Statt April-Scherz: Grübeln über April-Scherze

by Thomas Knüwer on 1. April 2011

Fassen wir mal kurz zusammen: Konstantin Neven DuMont wird Social-Media-Editor bei Axel Springer, Zynga kauft Warner Music, der EuGH verbietet LOL-Cats. Wow, WOw, WOW? Nein, natürlich, April, April, April.

Schon meckern eine Reihe Menschen in meiner Twitter-Timeline über Aprilscherze, dass sie die nicht bräuchten und dieser Tag der nervigste des Jahres wäre.

Gestern lieferte ich mir eine kleine Twitter-Konversation mit der “Münsterschen Zeitung“, die verkündete, garantiert keine April-Scherze zu machen. So schrieben die “MZ”ler: “Als ob #Aprilscherze noch zeitgemäß wären. Die Wirklichkeit ist doch häufig schon absurd genug.”

(Schmuckbild: Begrüßung eines neuen Kunden vor der Firmenzentrale von kpunktnull)

Nun begann dieses Blog ja auch mit der Klage über sterbende Traditionen. Und deshalb bin ich persönlich ganz anderer Meinung. Ich finde Aprilscherze zeitlos und – so sie gut gemacht sind – unterhaltsam. Allerdings scheint für manche Redaktionen der 1. April so zu sein wie Weihnachten: Überraschend kehrt diese Festivität in jedem Jahr am gleichen Tag zurück. Und nun muss was drüber gemacht werden.

Das ist schade. Denn mit einigem Grübeln können sogar Journalisten schaffen, was sonst so schwer ist: lustig sein.

Über DuMont, zum Beispiel, habe ich herzlich geschmunzelt. Oder über die Ankündigung der Huffington Post, eine Paywall für Mitarbeiter der “New York Times” zu errichten. Leider trauen sich viele Redaktionen aber auch nicht, Menschen tatsächlich in den April zu schicken. Also, so richtig logistisch. Weil man sich Ärger zuziehen könnte.

Vor langer, langer Zeit, in der Lokalredaktion Senden der “Westfälischen Nachrichten” war das anders. Wir planten mit ausreichend Vorlauf. Und platt sollte es auch nicht sein. Am besten sollten sich Menschen, zumindest ein paar wenige, irgendwo versammeln.

Im ersten Jahr, als ich bei diesem Projekt beteiligt war, klappte das ziemlich gut. Zu jener Zeit gab es im Münsterland viel Gerangel um das Projekt Preußen-Park. Der von mir ebenfalls geliebte SC Preußen Münster sollte ein neues Stadion bekommen. Die Otto-Tochter ECE sollte es bauen und erhielt im Gegenzug das angrenzende Grundstück um dort ein Einkaufszentrum zu errichten und zu betreiben. In jener Zeit, es dürfte so 1993 gewesen sein, kochte die Diskussion gerade richtig hoch.

Unsere Idee: Alle Beteiligten haben die Schnauz voll – der Preußen-Park kommt nach Senden, die Fans pendeln die 20 Kilometer. Um das glaubwürdig zu machen, kam der Club selbst an Bord: Vor einem Spiel fotografierte ich zwei Spieler mit Senden-Stadtplan. Und es werde eine Informationsveranstaltung am 1. April im Rathaus geben.

Eines aber hatten die Redakteurinnen der “WN” übersehen. Jener 1. April fiel auf einen Karfreitag. Die Zeitung erschien zwar, es kam eine Dienstanweisung, wegen des Feiertags keine Aprilscherze zu produzieren. Mit einer Sondergenehmigung kam dann der einzige Scherz aus Senden. Und er zog: Zum angegebenen Termin erschienen tatsächlich ein, zwei Hand voll Menschen am Rathaus – und wurden mit Freikarten für die Preußen entschädigt.

Der eigentlich Brüller folgte aber am Dienstag nach Ostern. Als ich in die Redaktion kam, saßen meine Redakteurinnen haltlos kichernd am Schreibtisch und fragte, ob ich schon die Nachrichten des zuständigen Lokalsenders Radio Kiepenkerl gehört habe. Nö, hatte ich nicht: Den ganzen Vormittag meldete Kiepenkerl als Top-Meldung, der Preußen-Park komme nach Senden. Nachrecherchiert hatten sie nicht: Weder die Gemeinde noch der SC Preußen hatten einen Anruf bekommen.

Im Jahr darauf lernte ich die harte Wahrheit, dass Eltern Scherze auf Kosten der Karriereträume ihres Nachwuchses eher so unterdurchschnittlich lustig finden. Diesmal verkündeten wir, den Dreh einer neuen ZDF-Serie im Schloss Senden – und suchten dafür Kinder als Nebedarsteller. Blöde Idee. Wie ich feststellte, als die anwesende Erziehungsberechtigten die Äußerung “April, April” mit Zetern und Mordioen begleiteten.

Also: Ich bin ein Freund von Aprilscherzen. Einmal im Jahr darf man rumspinnen, auch als seriöses Medium. Und ich würde mir wünschen, mehr Redaktionen gingen den 1. April mit Planung, Liebe und Akribie an.

Übrigens: Haben Sie schon von Gmail Motion gehört?


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