Die Kriegs-Propaganda des Gabor Steingart

by Thomas Knüwer on 15. April 2011

Jeden Morgen verschickt das “Handelsblatt” einen E-Mail-Newsletter namens “Morning Briefing”. Er gibt vor, einen Überblick über die morgendliche Nachrichtenlage zu liefern. Faktisch ist er eine Werbeveranstaltung des Blattes. Das ist nicht verwerflich – sondern nur eine vertane Chance (ich bin sicher: für einen tatsächlichen, medienübergreifenden Nachrichtenfilter gäbe es in der Wirtschaft eine Zahlungsbereitschaft).

Vom Morning Briefing ist aber nicht deshalb abzuraten, sondern aus datenschutzrechtlichen Erwägungen. Wie Olaf Kolbrück schon schrieb, versteckt das “Handelsblatt” die Erlaubnis, den Leser mit Werbung zu versorgen hübsch unauffällig in den Datenschutzrechtshinweisen. Ein Vorgehen, dass Kolbrück eher so nicht so seriös findet. Ich schließe mich dieser Meinung an. (Kolbrück wies mich gerade darauf hin, dass dieser Umstand anscheinend geändert wurde.)

Der geschätzte Peter Hogenkamp von der “NZZ” liest den Morgen-Brief weiterhin. Und hat per Twitter seine Fassungslosigkeit kund getan über die gestrige Ausgabe. Die enthält ein Editorial aus der Tastatur von Chefredakteur Gabor Steingart, das uns nur drei Beurteilungsoptionen erlaubt:

– Er versteht mal ansatzweise, wie das Internet funktioniert.
– Er hat nicht recherchiert.
– Er lügt.

Wieder einmal geht es um Google, genauer um Google und das Leistungsschutzrecht. Das schreibt Steingart nicht so, aber er meint es. Google hatte in der Nacht zuvor seine Bilanz vorgelegt. Und der Chefredakteur der größten deutschen Wirtschaftszeitung kommentiert dies so:

Zum besseren Nachlesen:

“Wir Journalisten sehen diese enormen Gewinnzahlen allerdings auch mit Argwohn, beruhen sie doch zu einem nicht unerheblichen Teil auf der Zweitverwertung journalistischer Texte, für die Google nie etwas gezahlt hat und auch künftig nicht zahlen will.”

Was für ein Unsinn.

Die Fakten, die dies Widerlegen sind seit Jahren bekannt:

  • Journalistische Inhalte machen nur einen winzigen Teil des Google-Suchkatalogs und der Abfragen aus.
  • Neben Google News gibt es keine Werbung.
  • Und selbst wenn, würde sie einen winzigen Anteil der Gewinne ausmachen.
  • Jede Internet-Seite – ja, auch die der Verlage – kann mit einer Programmzeile und innerhalb von Sekunden das Auslesen seiner Inhalte verhindern.

Tja, kapiert Steingart das nicht? Kaum glaubhaft – er ist nicht dumm.

Versteht Steingart das Internet-Geschäft nicht? Könnte sein. Die Ipad-App des Handelsblatts bleibt angesichts des Wirbels um sie und der öffentlich geäußerten Hoffnung, irgendwer möge irgendwann dafür allein Geld zahlen eine Lachnummer. Noch dazu ist Handelsblatt.com jüngst deutlich hinter FTD.de zurückgefallen. Es ist auch aus der Verlagsgruppe zu hören, künftig sollten keine oder zumindest deutlich weniger Inhalte der gedruckten Zeitung für die Online-Ausgabe verwendet werden – was die Klickzahlen nicht befeuern dürfte.

In diese Möglichkeit spielt, dass Steingart einfach nicht recherchiert hat. Oder sich einfach den verschwurbelten Äußerungen aus dem Hause Axel Springer anpasst. Denn natürlich ist auffällig, welche Jubelarien das “Handelsblatt” auf Springer anstellt, wie kritiklos sich dessen Vorstandschef Matthias Döpfner in einem Interview zelebrieren durfte, wie ehrfürchtig Steingarts Blick beim zugehörigen Foto ausfiel.

Nur hat der “Handelsblatt”-Chefredakteur ja doch ein, zwei kundige Menschen im Haus der Verlagsgruppe. Hans-Peter Siebenhaar kennt sich glänzend in klassischen Medien aus. Die Online-Redaktion hat ein paar richtig Gute. Bei der “Wirtschaftswoche” sitzt Sebastian Matthes. Ach ja, Roland Tichy, der “Wiwo”-Chef ist auch nicht unkundig. Die hätte er fragen können nach dem Anteil der Google-Einnahmen aus der “Zweitverwertung journalistischer Texte”. Wenn er gewollt hätte.

Hat er aber nicht. Und damit bleibt noch die letzte Option: Gabor Steingart lügt.

Und seien wir ehrlich: Es ist die wahrscheinlichste.

Steingart schließt sich jener Clique der Altmedien-Produzenten an, die jüngst einen Verein zur Desinformation der Bürger gegründet hat: die Deutsche Content Allianz.

Es sind jene, die nicht klar damit kommen, dass sie nicht mehr die Gutsherren der Inhalteerstellung sind. Die sich so verhalten wie es Diktatoren gemeinhin tun: Das Volk unterdrücken wollen – aber behaupten, dies sei im Sinn der Freheit. Niemand will eine Mauer bauen.

Im Januar schrieb ich, 2011 werde das Jahr, in dem um die Hauptstadt (und die Politik) gekämpft werde. Die Schlacht hat nun begonnen, unter anderem in Form der Deutschen Content Allianz und der Digitalen Gesellschaft.

Und wie das so ist in einem Krieg: Man muss ständig vor Propaganda auf der Hut sein. Steingarts leicht zu widerlegender Falschsinn ist Teil dieser Propaganda. Einst war es eine Frage der Berufsehre der Journalisten, sich von solcher Propagande nicht manipulieren zu lassen. Heute sind sie selbst die Manipulatoren.

Denen mögen immer weniger Menschen glauben. Die Auflage des “Handelsblatts” ist unter Gabor Steingart im Sinkflug. Jüngst waren es nur 0,1 Prozent Minus – aber wenn in einigen Tagen die Details rauskommen, werden wir wohl ein größeres Minus in den hart verkauften Auflagenteilen feststellen, vermute ich.

Gabor Steingart und ich teilen den Lehr-Herren: den leider verstorbenen Ferdinand Simoneit. Wird er im Grab rotieren angesichts dessen, was sein Schüler da treibt? Nein, er wird irgendwo im Jenseits tieftraurig einen Espresso zu sich nehmen. Vielleicht würde er, wäre er noch am Leben, auf die Ironie im Titel von Gabor Steingarts jüngstem Buch hinweisen: “Das Ende der Normalität – Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war”.

Journalisten haben einen Berufsethos. Sie schreiben unvoreingenommen. Oberstes Ziel ist für die die Information des Lesers. Sie recherchieren und liefern einen Überblick über die Fakten.

Früher war das die Normalität. Das Morning Briefing von Gabor Steingart ist der Nachruf auf dieses Medienleben.

 

 

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