Eine Sache noch, Herr Schirrmacher…
7. Juli 2010
Und nun: Fußball
7. Juli 2010

Augmented Reality plus Foursquare = eine andere Sicht der Welt

2007: In seinem wunderbar absurden Thriller „Quellcode“ beschreibt William Gibson eine neue Form von Kunst. Sie existiert nur virtuell und nur an bestimmten Orten. Wer sie sehen möchte, muss sich einen Helm mit GPS-Ortung aufsetzen, dessen Display zeigt ihm dann die Kunst.

Semtpeber 2008: Während der Startup-Konferenz Techcrunch50 bejubelt die Silicon-Valley-Szene Tonchidot. Die Japaner zeigen Augemted Reality: Iphone-Nutzer sehen auf dem Bildschirm ihre Umgebung vermischt mit Web-Daten wie Speisekarten der umliegenden Restaurants oder Sonderangebote von Geschäften. Der skurrile Auftritt belustigt – die meisten halten die Idee aber für viel zu futuristisch.

September 2009: Beim Zukunftskongress Picnic wird die Wimbledon-Iphone-App gezeigt. Besucher des Tennisturnier sehen ihre Umgebung mit Hinweisen, die aus dem Web gezogen werden: Wo spielt gerade wer? Wo liegt was auf der Anlage?

November 2009: Während des Monaco Media Forums stehe ich auf dem Balkon meines Hotels und öffne die Iphone-App Layar. Sie ist das Fundament für eine Reihe von Augemented-Reality-Anwendungen, unter anderem Vesseltracker. Ich sehe das Meer, den Horizont, einen blauen Kreis, darin ein Schiff. Vesseltracker sagt mir, welches Schiff das ist. (Foto: Vesseltracker)

Mai 2010: Via Layar können Berlin-Besucher die Mauer wieder auferstehen lassen.

Das ging schnell, das mit der Augemented Reality, jener Vermischung der Realität mit digitalen Daten. Und das Innovationstempo wird nicht abnehmen. Denn je mehr Daten in irgendeiner Art und Weise versehen sind mit GPS-Angaben, desto mehr Möglichkeiten gibt es diese für mobile Anwendungen zu nutzen. Nehmen wir nur die heutige Meldung aus dem Hause Foursquare.

Das Social Network, bei dem man sich an einem Ort anmeldet und dies seinen Kontakten mitteilt, hat die Huffington Post und die Filmemacher-Organisation IFC als neue Kooperationspartner gewonnen. Noch verbindet Foursquare selbst seinen Dienst nicht mit einem Live-Bild der realen Welt. Das leisten Dritte, zum Beispiel ebenfalls über die Layer-Plattform – doch ich halte es nur für eine Frage der Zeit, bis Foursquare Augmented Reality anbieten wird.

In Sachen Kooperation fokussiert Read-Write-Web seine Berichterstattung dabei sehr stark auf die Push-Funktion:

„You might check in downtown and get pushed a note from Huffington Post coverage of a protest or other news event a few blocks away.“

Als Einsatzmöglichkeit eine Demo zu wählen ist natürlich eine sehr newyorkeske Sicht der Welt. Doch bieten sich für Lokalredaktionen ja tatsächlich Einsatzmöglichkeiten: ausfallende Straßenbahnen, Großbaustellen, Autogrammstunden von Stars – all dies könnten Nachrichtenanbietern ortsbasiert vermelden.

Vor kurzem war ich in Siena. Die örtliche Lokalzeitung (oder ein anderer Dienstleister) hätte mir dann beim Einchecken auf der Piazza del Campo mitteilen können, dass kurz darauf eine der Nachbarschaften, die beim Pferderennen Palio teilnehmen, zum Segnen ihrer Fahne ziehen würde. Teilweise lässt sich dies sogar automatisieren. So protokolliert Waze den Fahrweg seiner Nutzer und erstellt so sekundengenaue Verkehrsvorhersagen.

Trotzdem reizt mich persönlich noch mehr das weniger flüchtige.

Das Beispiel der Berliner Mauer demonstriert, wie die Vermischung vorhandener Informationen, Standortdaten und der Realität unsere Wahrnehmung verändern kann. Dies auch per Kunst zu tun, wie William Gibson es beschreibt, ist ein ebenfalls logischer Schritt. Ebenso ortsbasierte Werbung.

Weitere Einsatzmöglichkeiten demonstrierte Blaise Aguera während der Ted-Konferenz:

(Danke für den Hinweis an Jo Schäfers.)

Genauso aber lernen wir in Form von Wissenshäppchen. Längst haben wir uns angewöhnt beim Fernsehen mal eben etwas nachzuschlagen, das wir nicht wissen. Wir nutzen dafür ein Laptop oder das Handy oder ein Ipad. Mit ihnen vertiefen wir uns nicht stundenlang in die Materie – wir suchen nur den kurzen Überblick und auch nur dann, wenn es gerade passt.

Dies ist nun auch in Verbindung mit Orten möglich. Augmented Reality bietet große Chancen im Bereich der Wissensvermittlung. So leisten Stadtführer auf dem Smartphone derzeit nicht einmal ein Fitzelchen dessen, was möglich wäre: Geschichte könnte virtuell-lebendig werden.

Wir selbst aber könnten genauso unsere Historie hinterlassen und sie nur jenen zeigen, denen wir es zeigen wollen. Urlaubsfotos könnten vermischt werden mit Augemted Reality. Es mag gruselig klingen: Aber jene winkenden Portraits aus „Harry Potter“, könnten Wirklichkeit werden: Wir platzieren uns an einem Ort und bleiben für unsere Lieben dort auf immer sichtbar – auch nach unserem Tod.

Natürlich werden wir nicht alle ständig mit dem Handy vor dem Gesicht herumlaufen. Wir werden diese Funktionen dann nutzen, wenn sie uns passen. Zugegebnermaßen könnte es allerdings eine Zwischenphase geben, in der wir uns fürchterlich aufregen, weil ständig Leute in uns reinrennen, die gerade Augemented Reality ausprobieren. Keine Sorge: Das wird sich geben. Hoffentlich.

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