“Qualitätsjournalismus” am Beispiel Paul-Josef Raue und Wolf Schneider.

by Thomas Knüwer on 2. Februar 2012

Auch ich wurde mit Wolf Schneider sozialisiert. In meiner Jugend, als ich begann Krankenhausradio zu machen, schenkte mir meine Mutter jedes Jahr ein ein weiteres seiner Bücher. “Deutsch für Profis”, “Deutsch für Kenner”, “Unsere tägliche Desinformation”… Schneider schrieb Bücher am Fließband.

Kurz zur Erklärung für die Nicht-was-mit-Medien-Macher unter den Lesern. Wolf Schneider ist ein seniorer Ex-Journalist, der sich via Büchern wie “Deutsche für Profis” zum Sprach-Papst hochstilisiert hat. Gern bitten Medien ihn zum Interview, geht es um den vermeintlichen Untergang

a) der deutschen Sprache
b) des Qualitätsjournalismus
c) des Abendlandes oder
d) von allem zusammen.

Dabei steht er dem Sprachstils Thomas Manns näher als dem von Sibylle Berg, oder kurz: er ist stockkonservativ in seinen Ansichten.

Jüngst durfte er Meedia sein Leid klagen. Journalistische Höhepunkte gebe es fast nur in Print, Facebook sei keine Information, die junge Leute wüssten gar nicht, was in der Welt vor sich geht. Wer das anders sieht, der hat keine Ahnung, seine Kritiker hätten nicht seine Erfahrung und seien ihm deshalb unterlegen. Zu lesen sind Sätze, die von unterdurchschnittlicher Bescheidenheit geprägt sind wie: “Niemand kommt so viel herum, kaum einer hat so viel mit jungen Leuten zu tun, und meine rhetorische Präsenz ist ungebrochen.”

Soll noch einer sagen, Blogger hätten ein zu großes Ego.

Nun steht Schneiders Name mal wieder über einem Buch, geschrieben hat er es mit Paul-Josef Raue. Es nennt sich großspurig “Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus” – und ist ein schockierend schlechtes Machwerk. Hier wird der Online-Journalismus nicht als Chance dargestellt, als weites Feld, in dem sich die Träume all jener erfüllen, die Leidenschaft für diesen Beruf empfinden. Nein, es ist eine Warnung vor dem Internet. Erschreckenderweise wird dieses Ding sogar in einer Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben.

Nun ist es so: Auch ich tauche darin auf. Und die Art, wie dies passiert, beweist wo das eigentliche Problem im deutschen Journalismus liegt. Denn das Buch zitiert mich so:

“Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können”, sagt Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer. Mit solch einer Arroganz urteilen Zeitungsschreiber nicht selten…”

Nur: Das habe ich so nie gesagt, was leicht nachweisbar ist. Das Zitat stammt aus einem Interview mit dem “Journalist”. Und das steht online. Dort heißt es:

“Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.”

Das ist mal geschmeidig die ganz andere Richtung. Und deshalb habe ich mich geärgert. Wolf Schneider weist erstmal alles von sich: Diese Passage habe Mitautor Paul Josef Raue verfasst. Was ja erstaunlich ist: Denn wer hat denn bei diesem Buch die Fakten nochmal überprüft? Die Autoren haben sich nicht gegengelesen? Hat das überhaupt jemand? Soll das nicht eigentlich so ein Print-Ding sein, das überprüfen der gelieferten Informationen? Wenn Schneider sich als Papst brüstet, dann sollte er sich nicht im Bett mit einer Dame ertappen lassen – und wenn, sollte er ein wenig mehr Demut üben und nicht behaupten, die sei noch vom Kardinal liegen geblieben.

Jener Paul-Josef Raue ist nicht irgendwer. Der Mann ist aktueller Chefredakteur der “Thüringer Allgemeine”. Derzeit urlaubt er in fernen Landen und hat auf meine E-Mail nicht reagiert.

Glücklicherweise ist das Buch im Hause Rowohlt erschienen und dies ist ein professionelles Haus. Deshalb habe ich mich mit dem Verlag darauf geeinigt, dass es online eine Korrektur geben wird und die Passage in den folgenden Auflagen des Buches (Gott behüte, dass es solche überhaupt geben wird!) gestrichen wird. Eine Schwärzung habe ich nicht durchgedrückt, denn Rowohlt ist in diesem Fall einfach der Verlag, der so blöd war, auf große Namen reinzufallen.

Aber zurück zu Raue. Ein Chefredakteur, der nicht mal in der Lage ist, richtig zu zitieren? Ja, der Journalismus in Deutschland hat ein Problem. Doch es sind nicht die jungen Leute, es ist nicht das Internet und Social Media. Es sind die alten Herren, die sich für das journalistische Geschenk an die Menschheit halten. Die hoffen, die Veränderung der Welt aufhalten zu können, indem sie schreiben, dass sie sich nicht verändere und wenn, dann zum üblen.

Den Volontären, Journalistenschülern und Kommunikationswissenschaftsstudenten im Lande sei geraten, laut aufzuheulen, kommt ihnen jemand mit diesem “Handbuch”. Gut, ist es die eigene Mutter, vielleicht nicht, dann besser das Präsent schweigend entsorgen. Aber bevor es so weit kommt, wünschen Sie sich doch einfach das Buch “Universalcode” - dies ist tatsächlich ein Fachbuch für den Journalismus der Gegenwart.

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