Facebook – die neue Nervenbahn unserer Gesellschaft

by Thomas Knüwer on 11. Januar 2012

Ich behaupte nicht, jedermann müsse auf Facebook sein. Ich bin auch kein Freund von Marketing-Entscheidern, die von vorne herein ihren Leuten einimpfen: “Wir müssen auf Facebook!” Facebook ist nicht alles und kein Allheilmittel.

Aber.

Keine Technologie und kein Dienst in der Geschichte der Menschheit hat sich schneller verbreitet. Das lässt einen ja schon mal grübeln.

Ich glaube auch, dass einige Menschen, zum Beispiel Journalisten, auf Facebook sein sollten, da sie ansonsten ihren Beruf, ihre Funktionen und ihre Ämter nicht den Anforderungen gemäß ausfüllen können. Und ich bin überzeugt davon, dass Facebook unsere Gesellschaft auch außerhalb des Diktatorenstürzens massiv verändert. Jenes Opponieren, Revoluzzen und Occupyen ist ja nicht für jedermann, das muss man verstehen. Wären alle Revolutionäre, gäbe es keine Revolutionen mehr.

Tatsächlich sind es die kleinen Dinge, die dafür sorgen, dass Facebook dabei ist, zur Nervenbahn unserer Gesellschaft zu werden. Inzwischen ist es selbst für Menschen außerhalb unserer Blase der Digitalverrückten ganz normal, am Geburtstag von Glückwünschen auf Facebook überschwemmt zu werden. Klar: Facebook weist natürlich aktiv darauf hin und so gratulieren viele Nutzer eben anderen, denen sie sonst nicht gratuliert hätten. Aber genau das ist ja der Punkt: Früher hatten wir jene Menschen, denen wir unbedingt gratulieren wollten, jene denen wir gratulierten, wenn es gerade passte und jene, bei denen wir es unterließen.

Facebook sorgt für eine feinere Granulierung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen – und somit für mehr Nähe, wenn auch nur ein wenig mehr. Denn wenn uns da jemand gratuliert denken ja nur die Extrem-Misanthropen: “Bäh, der fiese Möpp schreibt das nur, weil Facebook ihn daran erinnert hat.” Tatsächlich freuen sich die meisten Menschen ein ganz klein wenig selbst über ein dürres “Herzlichen Glückwunsch”.

Zu Jahresbeginn nun starb mein ehemaliger Chef Marcello Berni. In all den Jahren beim Handelsblatt hatte ich nie einen besseren, motivierenderen und besser führenden Vorgesetzten. Marcello war ein wundervoller, wundervoller Mensch. Zuerst waren es italienische Freunde, dann ehemalige Kollegen aus Deutschland, die ihre Gefühle auf seinem Facebook-Profil in Status Updates fassten, kleine Nachrichten, persönliche Botschaften, direkt gerichtet an ihn. Die Seite wurde zur Anlaufstelle der Trauernden, meist von jenen, die nicht in unmittelbar engem Kontakt mit seiner Familie in Mailand stehen.

Nun trauern wir auch auf Facebook. Man mag das grauenvoll finden. Doch wo sonst hätte man dies bisher tun können, sich treffen, um einen Menschen zu betrauern, der viele hundert Kilometer entfernt begraben wird? Und einen Moment innehalten um zu lesen, wie andere den Verstorbenen in Erinnerung haben? Auch dies ist eine neue Granulierung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen.

Diese Fein-Granulierung erzeugt auch neue Fragen zum Umgang miteinander.

Ich habe einige Zeit gegrübelt, ob ich Marcellos Facebook-Profil hier verlinken soll. Es ist leicht zu finden, keine Frage. Aber trotzdem möchte ich die Trauer der anderen nicht mit einem Klick erreichbar machen. Oder hätte ich auch seinen Namen verschweigen sollen, obwohl er leicht recherchierbar wäre? Ich habe darauf keine Antwort, würde mich aber über Kommentare zu diesem Punkt freuen.

Auch andere grübeln darüber. Jeff Jarvis erwähnte in der jüngsten Ausgabe des sehr empfehlenswerten Podcasts “This Week in Google”, dass dies Thema seines nächsten Buches werden könnte:

Und ganz nebenbei gibt es anscheinend in US-Geek-Kreisen eine neue Idee, trifft man sich zum Essen: Alle am Tisch stapeln ihre Handys übereinander, sie dürfen ruhig eingeschaltet sein. Wer zuerst zum Handy greift, zahlt die Rechnung. Schöne Idee.

Noch viel härter über diese neuen Herausforderungen nachdenken müssten eigentlich Eltern. Mobbing von Mitschülern ist nicht durch das Internet entstanden – und ich bin da als Ex-Gemobbter gerne Zeuge. Aber das Problem ist nun öffentlicher und hat aller Wahrscheinlichkeit nach zugenommen. Erziehungsberechtigte wie Pädagogen wären dazu aufgerufen, sich Gedanken zu machen über Facebook-Verhaltensweisen. Leider aber passiert hier viel zu wenig außerhalb von Verboten und hysterischem Wehgeklage.

Vor einigen Jahren, SchuelerVZ hatte tatsächlich noch Bedeutung, fragte mich der damals 13-jährige Sohn eines Freundes: “Thomas, wir haben eine Diskussionsgruppe für unsere Klasse. Nun meldet sich ein Lehrer von uns da ständig unter falschem Namen an und will rein. Einerseits muss der uns doch kontrollieren, das ist sein Job. Aber andererseits verstößt das gegen die AGB.” Tja, nun diskutieren sie mal solch ein Problem mit einem 13-Jährigen, der weiß, was AGB sind – viel Spaß. Aber er war im Begreifen des Problems weiter als die Eltern seiner Freunde und erst recht weiter als sein Lehrer, der diese Diskussion nicht führen mochte.

Für viele Menschen ist Facebook auch der spontane Anlaufpunkt geworden, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Wann immer in der Welt etwas passiert, was uns emotional berührt, bilden sich schnell Pages und Profile, die sich über jenen Sachverhalt mokieren und lustig machen, die den Rücktritt von Amtsträgern fordern oder ihrer Trauer Ausdruck verleihen. Nehmen wir nur einmal das Profil von Christian Wulff, von dem ich nicht weiß, ob es tatsächlich vom Bundespräsidialamt geführt wird. Zwar hat er nur rund 24.000 Freunde (jene Freundeszahlen sind natürlich so ein Problem: Oft drücken Menschen ja den Like-Button nur, um an einer Diskussion besser teilhaben zu können), aber die schreiben sich die Finger blutig: über 12.000 Kommentare zählt eines der Status-Updates.

Aus solchen neuen, hochaktiven und oft auch sehr großen Gruppen erwächst eine neue Anspruchshaltung. Ohne dies so auszusprechen ist es für viele Menschen nicht verständlich, dass ein Mensch oder eine Institution, die aus Sicht des normalen Bürgern größer und/oder mächtiger wirkt nicht diesen Dialog aufnimmt. “Wenn ich da bin”, denken viel, “warum dann nicht der Politiker, ein Vertreter eines Unternehmens, ein Star?”

Mancher Star stellt dann aber auch fest, dass diese Kommunikation ganz spannend, unterhaltsam oder befruchtend sein kann. Ein Beispiel dafür gab es gestern zu erleben: Thomas Gottschalk chattete live mit den Facebook-Fans seiner Seite. Das war noch ein wenig holperig und berauscht von der schlichten Tatsache, tatsächlich etwas selbst zu schreiben und direkt Resonanz zu erhalten – aber so erging es uns ja irgendwie allen mal. Deshalb glaube ich auch, dass Gottschalks neue Sendung mehr für die Medienkompetenz der Deutschen tun wird als das, was die heimischen Politiker und Datenschützer so bieten.

Fehlt diese Kommunikation aber, dann toben sich auf einer Facebook-Seite – wie es bei unmoderierten Foren immer der Fall ist – schnell die Wütenden aus. Eben so, wie bei Christians Wulff Facebook-Auftritt. Und den Wütenden folgen die Kundigen – es entsteht eine Diskussion, die dem Verwalter der Seite nicht recht sein kann.

So ließ es Burda zu, dass sich über eine gehörige Zeit Bushido-Gegner auf der Facebook-Seite der Mediengruppe austobten. Erst spät folgte der Schnitt und das Abstellen des freien Schreibens auf der Pinnwand. Bis dahin waren die Freunde des Konzerns vertrieben, nun hat die Seite zwar noch 3772 Fans – aber praktisch keine Aktivität mehr.

Eine andere Art von Panne erlebte jüngst Lidl. Der Discounter pries auf seiner Facebook-Seite eine Plastik-Palme an, die es für nur 1 Euro im Online-Shop kaufen gebe. Nach weniger als einer Stunde aber meldeten sich die Wütenden, weil der Artikel ausverkauft war.

Schnell waren auch jene zur Stelle, die aus ihrer bevorzugten Filiale berichteten, die Mitarbeiter dort hätten noch nie von diesem Angebot gehört. Und dann meldeten sich jene, die erklärten, ein Großunternehmen müsse laut Gesetz in der Lage sein, ein beworbenes Produkt mindestens zwei Tage lang liefern zu können (ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen).

Entsteht unmittelbarer, spürbarer Schaden für Lidl? Nein. Aber hier werden Verbraucher durch andere Verbraucher mündig gemacht und sie werden sich an solche Informationen erinnern, sehen sie das nächste Mal das rotletterige “ausverkauft”. So gewöhnt uns Facebook ganz langsam und unterschwellig an neue Kontakte, neue Informationen und neue Verhaltensweisen. Man kann das schrecklich finden und verdammenswert – nur ändern wird das niemand können.

Ein Argument aber gibt es, und es wir hier in der Indiskretion gern in Kommentaren eingeworfen. Dass all dieses facebooken und twittern und bloggen un youtuben nur ein Hobby einer kleinen Schicht wäre, tatsächlich aber sich in Deutschland wenig ändere.

In diese Kerbe schlug jüngst Jörg Schönenborn, der WDR-Chefredakteur. Nach dem Christian-Wulff-TV-Interview hatte der Deutschland-Trend der ARD eine Blitzumfrage unternommen. Dazu schrieb Schönenborn für tagesschau.de:

“Vor allem eines fällt ins Auge: In der breiten Bevölkerung steht Bundespräsident Christian Wulff nach seinem Interview vom Mittwoch deutlich besser da als im Urteil der Medien. Während die Zeitungskommentatoren und Internet-Blogger fast einhellig den Stab über Wulff gebrochen haben, ist mit 60 Prozent die Mehrheit der Deutschen der Ansicht, der Präsident habe eine zweite Chance verdient. Das ist zumindest das Ergebnis der ersten Blitzbefragung im ARD-DeutschlandTrend nach Ausstrahlung des Interviews.”

Also die Teilung der Welt? Die digitalen Wutbürger vs. der milde Rest? Nein. Natürlich ist das Blödsinn. Aber Schönenborn kann natürlich nicht den von der ARD finanzierten und mit viel PR unter die Leute getragenen Deutschland-Trend attackieren. Zunächst behauptet der “repräsentativ” zu sein. Dieser Begriff ist traurigerweise nicht ausreichend definiert. Bei einer Stichprobe von 0,0125 Promille (nicht Prozent) der deutschen Bevölkerung dürfen Zweifel aber angebracht sein. Erst recht, aber wenn wir uns die Uhrzeiten anschauen.

Das Wulff-Interview lief zur besten Sendezeit am Abend. Erst danach konnten die ersten Telefonate geführt werden. Die Erstellung der entsprechenden Fragen dürfte noch ein wenig gedauert haben. Einen Tag später, um 22.25 Uhr, erschien Schönenborns Artikel. Nehmen wir an, er ist ein schneller Schreiber und hat ein gutes Team. Trotzdem braucht es ein wenig, sich die Zahlen anzusehen, sie in Grafiken zu verwandeln, den Artikel zu schreiben. Geben wir der ARD hierfür zwei Stunden (und ich glaube, es dauert länger). Dann wären die Ergebnisse um 20.25 Uhr eingetroffen. Die Meinungsforscher von Infratest Dimap haben sicherlich bei solch relativ einfachen Fragen in weiten Teilen eine Automatisierung in der Auswertung. Trotzdem muss das ja alles auch für den Kunden verpackt und zusammengestellt werden. Geben wir ihnen dafür mal 120 Minuten. Dann wären wir bei 18.30.

Nun handelt es sich hier ja nicht um einen festen Pool von Befragten, die einen Anruf erwarten – sondern um eine Zufallsstichprobe. Und die setzt sich aus Menschen zusammen, die zwischen circa 21 Uhr und 18.30 Uhr am kommenden Tag ein Festnetztelefon in ihrer Privatwohnung abgenommen haben und ob einer Meinungsumfrage nicht direkt wieder aufgelegt haben. So wie ich es getan hätte und praktisch jeder meiner Generation, den ich kenne. Zu vermuten ist, dass sich in dieser Zufallsstichprobe ein weit überdurchschnittlicher Teil Arbeitsloser, Rentner und Hausfrauen befindet.

So zeugt der Deutschland-Trend tatsächlich von einer Teilung der Gesellschaft. Doch ist dabei nicht die befragte Gruppe, die winzige Minderheit – es ist genau umgekehrt.

Previous post:

Next post: