Was Google+ uns über Deutschland verrät

by Thomas Knüwer on 25. Juli 2011

Nein, ich bin noch immer nicht begeistert, ja, nicht mal richtig überzeugt von Google+. Zum Beispiel turbulenziert sich der Dienst derzeit durch die Gegend, weil Google keine Verwendung von Pseudonymen wünscht. Bei Facebook gab es von Anfang an weniger Decknamen und ihre Zahl nahm danach ab. Weil die Nutzung von Facebook eben wenig Freude bereitet ohne echten Namen. Facebook also wusste, wie ein Service zu konzipieren ist, um einen gewünschten Effekt zu erreichen – Google ist dazu offenbar nicht in der Lage.

Aber.

Google+ verrät uns etwas über unsere Gesellschaft. Und über Deutschland.

Rund einen Monat ist der Dienst nun alt und befindet sich noch immer in einer Art geschlossenen Testphase. Weiterhin kommen einige Nutzer rein – andere nicht. Es ist ein wenig erratisch.

Gemeinhin gilt für diese Ausgangsposition, dass ein Dienst in so extrem früher Phase die „early adopter“ anzieht, eine Art digitale Avantgarde, die bei jeder neuen Plattform, jedem Netzwerk, jedem Angebot direkt dabei sein will.

Diese Vorreiter genießen in Deutschland einen alles andere als guten Ruf. „Freaks“ oder „Nerds“ seien sie, klassische Medien beschreiben sie gern als zottelige Verwahrloste, deren Sozialleben die Aktivität eines Dreizehenfaultiers im Morphium-Koma erreicht hat. Diese Gruppe ist klein, merkwürdig und zu vernachlässigen – außer, man möchte sich beim jährlichen Re-Publica-Bericht wahlweise über sie lustig machen oder sie beschimpfen.

Tja.

Es möge den Arm (oder den Kommentar unten) heben, wer nicht zutiefst überrascht, wenn nicht gar geschockt ist von der Geschwindigkeit, mit der sich Google+ verbreitet. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Grafik von Leon Haland (danke für die Freigabe):

Alles Early Adopter? Wenn ja, dann sind das doch bestimmte die Irren aus den US von A?

Denkste.

Comscore behauptet, dass Deutschland die Nummer 5 unter den Google+-Nationen ist mit 700.000 Nutzern. Nun bietet das statistische Bundesamt auf seiner Homepage keine detailliert aufgeschlüsselten Altersdaten. Doch wären diese 700.000 eben rund 1% der über 15-Jährigen (und offiziell lässt Google+ erst Nutzer über 18 zu – tatsächlich sind mir bisher keine Teenager begegnet). Das ist kein kleines Grüppchen zotteliger Freaks mehr (oder Deutschland ist zwischenzeitlich erobert worden von zotteligen Freaks, was mir als Temporär-Münchener entgangen ist, weil in München zottelige Freaks insgesamt nicht so häufig vorkommen).

Nun wäre es eine dogmatische Diskussion, sich zu fragen, ob dies alles Early Adopter sind. Oder ob die frühen Adaptoren innerhalb weniger Tage schon eine gehörige Masse Nachzügler mitgezogen haben.

Der für mich entscheidende Punkt ist: Wer sich so früh einen neuen Dienst anschaut, muss die Bereitschaft und die Zeit haben dies zu tun. Viele in Deutschland schrieben diese Eigenarten bisher eben jener kleinen Formation der Hypervernetzten zu, die sich gegenseitig kennen, ihre Blogs kommentieren und sich bei Twitter retweeten.

Google+ beweist: Deutschland ist, was seine Bevölkerung betrifft, weitaus digitaler als Entscheider in Wirtschaft und Politik glauben. Diese Differenz zwischen dem Alltag eines ordentlichen Teils der Bevölkerung und seinen Führungskräften wird Folgen haben. Immer weiter werden sich die Menschen von Medien entfernen, die verteufeln, was Leser und Zuschauer als spannende Instrumente und Spielzeuge begreifen. Immer weltfremder wirken Politiker, die nicht einmal ansatzweise wissen, wie das Land Digitalen aussieht oder gar funktioniert. Und Weltfremdheit mag niemand wählen.

Doch diese Zahlen senden auch ein Signal an die Ex-Avantgarde. Sie geißelt sich in vorauseilendem Gehorsam nämlich auch gerne selbst. In private Gesprächen, gelegentlich aber auch in Blog-Artikeln und Tweets, schränkte sie oft ein, dass diese Vielverwendung natürlich nicht die Normalität sei. Manches davon ist ironisch gemeint – vieles aber eben auch nicht.

Es wäre gut, wenn jene Vorreiter einerseits erkennen, dass technisch scheinbar unterlegene Plattformen bei anderen Menschen gut ankommen, was keineswegs schlecht sein muss. Andererseits sollten sie ruhig mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Denn die Nutzung technischer Gerätschaften kein Ausweis sozialer Isolation ist, sondern das ganz normale Ausnutzen der Möglichkeiten unseres Zeitalters.

Wer das nicht tut, der sollte sich fragen, ob er im 21. Jahrhundert das normale Leben führt – nicht umgekehrt.

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