Deutschlands Datenhändler schlagen wieder zu

by Thomas Knüwer on 10. Dezember 2012

In der vorletzten Woche gab es eine Meldung, die nur in den Fachdiensten der Medienindustrie zu finden war. Dabei wäre sie  für gewisse Teile der Allgemeinheit durchaus interessant gewesen. Schließlich haben Deutschlands Datenhändler wieder zugeschlagen: Über 40.000 physische Adressen unbescholtener Bürger wurde einfach so verschachert – gefragt hat sie niemand.

Nicht nur die Medien hätten darüber berichten können. Vielleicht hätten auch die handelsüblichen Datenschützer, vielleicht gar Verbraucherschutz-Ministerin Ilse Aigner das Wort erheben können. Jenes Datenhandelsgeschäft war zwar nicht illegal – aber trotzdem hätte ja ein erhobener Zeigefinger die mangelnde Moral jenes Deals in die Öffentlichkeit gebracht.

Wovon ich spreche?

Das “Handelsblatt” hat die Abonnenten-Datei der “Financial Times Deutschland” gekauft.

Dies ist erlaubt, da Verlage sich per Lobbyismus das Listenprivileg erkämpft haben. Es geht ihnen ja so schlecht, dass sie ohne diesen Adressdatenhandel gar nicht überleben können. Das sage nicht ich, das sagte Wolfgang Fürstner vom Zeitschriften-Verlegerverband VDZ.

Rechtlich, also ist es erlaubt, dass die Käufer der “FTD” nun mal probeweise das “HB” erhalten. In Zeiten aber, da die Aufregung groß ist um Themen wie Datenschutz und Privatsphäre sollten sich Verlage fragen, ob dies tatsächlich ein so kluges Vorgehen ist. Ihre Kunden haben ihnen diese Daten anvertraut. Sie haben sich vielleicht bewusst für die “FTD” entschieden, weil ihnen der Stil, der Inhalt oder die Aufmachung des “Handelsblatts” nicht gefielen. Und nun bekommen sie exakt dieses Blatt geliefert. Ob sie sich darüber freuen? Ich glaube nicht. Vielmehr sind es genau solche Aktionen, die Menschen davon abhalten, leichten Herzens ein Abonnement abzuschließen: Sie müssen Angst um ihre Daten haben.

Denn an wen sind sie da geraten? An ein Blatt, dessen Chefredakteur Gabor Steingart ihnen ankündigt, der Gründungs-Chefredakteur der “FTD”, Andrew Gowers würde nun Kolumnist beim “Handelsblatt” sein.

Nur: Das stimmt nicht.

Er wurde gefragt, hatte britisch-höflich geantwortet, er werde es sich überlegen. So schildert es Meedia. Nun ist Gowers – verständlicherweise – sauer. Also, so richtig sauer. Auf der Facebook-Seite der “FTD” ist seine Reaktion zu lesen:

„I am writing one piece for HB about a subject I feel strongly about – Britain and Europe – as commissioned by Torsten Riecke (Anmerkung der Ex-Redaktion: Torsten Riecke ist Kommentarchef des Handelsblatt). I just sent Steingart a note complaining about his tasteless, poorly-judged and misleading remarks and saying I will never write a column for his shit, declining newspaper! You can tell that to the colleagues too.”

Wir dürfen mal gespannt sein, ob er auf eine Gegendarstellung drängt – dann dürften die “Handelsblatt”-Leser von der Unverschämtheit Steingarts auch direkt erfahren.

Tasteless, poorly-judged, misleading, shit und declining – dieses Urteil fällt der Sprecher der Association for Financial Markets in Europe, ein Mitglied der unmittelbaren Kernleserschaft, über das Vorgehen des Düsseldorfer Verlags.

Und dieser Verlag handelt mit den Daten von 40.000 Lesern. Sie werden Post erhalten von Gabor Steingart, absehbar aber auch von den anderen Blättern des Hauses. Und sie ahnen, wem sie das zu verdanken haben: Gruner + Jahr.

Wundert sich wirklich irgendjemand darüber, dass es schwer geworden ist, Print-Abos zu verkaufen?

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