Adressdatenhandel: ein Einblick in den Alltag des Datenmissbrauchs

by Thomas Knüwer on 9. Juli 2012

Noch immer gibt es Menschen, die behaupten dass all diese Sachen, die Menschen ins Internet schreiben, keinen Einfluss auf das Geschehen der Welt hätten. Die derzeit tobende Debatte um jene unfassbare Förderung des Datenhandels durch die Bundesregierung zeigt jedoch, wie die Medienwelt 2012 tatsächlich aussieht.

Denn es waren ja nicht “Süddeutsche Zeitung”, “Frankfurter Allgemeine” oder die Tagesschau, die jenes Thema hochbrachten. Keiner von ihnen achtete auf jene 57 Sekunden dauernde Abstimmung im Bundestag, die parallel zum deutschen EM-Spiel gegen Italien lief. Nein, es brauchte einige Tage bis Blogs darauf stießen (und die brauchten diesmal auch echt lang). Es war Netzpolitik.org, das als erstes reagierte: “Datenauskunft von Meldeämtern: Bundesregierung macht Widerspruch wirkungslos“, war dort am vergangenen Dienstag zu lesen. Und wenn ich das richtig sehe, war dies die erste Berichterstattung über die Änderung des Meldegesetzes. In den folgenden zwei Tagen sprangen mehrere Blogs auf und erste Online-Medien wie Chip.de und Spiegel Online. Doch erst am Wochenende erkannten die meisten klassischen Redaktionen das Gewicht des Themas. Und so ist es nicht von unerheblicher Lustigkeit, wenn “Sueddeutsche”-Großkommentator Heribert Prantl am Samstag schrieb: “Von der breiten Öffentlichkeit fast unbemerkt (im Internet freilich tobt der Protest)…”

Und heute? Ist es die Titelschlagzeile in der “Bild” – 11 Tage nach der Entscheidung des Bundestages, 6 Tage nachdem es in der Öffentlichkeit auftauchte. Das demonstriert: Wer informiert sein will, der braucht das Netz. Von diesem erst springen Themen heute in Zeitungen, Zeitschriften und in das Fernsehen.

Nun läuft sie also, die Recherchemaschine (hoffe ich mal, aber vielleicht ist das Naivität). Denn die nächste Frage ist natürlich: Wenn die Meldeämter bisher schon Daten verkauft haben  - was passierte damit?

Auf Google+ meldete sich auf einen Eintrag von mir Simon Laufer, ein Werber der in der Callcenter-Branche tätig war. Er liefert uns einen Einblick in den Alltag des Adressdatenhandels:

2“Aber, da ich selbst in der Callcenter Branche tätig war und zum Teil noch bin (biete Seminare für Critical Business Situations), hier ein paar Infos und Dinge die ich selbst erlebt habe 
(ich nenne natürlich nicht die Namen meiner Kunden, das versteht sich, außerdem würde ich mich strafbar machen)

1. Name und Adresse sind unwichtig.

>> Telefonnummer und Geburtsdatum/Sterbedatum zählen.

Missbrauch:

>> Mit der Telefonnummer lassen sich Abos generieren und direkt abrechnen (Abofallen).

>> Mit dem Geburtsdatum darf jeder Bestellungen aufgeben. Und Bestellbetrug ist keine Seltenheit.

2. Der durchschnittliche Datensatz bei den Meldebehörden fängt bei 24€ an, ABWÄRTS je nach Menge. Datenabgleiche sind etwas billiger.

>> Und jeder weiß, dass die Komunen notorisch unterfinanziert sind, da wird i.d.R nicht gefragt.

3. Das Callcenter Business ist von einem starken Preiskampf geprägt, einer der Stärksten in Deutschland.

>> Privatkundenhotlines brechen weg und werden in günstigere Regionen verlegt. Callcenter suchen händeringend günstige veritable Aufträge und Listen mit Qualität zum Schnäppchenpreis. Sie können in diesem Preiskrieg nicht anders.

Wenn also jemand eine gute und günstige Liste anbietet, fragt man nicht woher die Daten kommen und schlägt zu!

Ich hatte das Sterbedatum erwähnt, es gibt Listendaten die 10 Jahre und mehr auf dem Buckel haben.

4. Es ist zwar verboten Privatleute anzurufen (bis 200.000€ Strafe) aber das wird damit Umgangen, das Listen mit den Personen von Vereinen gefüllt werden, die dort als Vorstand geführt werden (öffentliche Daten). Dann besorgt man sich nur noch die Telefonnummer und THATS IT.

Ich will und werde nicht schlecht über die Branche reden
ABER 
ich würde mich über eine stärkere Regulierung freuen, die den Druck aus dem Markt nimmt und auf Dauer das Vertrauen in eine angeschlagene Branche wiederbelebt.”

 

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