Willkommen im vergangenen Jahrhundert, Deutschland!

by Thomas Knüwer on 29. August 2012

Es gibt Menschen, die behaupten noch immer, Deutschland sei eine Technologienation. Sie machen das fest an exzellenten Autos, an Maschinen und Großanlagen. Das ist natürlich richtig.

Noch.

Denn natürlich gehört zu einer Technologienation auch die richtige Einstellung zu Technologien. Wer, zum Beispiel, wollte noch innovativ sein wenn er fürchten müsste, Großkonzerne könnten irgendwann bei der Regierung anrufen und fordern, das innovative Unternehmen sollte Abgaben an sie zahlen. Warum? Weil es innovativer ist. Wer würde in solch einem Standort noch investieren wollen?

Genau das ist es, was heute in Deutschland passiert ist. Ein innovatives Unternehmen soll künftig Strafen zahlen an eine innovationsunwillige und -unfähige Industrie: Zeitungsverlage.

Wir reden über das Leistungsschutzrecht, jenes Gesetz, das von der Lobby der Printhäuser angestoßen und von der CDU/FDP-Regierung nun durchgesetzt werden soll. Es basiert auf Lügen und Halbwahrheiten, es schafft eine gewaltige Rechtsunsicherheit. Das alles aber ist egal, Hauptsache, alte Artikel können weiter auf Papier gedruckt werden.

Erst kürzlich hatte sich Angela Merkel ja mit einem Dutzend Vertreter aus der Startup-Szene getroffen. Man darf es als Hohn empfinden angesichts des nun durchgesetzten Leistungsschutzrechtes. An Stelle jener wirklich prominenten und kundigen Personen würde ich mich instrumentalisiert fühlen und endgültig erkennen: Wer die CDU wählt, will keinen Technologiestandort.

Betrachten Sie nun dieses sehr, sehr gut gemachte Erklärtstück des “Elektrischen Reporters”.

Haben Sie gesehen, wie Axel-Springer-Agitator Christoph Keese ins touretteske Stottern kommt, als es um Rivva geht. Rivva ist ein exzellenter Nachrichtenfilter, ein Produkt, wie es Verlage auch hätten entwickeln können – aber es nicht geschafft haben. Burda, zum Beispiel, versuchte das Konzept mit Nachrichten.de zu kopieren – entstanden ist ein absurd schlechtes Angebot.

Halten wir die hier auch oft schon angeführten Argumente gegen das Leistungsschutzrecht noch einmal fest:

- Es basiert auf Lügen: Verlagsinhalte werden nicht massenweise raubkopiert – den Verlagen gelingt es nicht, diese Behauptung auch nur ansatzweise zu belegen.

- Verlage profitieren von Googel durch Leser, sie könnten sich problemlos auslisten lassen oder ihre Google-Suchtreffer verändern: Doch das würde ihnen weniger Einnahmen bescheren.

- Trotzdem wollen sie von den Einnahmen eines Unternehmens profitieren, zu dem sie jederzeit eine Alternative hätten schaffen können – wenn sie innovativ wären.

- Das Leistungsschutzrecht schädigt innovative Startups.

- Für jeden, der auch nur eine Anzeige auf seiner Homepage setzt, bedeutet das Leistungsschutzrecht die Gefahr von Abmahnungen oder Lizenzgebühren.

- Für jedes Unternehmen bedeutet das die gleiche Rechtsunsicherheit: Denn Firmen-Homepages sind generell gewerblich.

- Die Verlagsindustrie, die in der Verfassung ein Sonderrecht genießt, schädigt so die Meinungsfreiheit – sie missbraucht ihre Sonderstellung.

- Das Gesetz ist innovationsfeindlich und widerstrebt dem Gedanken der sozialen Marktwirtschaft.

Lesen Sie dazu bitte auch die hervorragende Argumentation von Stefan Niggemeier: “Die Scheinargumente für ein Leistungsschutzrecht”

Wie sehr deutschen Politikern die wahren Hintergründe egal sind, demonstrierte mir ein Mail-Wechsel mit einer der Verfechterinnen des Leistungsschutzrechts im Bundestag, der CDU-Frau Andrea Voßhoff. Auf meine Frage, ob sie mir auch nur einen Dienst nennen könnte, der angeblich so böse die Verlagsinhalte raubt, war ihr das (wie zu erwarten war) nicht möglich. Stattdessen schwurbelte sie sich einen Text zurecht, den Christoph Keese so geschrieben haben könnte:

“Im Internet gibt es eine Reihe von Anbietern, die Inhalte von Verlagswebseiten auf ihre eigenen Seiten kopieren und ihren Kunden etwa als bezahlte Dienstleistung ein maßgeschneidertes Nachrichtenabonnement anbieten.”

Bei Andrea Voßhoff geht es aber noch weiter: Es müssen ihr gar nicht Beweise für die Existenz des Bösen vorgelegt werden. Es reicht zu behaupten, dass es so etwas gibt:

“Indes sehe ich die Aufgabe des Gesetzgebers nicht darin zu beurteilen, welche konkreten Anbieter bzw. Unternehmen unter die betreffenden gesetzlichen Bestimmungen fallen. Dies wäre vielmehr gegebenenfalls Aufgabe der Gerichte, soweit diese in einem konkreten Rechtsstreit angerufen werden.”

Bei der nächsten Wahl wird es den Bürgern ihres Wahlkreises in Brandenburg, zu dem Orte wie Belzig, Jüterborg oder Rathenow gehören, vielleicht nicht so gefallen, dass Andrea Voßhoff alles glaubt, solange es eine für die Wiederwahl scheinbar wichtige Industrie behauptet.

Ich habe ihr übrigens angeboten, ein Telefonat über das Thema zu führen – sie hat sich nie wieder gemeldet.

Tja, und nun? Hier im Blog und bei meinen Aktivitäten auf Diensten wie Twitter oder Facebook gilt das, was ich schon im Juni zum Leistungsschutzrecht schrieb: Ich werde weiterhin nicht auf deutsche Verlagsinhalte verlinken. Übrigens hat sich keiner meiner Leser darüber beschwert und inhaltlich hat diese Seite auch keinen Schaden genommen: In den vergangenen Wochen verzeichnete ich Allzeit-Leserrekorde.

Ich empfehle allen, dies ebenfalls zu tun. Schreien die Verlage dann auf? Nein. Es kostet sie auf Dauer im Jahr nur einfach ein paar zehntausend Euro an Suchmaschinenoptimierung. Gleichzeitig lernt man die Qualität englischsprachiger Nachrichtenseiten wieder einmal zu schätzen und natürlich sind viele Blogs qualitativ ebenfalls viel nährstoffreicher als Welt.de oder ähnliche Nachrichtenagentureinsammelstellen. Auch deutsche Startups kündigen bereits an, sich von Verlagsinhalten fernzuhalten.

Und natürlich gilt auch weiterhin, dass ich Erwähnungen aus den Reihen der Zeitungsgemeinde eher unkonkreter halte. Denn wer nun die beste Umschreibung einer Agenturmeldung hat – und dies ist ja der Großteil der digitalen Nachrichten auf Verlagsseiten – sollte egal sein.

Wie aber geht es weiter? Deutschland würde sich von der wichtigsten Technologie unserer Zeit isolieren. Es würde zu einem entnetzten Land. Der Elektrische Reporter fragt sich was passiert, wenn Google sich zurückzieht. Stellen wir uns nur einmal vor, Google wäre in Deutschland gar nicht mehr erreichbar. Dies würde das Land für Wissenschaftler oder Schüler auf eine Ebene stellen mit Nordkorea – unfassbar.

Sicher ist: Würde Google News eingestellt, oder Verlagsseiten gar ausgelistet, würde deren Traffic massiv einbrechen. Die Verlage glauben allen Ernstes, das dies langfristig keine Bedeutung hat, weil ja Paid Content die Rettung ist. Dass aber die Menschen nun einmal nicht für Nachrichteninhalte zahlen – erst recht nicht für so qualitativ absurd schlechte wie beispielsweise bei Stern.de – ist nicht in die Köpfe der Entscheider zu bekommen.

Im Extremfalls ist auch ein Opt-in vorstellbar: Sämtliche deutschen Seiten würden zunächst ausgelistet – und müssten sich dann mit einem kleinen Code-Fitzelchen wieder anmelden. Dies wäre zunächst ein gewaltiger Schaden für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Da die Verlage sich aber nicht anmelden würden, könnte dies eine wunderbare Folge haben: Unabhängige Medienangebote erhielten eine neue Position und erhebliche Mengen Traffic mehr. So würde der Rückzug der Verlagsindustrie aus dem digitalen Zeitalter deren Ende bedeuten.

Bedanken könnten sich dann all die arbeitslosen Verlagsmitarbeiter und Journalisten bei Christoph Keese oder Angel Merkel.

 

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