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Die neuen Nachrichten-Filter

In der vergangenen Woche traf ich im Düsseldorfer Flughafen einen Freund aus Studienzeiten. Er arbeitet in gehobener Position für ein Unternehmen in einer sehr klassischen Branche und wir beide lieben es uns mit trockenem Münsterländer Humor über die Arbeit des jeweils anderen lustig zu machen: Er über das Interwebs und dieses Zeugs – ich über die metallene Schwere der Güter, mit denen er täglich zu tun hat.

Doch bei diesem Treffen überraschte er mich. Neben ihm lagen einige Zeitungen und ich witzelte: „Schön, dass Du sowas noch liest.“ Seine Antwort: „Tu ich eigentlich nur noch im Flugzeug.“ Ich war baff. Er? Der Erzkonservative? Nein, erklärte er, das koste zu viel Zeit und das meiste sei für ihn nicht interessant.


Selbst bei ihm sickert die Erkenntnis ein, dass Zeitungen kein effizientes Medium für den Nachrichtenkonsum sind. Sie waren einmal die beste Lösung für diese Tätigkeit – doch heute sind sie es nicht mehr. Algorithmen und Social Media ermöglichen eine erheblich sinnvollere und individuellere Nachrichtenfilterung und -kuratierung.

Und wenn wir einmal auf das Ende des Jahres 2011 zurückblicken, so könnte dies die Zeit werden, da sich Nachrichten auf immer verändern. Weil neue Dienste und Anwendungen entstehen die dafür sorgen, dass der Einzelne mehr Nachrichten erhält, die ihn tatsächlich interessieren und ohne, dass sich sein persönliches Informationsspektrum verengt – im Gegenteil: Es wird sich weiten.

Das vielleicht Überraschendste: Zumindest ein deutscher Verlag scheint in diesem Feld agieren zu wollen – Axel Springer. Doch besteht die Gefahr, dass jene leidige Leistungsschutzrechtsdiskussion dazu führen wird, dass Deutschlands Medienhäuser auch diese Chance wieder in den Sand setzen. Oder besser: krachend vor die Wand.

MyEdition heißt die jüngst angekündigte App aus dem Hause Springer. Sie soll dem Nutzer Inhaltefelder vorschlagen, er bewertet sie – und auf Basis dieser Wertungen verändert sich die Nachrichtenfilterung. Die iPad-App – so wie sie derzeit geschildert wird – ist eine Copycat meiner persönlichen Lieblings-App Zite. Diese braucht einige Wochen, so zwei bis vier, dann jedoch ist sie ein großartiger Nachrichtenfilter. Allerdings: Der Nutzer kann seine Quellen eben nicht selbst integrieren – er ist auf die englischsprachigen angewiesen, die Zite verwendet.

Und genau hier beginnt die Crux von MyEdition. Die App wird zwar auf deutsche Quellen zurückgreifen – aber zunächst nur auf die zu Springer gehörigen. Andere Verlage müssen erst ihre Zustimmung erteilen. Das wird natürlich toll in Sachen persönlicher Filter: Bei Computer-Themen wird der Filter wohl viele, viele „Computer-Bild“-Artikel auswerfen – es gibt ja keine anderen. In einem weiteren Punkt kollidiert die Idee ebenfalls mit den Strategien des Verlagskonzerns: Denn wie ist dies in Einklang zu bringen mit der Paid-Content-Ankündigung? Bekomme ich auch bei MyEdition nur eine bestimmte Zahl von Artikeln frei zu lesen?

Die Zurückhaltung bei MyEdition dürfte interne Gründe haben: Axel Springer trägt die Fackel des Leistungsschutzrechtes vor sich. Und da gibt es dann argumentativ ein Problem, möchte man die Inhalte aus anderen Quellen ungefragt in solch ein Angebot integrieren. Jene Lüge über das angebliche Raubkopieren deutscher Verlagsinhalte blockiert also wieder einmal eine Zukunftstechnologie. Digitaler Fortschritt tritt zurück hinter Besitzstandswahrung. Denn dass andere Verlage die Erlaubnis geben, dürfte unwahrscheinlich sein. Wie unfähig sie zur Kooperation auf Geschäftsebene sind, demonstrieren sie bei fast jedem Thema, das sich nicht an die Politik richtet.

Aus diesem Grund ist meine Hoffnung für MyEdition gering.

Die Zite-Idee stellt aber nur eine von drei Herangehensweisen in jenem neuen Feld der Filterung dar. Die zweite gibt es schon länger und sie wird in Deutschland von dem von mir hoch geschätzten Rivva repräsentiert.

Während Zite die Idee umtreibt, dass der Einzelne am besten weiß, was ihn interessiert, fußt Rivva oder US-Gegenstücke wie Techmeme auf dem Gedanken, dass einflussreiche Blogs und Nachrichtenseiten Kompetenz in der Nachrichtenauswahl mitbringen. Diese bilden einen Kanon vertrauenswürdiger Quellen. Verlinken mehrere aus diesem Kanon auf einen Artikel, egal wo der im Netz liegt, dann muss dieser wichtig sein. So ergibt sich ein Abbild der Nachrichtenlage aus der Sicht der digitalen Meinungsbildner in einem bestimmten Feld. Rivva, zum Beispiel, liefert einen recht zuverlässigen Überblick über Themen, die Deutschlands Viel-Vernetzte an einem Tag umtreibt.

Auch in diesen Bereich der Memetracker versuchten deutsche Verlage einzudringen – und scheiterten. Burda startete 2009 Nachrichten.de und einen deckungsgleichen Dienst mit Wirtschaftsnachrichten. Ein Misserfolg aus Gründen des Onlinejournalismus: Denn wie soll ein Algorithmus feststellen, ob ein bestimmter Artikel größer gespielt werden sollte als ein anderer? Da die Verlagsangebote nicht aufeinander verlinken gibt es keinen Maßstab. Spätestens wenn der „Albbote“ die Top-Nachricht über Hertha BSC liefern soll dürfen Zweifel ob des Nutzens jenes Dienstes laut werden.

So machte Nachrichten.de vor allem eines klar: Wenn deutsche Online-Redaktionen nicht die Instrumente des Web in ihrer Gänze nutzen, werden sie im digitalen Zeitalter Stück für Stück an Bedeutung verlieren. Dies zeigt auch Rivva: Dort landen häufig Nachrichten aus Medienhäusern vorne – aber meistens, weil Blogs auf sie verlinken.

Bleibt noch Version drei: Social Media. Für viele, viele Menschen sind Facebook oder Twitter schon heute der wichtigste Nachrichtenfilter (und ich bitte da zu unterscheiden zwischen Nachrichtenfilter und Nachrichtenquelle). Die USA schreiten da voran, Deutschland wird Stück für Stück nachziehen. Schon im Februar gaben 51% der Nutzer der Facebook-Präsenz des US-Rundfunks NPR (so irgendwie das Gegenstück zu öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland) an, Facebook sei für sie ein wichtiger Nachrichtenkanal.

Social Media ist dabei aus Sicht der Nutzer der vielleicht spannendste Nachrichtenfilter. Denn er eröffnet am stärksten die Möglichkeit Themen zu finden, die man nicht auf dem eigenen Radar hatte – weil sie von Kontakten empfohlen werden, denen der Nutzer folgt, weil man ein anderes gemeinsames Feld teilt.

Mit Social Networks und Twitter sind Filter entstanden die nicht mit dieser Funktion im Kopf konzipiert wurden – die Nutzer haben aus Diensten einfach etwas Neues gemacht. Hätte Mark Zuckerberg von Anfang an eine News-Seite bauen wollen, sie sähe wohl anders aus als Facebook heute. Flipboard war ein erster Versuch den sozialen Nachrichtenstrom neu zu ordnen: Die iApp ruft weitergerreichte Links als Artikel-Anrisse ab, es entsteht eine Art individualisiertes Nachrichtenmagazin auf Tablet oder Handy.

Das ist schön und toll und richtungsweisend. Doch wird eben jede News gleich gewichtet – und das nutzt die Möglichkeiten von Social Media nicht ansatzweise aus. Also gibt es auch hier die ersten weitergehenden Schritte. Cliqz erstellt einen individualisierten Nachrichtenstrom unter Einbeziehung der Zeit und der persönlichen Netzwerke. Genaueres wird über den Algorithmus dahinter noch nicht verraten und derzeit wirkt die App auch optisch noch recht karg. Doch die grundlegende Idee ist viel versprechend und mit dem ehemaligen Burda-Digital-CTO Jean-Paul Schmetz steckt ein in der Branche gut beleumundeter Chef hinter Cliqz.

Redaktionen klassischer Medienhäuser spielen in Social Media jedoch bisher eine bemerkenswerte untergeordnete Rolle. Sicher, ihre häufig automatisierten Schlagzeilenverteiler werden gern befreundet und gefollowed. Und in fast jeder Redaktion gibt es ein paar Renegaten, die tatsächlich die Kommunikation mit dem Leser aufnehmen. Doch eine systematische Herangehensweise ist nirgends zu entdecken. Für die Nachrichtenfilter der Generation Cliqz könnte jedoch die bloße Präsenz durch weiterreichbare Schlagzeilen genügen, um eine Rolle zu spielen. Insofern wäre es für Verlage noch am wünschenswertesten, setzte sich diese Form der Nachrichtenfilterung durch.

Schon lange reden sehr viele Menschen über die angebliche Überflutung der Menschen mit Information. So mancher Zeitungsmanager predigt dann sein gedrucktes Produkt sei doch die Lösung. Das ist natürlich Blödsinn. Warum sollte eine zusammengewürfelte Redaktion, die mich nicht kennt, besser wissen was mich interessiert als ich selbst oder meine Freunde?

Nicht nur die digitale Avantgarde wird entdecken, dass es bessere Nachrichtenfilter gibt als das klassische Redaktionsmodell – und die besten Filter werden gute Geschäfte machen. Die Medienhäuserbieten bisher kein Erfolg versprechendes Angebot in diesem Feld. Die Folge könnte langfristig eine weitere Verschiebung in Richtung neuer Nachrichtenangebote sein: Nicht, weil diese die höhere journalistische Qualität bieten – sondern schlicht weil sie sich leichter auffind- und verteilbar machen.

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