Die Afghanistan-Protokolle und das Scheitern des “Spiegel”

by Thomas Knüwer on 26. Juli 2010

Heute Nacht hat sich der Journalismus verändert – für immer.

Wer es noch nicht mitbekommen hat: Die Whistleblower-Plattform Wikileaks (derzeit nicht erreichbar wegen massivem Besucherzustrom) hat einen Deal mit der “New York Times”, dem “Guardian” und dem “Spiegel” abgeschlossen. Sie bekommen 90.000 geheime Protokolle des Kriegs in Afghanistan, mussten sich aber verpflichten eine gemeinsame Sperrfrist zu wahren.

(Foto: Shutterstock)

Dies ist nicht nur bedeutend für die Berichterstattung und die Wahrnehmung des Kriegs an sich. Es ist auch eine Machtdemonstration von Wikileaks und ein Blick in den Journalismus der Zukunft. Denn man kann auch sagen: Wikileaks hat drei der bedeutendsten Print-Medien die Pistole auf die Brust gesetzt – und die haben sich nicht lang gewehrt. Letztlich hat die so oft angezweifelte Plattform die Kooperationspartner gezwungen, sich einer neuen Berichterstattungswelt zu öffnen.

Na gut, ein büschen Schwund ist immer – denn der “Spiegel” ist dabei gescheitert.

Dabei kann man die strategische Medienkenntnis von Wikileaks-Gründer Julien Assange nicht hoch genug einschätzen. Er war zunächst ja nicht angewiesen auf die Klassik-Medien. Doch ahnte er, dass die Berichterstattung aus dem Ruder laufen könnte, zu chaotisch, zu kleinparzellig werden könnte, veröffentlichte er die Dokumente einfach so auf seiner Plattform. Auch wären möglicherweise Zweifel an der Echtheit aufgekommen.

Andererseits hätte ein Medium als Kooperationspartner allein auch nicht gereicht. Schnell wäre in der Redaktion die Angst hochgekommen, zu viel über Afghanistan zu machen und Leser so zu verprellen.

Nein, es mussten mindestens zwei Medienhäuser sein, am besten zwei, die in Konkurrenz stehen. Die “New York Times” und der “Guardian” sind dafür wunderbar geeignet. Der “Guardian” wird in den USA immer wichtiger, vor allem digital, die “NYT” schwitzt ein wenig. Gleichzeitig sind beide Blätter in Sachen Online innovativ und Paywall-frei. Denn was hätte es gebracht, wenn die aus Sicht von Wikileaks so wichtigen Analysen hinter einer Bezahlschranke verschwunden wären? Der “Spiegel” passt da ebenfalls ins Bild: Auch er legt Wert auf Recherche, auch er ist nicht konservativ veranlagt, auch er ist in Sachen Internet Marktführer.

So entstand Journalismus auf der Höhe der Zeit. Denn “NYT” und “Guardian” beließen es nicht beim schlichten Berichten und Einordnen in Form von Artikeln. Die “New York Times” legte zum Beispiel offen, warum sie welche Dokumente für besonders wichtig hält. Sie lädt die Leser ein, Fragen an die Autoren zu stellen. Und es gibt eine Auswahl von Dokumenten – und natürlich eine Sonderseite auf der Homepage.

Der “Guardian” geht auf seiner Homepage-Sonderseite noch weiter. Er begrüßt seine Leser mit einem Video:

Eine interaktive Karte zeigt die Angriffe zwischen 2004 und 2009; die Schlüsselereignisse gibt es als Spreadsheet zum Runterladen und Selbst-Weiterverarbeiten – die Ergebnisse gibt es in einer Flickr-Gruppe zu sehen; ein Glossar erläutert die wichtigsten Begriffe.

Beeindruckend.

Und der “Spiegel”?

Hat seit gestern auf seinem üblichen Afghanistan-Deeplink vier Artikel veröffentlicht. Keine Leserführung, keine alternative Visualisierung, keine Interaktion. Journalismus 1.0. Diese sensationellen Enthüllungen hätte man vor 10 Jahren exakt genauso im Internet veröffentlicht.

All diese Aufbereitungen aber sind keine Spielerei. Der Journalismus wandelt sich und dass Wikileaks es schafft, drei Häusern von einem solchen Renomée seine Bedingungen aufzudrücken, ist nur ein Zeichen dafür. Die Masse an Dokumenten lässt sich von einer normalen Redaktion kaum sinnvoll durchforsten. Leser aber können mit den Rohdaten selbst Hand anlegen. Ohnehin bietet Wikileaks ihnen ja die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von den Berichten zu machen. Es ist die Aufgabe des Journalismus, all dies für mündige Menschen einzuordnen – und nicht nur, schöne Geschichten zu schreiben.

Was der “Spiegel” heute geliefert hat ist ein Armutszeugnis für Deutschlands größte Nachrichtenseite. Aber leider symptomatisch für den Journalismus in Deutschland insgesamt.

Nachtrag vom 27.7.: Das Nieman Journalism Lab fragt sich ebenfalls was die Afghanistan-Protokolle für den Journalismus bedeuten - lesenswert. Und Jay Rosen hält Wikileaks für die erste Nachrichtenorganisation ohne Staatsbürgerschaft.

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