Acta: Die junge Generation ist politisch

by Thomas Knüwer on 4. Juli 2012

Der heutige Tag ist ein besonderer in der aktuellen politischen Geschichte. Die EU hat das angebliche Freihandelsabkommen Acta gestoppt. Endlich.

Dies ist der Sieg einer Generation, die unpolitisch erschien. Die viele verloren glaubten für altmodische Dinge wie Wahlen, Parteien oder überhaupt Interesse an Politik. Was war es nicht ein Klagen und Lamentieren über die jungen Leute von heute.

Und dann – waren sie mit einem Mal auf der Straße und das quer durch Europa. Ich erinnere mich noch an die überraschten Tweets einer ganzen Reihe von Menschen mit Digitalkompetenz an jenem ersten deutschen Demo-Samstag: Wo kamen all die jungen Leute her? Brutal gesprochen: von Youtube. Einige der wichtigsten deutschen Youtuber hatten in einer konzertierten Aktion und jeder auf seine Weise ihre Fans aktiviert. Sie schafften, was kaum noch möglich schien, eine unpolitische Teenager-Generation politisierte sich.

Erst durch diese Demonstrationen berichteten mit einem Mal auch die klassischen Medien über jenes Abkommen. Zuvor war es eher eine Randnotiz im Nachrichtenstrom. Mehr noch: Erst mit den Märschen begannen die meisten Journalisten, sich ein Bild zu machen. Waren die ersten Berichte eher Pro-Acta, so drehte sich die Berichterstattung Stück für Stück.

Dass tatsächlich Menschen glaubten, die jungen Leute hätten das Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen verloren, ist ein Zeichen von höchster Arroganz. Einen Hinweis, wo das Problem lag, lieferte ja zum Beispiel eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem vergangenen Jahr. Diese bescheinigte 16- bis 19-Jährigen durchaus die Bereitschaft, sich zu engagieren. Nur sei der Einstieg in die Politik zu schwer und die Sprache der Volksvertreter unverständlich.

In solch einer Situation braucht es einerseits anerkannte Personen, die in der Lage sind, den richtigen Ton zu treffen – und andererseits ein Thema, dass besonders ans Herz geht. Den richtigen Ton trafen Blogger und Youtuber. Und das Thema, das trifft die aktuelle Teenagergeneration voll ins Herz. War für ihre Eltern noch das Auto das wichtigste Statussymbol, so ist es nun die freie Kommunikation. Das zeigten sowohl eine deutsche Studie des Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (leider online nicht zu finden) als auch eine Untersuchung von Bain & Company für Großbritannien und ein Bericht der BBC über die USA.

Neu ist diese Art der politischen Aktivierung Jugendlicher nicht. In meiner Jugend gab es auch so ein Thema, das viele meiner Generation auf die Straße brachte: Atomkraft. Und auch hier gab es jene, die erklärten worum es ging: Sie hießen Wolf Maahn und Heinz-Rudolf Kunze und Wolfgang Niedecken. Und wäre das Herumreisen auch für Teenager so normal gewesen wie heute, wir alle wären nach Wackersdorf gefahren, zum Anti-WAAhnsinns-Konzert.

Und wird diese Generation nun den Marsch durch die Instanzen machen? Abwarten. Sicher aber ist: Jeder Versuch, die freie Kommunikation im Internet zu beschneiden oder zu kontrollieren hat künftig das Potenzial, junge Menschen zu aktivieren. Und diese werden dann ihre Eltern in das Thema mitnehmen, so wie es die Tochter einer Bekannten im Fall von Acta getan hat. Politiker und Parteien, die es sich in diesem Feld mit den Jungen verderben drohen die Eltern als Wähler zu verlieren.

Dass ist kein “Government by Shitstorm”, wie es “FAZ”-Autorin Melanie Amman in einer an Marie Antoinette gemahnenden Haltung bezeichnet hat und auch kein Kampf der Irren, wie es der Korschenbroicher CDU-Hinterbänkler und Musikindustrie-Freund Ansgar Heveling beschrieb – es ist gelebte Demokratie.

Nachtrag: Anscheinend gibt es in der Redaktion der “Frankfurter Allgemeinen” eine generell demokratiefeindliche Haltung. Jasper von Altenbockum hält gibt den Ludwig XVI. zu Melanie “Marie Antoinette” Amman. Er bezeichnet Demonstrationen als “totalitäre Züge dieses digitalen Mobs”. Man darf fragen, ob von Altenbockum sich gedanklich noch auf dem Bodes des Grundgesetzes bewegt.

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