Pinterest und Facebook: Unser Internet soll schöner werden
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Vielleicht hat Norbert Lammert doch recht
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Das Missverständnis des Norbert Lammert: Der Mensch ist dem Menschen ein Nachrichtenfilter

„In den allermeisten Fällen würden sich dieselben Personen zum gleichen Sachverhalt unter Offenlegung ihrer Identität zu bestimmten Aussagen ganz sicher nicht versteigen.“

Erich Hoenecker

Nein, dieses Zitat stammt nicht vom DDR-Staatschef.

Aber kürzlich erst wurde ich auf die großartigen Bücher „Die Känguruh-Chroniken“ und „Das Känguruh-Manifest“ von Marc-Uwe Kling aufmerksam (besonders als Hörbuch empfehlenswert) in denen das bei Kling wohnende Känguruh, ein Ex-Vietcong und Nirwana-Fan (fragen Sie nicht) ein schönes Spiel entwickelt: Zitaten einen neuen Zusammenhang verleihen, in dem man den Urheber wechselt.

Eigentlich stammt jener Satz oben von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Der CDU’ler sorgt sich um das Internet und praktisch immer wenn CDUler sich um das Internet sorgen (oder so tun) ahnen wir: Es kann nicht gut werden.

Lammert sprach mit dem „Spiegel“ (Interview nicht online) und was er diesem sagte, das ist nicht falsch – nur ist es eben aus dem letzten Jahrhundert.

Dies so zu schreiben macht Spaß, es klingt nach Zeitläuften und Weltenstrudel. Doch das vergangene Jahrhundert ist ja nur rund ein Dutzend Jahre entfernt. Dieses Dutzend Jahre jedoch hat im Internet vieles verändert. Lammert haben diese Veränderungen nicht erreicht. Obwohl, das ist falsch formuliert, denn es klingt so, als sei er vor diesem Dutzend Jahren auf der Höhe der Zeit gewesen. Stattdessen steht er stellvertretend für die allergrößte Zahl der deutsche Politiker, die sich erst jetzt, im Jahr 2012, getrieben durch Acta-Demonstrationen und Piraten-Wahlerfolge zum ersten Mal mit der wichtigsten Technologie unserer Zeit auseinander setzen.

Dabei nehmen sie an, das Internet bestehe allein aus dem, was sie nutzen. Dies zeigt sich an Lammerts Zitat zur Wissensquelle Web:

„Wer sich im Wesentlichen über das Internet informiert, fragt Dinge nach, die er selbst spannend und unterhaltsam findet. Wer sich dagegen vor allem auf Printmedien und Rundfunk stützt, nimmt Informationen auf, die andere wichtig finden. Zudem ist das Internet eher lexikalisch angelegt, Printmedien dagegen sind analytisch.“

Das ist – Unsinn.

Fangen wir mal hinten an. Klassische Medien richten sich entgegen Lammerts Vorstellung in ihren weitesten Teilen nicht danach, was Redakteure wichtig finden. Sie versuchen ihren zeitlich oder räumlich begrenzten Platz mit dem zu füllen, was mutmaßlich der Masse der Menschen, dem Durchschnitt, am besten gefallen könnte. Handelt es sich um ein Spezialmedium, so soll es möglichst viele Menschen im Rahmen der Zielgruppe interessieren. Es geht also nie um Interessanz – sondern um vermutete Relevanz. Sicher, Ausnahmen gibt es, das Feuilleton ist vielleicht die wahrscheinlichste. Doch alles in allem funktionieren Redaktionen so: Sie versuchen die Masse zu erreichen, denn Masse bedeutet steigende Umsätze.

Allein: Niemand von uns ist die Masse. Wir sind alle Individuen mit unterschiedlichen Interessen. Wer behauptet, in klassischen Medien fänden Menschen Themen abseits ihres ihnen selbst bewussten Interessengebiets, der setzt voraus, dass sie das gesamte Medienformat, ob Print-Objekt oder Sendung, konsumieren. Zapping darf da nicht stattfinden und ebenso müsste– ich bitte dies nicht als Sexismus zu verstehen – jede Dame den Sportteil studieren und jeder Herr Ballettrezensionen und Schminktipps. Außerdem müsste der Leser einer Zeitung jeden Artikel auch zu Ende lesen. Wir wissen aber aus der Leserforschung, dass dies nicht mal ansatzweise der Fall ist.

Lammerts Bild des Web lässt sich dagegen mit einem Wort zusammenfassen: Google.

Er glaubt, Menschen gingen (auch so eine Formulierung aus dem letzten Jahrhundert) ins Netz um dort nach Informationen zu einem Thema zu suchen. Natürlich ist dies eine Verwendung des Web – doch im Jahr 2012 nur noch eine von vielen. Längst ist das Internet auch ein Ort geworden, in dem wir einfach mal schauen, was so passiert, mehr noch: was mit anderen passiert. Social Media ist die Nummer-eins-Tätigkeit des Netzes geworden und dies verändert auch unsere Informationsfilterung: Wir bekommen heute – im kompletten Gegensatz zu Lammerts Aussagen – wesentlich mehr Themen mit, die nicht in unserem Kerninteressensgebiet liegen.

Einfacher Beleg: der Erfolg des Videos Kony2012. Es ist ja nicht so, dass klassische Medien nie über Joseph Kony und seine Kindersoldaten berichtet hätten, oder über Uganda oder über andere Despoten der gleichen Art. Diese Berichte aber wurden von den meisten Menschen überblättert oder überzappt. Nun aber sagten ihnen Freunde auf Facebook oder auf Twitter: „Das MUSST Du sehen!“ Ergebnis: Abrufzahlen, die quer über alle Versionen des Videos sich inzwischen im Beriech von 100 Millionen bewegen dürften.

Das liegt daran, dass unser stärkster Nachrichtenfilter, Internet hin oder her, nie ein klassisches Medium war. Nein, es waren Kaffeeküchen und –kränzchen, Kneipentheken und Stammtische, eben alle Orte, an denen wir Menschen trafen die uns am Herzen liegen. Natürlich hatte die erste Meldung der „Tagesschau“ viel Aufmerksamkeit, doch war diese längst nicht so hoch wie in dem Moment, da ein Kollege oder Freund sagte: „Hast Du DAS schon gehört?“ Der Mensch ist dem Menschen ein Nachrichtenfilter.

Social Media ist diese Frage nach dem Schongehörthaben auf Speed. Denn jeder Tweet mit einem Link, jede Facebook-Statusmeldung, jeder Pinterest-Pin und jeder Blog-Eintrag ist nichts anderes Hinweis auf Informationen, Nachrichten, Gedanken, Einordnungen.

Wir folgen oder lesen Menschen auf Social Media aus zwei Gründen: weil wir eine emotionale Bindung zu ihnen haben, sie also Freund oder Schwester, Cousin oder Kollegin sein können; oder weil wir eine informationelle Bindung pflegen – dann liefern uns diese Personen interessante Informationen über ein Themengebiet, das uns umtreibt.

In beiden Fällen aber erhalten wir fast automatisch auch Nachrichten aus den anderen Gebieten, für die sich unser Kontakt interessiert. So gibt es Leser dieses Blogs, die mir auf Twitter folgen. Dort werden sie um Erwähnungen des wunderbaren SC Preußen Münster nicht umhin kommen und ebenso wenig um Hinweise auf mein anderes Blog, in dem es um Reisen, Essen und Wein geht. Nur ein Bruchteil der Indiskretion-Leser aber wird sich wie ich gleichzeitig für Preußen, Essen, Reisen, Medien und Marketing interessieren. Wäre dies eine Zeitung, würden Leser die Segmente zu den Feldern, die für sie nicht bewusst relevant sind direkt ignorieren. Doch in Social Media sagt ihnen jemand, dem sie anscheinend Kompetenz im Medien- und Marketing-Bereich zutrauen „Lies das doch mal“. Und dies ist eine weitaus mächtigere Empfehlung als jeder Zeitungsartikel.

Dies ist die eine Veränderung der vergangenen Dekade, die an Lammerts Politik-Generation vorüber gegangen ist: Das Internet ist kein Ort, den wir bedürfnisorientiert aufsuchen, sondern uns ständig begleitende Kommunikation, die unseren Blickwinkel erweitert.

Damit einher ging der zweite Wandel, mehr noch, er war Voraussetzung für diesen Schritt. Lammert sagte dem „Spiegel“:

„Wir beobachten im Internet an vielen Stellen eine Art der Auseinandersetzung, die in Aggressivität, Wortwahl und Tonlage die Grenzen überschreitet, die dieselben Leute auf der Straße für sich setzen würden.“

Das stimmt. Nur: Was hat das mit dem Internet zu tun?

Vielleicht hat Lammert noch nie ein Fußballspiel im Stadion verfolgt und sein Herz an keinen Club gehängt. Denn ansonsten wüsste er, dass wir Menschen in einem Umfeld, das uns sehr gut oder vermutet überhaupt nicht kennt emotionaler und aggressiver agieren als beispielsweise im Büro. Was ich im Preußen-Stadion äußere wird in einem Treffen mit Kunden (hoffentlich) nie fallen.

Nochmal Lammert:

„Jedenfalls ist es wohl kein Zufall, dass gerade bei aggressiven und beleidigenden Wortbeiträgen auf Anonymität größerer Wert gelegt wird…

In den allermeisten Fällen würden sich dieselben Personen zum gleichen Sachverhalt unter Offenlegung ihrer Identität zu bestimmten Aussagen ganz sicher nicht versteigen.“

Das ist vollkommen richtig. Was Lammert jedoch überspringt ist das vergangene Jahrzehnt. Denn einst war das Internet ja viel anonymer als heute. In jener Zeit, da der Großteil der Bevölkerung sich in Chats und Instant Messengern zu tummeln begann, herrschte eine große Unsicherheit und eine noch größere Experimentierfreude. Wir spielten herum, gaben uns auch mal ein anderes Geschlecht und nahmen Kontakt mit Fremden auf. Denn die Verlässlichkeit von Profilen war deutlich geringer: Es gab Social Networks nur in Ansätzen, Identitäten waren schnell gewechselt. Und weil die Zahl von Freunden oder Kontakten, die eben ein wichtiger Gradmesser für die Seriosität einer digitalen Person waren, kaum bis gar nicht existierten blieb uns nur, zu glauben, was uns der andere da schrieb.

Heute ist das anders. Die Zahl der Facebook-Freunde, erst recht die der gemeinsamen, die Zahl der Twitter-Follower und die Kommunikation mit ihnen – die Zahl der Möglichkeiten, eine Person digital einzuschätzen ist exponentiell gestiegen. Eine funktionierende Schein-Identität in diesem Umfeld aufzubauen ist möglich, aber extrem zeitaufwendig.

Weiterhin gibt es Gebiete des Web, in denen Pseudonymität der Alltag ist. Lammert unterscheidet nicht zwischen Anonymität und Pseudonymität. Doch dies ist ein wichtiger Unterschied. In vielen Foren beispielsweise regiert die Pseudonymität. Über Jahre hinweg bilden sich Hierarchiestrukturen bei denen die handelnden Personen vielleicht nicht mit den Namen bekannt sind, die in ihren Pässen stehen – aber eben mit ihren Pseudonymen. Dies macht Foren dann auch so schwierig für Neulinge oder für Personen, die sich beispielsweise für eine Kritik rechtfertigen wollen: Sie können nicht ausmachen, wer als Wortführer für die eigene Sache gewonnen werden muss. Auch Wikipedia zeigt ähnliche Strukturen.

Und es gibt ja Gründe für diese Pseudonymität. Einer ist natürlich, dass wir Menschen auch mal schimpfen und uns aufregen wollen. Doch in vielen Bereichen der Gesellschaft müssen Bürger eben auch soziale Ächtung fürchten, wenn sie sich in bestimmten Feldern äußern. Dies hat nichts mit dem gewählten Ton zu tun: Wer sich heute im Web für eine Sache engagiert, die unscheinbar und lapidar wirkt im Vergleich mit dem Hunger in der Dritten Welt, der bekommt oft zu hören: „Hast Du nichts besserers zu tun?“ Dies, übrigens ist ein sehr deutsches Problem, nicht umsonst hängt Deutschland im digitalen Zeitalter weit zurück. Andere möchten vielleicht nicht, dass ihre politische Haltung leicht öffentlich nachzuverfolgen ist. Und auch über Krankheiten möchte nicht jeder mit Klarnamen reden.

Diese Möglichkeit der Anonymität oder Pseudonymität ist eine Grundlage der Demokratie, wie auch Christian Stöcker in seinem lesenswerten Text auf Spiegel Online bemerkt. Das weiß auch Norbert Lammert – und wagt sich auf ein wackeliges Bindfadenseil:

„In Ländern, in denen es keine Meinungsfreiheit gibt, ermöglicht der Schutz der Anonymität im Internet ja auch Entwicklungen, die sonst kaum möglich wären, etwa den ,Arabischen Frühling.’“

Aha.

Nur in Ländern, in denen es keine Meinungsfreiheit gibt ist so etwas möglich. Hier macht der CDU’er eine Argumentation auf, die deckungsgleich von fast jedem diktatorischen Regime genutzt wird: Wir sind die Guten, bei uns darf jeder sagen, was er will und muss nichts fürchten.

Nun mag das vielleicht so sein. Gern aber bemühen Politiker wie Lammert in einem Anfall von Bedeutungsschwangerschaft die Historie – nun vergisst er, dass er Teil davon ist. Denn vielleicht ist seine Nachfolgergeneration 10 Prozent weniger gut, die nächste noch einmal und wie schnell das dann kippen kann, wissen wir Deutschen ja nur zu gut. Es ist deshalb eine demokratische Tugend, das eigene Tun ständig zu hinterfragen und an Idealen festzuhalten. Lammert scheint dies zu vergessen.

Damit ist der Bundestagspräsident ist nicht der einzige, der diese beiden Entwicklungen des Web nicht mitbekommen hat. Traurigerweise steht er für seine Politikergeneration in Deutschland. Und nur um es auch im Frühjahr 2012 festzuhalten: Der Bundestag ist eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Parlament der westlichen Welt, in dem noch nie eine bedeutende oder wenigstens substanzielle, netzpolitische Rede gehalten wurde.

Stattdessen wähnen sich viele seiner Mitglieder weiter in der Vorstellung, es gebe eine „reale“ Welt und eine nicht-reale, die sie mit „digital“ oder „virtuell“ bezeichnen. Dabei sind sie nicht in der Lage von der eigenen Realität zu abstrahieren oder auch nur in Erwägung zu ziehen, dass die reale Welt der Menschen sich von ihrer eigenen unterscheidet.

Das aber tut sie. Denn 23,2 Millionen Deutsche nutzen Facebook als Hilfsmittel der Kommunikation. Darunter sind auch viele Politiker, doch die meisten von ihnen verwenden Social Media so, wie sie es mit anderen Medien gewöhnt sind: Als Ort der Sendung oder als Eliten-Kommunikationsinstrument unter ihresgleichen.

Lammert dagegen ist noch weiter zurück. Er geht ins Internet (und da ich das schreibe höre ich das nostalgische Kreischen eines Modems und das Ticken der inneren Uhr, die mich erinnert, dass jede Minute im Web Geld kostet) wenn er etwas sucht. Das ist nicht mehr die Lebenswirklichkeit seiner Wähler und der Bürger. Sie haben DSL-Leitungen und mobile Flatrates (die in Wirklichkeit keine Flatrates sind, was eine Verbrauchministerin auch mal kritisieren könnte, was sie mangels Kompetenz nicht tut). Sie gehen nicht ins Web – sie sind im Web.

Wer sich dann so letztjahrhundertig verhält wie Lammert, der fühlt sich wie jemand, der in den Tag der Atomphysiker an der Uni Harvard verirrt. Dort sitzen Menschen, die sich vielleicht lange kennen, vor allem aber seit Jahren über ein Thema reden. Es ist ganz logisch, dass er kein Wort versteht. Nun kann er die Konferenz entweder verlassen – oder versuchen zu lernen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass Lammerts Meinung sich maßgeblich aus seiner nicht mehr zeitgemäßen, einseitigen Nutzung des Web ergibt: Er hat wahrscheinlich mal seinen Namen gegoogelt. Oder ein Thema. Und stieß dort auf Tweets, wusste aber nicht, wie Twitter-Accounts zu bewerten sind. Oder auf Foren. Vielleicht gar auf Blogs, die er nie zuvor gesehen hat.

Auch seine Homepage symbolisiert, wie Lammert über das Netz denkt. Der schlichte Fakt im Netz zu sein wirkt schon berauschend, es entspricht dem, was viele Menschen vielleicht 1998 dachten: „Ich bin drin.“ In der Seitenleiste von Lammerts Homepage wird stolz verkündet, dass Dinge im Internet jetzt online sind. Bilder, zum Beispiel. Und dass der Kontakt zu ihm jetzt online möglich ist – über ein Kontaktformular. Und dann ist da Lammert.tv auf Youtube. Nein, kein richtiger eigener Kanal mit exklusiven Inhalten, sondern eine Ansammlung von Videos verschiedener Quellen.

Dem „Spiegel“ sagte Lammert:

„Aber in unserer Demokratie sollten wir das, was wir im ,wirklichen’ Leben für angemessen und richtig erachten, grundsätzlich auch im virtuellen Bereich geltend machen.“

Damit hat er Recht. Theoretisch.

Doch für ihn bezieht sich das „angemessen und richtig“ nur auf Beschränkungen, auf Pflichten. Tatsächlich gilt es die Freiheiten, die im „wirklichen Leben des Norbert Lammert“ so gern gerühmt werden, zu erhalten. Natürlich müssen wir auch über unser eigenes Verhalten nachdenken, aber wir brauchen einen Kodex, einen Knigge, wir brauchen gemeinsame Verhaltensabsprachen, wie auch Jeff Jarvis in seinem lesenswerten Buch „Private Parts“ schreibt. Diese sozial erwünschten Verhaltensweisen werden sich teilweise ganz einfach bilden, wir sehen das daran, dass viele Menschen im Internet zögern, etwas off topic zu schreiben. Interessant dazu auch, was Britta Schell von MTV Networks heute auf der Konferenz Marketing2 in Hamburg sagte: „Millennials (zwischen 1980 und 2001 geboren) verhalten sich wie digitale Anthropologen: Sie lernen vom Verhalten anderer.“

Was wir aber nur im absoluten Extremfall in Erwägung ziehen sollten sind Gesetze.

Gesetze aber sind im Fall von Volksvertretern das Mittel geworden, um sich zu wehren. Sie fühlen sich derzeit angegriffen und hilflos, weil sie feststellen, dass ihr „wirkliches Leben“ nicht das „wirkliche Leben“ der Menschen ist, die sie vertreten sollen. Und die Menschen da draußen vor dem Reichstag – die merken das auch. Dies erklärt eben auch den Erfolg der Piratenpartei: Eine drastisch steigende Zahl von Menschen hat das Gefühl, diese Partei liegt näher an ihrem Lebem als die Alt-Parteien. So fühlen sich dann eben Menschen wie FDP-Generalsekretär Patrick Döring in ihrem politischen Lebenserhalt bedroht, weshalb sie sich zu eher widerlichen Äußerungen versteigen wie die Titulierung eines Wahlergebnisses als „Tyrannei der Massen“.

Damit reagieren die Volksvertreter nicht so, wie es sich die Väter des Grundgesetzes wohl gedacht haben dürften, nämlich mit der Annäherung an die Bürger. Sie sind veränderungsresistent, wie auch Lammert zwischen den Zeilen andeutet:

„Ich bin nicht mit dem Internet aufgewachsen… Aber der analytische Zugang zu Problemen in den klassischen Medien ist mir vertrauter und überzeugender als der Such- und Sammelmechanismus des Internets, der nur auf der Basis von Vermutungen stattfindet, die ich bereits habe.“

Wie kann er einen „Zugang“ überzeugender finden, wenn ihm die Alternative nicht „vertraut“ ist? Das eigentlich erschreckende, wenn nicht gar skandalöse ist: Lammert steht für den überwiegenden Teil der deutschen Politiker, die sich nicht nur von der Wirklichkeit ihrer Wähler entfernt haben – sie sind auch nicht willens, dies wieder zu ändern.

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