Die Wut muss raus bei “Prisma”-Chef Detlef Hartlap

by Thomas Knüwer on 14. Januar 2011

Vielleicht beziehen Sie, lieber Leser, noch eine Tageszeitung. Dann ist es gut möglich, dass ihnen jede Woche ein kleines Heftchen entgegenfällt, gehalten in einem eher gestrigen Layout. Es enthält ein paar bunte Geschichtchen, die nicht weiter weh tun sowie das TV-Programm. Diese Geschichten entstehen durch starken PR-Einfluss: Pressereisen wurden zumindest vor einiger Zeit noch gern genommen, manche Artikel sind flott übernommene Pressemitteilungen. Das Leben als Redakteur für das Zeitschriftchen ist keines, bei dem man sich mit den großen Problemen der Welt auseinandersetzen muss. Mehr noch: In der PR-Branche geht das Gerücht, Liquiditätsflüsse wären der Platzierung von Themen zuträglich – aber das ist sicher ein Gerücht. 2009 gab es eine Rüge des Presserates wegen Schleichwerbung.

Dieses Heft heißt “Prisma”. Immer wenn ich es sehe, meistens im Rahmen der Bordexemplare von Zeitungen im Flugzeug, denke ich: “Manches ändert sich nie”. Denn “Prisma” sieht im Großen und Ganzen so aus wie zu jener Zeit da ich noch bei Muttern wohnte. Das ist lange her.

Nun kann ich mir vorstellen, dass “Prisma” ein Problem haben könnte. Dafür gibt es keinen unmittelbaren Beleg. Die Auflage ist seit 2008 nur um 3% gesunken auf immer noch stattliche 4,27 Millionen beigelegte Exemplare. Die krude Online-Seite erreicht laut IVW rund 400.000 Visits. Wirtschaftlich sieht es so lala aus, verglichen mit alten Zeiten. 2005 und 2006 gab es laut “Taz” noch 3,5 Millionen Euro Gewinn, für 2008 weist der Bundesanzeiger nur noch 1,5 Millionen Euro Jahresüberschuss aus. Der für 2009 hinterlegte Jahresabschluss enthält mit einem mal keine Gewinn- und Verlustrechnung mehr. Die sonstigen Verbindlichkeiten jedoch sind von rund 100.000 auf 1,4 Millionen geschossen – vielleicht kann ein Bilanzexperte sagen, was dahinter stecken könnte.

Nun gibt es einige Dinge, die wir nicht wissen. Zum Beispiel, wie groß der Druck der Verlage auf Prisma ist. Und wie das Anzeigengeschäft so läuft. Die aktuelle Ausgabe enthälte viele Anzeigen, sie kommen fast ausschließlich aus zwei Branchen: Billigreisen und Treppenlifte. Allein 9 Treppenliftanbieter werben bei “Prisma”.

Die Mutmaßung aber liegt nahe, dass schon mal mehr gelacht wurde bei “Prisma”.

Immer mehr Sender bräuchten eigentlich immer mehr Platz. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen digitale Programmführer oder werden vom Anbieter ihres TV-Programms, zum Beispiel Sky oder T-Home mit einem Gratis-Abo einer großen Programmzeitschrift bedacht – nicht, dass es denen nun besser ginge. Und dann ist da noch das Internet, das einerseits an den Auflagen der Zeitungen knabbert, zum anderen viele Menschen verleitet, weniger Fernsehen zu schauen.

Die Leserschaft von “Prisma” dürfte aussterben – darauf deutet auch die Treppenliftwerbungsinflation hin.

Da kann man als Chefredakteur schon mal grantelig werden. Und so hat “Prisma”-Lenker seine Wut hinausgeschrieben in der “Start”-Rubrik auf Seite 2. Sein Zorn zielt auf Blogger. Es ist schwer, daraus zu zitieren. Die kurze Aufmerksamkeitsspanne der “Prisma”-Leser lässt anscheinend keine langen Kommentare zu. Dieser Wutausbruch aber ist so schön, dass man ihn ganz lesen möge. Hier nur ein paar Zitate:

“…Blogger sind immer schlau. Aber viele von ihnen leiden darunter, dass sie nur für eine Handvoll Gleichgesinnter schreiben, wohingegen Zeitungen über ein großes Publikum verfügen. Deshalb behaupten sie: Wir, die Blogger, stehen für Zukunft; Zeitungen sind von gestern.

Was Blogger nicht wahrhaben wollen: Das Internet hat sich, via Facebook und Konsorten, zur übelsten Entprivatisierungsmaschine seit den östlichen Geheimdiens­ten entwickelt. Bei Zeitungen bleiben Stuss & Schund auf Reservate beschränkt (Boulevard, Yellow etc.). Im Internet wird Entblößung zum Daseinsgrund….

So wird das Internet zum Symbol für das unbesiegbare Nichtbescheidwissen der Masse. Die Blogger aber, statt darüber klagen, arbeiten sich an Zeitungen ab – ihrem Leitmedium, immer noch.”

Sehen wir mal ab von all dem Unsinn, den Hartlap da von sich gibt. So ist doch ein Begriff bezeichnend: “die unbesiegbare Nichtbescheidwissung der Masse”. “Prisma” zielt auf die Masse. Die, die nicht Bescheid weiß. Kurz gesagt: “Prisma”-Leser werden vom Chefredakteur für blöd erklärt. Zumindest in diesem Punkt mag ich ihm nicht widersprechen.

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