Keine Ad-Blocker, please – wir sind werbefinanziert

by Thomas Knüwer on 13. Mai 2013

Stellen Sie, liebe Leser, sich bitte ein Restaurant vor. Es ist kein sonderlich tolles, mehr wie eine Kantine, das Essen ist 08/15, die Saucen entstammen den dicken Tüten für Großgastronomen. Nur gelegentlich gibt es mal ein Highlight, vielleicht den extra großen Burger für nen kleinen Euro. Und vielleicht gar baut der Koch bei gutem Wetter ein oder zwei Mal im Jahr draußen einen richtigen Grill auf. Der Service? Geht so. Nicht unmittelbar unfreundlich, eher die Kommunikation meidend. Fragen zum Essen werden selten beantwortet.

Solche Lokale gibt es zuhauf – und sie sind nicht mal leer. Meist liegen sie im Herzen von Gewerbegebieten und sind umgeben von Büros. Mangels Konkurrenz kann man sich da einiges erlauben. Zum Beispiel könnte jenes Restaurant seine Kunden auffordern, die Schuhe beim Betreten seiner Räumlichkeiten auszuziehen, weil die Reinigungskosten so hoch geworden sind. Oder das eigene Besteck mitzubringen – “Die Kosten, Sie verstehen?”

Nähmen die Gäste das klaglos hin? Wohl kaum. Man würde den Betreiber für geistesgestört halten und ihm erstmal klar machen, dass er als Dienstleister in Vorleistung gehen muss.

Womit wir bei einem Sammelsurium deutscher Verlage wären, die heute eine Kampagne auf Augenhöhe mit dem Besteckmitbring-Gastronomen begonnen haben.  Spiegel Online, FAZ.net, RP Online, Sueddeutsche.de, Zeit Oline und Golem fordern derzeit ihre Leser auf, Ad-Blocker abzuschalten. Denn wer solche Programme benutzt, dem werden keine Werbebanner angezeigt, was die Einnahmen jener Nachrichtenseiten schmälert. Angeblich sollen schon 25 Prozent der Nutzer Ad Blocker benutzen. Diese Zahl halte ich für sehr hoch, die Leser hier in der Indiskretion verwenden nur zu rund einem Zehntel die Reklameausblender. Aber vielleicht sind sie nicht so technikaffin wie die Leser von Zeit Online.

Das Begründungsklagelied ist das Bekannte: “Wie alle Medien brauchen auch Onlinedienste eine stabile wirtschaftliche Basis, um hochwertige Inhalte produzieren zu können. Sie finanzieren sich weitgehend über Werbung, deren Erlöse sich über Reichweiten bemessen”, schreibt Süddeutsche.de in einer Pressemitteilung.

Eigentlich möchte ich dieses Ansinnen ja sogar unterstützen. Denn natürlich haben die Verlage Recht: Wer Ad Blocker benutzt, schadet Online-Angeboten.

Doch fällt es schwer, die Kampagne zu unterstützen, wenn die beteiligten Seiten an einem normalen Tag so aussehen:

rp-online artikel

faz.net

zeit 2

Selbst wenn nicht genug Buchungen vorhanden sind, oder das im Artikel auftauchende Thema kein rechtes Werbeumfeld darstellt, bleibt der Leser nicht verschont.  Es gibt ja Eigenwerbung:

spiegel

Es gibt einen Grund, warum Menschen Ad Blocker so anziehend finden: Sie sind genervt. Genervt von Layovers und Blinkeblinke-Bannern, von Popups und verdeckter Werbung.

Tatsächlich sind die an der Kampagne beteiligten Seiten – abgesehen vom Design-Totalschaden RP Online – ja noch die zurückhaltenderen im Nachrichtenlande. Ihre Auftritte sind dezent, verglichen mit dem Treiben viele Lokalverlage, Handelsblatt.com oder Express.de. Insofern schickt die deutsche Verlagswelt süße Katzenbabys mit der Bitte vor, künftig kein Kakerlaken-Mittel mehr zu verwenden.

Ob das hilft? Warten wir’s ab. Generell aber wäre es weitaus besser, endlich redaktionelle Seiten viel strikter von PR zu trennen, Werbung kenntlicher zu machen und vor allem einen weitaus größeren Teil des Browserfensters mit journalistischen Inhalten zu füllen.

Statt also die Gäste mit merkwürdigen Schuhauszieh- oder Besteckmitbring-Bitten zu verwundern sollte erst mal die Küche stimmen. Dann könnte man reden.

Nachtrag: Warum hat eigentlich kein Nachrichtenanbieter bisher versucht, ein Paid Content-Model ohne Werbung anzubieten? Wenn Ad Blocker so beliebt sind, könnte eine Zahlungsbereitschaft ja vorhanden sein.

Nachtrag II: Die Macher von Adblocker Plus haben sich geäußert:

“…Wir rufen daher alle Websites, Verlage, Advertiser und Ad-Networks auf, sich dem Dialog zu stellen und Werbung nicht gegen, sondern für den Nutzer zu machen. Nur so können Menschen im Internet erreicht werden.”

Das gesamte Statement gibt es unter diesem Link. 

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