Happy Birthday, Commodore 64
3. Januar 2012
Die Wahrheit über Werbung
9. Januar 2012

Kindle – Ambivalenz, in Plastik gegossen

Selten war ich in meiner Meinung über ein technisches Gerät so zwiegespalten wie in Sachen Kindle.

Auf der Le Web 2007 hielt ich ihn zum ersten Mal in der Hand, er war noch recht frisch. Das Display gefiel mir sofort. denn mein Problem am Abend ist: Lese oder arbeite ich vor dem Zubettgehen an einem Computerbildschirm, dann kann ich nicht einschlafen. Das gilt ebenso für iPhone und iPad, die es 2007 noch oder gerade erst gab. Offensichtlich geht es nicht jedem so, aber manchem.

Das E-Ink-Display des Kindle wäre mangels Beleuchtung aber kein Problem, das war direkt klar. Nur: Wer zum Teufel hatte das Drumherum designed? Der kybernetisch eingefrorene und gerade erst wieder aufgetaute Designer des ersten IBM-PC? Auf jener Le Web gab Star-Designer Philippe Starck den perfekten Kommentar ab: „It looks almost modern.“

Dabei blieb es dann auch. Mein Drang, einen Kindle zu erwerben war höchst begrenzt. E-Reader werden definitiv Alltag werden, aber sie werden anders aussehen als der Kindle 2007.

Und nun – hab ich seit Ende vergangenen Jahres doch einen. Schuld ist der geschätzte Wirtschaftswoche-Redakteur Sebastian Matthes. „Mein Leseverhalten hat sich total verändert“, sagte er mir bei einem gemeinsamen Mittagessen. Vor allem die Synchronisation zwischen Kindle und der iPhone-App hatte es ihm angetan.

Also kaufte ich mir auch einen – und erlebte etwas Ähnliches. Dabei nehme ich in Sachen Design nichts zurück: Man sollte Jeff Bezos mit der gedruckten Encyclopedia Britannica durch seine Lagerhäuser prügeln ob seiner Ambitionslosigkeit in Sachen „Ich bringe mal was schönes auf den Markt.“ Auch vier Jahre nach der Le Web ist der Kindle fast modern. Das gilt auch für die Benutzeroberfläche. Sie ist so logisch und durchdacht wie ein Kleinkind in der Trotzphase. Kurz: All das, was Apple so elegant und schön macht, fehlt.

Und trotzdem werde ich ab jetzt sehr, sehr viel auf dem Kindle lesen.

Der eine Grund dafür ist die angenehme Leichtigkeit. Der Kindle ist leichter als ein Hardcover-Buch, die Schriftgröße lässt sich anpassen, das Display ist großartig. Einerseits lese ich somit entspannter, andererseits auch tatsächlich leichter und schneller. Jenes von Buch-Fans oft beschriebene Gefühl „Und dann lege ich mich aufs Sofa und tauche in ein Buch ab“ entsteht bei mir mit dem Kindle wesentlich stärker. Denn es gibt kein Papier, das beim Umblättern im Schoß über die Kleidung schrabt, der Literaturträger liegt nicht gewaltig schwer in der Hand wie die Steve-Jobs-Bio und bei einem Page Turner lässt sich die Page eben einfach schneller turnen. Es müsste aber noch dramatisch einfacher werden, Notizen zu machen und diese Anmerkungen weiterzureichen. Das ist derzeit ein gewaltiger Aufwand.

Und noch etwas ist ziemlich großartig: die Möglichkeit, sich Texte und Dokumente auf den Kindle zu senden. Dies geht einerseits per E-Mail, andererseits gibt es schöne Hilfswege wie „Send to Kindle“ für den Chrome-Browser.

Ich gehöre auch zu den Menschen, die 417 Tabs aufhaben mit Texten, die später definitiv mal gelesen werden müssen. Und, nein, Dienste wie Instapater und Readitlater haben das auch nicht geändert. Es ist relativ egal, wo sich die Seiten befinden, die ich für später zum Lesen abgelegt habe, um sie später nicht zu lesen. Beim Kindle ist das ein wenig anders, weil das Lesen entspannter ist. Leider kann ich dann von dort auch die Texte nicht via Social Web weitergeben.

Der Kindle ist somit wie Facebook: Ich möchte nicht mehr auf ihn verzichten, aber sieht grausam aus und ist ziemlich nutzerunfreundlich. Ich hoffe nur, dass der Anfangserfolg des Kindle Fire in den USA nicht dazu führt, dass Amazon sich darauf konzentriert ein Billig-iPad zu produzieren. In seiner jetzigen Form hat er einen festen Platz in meinem Medien-Alltag.

 

Teile diesen Beitrag