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Ein beliebter Mythos in Deutschland lautet: „Die Leute sind mit der modernen Kommunikation, dem Interwebs, diesem ganzen Zeuch eben, überfordert.“ Es sei nur eine Avantgarde der Digital-Irren, die sich im Netz auskennen, es ohne große Probleme bedienen kann und dort so etwas wie daheim sind. Der Großteil der Bundesbürger aber sei auf der analogen Seite des digitalen Grabens, verwirrt und unkundig, verloren im Bit-Nirvana.

Meine persönliche Wahrnehmung war immer eine andere. Natürlich weiß nicht jeder über jedes Detail digitaler Technologie bescheid. Doch Überforderung konnte ich in meinem Umfeld nur bei jenen ausmachen, die mit E-Mails überhäuft werden. Das jedoch ist keine technische Überforderung sondern mangelnde Kommunikationsdisziplin beim arbeitgebenden Unternehmen.

Und nun gibt es eine GfK-Onlinebefragung im Auftrag der Ergo-Versicherung, die genau das zeigt: Die Deutschen fühlen sich in der Masse nicht überfordert vom Web.

Über 3.000 Menschen wurden befragt, 88,4% spüren keine Überforderung – das betrifft sogar die Gruppe der über 60-Jährigen. Bei den über 70-Jährigen sagen sogar 82,1%, sie fänden gesuchte Informationen „im Handumdrehen“. Alles andere würde auch verwundern: 93% der Befragten geht täglich online – würden sie das tun, wären sie überfordert?

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Das Gefühl, ohne Web den Anschluss an Freunde und Familie zu verlieren, teilen die Jungen und die Alten. 41,5% sind es bei den 18- bis 29-Jährigen, danach geht dieser Wert in jeder Altersgruppe nach unten – schießt aber bei den über 70-Jährigen auf 42,6%. Und dabei machen diese Silver Surfer rund 10% der Befragten aus.

In der aktuellen Debatte um den Verkauf der Adressdaten von „Financial Times Deutschland“-Abonnenten sollten sich Verlage fragen, wie sehr ein solcher Datenhandel angesehen wird, wenn 53,9% der Onliner ein Problem haben, ihre Privatadresse im Netz einzugeben?

Die Studie enthält noch eine ganze Reihe weiterer Details, voll einzusehen ist sie unter diesem Link.

Natürlich sind solche Online-Umfragen immer mit Vorsicht zu genießen. Denn jene, die gar nicht ins Netz gehen, werden natürlich nicht abgedeckt. Wir wissen aber aus Studien wie der ARD/ZDF-Onlinestudie, dass bis an die Altersgrenze von 60 Jahren mindestens drei Viertel der Deutschen regelmäßig online sind. Im Gegenzug sollte man in Betracht ziehen, dass die meisten Online-Hochaffinen solche Befragungen gar nicht erst mitmachen.

Diese Ergebnisse sollten in einigen Bereichen ein Nachdenken auslösen. So wird in der Politik ja gern das Bild des hilflosen Bürgers gezeichnet, der sich wehr- und hilflos ausgeliefert sieht. Gleichzeitig sollten jene Volksvertreter, die selbst bekennend nicht digital-kompetent sind, sich fragen ob sie dies nicht ändern müssen: Wer die Interessen der Bürger vertritt, muss sich deren Alltag bewegen.

Und natürlich sollte auch die Berichterstattung in den Medien sich nicht mehr anlehnen an der winzigen Gruppe der Offliner, sondern am deutlich gestiegenen Kompetenz-Niveau der Leser, Zuhörer und Zuschauer. Wer das nicht tut, schreibt und sendet an ihnen vorbei.


Kommentare


Susanne 14. Dezember 2012 um 17:07

Wenige die Menschen sind mit dem Internet überfordert, als vielmehr die Anbieter. Wer sich immer noch mit 1000er Dorf-DSL oder gar ISDN abmühen muss – und das sind mehr Menschen, als gemeinhin geglaubt wird – kann auch keinen Spaß am Internet und seinen Angeboten entwickeln. Wer einmal versucht hat, auf dem Land ein Video online anzusehen, der weiß, wovon ich rede.

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Luca 14. Dezember 2012 um 18:20

Na ja, überfordert vielleicht nicht – aber das Gefühl der Über- oder Unterforderung und die reale Medienkompetenz klaffen dann doch meistens weeeeit auseinander.

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Daniel Daffke 15. Dezember 2012 um 19:06

„Wir wissen aber aus Studien wie der ARD/ZDF-Onlinestudie, dass bis an die Altersgrenze von 60 Jahren mindestens drei Viertel der Deutschen regelmäßig online sind.“
Naja, „regelmäßig“ heißt per definitionem in all diesen Studien: mindestens einmal im Vierteljahr. Dazu gehört dann eben auch die Oma, die ihrem Enkel ab und zu ´ne Mail schickt.

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Thomas Knüwer 17. Dezember 2012 um 9:53

Sie behaupten also, Menschen über 60 seien nicht regelmäßig im Netz? Ich bestreite dies. Übrigens definiert die ARD/ZDF-Studie die Regelmäßißgkeit (wenn ich das richtig sehe) mit einmal monatlich.

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mark793 17. Dezember 2012 um 12:47

Wäre vielleicht auch mal interessant der Frage nachzugehen, wer alles dazu beigetragen hat, diesen Mythos überhaupt zu verbreiten. Wahrscheinlich die gleiche Sorte Hypertopchecker, die jahrelang rumgebarmt hat, die Deutschen seien ja ach so technikfeindlich und deswegen würden wir demnächst zum Drittweltland.

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Lucas von Gwinner 17. Dezember 2012 um 15:11

Gerade die ARD/ZDF-Onlinestudie ist bei dem Thema sehr spannend zu lesen: Danach stimmt es, dass Internetnutzung ein Breitenphänomen durch alle Altersklassen hinweg ist. Aber wofür wird es genutzt? Gerade digitale Hype-Themen wie soziale Netzwerke oder Apps sind (noch) Minderheiten- und nicht Massenphänomene. Nach der Studie nutzen zwei Drittel der deutschen Onliner das Internet nur ab und zu. Ein Drittel meint sogar: Ihnen sei nur der Empfang und Versand von E-Mails wichtig. Von einer anfänglichen Euphorie kommt man dann doch zu einer differenzierteren Sicht: Die Basisfunktionen des Webs erreichen nach und nach die Massen, die momentan so arg gehypten komplexeren Dienste bislang nur technisch-versiertere Schichten. Das sollten sich vor allem die Unternehmen hinter die Ohren schreiben, die zwar immer vorn mit dabei sind wenn es um den neusten heißen Scheiß geht, aber digitale Basisbedürfnisse nur höchst unzureichend erfüllen.

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Thomas Knüwer 17. Dezember 2012 um 16:10

Die Behauptung, das seien Minderheitenphänomene halte ich dann doch für… gewagt. Auch laut ARD/ZDF-Studie nutzen 83% der Onliner zumindest gelegentlich Social Networks. Auch die Studie oben kommt zu diesen Ergebnissen. Und wer das nicht glaubt, kann ja n beliebigen Kneipentischen mal rüberhören – in mindestens 50% der Gespräche fällt irgendwann das Wort Facebook.

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über forder ung 17. Dezember 2012 um 17:28

Den Leuten bleibt ja oft nichts übrig.
Wenn man „Omas“ im Zug zuhört, benutzen die auch Skype statt Festnetz-Fon. Aber halt auch „nur“, weil die Alternativen (noch) schlechter sind.

Das die Leute überfordert sind, liegt auch überwiegend an den Online-Shops, Webseiten usw. die oft quasi unbenutzbar sind.
Mikrowellen oder Koch/Backofen-Kombinationen in der Küche haben ähnlich hohe Vielfalt der Nutzung: Die 1-2 Hauptfunktionen werden genutzt, der Rest eher selten oder meist gar nicht, weil es zu kompliziert ist. Das gilt für die Mikrowelle, das Auto, den Routenplaner, das Handy und das Tablett gleichermaßen.

Rotgrün hätte das Internet sukzessive seit 1999 einführen müssen. Aber soweit ich das sehe, haben die bis heute keine Umfragen bzw. Abstimmungen die man schon damals (mit Modem und AOL) hätte einführen müssen.

Nenn mal erfolgreiche IT-Projekte. Dann sollte Dir klar sein, wieso Software oft nicht nutzbar ist und z.b. Bahnautomaten oft keine Hilfen sind. Ein echter Automat hätte ein Mikrofon wo man auch nachts um 3 Uhr morgens ein ticket ordern kann in allen gängigen Sprachen. Denn das Internet haben diese Automaten weil die Glasfasern neben den Schienen liegen.

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