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Ich behaupte nicht, jedermann müsse auf Facebook sein. Ich bin auch kein Freund von Marketing-Entscheidern, die von vorne herein ihren Leuten einimpfen: „Wir müssen auf Facebook!“ Facebook ist nicht alles und kein Allheilmittel.

Aber.

Keine Technologie und kein Dienst in der Geschichte der Menschheit hat sich schneller verbreitet. Das lässt einen ja schon mal grübeln.

Ich glaube auch, dass einige Menschen, zum Beispiel Journalisten, auf Facebook sein sollten, da sie ansonsten ihren Beruf, ihre Funktionen und ihre Ämter nicht den Anforderungen gemäß ausfüllen können. Und ich bin überzeugt davon, dass Facebook unsere Gesellschaft auch außerhalb des Diktatorenstürzens massiv verändert. Jenes Opponieren, Revoluzzen und Occupyen ist ja nicht für jedermann, das muss man verstehen. Wären alle Revolutionäre, gäbe es keine Revolutionen mehr.

Tatsächlich sind es die kleinen Dinge, die dafür sorgen, dass Facebook dabei ist, zur Nervenbahn unserer Gesellschaft zu werden. Inzwischen ist es selbst für Menschen außerhalb unserer Blase der Digitalverrückten ganz normal, am Geburtstag von Glückwünschen auf Facebook überschwemmt zu werden. Klar: Facebook weist natürlich aktiv darauf hin und so gratulieren viele Nutzer eben anderen, denen sie sonst nicht gratuliert hätten. Aber genau das ist ja der Punkt: Früher hatten wir jene Menschen, denen wir unbedingt gratulieren wollten, jene denen wir gratulierten, wenn es gerade passte und jene, bei denen wir es unterließen.

Facebook sorgt für eine feinere Granulierung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen – und somit für mehr Nähe, wenn auch nur ein wenig mehr. Denn wenn uns da jemand gratuliert denken ja nur die Extrem-Misanthropen: „Bäh, der fiese Möpp schreibt das nur, weil Facebook ihn daran erinnert hat.“ Tatsächlich freuen sich die meisten Menschen ein ganz klein wenig selbst über ein dürres „Herzlichen Glückwunsch“.

Zu Jahresbeginn nun starb mein ehemaliger Chef Marcello Berni. In all den Jahren beim Handelsblatt hatte ich nie einen besseren, motivierenderen und besser führenden Vorgesetzten. Marcello war ein wundervoller, wundervoller Mensch. Zuerst waren es italienische Freunde, dann ehemalige Kollegen aus Deutschland, die ihre Gefühle auf seinem Facebook-Profil in Status Updates fassten, kleine Nachrichten, persönliche Botschaften, direkt gerichtet an ihn. Die Seite wurde zur Anlaufstelle der Trauernden, meist von jenen, die nicht in unmittelbar engem Kontakt mit seiner Familie in Mailand stehen.

Nun trauern wir auch auf Facebook. Man mag das grauenvoll finden. Doch wo sonst hätte man dies bisher tun können, sich treffen, um einen Menschen zu betrauern, der viele hundert Kilometer entfernt begraben wird? Und einen Moment innehalten um zu lesen, wie andere den Verstorbenen in Erinnerung haben? Auch dies ist eine neue Granulierung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen.

Diese Fein-Granulierung erzeugt auch neue Fragen zum Umgang miteinander.

Ich habe einige Zeit gegrübelt, ob ich Marcellos Facebook-Profil hier verlinken soll. Es ist leicht zu finden, keine Frage. Aber trotzdem möchte ich die Trauer der anderen nicht mit einem Klick erreichbar machen. Oder hätte ich auch seinen Namen verschweigen sollen, obwohl er leicht recherchierbar wäre? Ich habe darauf keine Antwort, würde mich aber über Kommentare zu diesem Punkt freuen.

Auch andere grübeln darüber. Jeff Jarvis erwähnte in der jüngsten Ausgabe des sehr empfehlenswerten Podcasts „This Week in Google“, dass dies Thema seines nächsten Buches werden könnte:

Und ganz nebenbei gibt es anscheinend in US-Geek-Kreisen eine neue Idee, trifft man sich zum Essen: Alle am Tisch stapeln ihre Handys übereinander, sie dürfen ruhig eingeschaltet sein. Wer zuerst zum Handy greift, zahlt die Rechnung. Schöne Idee.

Noch viel härter über diese neuen Herausforderungen nachdenken müssten eigentlich Eltern. Mobbing von Mitschülern ist nicht durch das Internet entstanden – und ich bin da als Ex-Gemobbter gerne Zeuge. Aber das Problem ist nun öffentlicher und hat aller Wahrscheinlichkeit nach zugenommen. Erziehungsberechtigte wie Pädagogen wären dazu aufgerufen, sich Gedanken zu machen über Facebook-Verhaltensweisen. Leider aber passiert hier viel zu wenig außerhalb von Verboten und hysterischem Wehgeklage.

Vor einigen Jahren, SchuelerVZ hatte tatsächlich noch Bedeutung, fragte mich der damals 13-jährige Sohn eines Freundes: „Thomas, wir haben eine Diskussionsgruppe für unsere Klasse. Nun meldet sich ein Lehrer von uns da ständig unter falschem Namen an und will rein. Einerseits muss der uns doch kontrollieren, das ist sein Job. Aber andererseits verstößt das gegen die AGB.“ Tja, nun diskutieren sie mal solch ein Problem mit einem 13-Jährigen, der weiß, was AGB sind – viel Spaß. Aber er war im Begreifen des Problems weiter als die Eltern seiner Freunde und erst recht weiter als sein Lehrer, der diese Diskussion nicht führen mochte.

Für viele Menschen ist Facebook auch der spontane Anlaufpunkt geworden, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Wann immer in der Welt etwas passiert, was uns emotional berührt, bilden sich schnell Pages und Profile, die sich über jenen Sachverhalt mokieren und lustig machen, die den Rücktritt von Amtsträgern fordern oder ihrer Trauer Ausdruck verleihen. Nehmen wir nur einmal das Profil von Christian Wulff, von dem ich nicht weiß, ob es tatsächlich vom Bundespräsidialamt geführt wird. Zwar hat er nur rund 24.000 Freunde (jene Freundeszahlen sind natürlich so ein Problem: Oft drücken Menschen ja den Like-Button nur, um an einer Diskussion besser teilhaben zu können), aber die schreiben sich die Finger blutig: über 12.000 Kommentare zählt eines der Status-Updates.

Aus solchen neuen, hochaktiven und oft auch sehr großen Gruppen erwächst eine neue Anspruchshaltung. Ohne dies so auszusprechen ist es für viele Menschen nicht verständlich, dass ein Mensch oder eine Institution, die aus Sicht des normalen Bürgern größer und/oder mächtiger wirkt nicht diesen Dialog aufnimmt. „Wenn ich da bin“, denken viel, „warum dann nicht der Politiker, ein Vertreter eines Unternehmens, ein Star?“

Mancher Star stellt dann aber auch fest, dass diese Kommunikation ganz spannend, unterhaltsam oder befruchtend sein kann. Ein Beispiel dafür gab es gestern zu erleben: Thomas Gottschalk chattete live mit den Facebook-Fans seiner Seite. Das war noch ein wenig holperig und berauscht von der schlichten Tatsache, tatsächlich etwas selbst zu schreiben und direkt Resonanz zu erhalten – aber so erging es uns ja irgendwie allen mal. Deshalb glaube ich auch, dass Gottschalks neue Sendung mehr für die Medienkompetenz der Deutschen tun wird als das, was die heimischen Politiker und Datenschützer so bieten.

Fehlt diese Kommunikation aber, dann toben sich auf einer Facebook-Seite – wie es bei unmoderierten Foren immer der Fall ist – schnell die Wütenden aus. Eben so, wie bei Christians Wulff Facebook-Auftritt. Und den Wütenden folgen die Kundigen – es entsteht eine Diskussion, die dem Verwalter der Seite nicht recht sein kann.

So ließ es Burda zu, dass sich über eine gehörige Zeit Bushido-Gegner auf der Facebook-Seite der Mediengruppe austobten. Erst spät folgte der Schnitt und das Abstellen des freien Schreibens auf der Pinnwand. Bis dahin waren die Freunde des Konzerns vertrieben, nun hat die Seite zwar noch 3772 Fans – aber praktisch keine Aktivität mehr.

Eine andere Art von Panne erlebte jüngst Lidl. Der Discounter pries auf seiner Facebook-Seite eine Plastik-Palme an, die es für nur 1 Euro im Online-Shop kaufen gebe. Nach weniger als einer Stunde aber meldeten sich die Wütenden, weil der Artikel ausverkauft war.

Schnell waren auch jene zur Stelle, die aus ihrer bevorzugten Filiale berichteten, die Mitarbeiter dort hätten noch nie von diesem Angebot gehört. Und dann meldeten sich jene, die erklärten, ein Großunternehmen müsse laut Gesetz in der Lage sein, ein beworbenes Produkt mindestens zwei Tage lang liefern zu können (ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen).

Entsteht unmittelbarer, spürbarer Schaden für Lidl? Nein. Aber hier werden Verbraucher durch andere Verbraucher mündig gemacht und sie werden sich an solche Informationen erinnern, sehen sie das nächste Mal das rotletterige „ausverkauft“. So gewöhnt uns Facebook ganz langsam und unterschwellig an neue Kontakte, neue Informationen und neue Verhaltensweisen. Man kann das schrecklich finden und verdammenswert – nur ändern wird das niemand können.

Ein Argument aber gibt es, und es wir hier in der Indiskretion gern in Kommentaren eingeworfen. Dass all dieses facebooken und twittern und bloggen un youtuben nur ein Hobby einer kleinen Schicht wäre, tatsächlich aber sich in Deutschland wenig ändere.

In diese Kerbe schlug jüngst Jörg Schönenborn, der WDR-Chefredakteur. Nach dem Christian-Wulff-TV-Interview hatte der Deutschland-Trend der ARD eine Blitzumfrage unternommen. Dazu schrieb Schönenborn für tagesschau.de:

„Vor allem eines fällt ins Auge: In der breiten Bevölkerung steht Bundespräsident Christian Wulff nach seinem Interview vom Mittwoch deutlich besser da als im Urteil der Medien. Während die Zeitungskommentatoren und Internet-Blogger fast einhellig den Stab über Wulff gebrochen haben, ist mit 60 Prozent die Mehrheit der Deutschen der Ansicht, der Präsident habe eine zweite Chance verdient. Das ist zumindest das Ergebnis der ersten Blitzbefragung im ARD-DeutschlandTrend nach Ausstrahlung des Interviews.“

Also die Teilung der Welt? Die digitalen Wutbürger vs. der milde Rest? Nein. Natürlich ist das Blödsinn. Aber Schönenborn kann natürlich nicht den von der ARD finanzierten und mit viel PR unter die Leute getragenen Deutschland-Trend attackieren. Zunächst behauptet der „repräsentativ“ zu sein. Dieser Begriff ist traurigerweise nicht ausreichend definiert. Bei einer Stichprobe von 0,0125 Promille (nicht Prozent) der deutschen Bevölkerung dürfen Zweifel aber angebracht sein. Erst recht, aber wenn wir uns die Uhrzeiten anschauen.

Das Wulff-Interview lief zur besten Sendezeit am Abend. Erst danach konnten die ersten Telefonate geführt werden. Die Erstellung der entsprechenden Fragen dürfte noch ein wenig gedauert haben. Einen Tag später, um 22.25 Uhr, erschien Schönenborns Artikel. Nehmen wir an, er ist ein schneller Schreiber und hat ein gutes Team. Trotzdem braucht es ein wenig, sich die Zahlen anzusehen, sie in Grafiken zu verwandeln, den Artikel zu schreiben. Geben wir der ARD hierfür zwei Stunden (und ich glaube, es dauert länger). Dann wären die Ergebnisse um 20.25 Uhr eingetroffen. Die Meinungsforscher von Infratest Dimap haben sicherlich bei solch relativ einfachen Fragen in weiten Teilen eine Automatisierung in der Auswertung. Trotzdem muss das ja alles auch für den Kunden verpackt und zusammengestellt werden. Geben wir ihnen dafür mal 120 Minuten. Dann wären wir bei 18.30.

Nun handelt es sich hier ja nicht um einen festen Pool von Befragten, die einen Anruf erwarten – sondern um eine Zufallsstichprobe. Und die setzt sich aus Menschen zusammen, die zwischen circa 21 Uhr und 18.30 Uhr am kommenden Tag ein Festnetztelefon in ihrer Privatwohnung abgenommen haben und ob einer Meinungsumfrage nicht direkt wieder aufgelegt haben. So wie ich es getan hätte und praktisch jeder meiner Generation, den ich kenne. Zu vermuten ist, dass sich in dieser Zufallsstichprobe ein weit überdurchschnittlicher Teil Arbeitsloser, Rentner und Hausfrauen befindet.

So zeugt der Deutschland-Trend tatsächlich von einer Teilung der Gesellschaft. Doch ist dabei nicht die befragte Gruppe, die winzige Minderheit – es ist genau umgekehrt.


Kommentare


Marcus Schwarze (RZ) 11. Januar 2012 um 14:38

Einen ähnlichen Effekt hatte ich neulich beim neugierigen Nachschauen, wen denn da ein entfernter Bekannter von mir geheiratet hat. Tatsächlich fand ich die Dame auch bei Twitter. Ich traute mich aber zunächst nicht, ihr quasiöffentlich zu folgen und damit meine Neugierde zu dokumentieren. Ihr so stark auf die Pelle zu rücken, dass ich ihre und die Tweets ihres Gatten zusammenführen kann, entgrenzt gelegentlich den Intimbereich. Und andere darauf zu bringen, indem ich der Dame folge – da hatte ich Manschetten.

Am Ende dämmte ich die Zweifel, und bin ihr dann doch gefolgt. Man will ja wissen, wie die anderen ticken.

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Spinnzessin 11. Januar 2012 um 18:06

Eine Umfrage über’s Festnetztelefon?

Da hätten sie die Umfrage ja gleich über Amateurfunk machen können. :o)

Die Ergebnisse wären vermutlich genauso ‚repräsentativ‘ für ‚die Deutschen‘ gewesen. 😉

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Stephan Mahlow 11. Januar 2012 um 18:37

Die Einschätzung, dass Facebook die Gesellschaft massiv verändern wird, teil ich. Allerdings noch nicht sehr lange, sondern erst, seitdem ich etwas intensiver beobachte, was dort so passiert. Das tun viele Multiplikatoren noch nicht – und das halte ich für einen schwerwiegenden Fehler.
Allerdings würde ich auch Google+ in diese Aussage mit einbeziehen. Dort bewegt und äußert sich zwar zunächst noch ein etwas „elitärer“ Kreis, das ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, mir fällt nur im Moment kein besseres ein. Aber seit gestern „Google Search plus Your World“ angekündigt wurde, sind die Karten wohl neu gemischt. Mal sehen, was daraus wird.
Du hast recht: Gewisse Berufsgruppen sollten unbedingt auf Facebook (und Google+) sein, insbesondere Journalisten. Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich bisher so wenige bekannte Namen dort finden kann. Und dass bei den Journalisten, mit denen ich mich darüber unterhalte, so viel Unkenntnis zu Tage tritt – und so viele Vorurteile. Das wird fast nur noch von Lehrern übertroffen.
Ich habe vor rund 20 Jahren eine Journalistenschule besucht. Das Berufsbild, das ich damals kennengelernt habe, hat sich radikal verändert. Mir fällt spontan gar kein Beruf ein, der sich im Laufe dieser Zeit so stark gewandelt hat. Dumm nur, dass für viele Journalisten der Begriff vom lebenslangen Lernen nur eine Worthülse ist.
Gleichzeitig nehmen sie „das Internet“ als konkrete Bedrohung ihres Arbeitsplatzes wahr – was zum Teil ja auch stimmt, wenn ich zum Beispiel an Tageszeitungsredakteure in Mantelredaktionen denke.
Die gesellschaftliche Bedeutung hauptberuflich tätiger Journalisten hat zugleich abgenommen – und sie wird weiter abnehmen. Viele Blogs haben längst eine Qualität erreicht, die sich mancher Chefredakteur für seine Fachressorts wünschen würde.
Was Du zum Deutschland-Trend schreibst, ist es wert, näher beleuchtet zu werden. So wie Du es formulierst, hört es sich wie eine (plausibel klingende) Vermutung an. Wenn die Abläufe aber so sind, dann wird mit diesem Trendbarometer ein Zerrbild gezeichnet. Insofern hoffe ich, dass Jörg Schönenborn hier mitliest. Denn die ARD sollte selbst ein Interesse daran haben, die Methodik regelmäßig zu hinterfragen, sonst muss man auch dazu sagen: zukünftig entbehrlich.

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Volker Franke 11. Januar 2012 um 21:18

Die Ausführungen zum Deutschland-Trend der ARD finde ich plausibel, doch ein Kollege, der Sozialwissenschaftler ist, wie mich heute in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Wahlprognosen vor einer Bundestags/Landtagswahl trotzdem ziemlich genau sind. Aber da wir natürlich nicht von Abends 22.00 Uhr bis zum nächsten späten Nachmittag sondern wohl länger gefragt.
Interessant ist auch, das Schönenborn auf die Fragen in seinem ARD-Blog nicht reagiert hat (oder vielleicht inzwischen doch?), dass der Anteil der Festnetztelefonbesitzer zunehmend kleiner wird (viele haben nur noch Handy usw.). Mein Kollege meinte heute dazu: ja, das wird ein echtes Problem für die Meinungsumfragen werden – und dann …?

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tux. 11. Januar 2012 um 22:19

„Keine Technologie und kein Dienst in der Geschichte der Menschheit hat sich schneller verbreitet.“

Doch. Google+.

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teekay 11. Januar 2012 um 22:27

Von der Feingranulierung die ich wichtig und richtig finde bis zur Verhaltensaenderung zu Konsumprodukten, Medienkonsum usw. ist es (noch) ein langer Weg. Fuer mich wird die ‚Zimmerpflanze-Aktion‘ dann interessant, wenn ein Mitbewerber die Diskussionen liest und reagiert: Wenn L. nicht genug hat gibt es naechste Woche bei A. aehnliche Pflanzen fuer 0.99 Euro. So aber bleibt es bei den bekannten und eingewoehnten Mustern. L. liefert am Ende vielleicht mehr Pflanzen und die Leute freuen sich und kaufen. L. 1 – Verbraucher 0,5…Oder Thomas G. bietet ‚Premiumcontent‘ nur im Internet an. Die ’normale‘ TV-Sendung fuer alle, Extras nur, wenn man Fan bei facebook ist. Und Unternehmen wie B. ist vielleicht gar nicht so unrecht, wenn online Diskussionen schief gehen-wieder ein Beweis fuer das ‚gesetz- und masslose‘ Internet. Kurzum: Noch gibt es kaum ‚realwirtschaftliche‘ Auswirkungen von facebook im groesseren Stil. Selbst wenn die ‚Franz Beckenbauer soll Bundespraesident werden‘ Gruppe 100 Millionen Fans weltweit haette-es ist unwahrscheinlich, dass die Bundesversammlung sich dem Votum anschliessen wuerde…

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Coco 12. Januar 2012 um 12:34

Einspruch: ich habe schon in der Telefonmarktforschung gearbeitet, da wird sehr genau geschaut, wieviel Leute wie über die Republik verteilt wann angerufen werden. Das kann sich so ein Institut gar nicht leisten, 90% solcher Interviews am Vormittag mit Hausmännern oder -frauen zu führen. Oder im Fachjargon: es wird eine ausreichend große und repräsentative, d.h. dem Querschnitt der Bevölkerung entsprechende Stichprobe gemacht.

Zweitens – es ist bei weitem nicht so, dass jeder gleich wieder auflegt. Dies sind tatsächlich die wenigsten. Viele Leute machen immer noch gerne mit bei solchen Telefoninterviews. Zumal wenn die renommierte Forschungsgruppe Wahlen oder vergleichbare anrufen. Dies als Fingerzeig für dich wie deinen Artikel: unsere Wahrnehmung und Sichtweise wird durch facebook + Internet eingeengt, wenn wir unsere Informationen und das Fühlen am Puls des Volkes nur dorther holen. Denn online melden sich auch nur bestimmte Naturen zu Wort, viele bleiben stumm und denken sich ihr Teil oder bequatschen es in der Kneipe.

Wenn dich das Ergebnis des Deutschland-Trends skeptisch macht, was sagst du dann zum Ergebnis der Volksabstimmung zu Stuttgart 21? So, wie die Stimmung in der Bevölkerung online wie auch in TV + Radio rübergebracht wurde, hat wohl kaum einer damit gerechnet, dass 58.8% sich *für* das Projekt ausgesprochen haben. Große Überraschung.

facebook ist sicher eine Nervenbahn der Gesellschaft, aber nur eine von vielen.

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Alex 12. Januar 2012 um 14:16

Zum Thema Repräsentativität heißt es:

„Dieser Begriff ist traurigerweise nicht ausreichend definiert.“

Selbstverständlich ist er das. Ein Blick in ein gängiges Statistik-Einführungsbuch hätte geholfen.

„Bei einer Stichprobe von 0,0125 Promille (nicht Prozent) der deutschen Bevölkerung dürfen Zweifel aber angebracht sein.“

Repräsentativität ist nicht von der Stichprobengröße abhängig. Kurz gesagt ist eine Stichprobe hinsichtlich eines Merkmals dann repräsentativ, wenn jedes Mitglied der Grundgesamtheit dieselbe Chance hat, in die Stichprobe zu gelangen. Dies ist in der Regel mit einer randomisierten Stichprobe erfüllt. Der Einwand, daß die Tageszeit hier problematisch ist, ist daher im Gegensatz zum Einwand mit der Stichprobengröße richtig.

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Palo Stacho 12. Januar 2012 um 14:27

Sehr interessante Analyse,
ich werte das als klassisches verdecktes Generationenproblem zwischen den Baby-Boomern als digitalen Exilanten und den Millenials als digital Natives. Warum verdeckt? Weil die Generation X – ler hier dazwischen liegen und das „verschleiern“.
Führungskräfte von heute sind meistens Babyboomer, schauen TV und organisieren eben immer noch Telefonumfragen, so wie sie es eben vor 20 Jahren in der Uni gelernt haben und tun Facebook immer noch als Spielzeug ab, was es aber seit einigen Monaten nicht mehr ist…

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mark793 12. Januar 2012 um 18:48

@Alex: Dass die Stichprobengröße gar keine Rolle spielt bei der Repräsentativität, stimmt so nicht ganz. Tatsächlich hat sich (warum auch immer, ich bin kein Statistiker) bei Telefonumfragen eine Stichprobengröße von über tausendirgendwas Befragten als Minimalstandard durchgesetzt.

Die Frage, ob die Erhebungsmethode „Telefon“ noch geeignet ist, einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu erreichen, hat ihre Berechtigung. Das Problem, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen nur unterproportional erreicht werden oder ganz außen vor bleiben, haben Online-Stichproben aber auch, nur dass die Defizite eben in anderen soziodemographischen Segmenten liegen. Von daher wäre es fatal zu glauben, wenn man sich jetzt nur noch auf Online-Umfragen kapriziert, wäre man aller Sorgen ledig. Solange Online noch nicht die Vollabdeckung gewährleistet, könnte es darauf hinauslaufen, Standards dafür zu entwickeln, wie methodisch mehrgleisig erhobene Daten zu genaueren Gesamtergebnissen zusammengeführt werden können. Aber solche Datenfusionen (wie sie beispielsweise mit den TV-Einschaltquoten von der GfK mit Konsumdaten aus anderen Panels vorgenommen werden) sind immer heikle Operationen und die Validität der Ergebnisse nicht unumstritten.

Ach ja, noch zum Thema Facebook und Journalisten: Würde ich beruflich nicht auch Themen beackern, die mit Internet, Medienwandel, Marketing, Werbeplanung und dergleichen zu tun haben, würde mir da abzüglich des privaten Kontaktehaltens wahrscheinlich nicht viel fehlen, wenn ich keinen eigenen Account hätte. Ich habe mich nicht zuletzt aus beruflicher Neugier darauf eingelassen, aber mittlerweile geht es mir ziemlich auf den Zeiger, wer da alles von mir geliked werden will und dass ich ständig aufpassen muss, was FB jetzt schon wieder an den Grundeinstellungen gedreht hat.

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Richard K. Breuer 12. Januar 2012 um 19:22

Wir müssen festhalten, dass das Unternehmen Facebook noch in diesem Jahr an die Börse gehen möchte – geschätzter Marktwert: rund 100 Milliarden Dollar. Natürlich eine hübsche Blase, aber wie das mit Blasen so ist, keiner will es wahrhaben. Dass bei diesen Summen Facebook in aller Munde ist, liegt auf der Hand. In den USA fließt die Hälfte des Werbe- und Marketingbudgets (also 200 Milliarden Dollar) in den Onlinebereich. Auch dass sollten wir immer im Hinterkopf behalten, wenn es darum geht, Social Media Kanäle zu hinterfragen.

Ich habe sehr intensiv die sozialen Medien genutzt, musste aber bald feststellen, dass wir uns damit alle im Kreis drehen und nicht vom Fleck kommen.

Kommunikation ist wichtig, zugegeben, aber die Frage ist, ob die neuen Medien in der Lage sind, dieses dringende Bedürfnis zu befriedigen. Ich meine, es verhält sich nicht unähnlich wie der Unterschied zwischen echter Hühnersuppe und einer Fertigsuppe. Beides riecht und schmeckt nach Hühnersuppe, aber die Nährstoffe erzählen eine andere Geschichte. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, falls es interessiert: http://1668cc.wordpress.com/2012/01/05/social-media-folgen-1/

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TinkThank 15. Januar 2012 um 10:53

Facebook hat hervorragende Dienste geleistet, die Vorteile rasend schneller Informationsverteilung unter großen Menschengruppen aufzuzeigen. Jetzt können also Pläne für ein soziales Netzwerk geschmiedet werden, das nicht früher oder später am Interessenkonflikt zwischen privater Gewinnerzielungsabsicht, staatlichem Kontrollbedarf und freier Kommunikation scheitert. Das Projekt Diaspora scheint hier richtungsweisend, ein _soziales_ Netzwerk existiert nicht nur durch die Nutzer, sondern auch _ausschliesslich_ für sie. Und nicht für Shareholder sowie für einen sicher talentierten, jedoch spätpubertierenden Nerd, der sich für seine narzisstische Kränkung an der ganzen Welt rächen will (vgl. ‚dumbfucks‘).

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Sven 15. Januar 2012 um 12:33

Mit verlaub,

was für ein grottiger Artikel. Die Einleitung gelingt Ihnen vortrefflich – doch mit welchem Twist müssen Sie von interessanten Einlassungen über Trauer / Glückwünsche hin zu Methodenkritik wechseln? Es ist in der Kommunikationswissenschaft fast schon ein Running Gag, dass Journalisten mit der Interpretation von Statistiken überfordert sind – und sie reihen sich brav ein:

1. Haben Sie als guter Journalist einfach mal die angegebenen Ansprechpartner im WDR / bei Infratest kontaktiert? Nennt sich Recherche oder so…

2. Haben Sie in diesem Zusammenhang überprüft, ob mixed-mode Sampling mit RLD-Mobilnummern erfolgte oder im Deutschlandtrend- Sample enthalten ist? Kurzes googlen weißt auf das Problem schon in Methodenforschungen von 2007 hin – und nur weil in Werbetextchen nicht explizit darauf verwiesen wird, sollte man nicht gleich unterstellen, dass methodische Fehler einfach mal so gemacht werden.

3. Es geht um eine TRENDanalyse: In der Tendenz sind sich die Deutschen unsicher – ca. 50% sind pro Wullf, ca. 50% sind gegen Wulff. Selbst wenn man unterstellt, dass 100% aller mobil-only Nutzer contra Wulff sind (was Quatsch ist) Ändert sich der Wert dann eben auf 45% pro & 55% contra Wulff – was immer noch nicht adäquat in der Medienberichterstattung abgebildet würde…

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Linkenswert (11) – butg.de – der Blog 15. Januar 2012 um 13:22

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