen müssen. Ganz einfach, weil ihre Ausrichter in den vergangenen sieben Jahren so verdammt viel richtig gemacht haben.

Und dafür auch in diesem Jahr: Danke!

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