Der rätselhafte Mr. Mather und die Facebook-Schrumpfung

by Thomas Knüwer on 24. August 2012

Es war ein großes Händereiben in deutschen Redaktionen. Endlich! Facebook stirbt! Die Mitgliederzahlen sinken! Blutrünstig zerfurchten billige Kantinenmesser die in alten Rollcontainern verwahrten Mark-Zuckerberg-Voodoo-Puppen.

Viele, viele meldeten es (warum ich nicht auf Verlagsinhalte verlinke):

Handelsblatt: “Facebook verliert in seinem Kernland USA Mitglieder.”

Bild.de: “Zerbröselt Zuckerbergs Milliarden-Traum?”

Manager Magazin: “Erst Euphorie, jetzt nagen bohrende Zweifel”

w&v: “Nutzer zunehmend unzufrieden: Facebook verliert Mitglieder in den USA”

Und die schöne Meldung hält sich weiter. Noch in dieser Woche bezog sich Zeit.de auf jene Zahl, dass Facebook im ersten Halbjahr 2012 1,1 Prozent seiner Mitglieder in den USA verloren habe.

Jene, die Ende Juli, die frische Meldung aufgriffen, wissen nicht, ob das so ist. Sie glauben es ohne jede Prüfung – sie haben einfach der Nachrichtenagentur Bloomberg vertraut. Die berichtete Ende Juli nämlich über die Studie eines bis dahin wenig bis gar nicht bekannten Analysten der Investmentbank Capstone. Jener Analyst stellte die Behauptung der sinkenden Mitgliederzahl auf der Basis einer selbst geschriebenen Software auf. Nach welchen Regeln diese Software arbeitet, welche Daten sie verarbeitet – das haben weder “Handelsblatt” noch “Manager Magazin” hinterfragt.

Woher ich das weiß? Weil Bloomberg einen Fehler machte: Die Agentur schrieb den Namen des Analysten falsch. Statt “Rory Maher” schrieb Bloomberg “Rory Mather”. Und nun können wir nachverfolgen, welche Medien jene Studie blind übernommen haben. Ja, sie haben sich diese Studie nicht einmal kommen lassen. Wir können auch davon ausgehen, dass sie den unter jeder Bloomberg-Meldung stehenden, zuständigen Redakteur nicht kontaktiert haben.

Leider ist dies nicht nur in Sachen Facebook gängige Praxis. Und um das klarzustellen: Hier geht es nicht um Facebook-Jubel. Es geht darum, dass über Unternehmen wie Facebook nicht neutral und journalistisch korrekt berichtet wird. Es braucht nur eine Studie – und alle sind glücklich. Selbst die Nachrichtenagenturen, denen all diese Medienhäuser blind vertrauen, fragen häufig nicht nach oder durchleuchten die Mechanik von Untersuchungen.

Dies wäre ja noch irgendwie hinnehmbar, sprächen wir von altbekannten Studienerstellern. Wenn er die Arbeit von Instituten über Jahre hinweg beobachtet, weiß ein Journalist normalerweise, wem er vertrauen kann.

Das aber ist hier nicht der Fall. Rory Maher arbeitet für ein Investmenthauses namens Capstone. Wenn wir uns die Homepage von Capstone anschauen, fällt uns auf: So richtig dolle sieht die nicht aus. Auch finden sich nur homöopathische Spuren von Investementstudien wie der Facebook-Analyse. Kurz: Capstone ist mehr oder weniger unbekannt.

Und so laufen die Medienlemminge aller hinter einem Unbekannten her, weil er ihnen mit einer nicht nachvollziehbaren Studie die These liefert, die sie gerne hätten.

Gäbe es eine Alternative? Ja. Denn einen Hinweis auf die Mitgliederzahl liefert ja der Facebook Ad Planner. Allfacebook – ein Blog, das seit längerem durchdachte und gute Analysen zu Facebook-Themen schreibt – hat eine Software aufgesetzt, die diese Zahlen ständig abfragt. Überrascht stellen wir fest: Nach diesen Zahlen ist unter den Top70-Facebook-Ländern nur eines, das in den vergangen sechs Monaten Nutzer verloren hat – Indonesien.

Vor drei Tagen, übrigens, war wieder einmal von Rory Maher zu hören. Er hat die Facebook-Aktie nämlich hochgestuft auf “Buy”. Er spricht von “industry leading growth rates”. Und weil die Aktie so runtergeprügelt wurde, sieht er sie jetzt als kaufenswert.

Darüber mochte in Deutschland niemand schreiben – passte halt nicht zur These.

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